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Full text of "Fakire und Fakirtum im alten und modernen Indien; Yoga-Lehre und Yoga-Praxis nach den indischen Originalquellen, dargestellt von Richard Schmidt"

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University of Toronto 



http://www.archive.org/details/fakireundfakirtOOschnn 



FAKIRE 



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UND nnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnn 



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FAKIRTUM 

IM ALTEN UND MODERNEN 

INDIEN 



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Von RICHARD SCHMIDT 



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MIT 87 FARBIGEN 
ILLUSTRATIONEN 




Im Verlage von Hermann Barsdorf in Berlin W. 30 erschien: 

LIEBE UND EHE IM ALTEN UND 
MODERNEN INDIEN, o l^^i,^!^,^,^: 

Von RICHARD SCHMIDT. 

Lexikon-Oktav. 571 Seiten. Broschiert Mk. 10.—. Originalband Mk. 11.60. 

INHALT: 
I. PSYCHOLOGIE DES SEXUELLEN IN INDIEN. IL DIE LIEBE IN 
INDIEN. III. PHYSIOLOGIE DES SEXUALLEBENS IN INDIEN. IV. EHE 
UND HOCHZEIT IM ALTEN UND MODERNEN INDIEN. V. EMBRYO- 
LOGIE, SCHWANGERSCHAFT UND GEBURT. VI. DIE PROSTITUTION. 

DAS 

KÄMASÜTRAM DES VÄTSYÄYANA 

DIE INDISCHE LIEBESKUNST ^ 

NEBST DEM VOLLSTÄNDIGEN KOMMENTARE DES YASODHARA. 

Aus dem Sanskrit übersetzt und eingeleitet von 

RICHARD SCHMIDT. 

Dritte verbesserte Aufl. 500 Seiten. Brosch. Mk. 12. — , geb. Mk. 14. — . 

Dasselbe: Liebhaberausgabe in Quart, nur in 25 numerierten 
Exemplaren gedruckt, brosch. M. 20. — , in Pergt. geb. M, 30. — . 

INHALT: 
I. ALLGEMEINER TEIL. IL ÜBER DEN LIEBESGENUSS. nnn 
III. ÜBER DEN VERKEHR MIT MÄDCHEN. IV. ÜBER DIE VER- 
HEIRATETEN FRAUEN. V. ÜBER DIE FREMDEN FRAUEN. 
VI. ÜBER DIE HETÄREN. VII. DIE UPANISAD (GEHEIMLEHRE). 

Das Kämasütram ist -das interessanteste Werk aus der ganzen großen 
Sanskritliteratur und es dürfte kein Erzeugnis der Weltliteratur geben, das 
so wie das Kämasütram den engen Rahmen der Indologie sprengt und zu 
allen Völkern, auch den der Rasse nach fremdesten, seine allen verständliche 
Sprache redet. Es führt uns den Inder in aller Intimität der Häuslichkeit vor ; 
denn der Inder war von jeher gewöhnt, auch dd^s Allzumenschliche als etwas 
ganz natürliches anzusehen, dessen man sich nicht zu schämen braucht. 



Einband - Decken zu Schmidt, Fakire sind k Mk. 1. — erhältlich. 
Jede Buchhandlung vermittelt den Bezug. 




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FAKIRE UND FAKIRTUM 

IM ALTEN UND MODERNEN INDIEN 



YOGA-LEHRE und YOGA-PRAXIS 

NACH DEN INDISCHEN ORIGINALQUELLEN 



DARGESTELLT VON 



RICHARD SCHMIDT. 



MIT 87 ERSTMALIG VERÖFFENTLICHTEN REPRO- 
DUKTIONEN INDISCHER ORIGINAL -AQUARELLE IN 
FÜNFFARBIGEM STEINDRUCK UND 2 ABBILDUNGEN. 



BERLIN W. 30. 1908. 

VERLAG VON HERMANN BARSDORF. 



ALLE RECHTE VORBEHALTEN. 



Published October 12, 1907 

Privilege of Copyright in the United States reserved under the Act approved 

March 3, 1905 by Hermann Barsdorf 






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Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig. 



Vorrede. 

Vorliegendes Buch ist in Wahrheit nichts weiter als die 
Objektivation des Willens meines Verlegers. Ich persönlich 
stehe dem Fakirtum in Indien und seinen Derivaten in Europa 
und Amerika so ablehnend wie möglich gegenüber, und nur die 
Überzeugung, hier ein besonders rares Kapitel menschlicher 
Narrheit vor mir zu haben, ließ mich auf dies Gebiet mich be- 
geben, um wenigstens die größten Tollkirschen zu pflücken. 
Liegt es an der Wunderlichkeit der Yogins, daß man sich so 
wenig mit ihnen ernstlich beschäftigt hat? Soeben habe ich den 
ersten Teil von Oltramares Werk über die indische Theosophie 
zu Gesicht bekommen (Annales du Musee Guimet ; Bibliotheque 
d'Etudes, Tom. XXIII), die erste wissenschaftliche, zusammen- 
fassende Arbeit über unsem Gegenstand! Sehen wir von kurzen 
Darstellungen in Form von Einleitungen zu indischen Text- 
ausgaben oder zu Übersetzungen solcher ab, so bleiben nur die 
Arbeiten Garbes und das recht interessante Werk von Oman, 
The Mystics, Ascetics and Saints of India. A Study of Sadhuism, 
with an Account of the Yogis, Sanyasis, Bairagis, and other 
stränge Hindu Sectarians . . . London 1903. Da ich gänzlich 
darauf verzichten mußte, eigene genauere Untersuchungen über 
den Stoff anzustellen, und nur ein für das den rebus Indicis 
femstehende Publikum berechnetes Buch schreiben sollte, habe 
ich Omans Ausführungen oft wortgetreu übersetzt und bekenne 
gern, ihm sehr viel zu verdanken; und da ich einmal von Ver- 
pflichtungen rede, kann ich nicht umhin, auch öffentlich der 
großen Liebenswürdigkeit zu gedenken, mit der mich Prof. Dr. 
Garbe unterstützt hat. Nur so ist es möglich geworden, meinem 
Buche die 74 Abbildungen (87 mit den Doppelbildern) beizu- 
fügen, die nach den in seinem Besitz befindlichen, ein Unikum 
darstellenden Originalillustrationen zur Gherandasamhitä, einem 
Hauptwerke über die Yogins, reproduziert sind. In Benares 1886 



— IV - 

von ihm erworben, sind diese von einem Yogin angefertigten 
Aquarelle, die hier in getreuem Steindruck vorliegen, für das 
Verständnis des Textes von großer Wichtigkeit ; ihre Seltenheit 
aber ist nur dazu angetan, ihren Wert noch zu erhöhen. 
Außerdem verdanke ich Herrn Prof. Garbe auch noch die Be- 
nutzung von Walters grundlegender Arbeit über den Hathay- 
oga, indem er mir sein Exemplar dieses gänzlich vergriffenen 
Buches für längere Zeit zur Verfügung gestellt hat. 

Meine Hauptarbeit und, wenn man will, mein Verdienst 
besteht in der Übersetzung der Gherandasamhitä in allen ihren 
wichtigen Stücken. Nachdem der eben genannte Walter die 
Hathayogapradlpikä in seiner Dissertation übertragen hatte, 
schien es mir förderlich zu sein, dem des Sanskrit unkundigen 
Leser auch einen neuen Text zu bieten, der gewiß geeignet ist, 
unsere Kenntnis vom Wesen des Yoga zu vertiefen. Ich denke 
sicherlich sehr nüchtern über all jene Fakirkünste, die imstande 
sein sollen, dem Adepten übernatürliche Kräfte zu verleihen, 
und ich sehe in den allermeisten Yogins Tagediebe und Schwind- 
ler; aber ich verkenne auch durchaus nicht, daß die Yoga-Lehre 
und Yoga-Praxis die Aufmerksamkeit auch noch anderer For- 
scher als bloß der Sanskritisten verdient. In so bizarrer Form 
auch immer jene Weisheit geboten wird, und mit wie lächerlicher 
Prätension ihre Bekenner sich gehaben mögen: es steckt doch 
ein Kern darin, um dessentwillen der Erforscher der Geschichte 
des Menschlichen und Allzumenschlichen willig die harte Nuß 
der Verschrobenheit knacken wird. Für die Geschichte der 
Hypnose z. B., der Autosuggestion und ähnlicher modemer 
Praktiken ist die Kenntnis des Yoga unentbehrlich; und wer 
erkennt nicht in so manchen Satzungen der Yogins solche, die 
unseren Hygienikem wieder geläufig sind? So vermag selbst 
eine so abstruse Lehre wie die des Yoga die interessantesten 
Streiflichter auf unsere Zeit zu werfen; ein Nutzen, den ich ganz 
besonders betonen möchte. Wollen moderne Schwarmgeister 
ihre Blöße mit altindischen Lumpen decken, so mag ihnen dies 
Vergnügen gegönnt sein. Sie beweisen aber damit, daß die 
indische Gans doch noch klüger ist als sie, die es bekanntlich 
versteht, aus einem Gemisch von Milch und Wasser die Milch 
herauszufinden ! 



•— V — 

Als neueste Arbeit über die Fakire möchte ich in diesem 
Zusammenhange noch die beiden Artikel von Gustav Meyrink 
im „März", I, 8 und i6 nennen, weil ihr Verfasser in erfreuHcher 
Weise gegen den Unfug des dermaligen Okkultismus Front macht. 
Man vergleiche d^zu seine Bemerkung p. 270, es sei ,,ein Kubik- 
kilometer faules Manna in Form theosophischer Litteratur vom 
Himmel gefallen"; oder die von p. 271: „Alle AugenbHcke 
taucht inner- oder außerhalb der theosophischen, ,,talmi-rosen- 
kreuzerischen" und anderen okkulten Brüderschaften ein neuer 
Fatzke auf und gibt sich für einen Initiierten aus, der im ,, Astral- 
reich" lesen kann und Übungen zum Erwecken magischer Fähig- 
keiten zu vergeben hat. Der wahre Guru, der gemeint ist, 
kann nun aber kein gewöhnlicher Mensch, der ißt, trinkt und 
verdaut und einen Beruf hat, sein, etwa der Herr Emil Kulike 
aus Kyritz an der Knatter oder sonstwer, — es ist darunter 
vielmehr ein ganz anderer zu verstehen ..." Ohne mich nun 
näher auf Meyrinks Ausführungen einzulassen, möchte ich doch 
ein paar Einzelheiten zur Sprache bringen. Die auch in effigie 
vorgeführten Inder unserer Zeit, Bhäskaränanda und Rämakrsna 
Paramaharnsa sind gar keine Yogins, sondern gehören dem 
vierten Lebensstadium, dem Stande der Samnyäsins an; Mey- 
rink betont selbst, daß der erstere den Vedänta studiert habe, 
aber nicht den Yoga. Ob M. Sanskrit versteht, weiß ich nicht — 
die schlecht transkribierten Textstellen ^) Adicete Veikountam 
Haris und Dioyavapour gatwä (statt adhisete Vaikuntham Haris 
und Yogavapur gatvä) sprechen nicht dafür — jedenfalls hätte 
er sich aus den Übersetzungen der einschlägigen Sanskritliteratur 
leicht überzeugen können, daß die verschiedenen Posituren, Mudräs 
usw. keineswegs Wirkungen sind, wie er p. 271 meint, sondern 
Bestandteile eines für die höheren Stufen unerläßlichen Training. 

Auch die Berufung auf Jacolliot ist ein Mißgriff: dieser 
Mann ist längst als ,, notorischer Schwindler" anerkannt. Aber 
wie gesagt: mir gefällt Meyrinks Zorn über die modernen Aus- 
wüchse der Theosophie und des Okkultismus. 

Ignorabimus ! 

Halle-S., 4. September 1907. Richard Schmidt. 



1) Nach Jacolliot zitiert, daher die französische Schreibweise! 



Inhaltsverzeichnis. 



Seite 

Vorrede III 

I. Kapitel 

Askese urxd Asketentum 1 

IL Kapitel 

Berühmte Asketen 25 

III. Kapitel 

Die Wundertaten der Yogins 42 

IV. Kapitel 

Berichte über die Yogins aus Reisewerken 110 

1. Taverniers Bericht 111 

2. Thevenots Bericht 119 

3. Sonnerats Bericht 121 

4. Bernier 124 

5. Fryer 128 

V. Kapitel 

Die Philosophie des Yoga 146 

VI. Kapitel 

Yoga-Praxis 162 

1. Yama 177 

2. Niyama (,, Observanz") 178 

3. Die Posituren (äsana) 185 

Die Lehre von den mudrä's 193 

4. Pratyähära (,, Konzentration") 208 

5. Pränäyäma („Anhalten des Atems") 209 

6. Dhyäna (,, Kontemplation") 221 

7. Samädhi („Versenkung") 223 



I. Kapitel. 

Askese und Asketentum. 

,, Indien ist die Heimat des Eremiten tums, der klassische 
Boden der Askese", sagt Haberland, Der Altindische Geist, 
285. ,,Was im Christentum nur als sanfte Mahnung, als abrupte 
Forderung auftrat (,, Liebet eure Feinde", Matth. 5, 44, ,,Das 
Fleisch samt den Lüsten und Begierden zu kreuzigen", Gal. 5, 24), 
das war in Indien ein geschlossenes, das Ganze des Lebens eng- 
umspannendes System von tief empfundenen Pflichten. Nie 
und nirgends ist ,,die Kreuzigung des Fleisches", ist eigenes 
Wehe so sehr zur Triebfeder menschlichen Handelns geworden, 
als im indischen Leben, wo jeder Brahmana, ja jeder Arier im 
Alter seine Familie verlassen sollte, um als Einsiedler im Walde 
(vanaprastha) immer härteren Kasteiungen obzuliegen, und 
gegen Ende seines Lebens, aller Erdenbande ledig, als Bettler 
(samnyäsin, bhikshu) nur noch zu scheinen, aber eigentlich nicht 
mehr zu sein; wo Scharen von Jünglingen und kraftvollen 
Männern, lebenssatt, mitten im Genüsse des Daseins, oder ehe 
sie noch gelebt, Besitz und Erdenglück dahinten ließen, um in 
strenger Entsagung und Abwendung von allem, was dem natür- 
lichen Menschen freundlich und wünschenswert erscheint, ein- 
sam der Erlösung nachzutrachten ; wo endlich eine wahre 
Bravour der Selbstpeinigung sich in abenteuerlichster Weise ent- 
faltete und selbst in dieser Verzerrung ein Gegenstand höchster 
Bewunderung und Nacheiferung für die Menge wurde. Das Ver- 
dienst der Askese war einmal in den Augen des indischen Volkes 
ein alles überragendes; man glaubte die Büßer im Besitz über- 
menschlicher Fähigkeiten; man versprach sich wunder wieviel 

Schmidt, Fakire und Fakirtum. I 



— 2 — 

von ihrem Wohlwollen und Segen. So wurde der büßende Ein- 
siedler ein vielverehrter und vielbegehrter Mann, dessen Rat 
und Hilfe das Volk weit und breit in Anspruch nahm. Die große 
Ähnhchkeit dieser seiner Stellung mit der Bedeutung des christ- 
lichen Einsiedeis, des Bruder Klausners in Wirkhchkeit und 
Poesie springt in die Augen." 

Derselbe Autor sagt weiterhin (p. 333): 

,,Was sonst als Märchenzug und (eingestandenerweise) 
wunderbares Motiv in Erzählungen auftritt, finden wir nicht 
selten in indischen Romanen und Novellen als nüchterne Reali- 
tät, als alltäglichen Vorgang aufgetischt. König und Königin 
lustwandeln im Parke, sehen einen Flamingo im Lotusdickicht 
ruhen, haschen und fangen ihn. Da spricht der Vogel plötzlich 
mit menschlicher Stimme und verflucht das scherzende Paar 
wegen der Störung seiner Büßer- Ruhe. Ein Flamingo, der 
eigentlich ein Büßer, ein grauer Schüler der Vedaweisheit ist, 
das ist eine starke Zumutung für unsem Verstand. Die Ver- 
rücktheit dieses Gedankens wird sich aber mildem, wenn wir 
daran erinnern, daß zur Ausstattung der Büßer auch der Besitz 
von Wunderkräften, die Fähigkeit des Verschwindens und 
Wiederauftauchens, die Fähigkeit, das eigene Ich zu verwandeln 
oder zu vervielfältigen, gehört. Um das Behagen der Nach- 
mittagsruhe recht gründlich zu genießen, mehr als es der 
Menschennatur möglich ist, wandelt sich der fromme Mann 
in einen Flamingo um, als welcher sich's im schattigen Lotus- 
dickicht allerdings gar süß ruhen mag. Was uns manchmal 
spielend durch den Kopf geht, am Wasser: ein Fisch in der 
Flut zu sein, im Walde : ein Vöglein in den Zweigen — das rea- 
lisiert der Inder, phantastisch und pedantisch zugleich. — Daß 
übrigens in besagtem Flamingo ein Büßer von echtem Schrot und 
Korn steckt, verrät sich sogleich dadurch, daß er seinem Belei- 
diger unverzüglich flucht: dies ist nämlich Familienzug der in- 
dischen Büßer. Bei der geringsten Verletzung ihrer Person oder 
der ihnen schuldigen Ehrfurcht usw. geraten sie in heiligen Zorn 
und schleudern auf den ahnungslosen Sünder einen Fluch, der, 
gewöhnlich raffiniert ersonnen, gerade die verwundbarste Stelle 
trifft. Darauf obligater Fußfall des Betroffenen und Milderung 
des Fluches durch Beschränkung der Zeit seiner Wirksamkeit 



oder Lösung von demselben durch Erkennungsringe, Edelsteine 
und dergleichen mehr." 

Die Fakire der modernen Zeit, die Sädhus, oder wie sie 
sonst heißen mögen, sind allzusehr in die Augen fallende Ge- 
stalten, als daß sie dem aufmerksamen Reisenden entgehen 
könnten. Ihre äußeren prononzierten Absonderlichkeiten haben 
auf die überall und nirgends auftauchenden modernen Amateur- 
photographen eine solche Anziehungskraft ausgeübt, daß deren 
Aufnahmen und ,,snapshots", in populären illustrierten Zeit- 
schriften wiedergegeben, sie dem Okzident wohlbekannt ge- 
macht haben. 

Wo immer der Tourist in Indien heutigentags wandern mag, 
trifft er Sädhus und Fakire in der Tracht der einen oder anderen 
der vielen vorhandenen Sekten, Orden und Brüderschaften. Er 
begegnet ihnen auf dem lärmenden Markte, in dem stillen Haine 
am Flusse, bei fröhlichen volkreichen Festen, auf der einsamen 
Hügelkette, in den dichten Wäldern, wo manche, von den 
wilden Tieren zerrissen, elend umkommen. Unermüdliche Wan- 
derer, verweilen sie gewöhnlich nicht lange an einer Stelle, 
sondern sind immer in Bewegung, wie ihre Verwandten, die 
Zigeuner, im Westen (Oman, p. 3). 

Und doch versteht man diese Sädhus, die dem Europäer so 
oft vor Augen treten, nur selten, mag nun der Fremde nur zeit- 
weise oder dauernd im Lande weilen. Von dem Glauben und den 
subtilen philosophischen Vorstellungen dieser Leute weiß der 
Fremde in der Regel nichts, während ihre schlecht gekleidete 
Gestalt, ihr allzuoft groteskes Aussehen nur Aversion und un- 
verständige Verachtung hervorruft. Die indischen Sädhus, die 
häufig ganz nackt gehen und über und über mit Asche bestreut 
sind, verfallen unweigerlich dem belustigten Widerwillen der 
Europäer, die auf jene Asketen als auf drollige Burschen oder 
Simpels herabblicken. 

Der Sädhu, so wie wir ihn haben, ist keine junge Einführung, 
kein moderner Auswuchs, sondern hat als ein wirkliches ein- 
heimisches Gewächs von einer Zeit an in Indien geblüht, die 
Jahrhunderte vor der Geburt Christi zurückliegt, ja selbst vor 
der Predigt Buddhas von dem achtfachen Pfade, der zur Er- 
leuchtung und Erlösung führt. Alexander der Große sah und be- 



— 4 — 

wunderte auf seinem Zuge durch die Ebenen desPanjab im vierten 
Jahrhundert V. Chr. die indischen 5ä^Äws; aber schon zu seinerzeit 
war der Sädhuismus eine altersgraue Einrichtung (Oman, p. 5). 
HinsichtHch des Alters der Askese in Indien sind denn auch 
die Berichte in griechischen Quellen von größter Bedeutung. 
Wir finden sie bei Lassen, Indische Altertumskunde 2 II, 712, 
wo es u. a. heißt: ,, Sobald er (Alexander der Große) ihnen (den 
Büßern) im Lande des Taxiles begegnete und erfahren hatte, 
daß sie, wenn dazu aufgefordert, zu andern zu gehen verwei- 
gerten, und verlangten, daß diese zu ihnen kommen sollten, 
sandte er ihnen den Onesikritos zu, weil er sie nicht nötigen wollte, 
etwas ihren einheimischen Sitten Widersprechendes zu tun . . . 
Fünfzehn von ihnen hielten sich 20 Stadien von der Hauptstadt 
des Taxiles entfernt auf. Mehrere von ihnen waren von ihren 
Schülern begleitet. Sie waren nackt und nahmen verschiedene 
Stellungen ein. Einer stand aufrecht auf der Erde, hielt mit 
beiden Händen ein etwa 3 Ellen langes Stück Holz und stand 
bald auf dem einen, bald auf dem andern Fuße; ein andrer saß; 
ein dritter lag auf der Erde mit Steinen auf dem Rücken, dem 
Sonnenscheine und dem Regen sich aussetzend. Am schwersten 
zu ertragen war das Stehen auf den nackten Füßen auf der von 
der glühenden Sonne erhitzten Erde..." 

Die Sädhus gehören mannigfachen Sekten an, hegen be- 
sondere Überzeugungen, üben sonderbare Praktiken, und unter- 
werfen sich in vielen Fällen grausamer Behandlung und phan- 
tastischer Zucht. Sie stammen aus allen Ständen und aus allen 
den erblichen Kasten, in welche die Gesellschaft der Hindus 
eingeteilt ist. Wir finden unter ihnen alle Schattierungen reli- 
giöser Überzeugung, philosophischer Spekulation und diäte- 
tischer Gewohnheiten vom Vegetarismus bis zum empörenden 
Kannibalismus der famosen Aghoris. 

Wiewohl außerordentlich zahlreich, genießen die indischen 
Sädhus doch die Achtung und selbst die abergläubische Ver- 
ehrung der breiten Menge ihrer Landsleute, die da glauben, daß 
sie oft, wenn nicht immer, im Besitze von unbegrenzter über- 
natürlicher Macht zum Guten oder Bösen sind. 

Natürlich sind die Inder — ebensogut wie die Europäer — 
ganz richtig davon überzeugt, daß die Kutte nicht den Mönch 



— 5 — 

macht: nach dem Sprichwort ,,Gervi kapron se jogl nahm hota"' 
{,,em Yogin wird man nicht durch das Kleid"), was im Hathayoga 
mit folgenden Worten wiedergegeben vdrd (I, 66; bei Walter, 
p. ii): ,,Das Tragen eines (besonderen) Kleides ist kein Mittel 
zur Vollendung, auch nicht das Sprechen über den Yoga; die 
Übungen allein sind das Mittel zur Vollendung; das ist ohne 
Zweifel wahr." Es sind in ganz Indien Geschichtchen im Um- 
lauf, die die frommen Asketen in Verruf bringen sollen; aber 
sie haben den Glauben des Volkes an die Sädhus um keinen Grad 
mehr erschüttern können, als die Erzählungen von dem geilen, 
unsittlichen Auftreten der Mönche im Mittelalter die Stellung 
des römischen Klerus schädigend beeinflußt haben (Oman 6). 
So eine Geschichte hat uns z. B. der Kaschmirer Somadeva XV, 
30, überliefert, die in Hertels Übersetzung folgendermaßen 
lautet : 

,,Am Ufer der Ganga lebte einst ein Einsiedler und be- 
obachtete einem Gelübde zufolge unverbrüchliches Schweigen. 
Er nährte sich von Bettelbrot, und eine Menge anderer Bettel- 
mönche umgab ihn als seine Jünger. Sein Heim war eine Tempel- 
klause. 

Eines Tages, als er, um Nahrung bittend, an die Tür eines 
Kaufmanns klopfte, kam dessen schöne Tochter heraus, ihm 
die Speise zu reichen; und dieses Mädchen war so wunderhold, 
daß ihre Anmut alsbald des Mönches Herz bestrickte. 

Da rief der Schurke: ,,Wehe! Wehe!", so laut, daß es der 
Kaufmann hören mußte. Dann nahm er die erbettelte Gabe und 
kehrte nach seiner Klause zurück. 

Der Kaufmann ging ihm nach und fragte ihn verwundert, 
als sie ohne Zeugen waren, warum er heute plötzlich durch jenen 
Ausruf sein Schweigen gebrochen habe. Da antwortete ihm der 
Bettelmönch: ,,Böse Zeichen trägt deine Tochter an ihrem 
Leibe. Ihre Vermählung würde für dich nebst Sohn und Gattin 
den sicheren Untergang bedeuten. Und da ich sie gesehen, ward 
ich sehr betrübt, denn du bist mir ergeben. Darum habe ich 
mein Schweigen durch jenen Ausruf gebrochen, um deinetwillen. 
Nun aber höre ! Nimm heute, wenn es Nacht wird, deine Tochter 
und lege sie in eine Kiste. Auf diese stelle ein Licht und setze 
sie in der Ganga aus." 



In seiner Angst versprach der Kaufmann, zu gehorchen, 
und als die Nacht gekommen, tat er alles, wie ihm geheißen. 
Denn die Furcht beraubt die Leute ihres gesunden Ver- 
standes. 

Währenddem sagte der Mönch zu seinen Schülern: ,, Gehet 
hinab an die Ganga, so werdet ihr eine Kiste schwimmen sehen, 
mit einem Lichte darauf. Diese bringet herbei, doch so, daß 
euch niemand gewahre. Und hütet euch, sie zu öffnen, auch 
wenn ihr ein Geräusch in ihr vernehmen solltet." 

Seine Schüler gehorchten und gingen. Doch waren sie 
noch nicht an den Strom gekommen, als von ungefähr ein 
Königssohn an dessen Ufer niederstieg. Der ward auf die von 
dem Kaufmann ausgesetzte Kiste durch den Schein des Lichtes 
aufmerksam und ließ sie von seinen Dienern schnell ans Land 
ziehen. Neugierig, befahl er, sie zu öffnen; da bot sich seinen 
Blicken in ihr jenes holde Mädchen dar, und alsobald erkor er 
es zu seiner Gemahlin. In die Kiste ließ er dafür einen scheuß- 
lichen Affen sperren und sie mitsamt dem Lichte wieder in die 
Ganga bringen. 

Als nun der Königssproß mit dem erbeuteten Juwel ge- 
gangen war, kamen die Schüler des Mönches auf ihrer Suche 
an diesen Ort. Sie fanden die Kiste und trugen sie zu ihrem 
erfreuten Meister. Dieser sagte zu ihnen: ,, Schaffet sie nur 
hinauf in die obere Zelle und lasset mich dann allein. Ich habe 
eine Beschwörung vor. Ihr aber leget euch unten zur Ruhe und 
verharret die Nacht im Schweigen." 

Also trugen sie die Kiste hinauf, und als sie ihn allein ge- 
lassen, öffnete er sie. Denn sein Herz sehnte sich nach der Kauf- 
mannstochter. 

Da aber sprang ein Affe heraus von entsetzlicher Gestalt 
und stürmte auf ihn ein. Häßlich war er, wie die fleischgewordene 
Ungezogenheit, und in seiner Wut zerfetzte er mit seinen Zähnen 
des Mönches Nase und mit den Nägeln seine Ohren, gerade als 
hätte er das Straf recht studiert. 

Gehörig zugerichtet, kam der Mönch herunter. Seine 
Schüler konnten sich bei seinem Anblick kaum des Lachens er- 
wehren. Am nächsten Morgen aber war die Sache schon ruch- 
bar, und alle Leute lachten ihn aus. 



Der Kaufmann hingegen und seine Tochter waren froh; 
denn das Mädchen hatte einen trefflichen Gatten gefunden." 
(Bunte Geschichten vom Himalaja, p. 6.) 

Die Abtötung des ,, Fleisches" hat also auch in Indien seit 
alten Zeiten eine bedeutende Rolle gespielt^), und eine ebenso 
alte wie beliebte Methode ist es da, unter freiem Himmel in- 
mitten von fünf brennenden Holzstößen zu sitzen. Manch- 
mal brennen nur vier Feuer, während die Sonne die Stelle des 
fünften spielt, und zwar nicht übel, wie man sich leicht denken 
kann, wenn man sich so einen wolkenlosen Sommer tag in der 
indischen Ebene vorstellt. Kumärasamhhava V, 20 sitzt Umä 
zwischen vier Feuern und blickt unverwandten Auges in die 
Sonne; und zwar sucau, in der heißen Jahreszeit! Es ist also 
wohl nicht ganz richtig, wenn Oman p. 45 meint, daß dies 
Arrangement ,,devoid of sincerity" und tatsächlich nur eine 
Schaustellung sei; die Feuer hätten nichts weiter zu bedeuten, 
dienten aber dem sehr praktischen Zwecke, den Sädhu kennt- 
lich zu machen und Bewunderer und Klienten anzulocken. So 
allgemein gesagt, stimmt das denn doch nicht ganz; der eben- 
genannten Umä war es bitter ernst, wenn sie sich von irdischem 
und himmlischem Feuer rösten ließ! — Man nennt solche As- 
keten panchadhunis. 

Manu VI, 23 erwähnt den sog. Pancatapas-Yogin, der sich 
während der heißesten Monate (April, Mai und Juni) zwischen 
vier qualmenden Feuern aufhält und die Sonne über seinem 
Haupte als fünftes benutzt. Nach Mi 11, British India I, 353, 
sah man noch jüngst einen solchen Heiligen, der zwischen vier 
solchen Feuern auf einem Beine stand und in die Sonne starrte, 
während die Feuer an den vier Ecken brannten. Dann legte 
er sich auf den Rücken, die Füße in die Luft gestreckt, und blieb 
drei Stunden in dieser Stellung, um sich dann mit gekreuzten 
Beinen hinzusetzen und sich bis zum Abend die Sonne auf den 
Kopf scheinen zu lassen — inmitten der vier Feuer! 

Der in der Sakuntala VII, 197 (ed. Pischel) beschriebene 
Büßer, in dessen Haarurwald die Vögel ihre Nester bauten, ist 
nicht nur die Ausgeburt dichterischer Phantasie. Mill, British 
India I, 355 (bei Monier Williams, p. 95), erzählt von einem 

1) Oman, 45 — 51. 



— 8 — 

mohammedanischen Reisenden, der tatsächHch einen Asketen 
in Indien bewegungslos, das Gesicht der Sonne zugekehrt, da- 
stehen sah. Derselbe Reisende, der Gelegenheit hatte, i6 Jahre 
später denselben Ort wieder aufzusuchen, fand denselben Mann 
in derselben Stellung wieder! 

In der eben zitierten Stelle der Sakuntalä heißt es (nach 
Fritzes Übersetzung) : 

König: Wo befindet sich 

Maritschas Andachtsstätte, Matali? 

Matali (mit der Hand zeigend): 

Dort, wo so unbeweglich jener Weise, 

Gleich einem Pfahle, steht, zur Sonnenscheibe 

Gekehrt: es sank sein Körper halb in einen 

Ameisenhaufen; als Brahmanenschnur 

Dient ihm die Schlangenhaut; ihn peinigt hart 

An seinem Hals ein Ring, der aus den Ranken 

Vertrockneter Lianen sich gebildet; 

Er trägt die Flechte, die zu einem Kranze 

Gebunden ward und bis zur Schulter reicht 

Und angefüllt mit Vogelnestern ist. 

Eine andere Weise, den Leib zu peinigen und abzutöten, 
ist die, auf einem Bett mit Nägeln zu sitzen und zu schlafen. 
(Auch die Holzschuhe mancher Sädhus starren inwendig von 
einem dichten Stutz spitzer Nägel.) Die beständige Berührung 
der spitzen Erhöhungen mit dem einen oder anderen Teile des 
meist nackten Körpers verursacht selbstverständUch eine Un- 
bequemlichkeit, doch ist es nicht unbedingt nötig, daß sie die 
Gesundheit sehr angreift. Als das Vorbild des ,, Domenlagers" 
[kantakasayyä) so mancher weltabgewandtei Asketen sieht 
Crooke (Populär Religion I, 92) das ,, Pfeilbett" [sarasayyä) 
des Bhlsma, eines der Helden des Mahähhärata an, der, wie er 
sagt, den heutigen Hindus besonders wegen der tragischen Um- 
stände bei seinem Tode bekannt ist. Er war über und über von 
den Pfeilen bedeckt, die Arjuna auf ihn abgeschossen hatte; 
und als er so von seinem Wagen fiel, hielten ihn die Pfeile 
von der Erde hoch, so daß er auf einem Lager von Wurf- 
geschossen ruhte. 

Täuschungen und Betrügereien sind nun natürlich auch 
im Asketentum nicht ganz unbekannt. Ein Indier, der freilich 






i#. 




— 9 — 

nicht allzu günstig über seine büßenden Landsleute dachte, 
erzählte Oman, er habe herausbekommen, daß ein Sädhu, 
dessen Observanz darin bestand, öffentlich auf Nägeln zu sitzen, 
schlauerweise die Vorsicht gebraucht hatte, sein Hinterteil mit 
dünnem Eisenblech zu schützen, welches so kunstvoll mit un- 
regelmäßiger Oberfläche gearbeitet war, die meisten Zuschauer 
zu täuschen, daß sie glaubten, sein Fleisch sei von den grau- 
samen Nägeln narbig geworden. (Man denkt da unwillkürlich 
an jenen Wallfahrer, dem als Buße eine Wanderung mit Erbsen 
in den Schuhen auferlegt war: er kochte die Erbsen vorher 
weich ! ) 

Die //j^rasn-Büßer stehen tage- oder auch wochenlang 
auf eine Stütze gelehnt, was eine pein volle Ermüdung und Be- 
schwerde bedeutet, wie man sich leicht vorstellen kann. Ge- 
legentlich stehen sie bei dieser Art von Selbstfolterung nur auf 
einem Beine, das andere haben sie hochgezogen. 

Eine hervorragende Stellung unter den Praktiken der Asketen 
nimmt das Aufhängen mit dem Kopfe nach unten ein. Manche 
Sädhus nämlich lassen sich, das Haupt abwärts, vom Aste eines 
Baumes oder einem passenden Gestell aus vier Stangen eine 
halbe Stunde etwa herabhängen. Solche Heilige kennt man als 
ürdhvamukhl; sie sind aber außerordentlich selten: Oman hat 
nur einen einzigen Fall davon gesehen. 

Man kennt auch noch grausamere Formen freiwilliger Folte- 
rung; so z. B., wenn ein Mann seinen Arm an irgend eine Stütze, 
einen dünnen Bambusstab usw., so anbindet, daß er gerade aus- 
gestreckt über dem Kopfe gehalten wird, bis schließlich das miß- 
handelte Ghed, zusammengeschrumpft und erstarrt, nicht mehr 
in seine natürliche Lage heruntergebracht werden kann. Werden 
beide Arme in dieser Weise traktiert, so wird der Betreffende ein 
hilfloser Krüppel, der in jeder Beziehung vollständig von der 
Gnade seiner Mitmenschen abhängt. Wer eine solche Askese 
übt, heißt ein ürdhvabähu. 

Etwas Ähnliches ist es, wenn die Hand so lange geschlossen 
gehalten wird, bis sie gebrauchsunfähig wird und die Nägel an 
den krampfhaft verzerrten, atrophischen Fingern lang wie ge- 
krümmte Krallen wachsen oder selbst durch das Fleisch hin- 
durch zwischen dem Mittelhandknochen einen Ausweg finden. 



— 10 — 

Sich lebend begraben lassen oder, wie man das nennt, 
samädh ausführen, ist eine zwar sehr seltene, aber doch wohl- 
bekannte Praktik der Hindu-Büßer. Die Dauer der Eingrabung 
beträgt wenige Tage bis zu 6 Wochen, und wenn der Begrabene 
die festgesetzte Zeit aushält, entsteigt er seinem Grabe als ein 
unzweifelhafter Heiliger, als Gegenstand nationaler Verehrung 
für alle Zeiten. Die dabei in Aussicht stehenden Vorteile sind 
groß genug, die ehrgeizigeren Sädhus in Versuchung zu führen. 
Aber die Sache ist doch vom schwersten Risiko begleitet, selbst 
wenn sie von schlauen und hinterlistigen Betrügern zu ihrem 
eigenen Ruhme und Vorteil unternommen wird. Monier Wil- 
liams beschreibt in seinem Buche: Modem India, p. 50 ff.^), 
zwei neuere Fälle, die tödlich endeten. 

Große Mühsal ist mit der Bußübung verbunden, die als die 
Achtglieder- oder Stockweise bekannt ist [astänga, dandavat). 
Dabei handelt es sich um die Ausführung einer Pilgerfahrt ver- 
mittelst von acht Körperteilen: Stirn, Brust, Hände, Knie und 
Spann; natürlich eine langsame und überaus mühselige Art, 
vorwärtszukommen. Der Pilger bestimmt, die Strecke bis zum 
Orte, den er besuchen will — sei es nun ein Reliquienschrein 
oder irgend ein berühmter Wallfahrtsort — , in der Weise zurück- 
zulegen, daß er sich in voller Länge (,,wie ein Stock", dandavat) 
auf die Erde legt, dann vorwärts kriecht, bis seine Fersen die 
Stelle berühren, wo seine Stirn geruht hat, dann sich wieder 
niederwirft, und so fort, Wiederholung auf Wiederholung, bis 
sein Ziel erreicht ist. Die Ausführung schmeckt nach großer 
Demut und beschränkt sich nicht auf kurze Entfernungen. 
Oman traf einst einen jungen Sädhu zu Burdwan in Bengalen, 
an der Haupt Verkehrslinie nach Nordindien, der sich in dieser 
blutegelartigen Weise von Juggernaut nach Benares fort- 
bewegte, eine Strecke von 600 (englischen) Meilen; und er be- 
richtet von Pilgern, die ihren mühseligen Weg nach den heiligen 
Quellen des Ganges im ewigen Schnee des Himälaya auf diese 
Weise gleichsam abmaßen, indem sie Monate und selbst Jahre 
brauchten, eine Reise mit geduldigem Mute fortzusetzen, bei 
der es in so unwirtlichen Gegenden und unter den auferlegten 
Bedingungen unmöglich eine Vollendung geben kann. 

^) Mir leider nicht zugänglich. 



— II — 

Andere wieder erklimmen den mächtigen Himälaya, aber 
nicht um die Quelle des Ganges zu besuchen, sondern um den 
weit entfernten Himmel zu erreichen ! In alten Zeiten, so erzählt 
die Sage, reiste König Yudhisthira, des Lebens und seiner Ent- 
täuschungen müde, nach dem Berge Meru, erreichte nach 
mancherlei mühseligen Wechselfällen das himmlische Gebirge 
und wurde schheßlich in den Himmel, die Stätte der Seligkeit, 
eingelassen. Seitdem hat mancher Sädhu entschlossen seine 
Schritte nach demselben Ziele gerichtet, ist allein auf dieselbe 
große Reise über die schroffsten Berge gegangen — und ist nicht 
zurückgekehrt. 

Fasten ist eine zu bekannte Kasteiung, als daß es von den 
Sädhus unter den Mitteln, den Leib abzutöten, hätte übersehen 
werden können ; und Enthaltsamkeit in Verbindung mit Wachen 
und Meditation mußte, übertrieben angewendet, in vielen Fällen 
zu jenen Halluzinationen und Ekstasen einer geschwächten 
Konstitution führen, die in der Geschichte des Christentums 
ebenso bekannt ist wie in derjenigen anderer Religionen. 

Nichts Ungewöhnliches sind die Gelübde des Schweigens. 
Der schweigend dasitzende Büßer ist eine uralte Erscheinung in 
der indischen Literatur, und die Erzählungen, wie so ein stiller 
Mann, der im Märchen nicht immer ein Asket ist, zum Sprechen 
gebracht wird, sind oft recht drastisch. 

Pischel hat ZDMG LVIII, p. 363 ff. unter dem Titel „Gut- 
mann und Gutweib in Indien" Parallelstellen zu Goethes gleich- 
namigem Gedichte gesammelt, in denen die Pointe immer 
darauf hinausläuft, eine infolge einer Wette schweigend da- 
sitzende Person zum Bruch ihres Schweigens zu bringen. So 
geraten einmal vier Narren in Streit darüber, wem von ihnen 
der Segen eines Heiligen gegolten habe, dem sie begegnet sind. 
Dem Dümmsten, lautet dessen Entscheidung. Jeder will nun 
der Dümmste sein und erzählt zum Bew^eise dessen eine Ge- 
schichte. Über den dritten heißt es: ,,Der dritte Narr lag einmal 
mit seiner Frau im Bette. Da beschlossen sie nach seinem Vor- 
schlag, daß derjenige, der zuerst spräche, zehn süße Kuchen dem 
andern geben müsse. Als sie so still lagen, kam ein Dieb in das 
Haus und nahm alles, was zu stehlen war. Als der Dieb schon 
auf das Untergewand der Frau seine Hand legte, sprach die Frau 



— 12 — 

den Mann an: ,Was? Wirst du auch jetzt ruhig zuschauen?' 
Da verlangte der Mann die versprochenen zehn Kuchen, weil sie 
zuerst das Schweigen gebrochen hatte." 

Bei Dubois (Pischel, p. 367) sagt der Brahmane Anantaya 
zu seiner jungen Frau einst beim Schlafengehen, die Frauen 
seien Schwätzerinnen. Sie antwortete ihm, sie kenne auch 
Männer, die ebenso geschwätzig seien wie die Frauen. Der 
Brahmane fühlte sich dadurch getroffen. Sie wetteten, wer 
zuerst sprechen werde, und bestimmten als Gewinn der Wette 
ein Betelblatt. Darauf schliefen sie ein, ohne ein Wort zu 
sprechen. Als sie am nächsten Tage sich nicht außer dem Hause 
zeigten, und auf Rufen und Pochen die Tür nicht öffneten und 
keine Antwort gaben, ließen die Leute die Tür durch einen 
Zimmermann erbrechen, weil sie glaubten, das Ehepaar sei 
während der Nacht plötzlich gestorben. 

Nach Öffnung der Tür fand man Mann und Frau mit ge- 
kreuzten Beinen vollkommen gesund dasitzen, aber der Sprache 
beraubt. Alle Mittel, sie zum Sprechen zu bringen, blieben ver- 
geblich, so daß man an eine Verhexung glaubte. Die Eltern des 
Mannes ließen einen berühmten Zauberer kommen, der das Ehe- 
paar für einen hohen Preis zu entzaubern versprach. Als er sich 
dazu anschickte, erklärte ein befreundeter Brahmane, es handle 
sich nur um eine natürliche Krankheit, die er ohne Kosten heilen 
wolle. Er machte ein Goldstäbchen an einem Kohlenfeuer heiß 
und stieß es dem Manne in die Fußsohlen, unter die Ellbogen, 
in die Herzgrube und schließlich in den Scheitel des Kopfes. 
Der Mann ertrug die Schmerzen, ohne einen Laut von sich zu 
geben. Als aber der Brahmane das glühende Goldstäbchen an 
die Fußsohlen der Frau brachte, zog sie schnell das Bein zurück 
und rief: ,, Genug, genug !" Sie erklärte sich für besiegt und reichte 
dem Manne das Betelblatt, der nun seine Behauptung bestätigt 
fand, daß die Frauen Schwätzerinnen seien. 

Eine ähnliche Geschichte steht 1. c, p. 368. 

Die Frau eines Bettlers hat fünf Stück einer bestimmten 
Sorte von Reiskuchen (muffies) gebacken. Da ihnen der Ge- 
danke, daß die Hälfte von fünf zweieinhalb ist, nicht kommt, 
geraten sie bei der Teilung in Streit. Sie einigen sich schließlich 
dahin, daß sie sich schlafend stellen wollen, und daß der, der 



— 13 — 

zuerst ein Auge öffnet oder spricht, zwei Kuchen, der andere 
drei Kuchen bekommen soll. Als sie 3 Tage lang nicht im Dorfe 
erschienen waren und die Haustür sich als von innen verriegelt 
erwies, stiegen zwei Dorfpolizisten durch das Dach ins Haus 
und fanden Mann und Frau scheinbar tot daliegen. Auf Kosten 
der Gemeinde wurden sie nach dem Verbrennungsplatz geschafft 
und auf zwei Scheiterhaufen gelegt, die man in Brand steckte. 
Als das Feuer seine Beine erreichte, hielt der Bettler es doch für 
ratsam, die Wette aufzugeben. Während die Dorfbewohner fort- 
fuhren, die Totengebräuche zu vollziehen, rief er plötzlich: ,,Ich 
bin mit zwei Kuchen zufrieden," und vom andern Scheiter- 
haufen antwortete die Frau: ,,Ich habe die Wette gewonnen; 
gib mir die drei!" Entsetzt liefen die Bauern davon, weil sie 
glaubten, die Toten kämen als böse Geister wieder. Nur ein 
beherzter Mann hielt stand und erfuhr schließlich von den 
Bettlern die Geschichte. 

Daß sich die Asketen bisweilen mit eisernen Ketten von 
bedeutendem Gewicht behängen, ist eine Erscheinung, die wohl 
den mohammedanischen Büßern eigentümlich ist; wenigstens 
kennt Oman (p. 48) nur einen einzigen derartigen Fall, wo sich 
ein Mohammedaner mit ungefähr 500 Pfund Ketten beladen 
hatte. 

Endlich kommt auch Selbstverstümmelung in grausiger 
Form vor. So hatte ein Sädhu gehandelt, dem sein Weib nach- 
lief und in einer großen Versammlung von Asketen den Rat gab, 
mit ihr nachHause zurückzukehren, so daß diese es hören konnten. 
Einige unter ihnen machten höhnische Bemerkungen über den 
neuen Sädhu und seine Lage, was ihn in solche Wut versetzte, 
daß er ein scharfes Messer ergriff und sich eine gefährliche 
Hämorrhagie beibrachte. Solche Fälle sind durchaus nicht un- 
gewöhnlich und kommen bekanntlich auch bei Anhängern 
anderer Religionen häufig genug vor. 

Es ist nun etwas allgemein Menschliches, Allzumenschliches, 
wenn auch in Indien die Frömmigkeit, d. h. die Scheinheiligkeit, 
gelegentlich als etwas ganz Lukratives befunden worden ist. 
Zu gewissen Zeiten, sagt Oman (p. 49), besonders im Monat 
April, beobachten viele Leute aus den unteren Kasten zeitweise 
die Observanz der Asketensekten, und so kann man dann sehen, 



— 14 — 

wie sie sich munter Selbstpeinigungen grausiger Art unterziehen, 
indem sie z. B. dicke metallene Speile durch die Zunge, die 
Wangen oder die Haut der Arme, des Halses und der Seiten 
stechen, über brennende Holzkohle schreiten und sich auf 
Dornen wälzen. Unter den Beweggründen, die man ganz all- 
gemein diesen niedrigstehenden Büßern auf Zeit zuschreibt, ist 
die Befriedigung der Eitelkeit und der Wunsch nach pekuniärem 
Gewinn, den ihnen diese Vorführungen gewöhnlich einbringen; 
aber es kann kein Zweifel sein, daß viele von ihnen auf andere, 
und zwar weniger augenscheinliche Belohnungen für ihre selbst- 
verursachten Leiden hoffen und danach ausschauen. 

Nicht allen Leuten ist es gegeben, sich freiwillig den aufs 
höchste eindringlichen Kasteiungen zu unterziehen; und so 
finden wir denn, wie zu erwarten ist, daß man sich vielfach auch 
mit einer geringeren Sorte von Askese abgibt, um die Aufmerk- 
samkeit der Leute zu erwecken und vielleicht einen pekuniären 
Gewinn herauszuschlagen. So sah Oman bei einem religiösen 
Feste einen Büßer, einen dicken, mächtigen Burschen, der ein 
starkes Lattengestell errichtet hatte, um einen ungeheuren 
irdenen jar (Topf) zu tragen, der im Boden ein Loch hatte, aus 
dem Wasser herauslaufen konnte. Rundherum standen min- 
destens 25 große Töpfe mit Wasser, um den jar wieder zu füllen, 
wenn er im Gebrauch war. Unter dem jar pflegte der Sädhu 
während der Nacht zu sitzen, und zwar besonders in den Stunden 
nach Mittemacht, von 3 Uhr etwa bis Tagesanbruch, während 
ein Wasserstrom auf seinen Kopf stürzte und über seinen Leib 
auf die Erde floß. Es war Winterszeit und zweifellos eine sehr 
kalte Beschäftigung; aber der Büßer fand seine Belohnung in 
der befriedigten Eitelkeit : denn in den Augen seiner zahlreichen 
Bewunderer war er Siva selbst mit der vom Himmel auf sein 
Haupt fallenden und dann auf die Erde fließenden Gangä, um 
diese zu segnen und fruchtbar zu machen. Einen solchen Büßer 
würde man mit Hinsicht auf seine besondere Askese den ,, wasser- 
tragenden Asketen" (jaladhara tapasvin) nennen. 

Es gibt auch solche, die die ganze Nacht im Wasser sitzen : 
sie heißen demgemäß jaläsayin (,,im Wasser ruhend"). In die- 
selbe Kategorie gehört das In-den-Mund-nehmen und angebliche 
Kauen von glühenden Kohlen ; oder wenn solche untergeordneten 



— 15 — 

Asketen behaupten, nur von Weizenkleie zu leben, andere vor- 
geben, daß ihr Trinkwasser unabänderlich mit Holzasche ver- 
mischt sei. In das Gebiet närrischer Diät gehört es, wenn ge- 
wisse Büßer ohne ersichtlichen Grund nur Früchte genießen (die 
sog. farari), andere von Milch allein leben (duddhähäri), noch 
andere ihre Speisen nie salzen (aluna). 

Ein dunkle Stelle indischen Asketentums streift Oman 
(p. 50), wenn er darauf hinweist, daß nicht alle ihre Mittel, die 
Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, so unschuldig und ein- 
wandfrei sind, wie die eben geschilderten. Es ziehen nämlich 
z. B. wollüstige Burschen umher, die da affektieren, ihre ge- 
schlechtlichen Regungen vermittelst mechanischer Vorrich- 
tungen, die sie nicht verheimlichen, einzuschränken. Er ver- 
weist dabei auf Wilson, der (Religious Sects of the Hindus, 
p. 151 = p. 236 f. der Works, Vol. I) von der Sekte der Kara- 
lingins berichtet: 

,, These are vagabonds of little credit; except sometimes 
amongst the most ignorant portions of the Community, they 
are not often met with : they go naked, and to mark their triumph 
over sensual desires, affix an iron ring and chain on the male 
organ^): they are professedly worshippers of Siva." 

Das Gegenteil davon sind diejenigen Büßer, denen es heiliger 
Ernst damit ist, den Anfechtungen des Fleisches wirksam zu 
begegnen, und sich zu diesem Ende einer grausamen Behand- 
lung unterziehen, die gewisse Nerven und Muskeln vollständig 
zerstören. Wir lesen darüber bei Dubois, Hindu Manners, Cu- 
stoms, and Ceremonies, Oxford 1897, p. 527: ,,Some say that 
the Bairagis owe this impotence to extreme sobriety in eating 
and drinking, while others assert that it is the result of the use 
of certain drugs. As to their alleged sobriety it is a mere fable. 
Generally speaking, they eat all kinds of meat and drink all 
kinds of intoxicating liquors without any shame, the practice of 
mokshasadhaka and their status as Sannyasi acquitting them of 



') These ascetics were the persons who attracted the notice of the 
eariier travellers. especially Bernier and Tavernier. They were more 
numerous then, probably, than they are at present, and this appears to be 
the case of the mendicants who practiced on the superstitious admiration 
of the vulgär. 



— i6 — 

all blame in this respect. According to other authorities, the 
Bairagis attain this condition by purely mechanical means, that 
is, they attach to their generative organs a heavy weight which 
they drag about until the power of muscles and nerves is com- 
pletely destroyed." 

Die indischen Sekten lassen sich zunächst in drei große 
Gruppen einteilen : I. Saivas, Verehrer des Gottes Siva. IL Säktas, 
Verehrer der sakti (,,Energie"), wie sich dieselbe in der Göttin 
De vi, Durgä, oder wie diese Gemahlin Sivas sonst noch heißen 
mag, darstellt. III. Vaisnavas, Verehrer des Gottes Visnu, je 
nach seiner Inkarnation als Räma oder Krsna. Diese zerfallen 
wieder in eine Menge von Unterarten. So zählt Wilson deren 
dreiundvierzig auf, während nach seiner eigenen Angabe in 
indischen Quellen sechsundneunzig genannt werden ! Aber auch 
diese Zahl drückt noch lange nicht die wirkliche Summe aller 
gegenwärtig vorhandenen Sekten aus, von denen die einen mit 
Bewunderung, die anderen mit Schauder erfüllen. Aber natür- 
lich finden sich in allen anderen Religionssystemen genau die- 
selben Verhältnisse wieder wie in Indien ; das Christentum keines- 
wegs ausgenommen: gab es doch hier vom apostolischen Zeit- 
alter an schon Häretiker, ja, es entstanden schon sehr früh Sekten, 
die von der christlichen Moral nicht viel wissen wollten, man 
denke an die Antinomisten ! Während aber das Christentum 
solche Auswüchse mit Zuhilfenahme des weltlichen Armes ab- 
schnitt — Gnostiker, Manichäer, Nestorianer, Albigenser, Hus- 
siten usw. — , konnten sich in Indien die mannigfachsten Sekten 
ganz nach Herzenslust bilden und oft zu bedeutender Größe und 
Macht entfalten. 

Die Saivas zerfallen in die folgenden 7 Unterarten: i. Sarn- 
nyäsins, 2. Dandins, 3. Paramahamsas, 4. Brahmacärins (diese 
vier sind Anhänger des Reformators des Brahmanismus, des 
Samkaräcärya aus dem 8. bis 9. Jahrhundert p. C), 5. Lingaiten, 
6. Aghori, die sich von Menschenfleisch nähren^), 7. Yogins. 

Die Vaisnavas haben 6 Abteilungen: i. die Srivaisnavas, 
die Anhänger des Rämänuja, des Propheten des neuen Visnu- 
dienstes, um 1150 A. D.; 2. die Mädhavas, die Anhänger des 

1) Es gibt darunter auch weibliche Exemplare, die ihren männüchen 
Genossen an Unfläterei und Schamlosigkeit nicht nachstehen. 




m 











— i; — 

Mädhaväcärya, eines kanaresischen Brahmanen, geboren 1199 
A. D. ; 3. die Rämänandins, die Anhänger des Rämänanda, der 
im 13. oder 14. Jahrhundert in Benares lebte; 4. die Kabir 
Panthis, die Anhänger des Kabir, eines Schülers von Rämänanda ; 
5. die Vallabhäcäryas, die Anhänger des gleichnamigen Meisters, 
der 1479 zu Benares geboren wurde, und 6. die Anhänger des 
Caitanya, eines vornehmen Brahmanen aus Nadya, 1484 — 1527. 
Die Anhänger des Nänak endlich, die Sikhs, zerfallen in 
die 3 Unterarten der Udäsi, Nirmali und Nihang oder Akali. 
Was die Yogins anlangt, so hat man sich ja seit alten Zeiten 
daran gewöhnt, in ihnen den Typus und Hauptrepräsentanten 
der indischen Asketen zu sehen ; sie haben in Europa und selbst 
in dem so überaus geschäftsmäßig praktischen Amerika beson- 
dere Aufmerksamkeit erregt und hier als der höchste Ausdruck 
indischen Geistes, indischen Transzendentalismus geradezu 
Schule gemacht. Folgen: eine absonderliche Literatur, Grün- 
dung närrischer Vereine, Veranstaltungen von allerlei Hokus- 
pokus; in Summa: modernster Schwindel, der mit unverstandenen 
oder unverständlichen Begriffen hantiert. Alle indische Gelehr- 
samkeit, und nicht zum mindesten die indische Philosophie, ist 
so tiefgründig, daß selbst jahrelanges Studium der Originale 
immer noch Rätsel findet, deren Lösung nicht glücken will. Wie 
weit müssen also nicht jene populären Schriften davon entfernt 
sein, ihre Quelle auszuschöpfen, mit denen moderne Schwarm- 
geister in ihren und ihrer Leser Köpfen eine heillose Verwirrung 
anrichten ! 

Item, wenn auch ,, Yogin" zunächst nichts weiter bedeuten 
kann, als einen Mann, der sich mit den im Yoga-System gelehrten 
Wahrheiten, Lehrsätzen und Praktiken befaßt, so muß doch 
beachtet werden, daß nicht alle Yogins die Yoga-Praktiken aus- 
üben, und anderseits die letzteren keineswegs auf die professio- 
nellen Yogins beschränkt sind. Der Gedanke, die Vereinigung 
der individuellen Seele mit der Weltseele durch Meditation 
herbeizuführen und diese durch mechanische Mittel zu unter- 
stützen, ist so allgemein anerkannt in Indien, daß auch die An- 
gehörigen anderer Sekten so gut wie Laien mit dem Yoga- 
Apparate seit alten Zeiten vertraut gewesen sind. Ebenso sind 
ja auch die übernatürlichen Kräfte, die die "^'ogins für sich in 

Schmidt Faki re und Fakirtum. 2 



- i8 — 

Anspruch nehmen, auch von anderen indischen HeiUgen rekla- 
miert worden! 

Die^) Sädhu genannten Asketen führen das bequeme, ver- 
antwortungsfreie Leben des Bettlers und haben in ihrem Kalender 
sehr genau und eingehend alle Feste und Feierlichkeiten ver- 
zeichnet, so daß sie auf ihren weit abführenden Wanderungen 
immer rechtzeitig in all den Ortschaften eintreffen, die sie auf 
ihrer gewöhnlichen jährlichen Runde berühren. 

Die vorwiegende, wenn auch nicht die ausschließliche Farbe 
ihrer Gewandung ist das bekannte Braungelb, die Lieblingsfarbe 
der indischen Bettelmönche, soweit sich diese überhaupt um 
Kleidung kümmern: es gibt ja da eine Sekte, die sich nach der 
Mangelhaftigkeit ihres Anzuges digamhara (,, himmelbekleidet") 
nennt! Meist verschmähen ja diese Heiligen, leidenschaftslos wie 
sie sind oder doch wenigstens sein sollten, allen Putz und be- 
decken sich mit den dürftigsten Lumpen. Die Haut beschmieren 
sie — sei es zum Schutze gegen die Sonnenstrahlen, sei es zur 
Abwehr der Insekten oder, wie andere wollen, zur Verscheu- 
chung der Dämonen 2) — gewöhnlich über und über mit Aschen- 
pulver, welches manche Asketen mit der größten Sorgfalt zu- 
bereiten, indem sie es wiederholt durch zusammengefaltetes 
Seidentuch sieben, bis es so fein wie irgend ein Toilettepuder wird. 

Außerdem haben diese Heiligen — gemeinsam übrigens mit 
allen Brahmanen — das sog. tüaka, das Sektenzeichen, auf der 
Stirn bis zur Nase, weiß oder farbig, wozu einige auch noch 
Symbole auf Brust und Armen tragen. Man könnte die tilakas 
mit unseren ,, Schönheitspflästerchen" vergleichen, wenn sie 
eben nicht den Zweck hätten, als Erkennungszeichen der ein- 
zelnen Sekten zu dienen. So trägt der eine Sädhu auf seiner 
Stirn das triphala, drei Linien, die etwa von der Vereinigungs- 
stelle der Augenbrauen aufwärts gezogen werden; und zwar die 
mittlere rot, die beiden äußeren weiß: das Sektenzeichen der 
Ramats. Die rote Linie wird mit roli, einem Präparate aus 
Curcumae und Leim, gemalt, die weißen mit gopichandana, 
einem kalkhaltigen Ton, den man aus Dwarka aus einem Teiche 
holt, in welchem sich nach der Krishna-Legende die zarten 

1) Oman, 36 ff. 

2) Crooke, Populär Rel., 29/30. 



— 19 — 

gopls (Hirtinnen) in der Verzweiflung über die Nachricht vom 
Tode ihres Liebhabers, des göttHchen Krishna, stürzten. — Die 
dreifachen Linien des triphala sind nicht ohne tiefe Bedeutung, 
indem sie die Embleme der drei Götter der Hindu-Trias sind: 
die Mittellinie bedeutet Visnu, die rechte und linke Siva resp. 
Brahman. 

Wenn anstatt der roten Linie in dem triphala auf der Stirn 
des Sädhu eine mit Holzkohle von einem Näräyana dargebrachten 
Opfer gemalte schwarze erscheint, so gehört er zu der besonderen 
Sekte der Mädhavächäris. 

Das tripundra hingegen, drei auf der Stirn querlaufende, 
mit heiliger Asche (vibhüti) gezeichnete Linien, kennzeichnet die 
sivaitischen Anhänger des Samkara. 

Die Kaulas bekunden ihren Kult gewöhnlich damit, daß 
sie ihre Stirn mit in öl aufgelöster Mennige bemalen. 

Die Dakshinächäris haben im allgemeinen ein ürdhvapundra, 
einen senkrechten Strich inmitten der Stirn, wobei das Farb- 
material entweder eine Paste von Sandelholz oder eine Lösung 
von Holzkohle von einem hom-Fenev in Ghee (zerlassener 
Butter) ist. 

Eine ausführliche Beschreibung der Sektenzeichen hat Fra 
Paolino in seinem Reisewerke geliefert, wo es p. 342 ff. der 
Ausgabe Berlin 1798 heißt: 

Es gehört mit zu dem Aberglauben und den Religions- 
gebräuchen der Indier, daß sie sich gewisse hieroglyphische 
Zeichen auf die Stirn oder auf die Brust malen, wodurch sie ent- 
weder ihre besondere Verehrung einer gewissen Gottheit oder 
ihre Anhänglichkeit für eine gewisse philosophische Sekte an 
den Tag legen. Wer den geheimen Sinn dieser Unterscheidungs- 
zeichen versteht, der kann, wenn er irgend einen indischen Heiden 
erblickt, sogleich errathen, zu welcher Rehgion oder Schule sich 
derselbe bekennt. Es wird daher dem Leser hoffentlich nicht 
unangenehm seyn, sie auf dem beigefügten Kupfer abgebildet 
und hier erklärt zu sehen. 

L Trischula, der Dreizack, welchen der Schiva, Rudra oder 
Mahadeva in der Hand hält, und welcher ein Symbol seiner 
Macht über Himmel, Erde und Hölle ist. Deshalb nennen ihn 
die Indier Schuli, den Dreizackträger. Auch wird ihm der Nähme 



— 20 — 

Tripurandaya beigelegt, d. i. der Gott, welcher die drei Welten 
durchdringt und regiert. Das Symbol dieser drei Welten sind 
drei Berge, Tripura genannt. 

II. Dies Zeichen heit Schula, und soll enfalls den Dreizack vor- 
stellen. Die Schivaniten mahlen sich dasselbe, wie auch das obige, 
mit weißer Erde sowohl auf die Stirn als auf die Brust. Einige 
nennen es Tirunama, d. i. den allerheiligsten Nahmen Gottes. 

III. Ciakschu oder Trkanna, das heilige Auge des Schiva. 
Dieser Gott hat deren drei, und das eine, womit er alles wahr- 
nimmt, steht mitten auf seiner Stirn. Deswegen wird er auch 
Trilocena, der dreiäugige Gott, genannt. Die Schivaniten mahlen 
sich dies Auge auf die Stirn. 

IV. Aghni oder Ti, das Feuer, welches die Schivaniten als 
ein Symbol des Schiva oder der Sonne verehren. Sie tragen dies 
Zeichen sowohl auf der Stirn, als auf der Brust. Die pyramiden- 
förmigen Tempel der Indier bedeuten, daß sie der Sonne oder 
dem Feuer gewidmet sind. 

V. Tirumanna, die heilige Erde. Dies Zeichen wird mit 
gelber, rother oder weißer Farbe sowohl auf die Stirn als auf 
die Brust gemahlt, und zu Jagarnat, am Ganges, Caveri, zu Cangi- 
puram, und überhaupt an jedem heiligen Orte, getragen. Die 
Seitenstriche sind weiß oder gelb, der mittlere aber ist allemal 
roth. Dies Zeichen bedeutet die Meddhra, d. i. die Gebär- 
mutter der Bhaväni, von welcher alles, was ist, erzeugt wurde. 
Die Schivaniten und Vischnuviten pflegen sich dessen sehr 
häufig zu bedienen. 

VI. Tripundara, d. i. der Zierath von drei Streifen. Sie 
werden mit Sandelholz und Asche gemahlt, und bedeuten die 
Bhavani (die Göttin der Natur), nebst ihren drei Söhnen, dem 
Brahma, Vischnu und Schiva, Erde, Wasser und Feuer. Einige 
sind der Meinung, dies Zeichen stelle eigentlich den Vischnu vor, 
wie er zur Zeit der Schöpfung auf dem Wasser schwamm. 

VII. Das Tripundara mit dem Puttu. Es hat eben die Be- 
deutung wie das vorhergehende, und wird mit Asche gemacht. 
Diese beiden Zeichen sind unter den Indiern sehr gewöhnlich. 

VIII. Der Lingam oder Phallus des Schiva: ein Symbol der 
Zeugungskraft der Sonne. Einige tragen ihn am Halse; Andere 
mahlen ihn auf den Arm, noch Andere auf die Stirn. 



— 21 — 

IX. Pädiciandra, der halbe Mond, welcher mit gelber Farbe 
an die Stirn gemahlt wird. Er ist ein Zeichen der Schivaniten, 
welche die Sonne und den Mond anbeten, und das Symbol für 
die Ischäni und Parvadi, die Beherrscherin der Gebirge, das 
Bergweib, d. i. den Mond. 

X. Pädiciandra mit dem Puttu, welches dieselbe Bedeu- 
tung hat. 

XI. Pattavardhana, d. i. der Zuwachs, das Gedeihen. Dies 
Zeichen ist der Zierath des Priesterstandes, und wird mit gelber 
Farbe gemahlt. Es soll die viereckige Grube vorstellen, worin 
das Homa oder Yaga verbrannt wird. 

XII. Vidavardhana, der Segen, das Hausglück; ein Zeichen, 
welches mit Kuhmist, dem Symbol des Überflusses, gemacht 
wird. Die Vischnuviten, d. i. die Anbeter des Wassers und der 
Erde, pflegen sich desselben vorzüglich zu bedienen. 

XIII. Gobura, der Thurm. Ebenfalls ein Zeichen, welches 
mit gelber Farbe gemahlt wird. Es ist der Ischi oder Lakschmi 
gewidmet, und bezieht sich hauptsächlich auf das Gedeihen der 
Viehheerden. Die erwähnte Göttin trägt einen solchen Thurm 
auf dem Haupte, wie ehedem die Cybele. 

XIV. Villa, der Bogen. Er istdemSchriräma, d.i. dem jungen 
Bacchus (dem Symbol der Sonne) gewidmet, welcher damit den 
König der Nacht, den Anführer der Ungeheuer und Riesen, Nah- 
mensRävana, bekämpfte. Er soll, der Tradition zufolge, ein König 
in Ceilan gewesen seyn, ist aber eigentlich der Pluto der Indier. 

XV. Tamara ila oder Padma ila, der Blumenkelch, nebst 
einem Blatte der Nymphäa. Es wird mit gelber Farbe gemahlt, 
für welche die Indier eine besondere Vorliebe haben, und be- 
deutet das Wasser, woraus durch die Mitwirkung der Sonne alles 
erschaffen wurde und noch jetzt entsteht. 

XVI. Munghi-ila, ein einzelnes Blatt der Nymphäa, welches 
in verkehrter Lage unter Wasser steckt. Es ist ebenfalls, wie 
das vorhergehende, ein Zeichen der Vischnuviten, und hat die- 
selbe Bedeutung. 

XVII. Tamaramotta, die Zwiebel der Nymphäa; wird mit 
gelber Farbe gemahlt, und bedeutet eben dasselbe. 

XVIII. Puttu, d. i. das Farbezeichen. Es ist entweder roth 
oder weiß, oder schwarz. In der Mitte ist ein rohes Reißkorn 



— 22 — 

befindlich, welches der Lakschmi, der Göttin der Feldfrüchte, 
und besonders des Getreides, gewidmet ist. 

XIX. Ciacra, das Rad des Vischnu, welches er immer herum- 
dreht, und wodurch er die Welt regiert. Die Vischnu viten legen 
demselben eine Menge wunderbarer Kräfte und Eigenschaften 
bei. Die ältesten Indischen Könige bedienten sich dieses Rades 
anstatt des Zepters, und wurden daher Ciacravartti genannt, 
d. i. Leute, welche das Rad regieren. Die Tibetaner haben diesen 
uralten Gebrauch bis auf den heutigen Tag beibehalten, und 
tragen bei ihren öffentlichen Processionen, Festen und anderen 
Feierlichkeiten ein Rad mit herum. Dies Zeichen charakterisirt 
besonders die Vischnuviten. Einige halten es für ein Symbol der 
Sonne, und ich stimme ihnen bei, weil auch diese von den Indiern 
als die Regier erin des Weltalls verehrt wird. 

Das Haar tragen die Sädhus'^) entweder geflochten und 
gewickelt auf dem vorderen Teile des Kopfes, oder sie haben ihre 
Flechten lose und zottig. Diejenigen, welche ihr Haar sorg- 
fältig aufgesteckt auf dem Kopfe tragen, heißen ohne Rücksicht 
auf ihre Sekte jhuttadarees; diejenigen, die ihr Haar in Un- 
ordnung um das Gesicht flattern lassen, bhoureeahs. Letztere 
Mode ist bei einer großen Menge von Mönchen beliebt, die sich 
damit offenbar ein abschreckendes Ansehen geben wollen; 
wenigstens weiß Crooke (Populär Religion and Folk-lore of 
Northern India I, 239) zu berichten, daß der Ausdruck „sein 
Haar gegen jemand wachsen lassen" eine Drohung enthält, die 
sehr ernst genommen wird. ,,For the same reason ascetics wear 
their hair loose and keep it uncut, as Samson did." 

Die meisten Sädhus tragen eine Schnur von Kügelchen um 
den Nacken oder haben ,, Rosenkränze" in den Händen. Auf 
Grund des Stoffes, aus dem die Gebetsschnur gemacht ist, 
kann man gewöhnlich leicht die Anhänger Visnus und Sivas 
unterscheiden, indem sie entweder Kügelchen aus heiligem Ba- 
silienholz (Ocymum sanctum) oder die rauhen Beeren des 
rudräksa-Baumes (Elaeocarpus ganitrus) vorziehen. Wenn sie 
zwei Halsketten aus Basilienholz tragen, gehören sie der Sekte 
der Swami Narayanis an, die Krsna-Visnu und seine Geliebte 
Rädhä anbeten. 

1) Oman, p. 39. 



— 23 — 

Bezüglich des Rosenkranzes oder, wenn wir den in- 
dischen Ausdruck {japamälä) wörtHch genau wiedergeben wollen, 
des Gebetskranzes ist zu sagen, daß der des Siva-Aiiheievs nach 
Monier Williams (Modem India — Art: Indian Rosaries) i) 
aus 32 oder 64 rudräksa-Beeren, der des Visnuiten aus 108 Kügel- 
chen des Basilienholzes besteht. Oman fügt aber die Bemer- 
kung hinzu (p. 40), daß er auch Rosenkränze aus 108 rudräksa- 
Beeren gesehen habe, die Regel also keine streng beobachtete 
sein könne. 

Zu diesen Attributen kommen nun manchmal noch phallische 
Embleme, die an Wollfäden vom Halse herabhängen oder an den 
Armen befestigt sind. An ihre Stelle treten bisweilen kleine 
Glöckchen, große Ohrringe, Armbänder von Eisen, Messing oder 
Kupfer. Halsketten aus kleinen Steinen glänzen am Halse, ge- 
legentlich findet man auch das Haar verziert mit metallenem 
Zierat, der ,, goldenen Fliege" (svarna mäksh); wieder einer hat 
eine Muschelschale an sein Handgelenk gesteckt, noch ein anderer 
trägt verschiedene seltsame Figuren und Devisen, gemalt oder 
auch eingebrannt, an den Armen. 

Da die Asketen auf die Genüsse dieser Welt verzichtet 
haben, ist auch ihr Besitz auf das Allernötigste beschränkt. Als 
wandernde Bettler hängen sie von der Mildtätigkeit der Leute 
ab, was ihre tägliche Nahrung anlangt ; und da sie oft im Laufe 
ihrer jährlichen Touren weite Entfernungen zurücklegen, haben 
die allermeisten von ihnen den Besitz einer Almosenschale und 
eines Wasserkruges als nötig erkannt. Manchmal bestehen diese 
nur aus einer Kokosnußschale oder einer Flaschengurke, wobei 
sich die Schale in vielen Fällen, wenn man näher hinsieht, als 
mit Deckel, Henkel und Tülle versehen erweist; und auch die 
Flaschengurke zeigt Spuren von Vervollkommnung, indem sie 
zum bequemeren Tragen zu einer handlichen Form zurecht- 
geschnitten wird. Auch Nachbildungen der Flaschengurke in 
Messing sind nicht ungewöhnlich. 

Endlich gehören noch zum Aufzug der Asketen Kinn- und 
Armstützen aus starken Stäben, bekannt unter dem Namen 
bairaguns, die dazu dienen, die verschiedenen Stellungen zu er- 
leichtern, die der Asket bei seinen Versenkungen einnimmt. Daß 

1) Siehe Anm, Anh. p. 10. 



— 24 — 

diese und ähnliche Geräte der Büßer, z. B. die eisernen Feuer- 
zangen, die sich unter der Habe der meisten von ihnen befinden, 
oft in schreckenerregender Größe benutzt werden, hat seinen 
guten Grund: die wandernden Mönche erwehren sich damit oft 
der Raubtiere, denen zu begegnen sie naturgemäß öfter Gelegen- 
heit haben als ihre seßhaften Brüder. 

Eine große Rolle spielen nun im Leben dieser Leute die 
Narkotika; eine größere, als die meisten ahnen. So haben denn 
die charas-KsLUchev unter ihnen natürlich ihre chülums (Pfeifen) 
um sich herum stehen und liegen, und die hhang-Trmkex werden 
selbst auf der Pilgerfahrt keinen Steinmörser und hölzerne 
Mörserkeule zu schwer zu transportieren finden. Es ist ganz 
sicher, daß diese und andere Rauschmittel für die Halluzinationen 
der Yogins hervorragend verantwortlich sind. ,,A great number 
of Hindu modern saints live in a state of perpetual intoxication, 
and call this stupefaction, which arises from smoking intoxi- 
cating herbs, fixing the mind on God^' (Ward, Hindus, p. 283). 

Auf meiner Reise von Kaschmir nach Labore, erzählt Erich 
von Schönberg (Patmakhanda I, 237), machte man mich in 
Barramulla auf einen Sikh-Fakir aufmerksam, der hier ein ge- 
wisses Ansehen genoß, und da ich nichts Besseres zu tun hatte, 
so besuchte ich ihn. Ich fand denselben in einem sehr unansehn- 
lichen Räume, der halb dem Berge abgewonnen und halb unter 
Dach gebracht war. Der Mann, in seinem Äußern zwar etwas 
ungewöhnlich, mit langem Haar und Bart, wie alle diese Fakire 
dies als eines der einfachsten Mittel finden, um die Aufmerksam- 
keit anderer auf sich zu ziehen, was eine der ersten Grundregeln 
ihres Erwerbszweiges und ihrer Karriere ist, war übrigens eine 
mir ganz angenehme Erscheinung, und waren \viv bald so weit 
vertraut, um uns gegenseitig mit Freundlichkeit zu betrachten. 
Der Mann zeigte einen sehr gesunden Verstand und scharfe Auf- 
fassung und war, mit einem Worte, ein asiatischer Philosoph; 
er verdiente wenigstens diesen Namen mit ebenso vielem Rechte, 
als mancher Europäer den eines Gelehrten. Einer seiner, mir als 
unangenehme Schwäche, ihm als ein Teil seiner Pflicht er- 
scheinenden Gebräuche war das starke Hanfrauchen oder 
Bhang- Rauchen, was er trieb, und dabei hatte er es zum Über- 
flusse im Opiumessen so weit gebracht, ein Stück von der Größe 



— 25 — 

einer halben Dattel ohne weiteres zu verzehren, und versicherte 
er, er könne ohne jeden Schaden das Doppelte tun, wenn ich mich 
entschließen wolle ihm dergleichen zu geben, was er mit Dank 
anerkennen werde. Unsere Unterhaltung hatte in seinem 
nüchternen Zustande stattgefunden, und fürchte ich, daß er eine 
halbe Stunde später einen weit weniger günstigen Eindruck auf 
mich gemacht haben dürfte. Ich verhehlte ihm dies auch nicht, 
doch erwiderte er, dies gehöre zu seinen Obliegenheiten, denen 
er sich nicht entziehen könne, indem er dermalen selbst so weit 
daran gewöhnt sei, daß er sich unwohl fühle, wenn er den Genuß 
des Opiums unterließe. 



2. Kapitel. 

Berühmte Asketen. 

Asketentum findet man in allen Religionssystemen als den 
gebräuchlichsten Ausdruck der Selbsterniedrigung vor der Gott- 
heit, um sie gnädig zu stimmen. Daher in Zeiten nationalen Un- 
glücks die Erscheinung, daß allgemeine, im größten Maßstabe 
unternommene Wallfahrten und Bittgänge stattfinden — man 
denke an die mittelalterlichen Flagellanten — , die die Form der 
Manie annehmen können. In Indien gilt den Theologen und 
Philosophen Askese als ein Mittel, die Leidenschaften zu zügeln, 
und dadurch die Erkenntnis Brahmans oder sonst eine Erkennt- 
nis zu erlangen, die Erlösung vom Samsära, dem Geburtenkreis- 
lauf, bringt, mag sie nun Nirväna, Vereinigung mit Brahman 
oder wie immer heißen. Der Boden für derartige Anschauungen 
war ja in Indien unter dem jahrhundertelangen Einfluß phy- 
sischer, politischer und sozialer Verhältnisse aufs beste vorbereitet 
worden : die große Masse des Volkes war untätig, Stagnation war 
sein Los, so daß düstere religiöse Spekulationen und pessi- 
mistische Anschauungen schnell Platz griffen. Uralt ist denn 
auch in Indien neben dem Kastensystem die Einteilung der 
Lebenszeit in die vier ,, Stadien" {äsrama), derzufolge der junge 
Brahmane zunächst dem Studium obliegt, dann als Hausherr 



— 26 — 

auf die Gründung einer Familie bedacht ist, um sich im dritten 
Lebensabschnitt als vanaprastha mit seiner Frau zusammen oder 
ohne sie in den Wald zurückzuziehen, wo er nur von den von 
selbst gewachsenen Früchten der Erde lebt und durchaus auf 
alles verzichtet, was das Produkt der Menschenhand ist. Das 
vierte und letzte Stadium endhch ist das des Bettlers : Verzicht- 
leistung auf alle weltlichen Freuden ist seine Signatur. 

Aber nicht nur weltmüde Fromme befassen sich mit den 
Übungen der Askese: auch Kriegshelden wie Räma und Arjuna 
sind damit vertraut, und selbst die himmlischen Götter ver- 
schmähen es nicht, sich zu kasteien, wenn es gilt, einen Wunsch 
zu erreichen, dessen Erfüllung anders nicht glücken will. Wem 
fällt da nicht die büßende ,, Tochter des Bergesfürsten" ein, 
Pärvatl, die mit ihrer Askese die Neigung Sivas zu gewinnen 
trachtet? Sie sitzt inmitten von vier Feuern, trotzdem es Sommer 
ist, und blickt unverwandt in die Sonne — anderer Kraftproben 
nicht zu gedenken! ,,According to Hindu theory," sagt Monier 
Williams, Indian Epic Poetry p. 4, ,,the Performance of 
penances was like making deposits in the bank of heaven. By 
degrees an enormous credit was accumulated which enabled the 
depositor to draw to the amount of his savings, without fear 
of his drafts being refused payment. The power gained in this 
way by weak mortals was so enormous, that gods as well as 
men were equally at the mercy of these all but omnipotent 
ascetics, and it is remarkable that even the gods are described 
as engaging in penances and austerities, in order, it may be pre- 
sumed, not to be outdone by human beings. Siva was so engaged 
when the god of love shot an arrow at him." 

Dem Kenner der indischen Literatur wohlbekannt sind die 
Legenden und Geschichten, die von Göttern und Halbgöttern, 
Helden und gewöhnlichen Sterblichen erzählt werden, um die 
märchenhafte Kraft der Askese zu veranschaulichen. Sie ist ein 
sehr beliebtes und natürlich mit Erfolg gekröntes Mittel gegen 
Kinderlosigkeit {Mahähhärata, Ädiparvan CCXVH); besonders 
aber dient sie zur Erlangung von übernatürlicher Kraft. In dem- 
selben Epos wird von zwei D^i^ya-Brüdem erzählt, die eine 
Reihe schwerer Kasteiungen auf sich nehmen, mit der aus- 
gesprochenen Absicht, die drei Welten zu erobern. Sie kleideten 



— 27 — 

sich in Bastgewänder, trugen ihr Haar geflochten, beschmierten 
sich vom Kopf bis zu den Füßen mit Staub und unterwarfen sich 
in der Einsamkeit den größten Qualen von Hunger und Durst. 
Sie standen jahrelang auf den Zehen, die Arme hochgerichtet und 
die Augen weit geöffnet. Aber noch nicht zufrieden mit diesen 
schmerzhaften Peinigungen, schnitten sie sich in ihrem Eifer 
Stücke von ihrem eigenen Fleische ab und warfen sie ins Feuer. 
Das Vindhya-Gebirge, auf dem diese entschlossenen Asketen 
Platz genommen hatten, wurde erhitzt von der Glut ihrer 
Kasteiungen, und die Götter, die ihre Taten sahen und vor den 
möglichen Folgen zitterten, versuchten alles, was in ihren Kräften 
stand, jene von der strikten Beobachtung ihres Gelübdes ab- 
zubringen. Sie stellten sie auf die Probe mit dem Anerbieten 
allen möglichen köstlichen Besitzes und der schönsten Mädchen, 
aber vergebens. Dann versuchten es die Himmlischen mit Blend- 
werkszauber, indem sie die Asketen glauben machten, daß deren 
Schwestern, Mütter, Frauen und andere Verwandte mit zer- 
zaustem Haar, die Schmucksachen und Kleider abgerissen, 
voller Entsetzen, von einem Dämon, mit einer Lanze in der 
Hand, verfolgt und niedergeschlagen, zu ihnen geflohen kämen ; 
und es schien, daß diese Frauen um Hilfe riefen und den Bei- 
stand jener beiden Brüder anflehten. Aber selbst diese auf- 
regende Szene häuslichen Ungemaches vermochte die Asketen 
nicht von ihrer Beharrlichkeit abzubringen, und Brahman selbst 
sah sich schließlich genötigt, ihnen sehr umfangreiche Macht und 
Vorrechte einzuräumen, einschließlich der Gabe, daß nur einer 
von des anderen Hand sollte getötet werden können. Als diese 
erfolggekrönten Büßer nach Hause zurückkehrten, legten sie 
köstliche Kleider an, trugen wertvolle Schmucksachen, ließen 
den Mond jede Nacht über ihrer Stadt aufgehen und lebten 
jahraus, jahrein in ununterbrochenen Festen und jeglicher Art 
von Vergnügungen. (Ädiparvan CCXI; bei Oman, p. 20.) 

Sehr häufig benutzten die Heiligen ihre Macht in nichts 
weniger denn frommer Gesinnung, und es macht ganz entschieden 
einen recht schlechten Eindruck, wenn man z. B. in der Suka- 
saptati (textus simplicior, p. 2, textus omatior, p. 11, meiner Über- 
setzung) von einem solchen Manne liest, daß er einen Reiher 
mit dem Blick seiner Augen zu Asche verbrannte, bloß weil der 



— 28 — 

Kot des armen Vogels den heiligen Mann beschmutzt hatte! 
Das Urbild des empfindlichen Büßers ist in dieser Hinsicht 
Durväsas, von dem ungezählte Jähzomsausbrüche erzählt 
werden. Man vergleiche als bekanntestes Beispiel sein Be- 
nehmen gegen Sakuntalä (p. 76 der Übersetzung von Fritze). 
Fortwährend liest man, wie so ein Heiliger aus der geringfügig- 
sten Veranlassung wütend wird und das meist recht wenig 
schuldige Opfer seiner galligen Laune verflucht; eine Tatsache 
übrigens, die den Hochmut dieser Sorte von Brahmanen aufs 
trefflichste beleuchtet. 

Um seine Vorfahren zu rächen, unterzog sich der Heilige 
Urva den härtesten Kasteiungen, um alle Geschöpfe auf Erden 
zu vernichten. Das Feuer seines Zornes war so glühend, daß es 
nur mit Mühe im Ozean untergebracht werden konnte! 

Die Prinzessin Ambä von Benares vollzog die grausigsten 
Bußübungen viele Jahre hindurch, um Bhisma zu vernichten. 
Der Gott Mahädeva sagte ihr gnadenvoll zu, daß sie in der 
nächsten Existenz ein stolzer Krieger werden sollte, der den 
verhaßten Bhisma vernichten würde. Daraufhin ließ das Mäd- 
chen Holz aus dem Walde holen, errichtete einen großen Scheiter- 
haufen am Ufer der Jumna und stürzte sich, nachdem sie ihn 
in Brand gesteckt hatte, in die Flammen mit den Worten: ,,Ich 
tue das um Bhismas Vernichtung willen." Natürlich blieb die 
erwartete Wirkung nicht aus. 

Aus dem zweiten großen Epos der Inder, dem Rämäyana, 
sind ebenfalls genug Beispiele von übernatürlichen, durch As- 
kese erlangten Kräften und Vorrechten bekannt. So hatte der 
zehnköpfige Herr der Räksasas, Rävana, durch lange, mühe- 
volle Bußübungen bei Brahman das Gnadengeschenk durch- 
gesetzt, daß kein Gott noch Halbgott fähig sein sollte, ihm das 
Leben zu nehmen. Gedeckt durch diese Bestimmung des 
Schöpfers, wurde der zehnköpfige Räksasa der Schrecken der 
Welt. Da er aber in seinem Dünkel unterlassen hatte, sich auch 
gegen Menschen feien zu lassen, so machte sich der Gott Visnu 
diese Vergeßlichkeit zunutze, kam als Räma zur Welt und tötete 
nach wundersamen Abenteuern jenen König der Dämonen. 

Ein anderer Dämon, Virädha mit Namen, hatte durch seine 
Bußübungen die Gabe empfangen, gegen jede Art von Waffen 







0^ 







— 29 — 

gefeit zu sein. Er empfing sein Schicksal aus der Hand Rämas, 
der ihn ohne Waffen, nur mit seinen Fäusten, besiegte und in 
eine tiefe Höhle schleuderte. 

Im Sivafuräna finden wir die Erzählung vom Dämon 
Täraka, der sich freiwillig elf verschiedenen Arten von Selbst- 
abtötung unterzog, von denen sich eine jede über einen Zeit- 
raum von 100 Jahren erstreckte. Darüber wurden Indra und 
die geringeren Götter so bestürzt, daß sie sich an Brahman 
wandten, er möchte die schrecklichen Bußübungen jenes As- 
keten verhindern. Das höchste Wesen mußte aber zugeben, daß 
es solchen Kasteiungen nicht widerstehen könnte, sondern sie be- 
lohnen müßte. Brahman sagte ihnen jedoch, daß, wenn er 
Täraka den Wunsch erfüllt hätte, um dessen t willen dieser so 
viel Mühsal auf sich genommen hätte, er einen Plan entwickeln 
wollte, um endgültig die Anstrengungen des Dämons unschäd- 
lich zu machen. Wonach Täraka trachtete, war, an Stärke ohne- 
gleichen zu sein und von niemandes Hand getötet werden zu 
können, es sei denn von derjenigen von Sivas Sohn. Nachdem 
dieser Wunsch zugestanden worden war, wie es nicht anders sein 
konnte, tyrannisierte der Dämon im stolzen Gefühl seiner Macht 
die niederen Götter und setzte das ganze Weltall in Schrecken, 
da er sich für völlig sicher hielt; denn er rechnete fest darauf, 
daß Siva niemals Vater eines Sohnes werden würde. Darin 
hatte er sich allerdings getäuscht, wie es Kälidäsa in seinem ly- 
rischen Epos Kumärasambhava anziehend genug geschildert hat. 

Im Visnupuräna (I, ii, 12) wird die Geschichte vom König 
Uttänapäda und seinen beiden Frauen erzählt, deren jede ihm 
einen Sohn gebar. Eines Tages, als der König auf seinem Throne 
saß und das Kind seiner Lieblingsgattin auf dem Knie schaukelte, 
versuchte sein anderer Sohn, Dhruva, ein Kind von 5 Jahren, 
der zufällig zugegen war, natürlich dasselbe Vergnügen zu ge- 
nießen. Die Lieblingskönigin, Suruci, die dabei stand, belehrte 
den Kleinen recht von oben herab über sein ungehöriges Ver- 
langen, indem sie ihm sagte, der Thron sei der geeignete Platz 
für ihren Sohn, aber sicherlich nicht für ihn. Beschämt und 
unwillig begab sich der kleine Dhruva in die Gemächer seiner 
Mutter, der er sein kummervolles Herz ausschüttete. Seine be- 
trübte Mutter suchte ihn zu trösten und empfahl ihm — echt 



- 30 - 

indisch — die Übung der Geduld und die Pflege des Geistes der 
Zufriedenheit; aber Dhruva war zu tief gekränkt, als daß er 
seiner Mutter wohlgemeinten Rat hätte annehmen können, und 
rief, wiewohl er noch Kind war: ,, Mutter, die Worte, die du zum 
Tröste an mich gerichtet hast, finden keinen Platz in einem 
Herzen, daß durch jenen Schimpf gebrochen ist. Ich will mich 
bemühen, einen so hohen Rang einzunehmen, daß ich von der 
ganzen Welt verehrt werden soll. Obgleich ich nicht von Suruci, 
dem Liebling des Königs, geboren worden bin, sollst du doch 
meinen Ruhm sehen. Mag Uttama, mein Bruder, den Thron 
einnehmen, den mein Vater ihm gegeben hat : ich verlange nach 
weiter keinen Ehren, als solchen, die meine eigenen Handlungen 
erringen werden, und die selbst mein Vater nicht genossen hat." 
Indem er diese Hoffnungen hegte, schlug der junge Prinz, auf 
der Suche nach der höchsten Ehre und Ruhm, einen Weg ein, 
von dem sich ein Kind oder Mann in Europa bei ähnlichem 
Anliegen nichts würde träumen lassen. Dhruva, der, wie gesagt, 
erst 5 Jahre alt war, verließ die Stadt und begab sich in ein nahe- 
gelegenes Dickicht, wo er sieben Heilige auf Fellen der schwarzen 
Antilope sitzen sah. Er setzte diesen heiligen Weisen die Um- 
stände, die ihn aus seinem königlichen Heim fortgetrieben 
hatten, sowie seinen brennenden Wunsch nach Erlangung einer 
hohen Stellung auseinander und fragte dann respektvoll um 
ihren Rat. Die Heiligen waren so freundlich, dem Kinde zu- 
zuhören, ihm die Verehrung Visnus zu empfehlen und es zu 
unterweisen, welchen Weg es dabei einschlagen sollte. ,, Prinz," 
sagten die Büßer, ,,du verdienst zu vernehmen, wie die An- 
betung Visnus von denjenigen vorgenommen worden ist, die sich 
seinem Dienste geweiht haben. Der Geist muß zuerst dahin 
gebracht werden, alle äußeren Eindrücke aufzugeben, und dann 
muß man ihn standhaft auf das richten, worin die Welt besteht. 
Wer seine Gedanken so auf einen einzigen Gegenstand richtet, 
so daß sie ganz davon erfüllt sind und sein Geist unter sicherer 
Kontrolle ist, der muß unverändert das Gebet murmeln, das 
wir dir vorsprechen wollen: ,0m, Ruhm sei Väsudeva, dessen 
Wesen göttliche Weisheit und dessen Gestalt unergründlich oder 
als Brahman, Visnu und Siva manifestiert ist.'" 

Um nun sein großes Vorhaben zur Ausführung zu bringen, 



— 31 — 

zog sich der kleine Prinz nach einem heiUgen Platze am Ufer 
der Jumna zurück und befolgte dort sehr sorgfältig die Lehren, 
die er von den Heiligen empfangen hatte, mit dem erfreulichen 
Erfolge, daß Visnu sich seinem Geiste offenbarte. Als dies ge- 
schah, war sogar die Erde selbst nicht imstande, die Last des 
Miniaturasketen zu tragen. Die Himmlischen gerieten in Be- 
stürzung und versuchten alle Künste, seine Versenkung zu 
stören und ihn davon abzulenken, aber alle ihre Anstrengungen 
blieben unwirksam. Noch mehr bestürzt über diesen Mißerfolg, 
wandten sich die Götter an Visnu und sagten zu ihm: ,,Gott 
der Götter, Herrscher der Welt, höchster, unendlicher Geist, 
wir sind, unglücklich über Dhruvas Kasteiungen, zu dir ge- 
kommen, um Schutz zu erflehen. Wie der Mond auf seiner Bahn 
von Tag zu Tag wächst, so nähert sich dieser Jüngling unauf- 
hörlich infolge seiner Bußübungen übernatürlicher Macht. Er- 
schreckt über die asketischen Praktiken von Uttänapädas Sohn, 
suchen wir Beistand bei dir. Laß die Glut seiner Versenkung 
sich abkühlen. Wir wissen nicht, nach welchem Grade er strebt, 
dem Throne Indras, der Herrschaft über die Sonnen- oder Mond- 
sphäre, oder der Gebieterschaft über die Reichen oder über die 
Tiefe der Unterwelt. Habe Mitleiden mit uns, Herr; beseitige 
den Kummer aus unserer Brust und hindere den Sohn Uttäna- 
pädas, in seinen Kasteiungen fortzufahren." 

Um die Angst der Götter zu beheben und auch um des all- 
gemeinen Besten willen kam schließlich Visnu persönlich auf 
die Erde und gewährte dem kindlichen Asketen seinen Wunsch, 
eine erhabene Stellung, höher als alle anderen, einzunehmen, die 
ihm für immer gehören sollte. Dieses ehrgeizige Verlangen wurde 
durch Dhruvas Versetzung an den Himmel als Polarstem erfüllt. 
(Oman, p. 21 ff.) 

Eigentümlich bleibt es hierbei, daß Brahman nach ewigen, 
umwandelbaren Gesetzen jedesmal genötigt ist, den Wunsch zu 
gewähren, um dessen t willen der betreffende Asket sich seinen 
Peinigungen unterzieht. Aber Brahman hat selbst in der Ge- 
stalt eines Büßers Tausende von Jahren lang auf dem Berge 
Gandhamädana die härtesten Bußübungen vollbracht, um die 
Oberhoheit über alle Kreatur zu erlangen. 

Wir weisen nun freilich die Möglichkeit ab, daß man durch 



— 32 — 

asketisches Leben irgend welche Kräfte zum Guten oder Bösen 
erwerben könne : für die Hindus hat aber diese Hoffnung immer 
etwas Bestechendes gehabt. Man hat in Indien allgemein an 
die Wirksamkeit der Kasteiungen in übernatürlichem Sinne ge- 
glaubt und sich mit dem Ruhme, im Besitze von Zauberkräften 
zu sein, gegenseitig zu überbieten gesucht. Ein Musterbeispiel 
dafür ist die Rivalität zwischen König Visvämitra und dem 
Heiligen Vasistha. x\uf einem seiner Jagdzüge war jener sehr 
verschwenderisch von dem Asketen in seiner Einsiedelei be- 
wirtet worden. Da der König merkte, daß der Einsiedler in- 
mitten der Wildnis so ein prächtiges Fest veranstalten und köst- 
liche Geschenke obendrein geben konnte, weil er der glückliche 
Besitzer einer wunderbaren ,, Wunschkuh" war, wurde der 
König neidisch und wünschte das Tier für nicht weniger als 
100 Millionen Kühe, ja selbst um den Preis seines ganzen Reiches 
zu kaufen. Vasistha indessen weigerte sich, die Wunschkuh 
überhaupt herzugeben. 

Über diese unerwartete Absage war Visvämitra so beleidigt, 
daß er beschloß, seine königliche Macht zu zeigen und sich den 
Gegenstand seiner Wünsche mit Gewalt anzueignen. Aber er 
hatte sich verrechnet. Die Wunderkuh weigerte sich, einen 
Schritt zu tun und schuf, als die Diener des Königs ihr zusetzten, 
aus ihrem Schweiß, Urin, Kot usw. derartige Scharen von ge- 
waltigen, bis an die Zähne bewaffneten Kriegern, daß die Armee 
des Königs vor ihnen nicht bestehen konnte. In der Schlacht, 
die nun anhob, stürzten sich hundert Söhne des Königs auf 
Vasistha, wurden aber durch einen Hauch aus dem Munde des 
Heiligen auf einmal zu Asche gebrannt. Von dem Brahmanen 
geschlagen und gedemütigt, versuchte der König das letzte 
Mittel, was ihm noch übrig blieb, und beschloß durch Kastei- 
ungen übermenschliche Kraft zu erwerben, bloß mit der Aus- 
sicht auf den Triumph über den Brahmanen Vasistha. Zu diesem 
Zwecke verließ er sein Reich, begab sich nach dem Himälaya und 
unterzog sich dort eine lange Zeit den härtesten Bußübungen. 
Die Folge war, daß ihm der ,, große Gott", Mahädeva, erschien, 
ihn mit himmlischen Waffen beschenkte und ihn im Gebrauch 
dieser schrecklichen Zerstörungsinstrumente unterwies. Von 
Stolz gehoben, voll Vertrauen auf seine eben erworbene Kraft 



— 33 — 

und nach Rache dürstend, brach Visvämitra auf, um seinen sieg- 
reichen Feind zu bestrafen. Er brannte Vasisthas Einsiedelei 
nieder und trieb in kopfloser Flucht alle Bewohner dieser stillen 
Klause hinweg. Aber der Brahmane selbst konnte nicht einmal 
mit den Wunderwaffen der Götter überwältigt werden. Ein 
Kampf ward ausgefochten, und es zeigte sich noch einmal die 
unerreichbare Überlegenheit der Priesterkaste, selbst im Ge- 
brauche der todbringenden Kriegs waffen. Visvämitra wäre nun 
vernichtet worden; aber auf die dringendste Verwendung der 
Munis hin verschonte der siegreiche Brahmane seinen unter- 
legenen Feind. Durch bittere Erfahrung belehrt, sah Visvämitra 
jetzt ganz klar, daß nur die Erlangung der Brahmanen würde ihn 
mit Vasistha auf gleiche Stufe stellen konnte, und so nahm er 
noch einmal seine Zuflucht zu jener untrüglichen Quelle von 
Macht, zur Kasteiung. Auf Grund von tausend Jahre lang be- 
triebener Askese errang er einen Platz im Himmel der könig- 
lichen Weisen, war aber mit diesem Lohne noch nicht zufrieden ; 
und da er keinen anderen Weg zur Erreichung seines Zweckes 
sah, erneuerte und verschärfte er seine Kasteiungen, die aller- 
dings durch mancherlei Episoden unterbrochen wurden. Die 
eine davon war die Versetzung eines gewissen Trisanku in die 
himmlischen Regionen in seiner menschlichen Gestalt, der, von 
der Priesterschaft gebannt, Visvämitras Hilfe aufsuchte. Diese 
Einführung Trisankus in den Himmel war ein schlimmes Ding, 
denn die Himmlischen selbst widersetzten sich ihr tatkräftig, 
so daß sie nicht eher durchgesetzt werden konnte, als bis Visvä- 
mitra die erstaunten Götter durch die Erschaffung neuer Sterne 
und Sternbilder in Schrecken versetzt und sogar in seiner Wut 
gedroht hatte, einen neuen Indra zu schaffen oder die Welt über- 
haupt ohne Indra weiter bestehen zu lassen. In der Tat begann 
der meisterhafte Büßer wirklich, neue Götter ins Dasein zu rufen, 
als die Himmlischen den strittigen Punkt bewilligten und sich 
mit ihm einigten. Nach diesem Kriege mit dem Himmel er- 
neuerte der königliche Asket seine Kasteiungen weitere tausend 
Jahre, nach deren Ablauf Brahman ihm verkündigte, daß er den 
Rang eines Rsi erlangt habe. Durchaus nicht mit diesem Lohne 
zufrieden, fuhr der König mit seinen Selbstpeinigungen fort, fiel 
aber nach kurzer Zeit in die Netze einer lieblichen himmlischen 

Schmidt, Fakire und Fakirtum. 3 



— 34 — 

Nymphe, Menakä mit Namen, die von den Himmlischen aus- 
drückhch zu dem Zwecke auf die Erde gesandt worden war, 
um Visvämitras Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und seine 
Kasteiung zu stören. Nachdem der König seine Selbstbeherr- 
schung wiedergewonnen und die verführerische Nymphe freund- 
lich entlassen hatte, machte er einen weiteren Kursus von tausend- 
jähriger Askese durch und empfing nach Ablauf dieser Zeit von 
Brahman die Würde eines ,, großen Rishi'\ Er erfuhr dabei von 
dem höchsten Wesen, daß er noch nicht diejenige vollkommene 
Selbstzucht erlangt habe, die ihn zu der erhabenen Auszeichnung 
als ,,Brahmarshi" berechtigen würde. Daraufhin stürzte sich 
der unermüdliche König in eine noch härtere Reihe von Kastei- 
ungen, wobei er sich Hunderte von Jahren hindurch den schmerz- 
haftesten körperlichen Qualen unterzog, völliges Schweigen be- 
obachtete und den Atem anhielt. 

Als er fortfuhr, den Atem anzuhalten, ging zur großen Be- 
stürzung der drei Welten Rauch von seinem Haupte aus. Die 
Götter, Heiligen usw. wandten sich darum an Brahman und 
sagten: ,,Der große Heilige Visvämitra ist auf verschiedene Arten 
gefoppt und gereizt worden, aber er steigt immer höher in der 
Heihgkeit. Wenn sein Wunsch nicht erfüllt wird, wird er kraft 
seiner Bußübung die drei Welten zerstören. Alle Weltgegenden 
sind verwirrt* kein Licht scheint mehr; alle Meere sind in Auf- 
ruhr und die Berge zerbröckeln, die Erde bebt und der Wind 
bläst verwirrt. Wir können nicht gutsagen, Brahman, daß die 
Menschheit nicht atheistisch wird. Ehe sich der große, ruhm- 
reiche Weise von jähzornigem Temperament entschließt, alles 
zu vernichten, laß ihn besänftigt werden." 

Demgemäß näherten sich die Götter, Brahman an der 
Spitze, dem mächtigen Asketen, begrüßten ihn als ,,Brah- 
marshi ' und sprachen einen Segen über ihn. Der König aus der 
KriegerkcLste hatte also auf diese Weise, nach Tausenden von 
Jahren intensiver Abtötung und strenger Selbstzucht, den er- 
habenen Stand der Brahmanenschaft erreicht. Seine Hoffnung 
allerdings, über Vasistha zu triumphieren, was doch der Antrieb 
zu seinen freiwillig übernommenen und jahrtausendelang fort- 
gesetzten Peinigungen des Leibes und der Seele gewesen war, 
wurde merkwürdigerweise nicht erfüllt. Er wurde vielmehr auf 



35 



Vermittlung der Götter mit seinem noch immer unbesiegten 
Gegner versöhnt. (Oman, p. 28ff.) Die hier erwähnten Legen- 
den hat Johann Jakob Meyer in seiner Gedichtsammlung 
,,Asanka", p. 54 ff. und 58 ff., sehr schön poetisch bearbeitet. 
Das sind nun freilich uralte Legenden, mythologische Er- 
zählungen, die einer überaus weit zurückliegenden Zeit an- 
gehören, und man möchte wohl glauben, daß die alte Welt der 
Wunder, die darin geschildert ist, für die Hindus längst zu 
existieren aufgehört hat. Daß dies aber keineswegs der Fall ist, 
zeigt u. a. eine Wundergeschichte aus dem Leben des Bäbä 
Nänak, des Gründers der modernen Sekte der Sikhs, der von 
1469— 1539 A. D. lebte. Während einer Rast auf einer jener 
ausgedehnten Wanderungen, die Bäbä Nänak auf der Suche 
nach Weisheit zu unternehmen pflegte, ging sein treuer Diener 
Mardanah aus, um für ihr rauchiges Feuer Brennholz zu sammeln. 
Nicht weit von ihrem damahgen Lagerplatz lebten sichtbarlich 
einige von jenen vollendeten Yogins, die als Siddhas bekannt 
sind; und sobald Mardanah eine kleine Menge Brennholz zu- 
sammen hatte, kam einer dieser Siddhas herbei und nahm 
ihm alles mutwillig weg. Der Früchte seiner Arbeit beraubt, 
kehrte Mardanah zu seinem erhabenen Meister zurück und be- 
richtete, was ihm zugestoßen war. Ohne ein Anzeichen von 
Ärger holte Nänak sofort aus den Falten seines wallenden Ge- 
wandes einiges Reisig hervor, und mit diesem so wunderbar be- 
schafften Brennmaterial zündete Mardanah das Abendfeuer an. 
Beschämt und ärgerlich, erregten die Siddhas einen heftigen 
Sturm, um Nänaks dhünl auszulöschen; aber die einzige Wir- 
kung davon war, daß er ihr eigenes Reisig wegwehte und ihre 
eigenen Herde verlöschte. Trotz ihrer übernatürlichen Kräfte 
waren so die Siddhas genötigt, selber umherzugehen, um für 
sich selber Holz und Feuer zu holen; aber da Bäbä Nänak dem 
Genius des Feuers befohlen hatte, ihnen nicht zu helfen, so waren 
die Siddhas schließlich gezwungen, zu Bäbä zu kommen und ihn 
demütig zu bitten, ihr Reisig für sie anzuzünden. Nänak wollte 
jedoch ihre Bitte nur unter der Bedingung erfüllen, daß Gorak- 
näth, ihr vielverehrtes Haupt, ihm einen seiner Ohrringe und 
einen seiner Holzschuhe als Zeichen der Anerkennung seiner 
Minderwertigkeit sende. Um Nänak weiter auf die Probe zu 



- 36 - 

stellen, forderten die Siddhas, die sich über ihre Niederlage 
ärgerten, ihn auf, ihnen dann und wann Milch zu geben. Er 
tat es auf der Stelle, indem er bloß das Wasser in einem dicht 
dabei gelegenen Brunnen sich in Milch verwandeln hieß. Die 
Verwandlung trat ein, gehorsam dem Winke des Heiligen, wobei 
die so hervorgebrachte Milch auf die Oberfläche heraufkam. 

Nänaks nächstes Wunder in diesem Zusammenhange war, 
daß er Wasser vom Ganges herbeischaffte, da die Siddhas ihn 
gebeten hatten, sie mit frischem Flußwasser für ihr Morgenbad 
zu versorgen. Mardanah wurde mit einem Spaten ausgesandt, 
um eine fortlaufende Linie von dem fernen Flusse her zu ziehen, 
mit der Anweisung, auf keinen Fall sich umzusehen. Wie er den 
Spaten hinter sich entlangzog, folgte diesem ein Wasserstrom; 
als er sich aber der Stelle näherte, wo sein Meister seinen Sitz 
hatte, vergaß er in der Neugierde seine sonstige Gehorsamkeit 
und wandte wie Lots Weib den Kopf, um über seine Schulter 
zu sehen : da hörte der Strom, der so weit mitgeflossen war, auf, 
weiterzuströmen. Die Siddhas sagten prahlerisch: ,, Jetzt wollen 
wir ihn mit unserer eigenen Kraft weiterfließen lassen"; aber 
ihre Anstrengungen waren ganz vergeblich. 

Ärgerlich über diese Proben von Nänaks Überlegenheit, be- 
schlossen seine Gegner auf eigne Faust einige Wunder zu voll- 
bringen. Einige von den Siddhas begannen umherzufliegen oder 
ihre Gazellenfelle durch die Luft schweben zu lassen wie ge- 
wöhnliche Bewohner der Lüfte. 

Ein dünkelhafter Siddha wollte auf Feuerflammen reiten, 
ein anderer auf einem Stück von einer Steinmauer, als wenn es 
ein Pferderücken wäre. Nänaks Gleichgültigkeit bei ihren Vor- 
führungen außerordentlicher Kräfte brachten diese Thauma- 
turgen gewaltig in Eifer, und sie forderten ihn offen auf, etwas 
den von ihnen vorgeführten Wundem Ähnliches zu vollbringen, 
und wäre es auch nur um seines eigenen Kredits willen. Aber 
Bäbä Nänak brachte dagegen vor, daß er nur ein geringer Mann 
sei und ihnen nichts Überraschendes zu zeigen hätte, mit dem 
Bemerken, er würde sie finden, wo auch immer sie wären, wenn 
sie sich verstecken wollten. Die Siddhas nahmen die Heraus- 
forderung des Meisters zum Versteckespiel an. Der eine von 
ihnen flog in den Himmel hinauf und verbarg sich dort, ein 



— 37 — 

anderer suchte einen Schlupfwinkel in den Schluchten des fernen 
Himalaja, ein dritter verbarg sich in den Höhlungen der Erde; 
aber Nänak fand sie bald einen nach dem andern und zog sie 
aus ihren Verstecken an den Locken heraus, die die Scheitel ihrer 
Häupter zierten. Nun war Nänak an der Reihe, sich zu ver- 
stecken, und die anderen mußten ihn suchen. Seine Tätigkeit 
dabei bestand darin, seine körperliche Hülle in ihre ursprüng- 
lichen Bestandteile, Feuer, Luft, Erde und Wasser, aufzulösen, 
während seine Seele mit Gott wiedervereint war. Die Siddhas 
konnten natürlich den zersetzten Meister nicht finden; aber er 
hatte ihnen vor seinem Verschwinden gesagt, wie sie ihn zur 
Rückkehr bringen könnten, falls sie, wie er voraussah, unfähig 
sein sollten, ihn zu entdecken. Sie sollten eine kleine Spende 
am Fuße des Baumes darbringen, an dem er gewöhnlich saß, 
und Gott um die Rückkehr Nänaks bitten, wenn er wieder er- 
scheinen wollte. Völlig unterlegen, taten sie das, und Bäbä 
Nänak kehrte gnädiglich zurück. (Oman, p. 31 ff.) 

Über Nänak besitzen wir außer den Originalurkunden im 
Ädigranth, der Bibel der Sikhs, eine Darstellung von Trumpp 
(Nänak, der Stifter der Sikh-Religion, München 1876), der wir 
folgendes entnehmen: 

,, Nänak lehrte, es gäbe keine Hindus und keine Muselmänner. 
Das brachte ihn in den Ruf der Verrücktheit. Auf das Antreiben 
des Käzi berief ihn der Naväb Daulat Khan zu sich, um ihn über 
seine Lehre zu vernehmen. Es war gerade die Zeit des Mittags- 
gebets, und der Khan lud Nänak ein, ihn in die Moschee zu be- 
gleiten. Der Käzi betete vor; Nänak aber, statt andächtig zu- 
zuhören, fing zu lachen an. Nach dem Gebet beklagte sich der 
Käzi über Nänaks unehrerbietige Aufführung. Darüber von 
dem Khan zur Rede gestellt, erwiderte er: er habe gelacht, weil 
das Gebet des Käzi ein nutzloses gewesen sei. Aufgefordert, sich 
näher auszusprechen, fuhr er fort : der Käzi habe in seinem Hofe, 
in dem ein offener Brunnen sei, ein junges Füllen gelassen, wäh- 
rend des Betens habe er immer an das Füllen gedacht, es möchte 
in den Brunnen fallen. Auf dieses hin fiel der Käzi zu Nänaks 
Füßen und bekannte die volle Wahrheit. Dadurch stieg Nänak 
auf einmal in der Achtung aller, und der Khan entließ ihn gnädigst, 
nachdem er ihm noch all sein Vermögen angeboten hatte." 



- 38 - 

(Trumpp, Festrede, p. ii f.) In Dilli soll er einen toten Ele- 
fanten wieder lebendig gemacht haben. Als aber der damalige 
Moghul, der davon hörte, Nänak aufforderte, den Elefanten zu 
töten und in seiner Gegenwart wieder lebendig zu machen, lehnte 
er dies klugerweise ab (1. c. 13). 

Auf seiner dritten Reise soll er die sonst giftigen Früchte 
und Blüten des Akk-Baumes in getrocknetem Zustande ohne 
Schaden für seine Gesundheit genossen haben. 

Auf der vierten Reise, die ihn nach Mekka führte, legte er 
sich dort an der Kaabah nieder und streckte seine Füße zufällig 
gegen diese. Der Käzi Ruknuddln, der dies bemerkte, machte 
Nänak Vorwürfe wegen dieser Unehrerbietigkeit. Nänak er- 
widerte ihm: Lege meine Füße nach der Richtung, wo das Haus 
Gottes nicht ist. Der Käzi drehte die Füße Nänaks um, aber 
wohin er sie auch drehte, dahin richtete sich auch die Kaabah. 
Auf dieses Wunder hin küßte der Käzi Nänak die Füße und hatte 
eine lange Unterredung mit ihm, in der er selbstverständlich den 
kürzeren zog (1. c. 14). 

Als er sein Ende herannahen fühlte, sagten die Mohamme- 
daner, die um sein Lager herumstanden: ,,Wir wollen ihn be- 
graben;" die Hindus dagegen: ,,Wir wollen seinen Leichnam 
verbrennen." Nänak aber befahl: ,, Leget Blumen zu meinen 
beiden Seiten, auf die rechte die der Hindus und auf die linke 
die der Muselmänner. Wenn die Blumen der Hindus bis morgen 
grün bleiben, so sollen sie mich verbrennen, wenn aber die der 
Muselmänner grün bleiben, so sollen sie mich begraben." Dann 
forderte er seine Schüler auf, Strophen zum Lobe Gottes zu 
singen. Als die Strophen beendigt waren, zog er seine Füße 
hinauf und schlief ein. Als sie das Tuch, womit er bedeckt war, 
aufhoben, war nichts darunter. Die Blumen beider Parteien 
blieben grün, und so nahmen die Hindus und Muselmänner ihre 
Blumen und gingen heim (1. c. 15, 16). 

Ein bekannter indischer Polyhistor, der Jaina-Mönch 
Hemacandra, hat ebenfalls in dem Rufe gestanden, überirdische 
Kräfte zu besitzen. Bühler hat in seiner Monographie über 
diesen Mann alles darauf Bezüghche zusammengetragen. (Über 
das Leben des Jaina-Mönches Hemachandra, Wien 1889.) 

Als Kumärapäla, ein Fürst von Gujarat, sich dem Jaina- 



— 39 — 

Glauben zuneigte, riefen die Brahmanen den Räjäcärya De- 
vabodhi herbei. Dieser war ein großer Yogin, der sich die Göttin 
Bhärati untertänig gemacht hatte, der Zauberei kundig war und 
die Vergangenheit und die Zukunft kannte. Nachdem der König 
gehört hatte, daß Devabodhi in die Nähe von Anhilväd ge- 
kommen war, empfing er ihn mit großen Ehren und führte ihn 
in seinen Palast. Mit den Empfangsfeierlichkeiten ging der 
größte Teil des Tages vorüber. Am Nachmittag verehrte der 
König ein Bild des Säntinätha in Gegenwart des ganzen Hofes. 
Da ermahnte ihn Devabodhi, von dem Jaina-Glauben abzulassen. 
Als Kumärapäla den letzteren wegen der Ahimsä-Lehre'^) pries 
und den Srauta Dharma^) we^en Himsä tadelte, ließ Devabodhi 
die Götter Brahman, Vishnu und Siva, sowie die sieben Chau- 
lukya-Fürsten Mülaräja und seine Nachkommen erscheinen, die 
natürlich für die Religion des Veda sprachen. Am folgenden 
Morgen überbot Hemacandra Devabodhis Leistungen noch um 
ein Bedeutendes. Zuerst ließ er sich den Sitz wegziehen und 
führte das bei den Yogins angeblich sehr beliebte Kunststück 
aus, sich freischwebend in der Luft zu halten. Dann ließ er den 
ganzen Olymp der Jainas vor dem Könige erscheinen samt allen 
Vorfahren des Königs, welche die Jainas anbeteten. (Bühler, 
Hemacandra 83.) 

Hemacandra hat selbst ein ,, Lehrbuch des Yoga" {Yogasästra) 
verfaßt, dessen vier erste Kapitel Windisch ZDMG XXVIII, 
p. 185 ff., mit Übersetzung herausgegeben hat. Aber erst die 
folgenden Abschnitte entsprechen dem Titel, indem sie von der 
eigentlichen Yoga-Praxis handeln. Nachrichten darüber hat 
Bühler a. a. O. und R. G. Bhandarkar, Report on the 
Search for Sanskrit Manuscripts in the Bombay Presidency 
during the year 1883 — 84, Bombay 1887, p. iio ff., gegeben. 

Von den vielen Legenden, die über Hemacandra in den ein- 
schlägigen Sammlungen im Schwange sind, schildern bei weitem 
die meisten seine übernatürlichen Kräfte, seine Gabe der Pro- 
phezeiung, seine Kenntnis der fernsten Vergangenheit, seine 
Macht über die bösen Geister und die dem Jaina-Glauben feind- 
lichen brahmanischen Gottheiten. Im Prahhävakacaritra wird 

^) Verbot der Schädigung und Tötung lebender Organismen. 
2) Gesetze des Brahmanismus. 



— 40 — 

eine Weissagung Hemacandras erwähnt, welche richtig in Er- 
füllung ging. Der König von Kalyänakataka, heißt es, der durch 
seine Späher erfahren hatte, daß Kumärapäla ein Jaina ge- 
worden und machtlos sei, zog mit einem großen Heere aus, um 
Gujarät zu erobern. Voll Sorge ging Kumärapäla zu Hema- 
candra und fragte, ob er diesem Feinde unterliegen würde. 
Hemacandra tröstete ihn, indem er sagte, daß die Schutz- 
göttinnen der Jaina-Lehre über Gujarät wachten, und daß der 
Feind am siebenten Tage sterben würde. Wirklich brachten 
Kumärapälas Spione bald darauf die Nachricht, daß die Pro- 
phezeiung eingetroffen sei. 

Einen zweiten Beweis seiner Sehergabe lieferte Hema- 
candra, indem er dem Könige seine Geschichte in einem früheren 
Leben verkündigte. 

Er hatte auch die Fähigkeit des Femsehens. Einst, heißt 
es, saß Hemacandra mit dem König und dem Saiva-Asketen 
Devabodhi zusammen und erklärte die heiligen Schriften. Plötz- 
lich hielt er inne und stieß einen lauten Wehruf aus. Devabodhi 
rieb sich die Hände und sagte: ,,Es macht nichts." Dann wurde 
die Erbauungsstunde fortgesetzt. Als Hemacandra geendigt 
hatte, fragte Kumärapäla, was er mit Devabodhi gehabt hätte. 
Da antwortete der Mönch: ,, König, ich sah, daß eine Ratte im 
Tempel des Candraprabha zu Devapattana einen Lampendocht 
wegschleppte und dadurch eine Feuersbrunst entstand. Deva- 
bodhi löschte dieselbe, indem er sich die Hände rieb." Darauf 
sandte Kumärapäla Boten nach Devapattana und fand, daß 
Hemacandras Angaben richtig waren. (Bühler, p. 47.) 

Durch die Kraft seines Yoga heilte er auch Ämrabhatta, der 
bei der Wiederherstellung des Tempels des Suvrata in Broach 
mit der Saindhavi Devi in Konflikt geriet und krank wurde. 
Desgleichen reinigte er den König Kumärapäla kraft des Yoga 
vom Aussatz. 

Dieser Fürst hatte gelobt, um das sechste Gelübde der 
Jainas zu erfüllen, während der Regenzeit nie seine Hauptstadt 
zu verlassen. Da erfuhr er durch seine Späher, daß der Saka- 
Fürst von Garjana, d. h. der mohammedanische Sultan von 
Gazni, sich vorgenommen hatte, gerade um diese Jahreszeit 
Gujarät mit Krieg zu überziehen. Kumärapälas Verlegenheit 



— 41 — 

war groß. Wenn er sein Gelübde halten wollte, konnte er sein 
Land nicht verteidigen. Wenn er aber seine Herrscherpflichten 
erfüllen wollte, mußte er dem Jaina-Glauben untreu werden. 
In diesem Dilemma wendete er sich an Hemacandra, der ihn 
sofort beruhigte und Hilfe versprach. Hemacandra setzte sich 
dann in die Lotussitz-Positur und gab sich tiefer Meditation hin. 
Nach einer Weile kam ein Palankin durch die Luft geflogen, in 
dem ein schlafender Mann lag. Dieser Schläfer war der Fürst 
von Garjana, den Hemacandra durch die Kraft seines Yoga- 
Zaubers herbeigezogen hatte. Er wurde nur wieder freigelassen, 
nachdem er versprochen hatte, mit Gujarät Frieden zu halten 
und in seinen Staaten die Schonung aller lebenden Wesen 
während sechs Monaten zu gebieten. 

Eine zweite Erzählung (bei Jinamandana) schreibt Hema- 
candra eine noch größere Macht zu. Einst hatte er mit Deva- 
bodhi einen Streit, ob es Vollmondstag oder Neumondstag sei. 
Er selbst hatte die erstere Behauptung aufgestellt, die aber 
irrig war, und wurde deshalb von Devabodhi verspottet. Trotz- 
dem erklärte er sich nicht für besiegt, sondern versicherte, daß 
der Abend die Richtigkeit seiner Ansicht beweisen werde. Als 
die Sonne unterging, bestieg Kumärapäla mit Devabodhi und 
seinen Baronen den Söller des Palastes, um zu sehen, ob der 
Mond aufgehen würde, und entsendete zur Vorsicht noch Boten 
auf einem schnellen Dromedare nach Osten. Wirklich ging der 
Vollmond im Osten auf, schien die ganze Nacht hindurch und 
ging am folgenden Morgen im Westen unter. Die königlichen 
Boten, welche weit in das Land hineingeritten waren, berich- 
teten bei ihrer Rückkehr, daß sie dasselbe beobachtet hatten. 
Es war also nicht ein Blendwerk, das die Augen des Königs 
getäuscht hatte, sondern ein wirkliches Wunder, das Hema- 
candra mit Hilfe eines dienstbaren Gottes vollbrachte. 

Der König selbst durfte sich übrigens auch eines hübschen 
Erfolges seiner Frömmigkeit rühmen. Wir lesen bei Bühl er, 
p. 48, daß bei dem Abschreiben der zahlreichen Werke des 
Hemacandra die Palmblätter ausgingen und keine Hoffnung vor- 
handen war, ,,daß bald ein neuer Vorrat aus dem Auslande im- 
portiert würde. Kumärapäla war tief betrübt, daß die Tätigkeit 
seines Lehrers unterbrochen wurde. Er ging in seinen Garten, 



— 42 — 

wo viele gewöhnliche Palmbäume standen, verehrte dieselben mit 
wohlriechenden Substanzen und Blumen, legte mit Perlen und 
Rubinen verzierte goldene Ketten um ihre Stämme und betete, 
daß sie sich in Sritäla-Bäume verwandeln möchten^). Am fol- 
genden Morgen meldeten die Gärtner, daß des Königs Wunsch 
erfüllt sei. Die Überbringer der frohen Nachricht wurden 
reich belohnt und die Schreiber arbeiteten munter weiter". 



3. Kapitel. 

Die Wundertaten der Yogins. 

Wenn die mystische Vereinigung mit der Weltseele erfolgt 
ist, sagt H. H. Wilson (Sketch of the Religious Sects of the 
Hindus, p. 131), ist der Yogin an seinem lebendigen Leibe von 
der Fessel materieller Belästigung befreit und erlangt völlige 
Herrschaft über alle weltliche Substanz. Er kann sich leichter 
machen als die leichtesten Substanzen, schwerer als die schwer- 
sten ; er kann so ungeheuer groß und so klein werden, wie es ihm 
gefällt; er kann jeden Raum durchmessen, jeden toten Körper 
dadurch beleben, daß er seinen Geist aus seinem eigenen Gehäuse 
auf ihn überträgt; er kann sich unsichtbar machen, alle Gegen- 
stände erlangen, in gleicher Weise mit der Vergangenheit, Gegen- 
wart und Zukunft bekannt werden, und wird schließlich mit Siva 
vereint, d. h., ist davon erlöst, auf Erden wiedergeboren zu 
werden. Die übermenschlichen Fähigkeiten werden in verschie- 
denen Graden erworben, je nach der größeren oder geringeren Voll- 
endung, mit der die einleitenden Prozesse ausgeführt worden sind. 
— SvamiVivekananda sagt dasselbe kürzer mit den Worten 
(Räja-yoga, p. 11): ,,The Yogi proposes to himself no less a task 
than to master the whole universe, to control the whole of nature.' 

Neben denjenigen Heiligen und Propheten, die Visionen 
haben, in ,,trance" und Katalepsie verfallen und an Hysterie 

1) Bühler sagt in der Anmerkung 104, daß mit den gewöhnlichen Palm- 
bäumen die im westlichen Indien häufige Phoenix silvestris gemeint sein werde ; 
mit den ^ritälas die in Gujarät selteneren Exemplare des Bcrassus flabelli- 
formis. 



— 43 — 

leiden, in welchem Zustande sie dann von den Göttern in höchst- 
eigener Person aufgesucht werden und stets ein andächtiges 
Publikum haben — neben diesen neurotischen Heiligen stehen 
diejenigen Sädhus, denen der Glaube der Hindus Zauberkräfte 
zuschreibt, mögen sie nun zum Guten oder Bösen benutzt werden. 
Es ist überflüssig, darauf hinzuweisen, daß dieselbe Erscheinung 
überall und zu allen Zeiten zu beobachten gewesen ist. Nur 
sehen wir in Indien die erfreuliche Tatsache, daß die — sit venia 
verbo — Kirche^) nicht gegen solche Wundertäter mit Feuer 
und Schwert gewütet hat; im Gegenteil: der Mantel der Kirche 
hat sich dort als dehnbar genug erwiesen, um auch die Zauberer 
zu decken (Oman, p. 53). Die Brahmanen, die doch wohl an- 
erkanntermaßen die schlauesten aller Priester gewesen sind, be- 
sitzen ja als viertes heiliges Buch den ,,Veda der Zauberer", 
Atharvaveda, mit dem sie selber die Rolle der obersten Zauberer 
übernahmen; und so konnte Bloomfield in der Einleitung zu 
seiner Übersetzung des Atharvaveda (Sacred Books of the East, 
Vol. XLH) sagen: ,, Selbst die Zauberei ist ein Bestandteil der 
Hindu-Religion; sie hat die heiligsten vedischen Riten durch- 
drungen und sich mit ihnen innig vermischt; der breite Strom 
der Volksreh gion und des Aberglaubens hat sich durch zahl- 
lose Kanäle in die höhere Religion einfiltriert, die von den 
Brahmanen vorgestellt wird, und man kann annehmen, daß 
einerseits diese Priester gar nicht imstande waren, ihren 
eigenen religiösen Glauben von der Masse von Volksglauben zu 
reinigen, von der er umgeben war, wie es anderseits durchaus 
wahrscheinlich ist, daß das gar nicht in ihrem Interesse ge- 
wesen wäre." 

Natürlich erfreut sich ja der Atharvaveda nicht derselben 
hohen Wertschätzung wie die drei anderen Veden, die recht 
eigentlich der Priesterschaft angehören ; auch ist er der Zeit der 
Abfassung nach der jüngere — womit nicht gesagt werden soll, 
daß nun auch sein Inhalt immer sekundär sein muß — , aber die 
Zauberei, das Wundertun ist eine ganz alte Geschichte in 
Indien: die Literatur wimmelt von einschlägigen Erzählungen! 

Das Kämasütram nimmt Bezug auf ,, Beschwörungen" und 
„Behexungen", welche beiden Begriffe so definiert werden, daß 

1) Eine ,, Kirche" in unserem Sinne hat es in Indien nie gegeben. 



— 44 - 

diese in der Zufügung, jene in der Abwendung von Schädigungen 
aller Art bestehen. Es kennt auch eine magische Augensalbe, 
die unsichtbar macht — das Rezept steht auf p. 380 der III. Auf- 
lage meiner Übersetzung 1) — , ein Mittel, das auch sonst zu finden 
ist: in dem von Tawney übersetzten Kathäkosa wird eine 
Prinzessin durch eine Zaubersalbe in eine Katze verwandelt 
(p. 130) ; ebenda benutzt man eine weiße Augensalbe, durch die 
Menschen in Kamele umgestaltet werden, und eine schwarze, 
durch die sie wieder in Menschengestalt erscheinen (p. 135). In 
Dandins Dasakumäracaritam erkennt einer der Helden ver- 
mittelst einer Zaubersalbe ,,die unter verschiedene Schätze ver- 
ratenden Bäumen vergrabenen, mit Gut gefüllten Töpfe" (Über- 
setzung von J. J. Meyer, p. 174); ebenda bewirkt ein Gaukler 
bei allen Zuschauern Verblendung, indem er sich in beide Augen 
eine Zaubersalbe streicht (p. 193). Ihre Rolle übernehmen 
manchmal Mundkügelchen. So verwandelt sich in einem be- 
kannten Märchen (bei Meyer, p. 83) damit ein Brahmane in 
einen ,,verhotzelten Brahmanengreis", mit einem anderen seinen 
Schüler in ein reizendes Mädchen. Sobald dieser letztere das 
Kügelchen wdeder aus dem }.Iunde herausnimmt, wird er zum 
Jüngling zurück verwandelt. 

Im Jätaka Nr. 48 ist von einem Brahmanen die Rede, der 
im Besitze des Zauberspruches ,,Vedabbha" ist. Sobald die 
richtige Konstellation eingetreten w^ar, was allerdings nur alle 
Jahre einmal der Fall war, brauchte er bloß den Zauberspruch 
zu murmeln und gen Himmel zu schauen, um einen Regen von 
sieben Arten Edelsteinen herabströmen zu sehen. 

In Dandins Roman (p. 316 der Meyerschen Übers tzung) 
trifft Mantragupta einen Zauberer, dessen Leib mit flimmernden 
Menschenknochenstückchen als Schmuck bedeckt war, der sich 
mit dem Staub von den völlig verzehrten Kohlen feuerverbrannter 
Scheiter (d. i. mit Asche) bemalt hatte, der Flechten trug, an- 
zusehen wie die Blitzranke, und der in ein Feuer, das ein Räk- 
shasa (Zerstörer, verschlingender Unhold) war für die Finsternis 
des Waldbezirks, und dessen Flamme durch die Verzehrung des 
augenblicks ergriffenen verschiedenen Brennholzes emporhüpfte 

1) Die dritte Auflage des Kämasütram erschien 1907 gleichfalls im 
Verlage von Herrn. Barsdorf in Berlin. 



- 45 — 

— mit der linken Hand unaufhörlich knitternden und knattern- 
den Sesam, weißen Senf usw. hineinstreute. Vor ihm stand mit 
gefalteten Händen und mit den Worten: ,,Gib deinen Befehl; 
womit kann ich dir dienen?" der Diener. Und von dem überaus 
Niedriggesinnten ward ihm befohlen: ,,Geh, bring Kardanas, 
des Kaiingakönigs, Tochter, die Kanakalekhä, aus dem Mädchen- 
harem hierher!" — Der tat also. Darauf packte der Zauberer 
sie, die in gewaltigem Schreck, mit tränenrauher Stimme und 
sehnsuchterfaßtem Herzen : ,,Weh, Vater! Weh, Mutter!" schrie, 
an ihren dichten Haaren, auf denen der um den Scheitel getragene 
Kranz zerknüllt und welk und das Band zerrissen war, und machte 
Anstalten, ihr mit einem an einem Stein geschärften Schwerte 
den Kopf abzuhauen. Wuppdich, riß ich das Messer aus seiner 
Hand an mich, hieb ihm damit den Kopf ab, mit dem dichten 
Flechtennetz daran, und steckte selbigen in eine Spalte im Stamme 
eines nahebei stehenden morschen Baumes ..." 

Ebenso böse endet die Beschwörung, die der Zauberer in 
der Märchensammlung ,, Fünfundzwanzig Geschichten eines 
Leichendämon" [Vetälapancavimsatikä) ausführt. 

Der Inhalt dieses in Indien sehr beliebten Geschichten- 
buches ist kurz der: Im Südlande liegt eine Stadt namens 
Pratisthäna; dort herrschte König Vikramasena. Eines Tages 
kam von irgendwoher ein Yogin namens Säntisila herbei ; der 
trat mit einer Frucht in der Hand in den Audienzsaal und hän- 
digte dem König die Frucht ein. Dieser ließ ihm einen Platz 
anweisen und Betel geben. Der Yogin verweilte einen Augen- 
blick und ging dann seiner Wege. Auf diese Weise erschien er 
täglich und schenkte dem Könige eine Frucht. Einstmals nun 
fiel eine solche dem König aus der Hand ; ein Affe zerbrach sie, 
und siehe, da rollte ein Juwel heraus auf die Erde, durch dessen 
Glanz ein helles Leuchten entstand, so daß alle Leute in Er- 
staunen gerieten. Auch der König war verwundert und sagte 
zu dem Yogin: ,,Wozu hast du mir dies kostbare Kleinod ge- 
bracht?" — Jener antwortete: ,, Großkönig, höre! Es heißt ja 
im Lehrbuche: ,Den König, den Arzt, den Lehrer, den Stern- 
deuter, den Sohn und den Freund soll man nicht mit leeren 
Händen besuchen; und zwar deute man mit der Gabe auf die 
Gegengabe hin!' Ich habe dir zwölf Jahre lang viele solche in 



- 46 - 

Früchten versteckte Juwelen geschenkt." — Als der König 
diese seine Worte gehört hatte, ließ er den Schatzmeister holen 
und sagte zu ihm : ,, Schatzmeister, bringe einmal alle die Früchte 
her, die mir dieser Mönch gegeben hat und die du in die Schatz- 
kammer getan hast." Jener brachte sie auf des Königs Wort her- 
bei: dieser ließ sie jede einzeln aufbrechen und sah, daß sie alle- 
samt mit Juwelen gefüllt waren. Da ward der König angesichts 
der Menge Juwelen frohen Herzens und sagte: ,,Ei Mönch, zu 
welchem Zwecke hast du mir diese vielen wertvollen Juwelen alle 
gebracht? Ich bin nicht imstande, den Preis auch nur eines 
Juweles zu bezahlen; was verlangst du also sonst dafür? Sage 
an!" — Der Yogin sprach: ,,Auch die unbedeutendste Ange- 
legenheit eines Fürsten soll man nicht in der Gesellschaft vor 
anderen zur Sprache bringen: so hat Brhaspati gelehrt. Einen 
Siddha-Zauber, Arznei, Tugend, Schande im Hause, fleischlichen 
Umgang, schlechtes Mahl, schlechten Ruf und eine schwache 
Seite soll der Verständige nicht ausposaunen. Eine Beratung, die 
sechs Ohren hören, wird verraten ; eine Beratung, die vier Ohren 
hören, steht fest; hinter eine Beratung aber, die zwei Ohren 
hören, kommt selbst Brahman nicht. Ein Rat wird abgehalten, 
nachdem man auf den Rücken eines Berges gestiegen ist, oder 
auf der Zinne des Palastes unter vier Augen, im Walde, an 
menschenleerer Stätte. Majestät, unter vier Augen will ich es 
dir mitteilen." — Da hieß der König die Leute hinausgehen, 
worauf der Yogin sprach: ,, Majestät, ich will am kommenden 
Vierzehnten bei abnehmendem Monde am Ufer der Godä auf 
einem großen Leichenfelde einen Zauber vollbringen. Wenn 
dieser gelungen ist, werden mir die acht großen Kräfte zuteil 
werden, als da sind: die Kraft, sich unendlich klein und unend- 
lich groß, unendlich leicht und unendlich schwer zu machen, 
überall hinzudringen, vollkommene Willensfreiheit, Allmacht 
und Allherrlichkeit. Ein Mann aber voller Entschlossenheit ist 
der Gehüfe; denn ein Unentschlossener macht einen Zauber, 
auch wenn er zu Ende geführt worden ist, wirkungslos. Ein 
so entschlossener Mann aber, wie du einer bist, kommt mir sonst 
nicht mehr in den Sinn; deshalb wünsche ich dich zu meinem 
Gehilfen zu machen. Deshalb sei du mein Gehilfe. Komm in 
der Nacht mit einem Schwerte bewaffnet ohne Begleitung in 



— 47 — 

meine Nähe." Der König sagte zu, worauf der Mönch am Vier- 
zehnten mit allen nötigen Gerätschaften nach dem großen 
Leichenacker ging. Auch der König kam in der Nacht dorthin, 
nachdem er dunkle Kleider angezogen hatte. Als der Yogin ihn 
erblickt hatte, rieselte ihm die Haut vor Freude, und er sagte: 
,, Wohlan, König! Eine halbe Meile von hier liegt ein großer 
Leichenacker; dort hängt an einem Baume ^) ein Leichnam; den 
hole mir schnell von dort herbei." — Als der unvergleichlich 
mutige König dies Wort vernommen hatte, machte er sich auf 
den Weg nach jenem Baume. Als er furchtlos den Leichenacker 
erreicht hatte, da zeigte sich dieser rauch verhüllt und mit allem 
Zubehör eines solchen ausgestattet. Die Umfassungsmauern be- 
standen aus weißen, mit Gehirn beschmierten Knochen; es war 
eine Blutstätte, gleichsam der Spielplatz des Schicksals, reich an 
Schädelbechem ; von der Rauchfinstemis verdunkelt, vom Ge- 
schrei der Raksas erschallend. Es zuckten die Scheiterhaufen- 
feuerblitze ; es war, als hätten sich die Weltuntergangswolken er- 
hoben. Die Eingeweidekränze, die von den Geiern umhergezerrt 
wurden, dienten als kokette Perlenketten; der Wind blies 
schnell durch die Löcher in den vermoderten Knochenflöten ; es 
war ein Getöne von den Fußreifen der dort umherwandelnden 
Scharen von Yogins ; in allen Himmelsgegenden hallte das laute 
Hm! der grausigen Spieler (?) wieder; der Todesgott gab gleich- 
sam seinen Segen zum Beginn des Untergangs der drei Welten. 
Geschmückt war das Feld mit Schädels tücken, bekränzt mit 
einer Menge Skelette, beschmutzt von Feuerkohlen, ein zweites 
Bhairava; es erschallte dort gewaltiges, ohrenzerreißendes Ge- 
schrei, es gab eine Fülle schwer zu kontrollierender Morde, es 
wandelten grausige Männer umher — so war es gleichsam ein 
zweites Bhäratam^) ; es war reich an Trug wie ein Spiel, grausam 
wie der Weiber Sinn, wie der Mangel an Urteilskraft eine Stätte 
von mancherlei Zweifel und Unruhe . . . eine Stätte alles mög- 
lichen Unheils, wo die Gespenstergemeinde ihre Angriffe aus- 



1) Im Texte handelt es sich um Dalbergia Sissoo, 

^) Der Vergleich des Leichenfeldes mit dem großen indischen Epos er- 
gibt sich, wenn man die im Sanskrit doppelsinnigen Worte karna {= Ohr). 
duhsäsana (schwer zu kontrollieren) und bhima (grausig) als Eigennamen 
faßt; man erhält dann die Namen von drei Helden des Bhäratam. 



- 48 - 

führte; umgeben von viellöcherigen Wolken, ununterbrochen 
bedeckt von Geisterscharen. Dort sah man vielfach Gespenster, 
Dämonen und Teufel, den Mund mit Fleisch gefüllt, das Herz 
von Rausch wonne trunken. 

Dort ging also der König hin, stieg auf den Baum, schnitt 
mit einem Messer die Schlinge durch und Heß den Leichnam 
auf die Erde fallen, der einer schwarzen Gewitterwolke glich, 
mit seinen gesträubten Haaren und hervorgequollenen Augen 
Furcht einflößte, fleischlos und mit den Abzeichen der Ab- 
geschiedenen versehen war. Während der König herunterstieg, 
hing der Leichnam wieder an demselben Aste. Der König stieg 
nochmals auf den Baum, lud den Leichnam auf die Schulter, 
stieg herab und machte sich auf den Weg. Unterwegs sagte der 
in dem Kadaver wohnende Dämon zu dem Könige: ,,Den Ver- 
ständigen geht die Zeit dahin in Unterhaltung über Dichtkunst 
und Wissenschaft, den Toren aber in Laster, Schlaf oder Streit. 
Was ist eine hohe Stellung ohne Bescheidenheit? Was eine Nacht 
ohne Mond? Was Redefertigkeit ohne wahre Dichtergabe? Höre 
zu, König, ich will dir einmal eine Geschichte erzählen." 

Auf diese Weise erzählt der Dämon eine Geschichte nach 
der andern; die Pointe ist stets die, daß er dem König die Ent- 
scheidung in der jeweiligen Schwierigkeit mit der Drohung über- 
läßt, daß, wenn er sie nicht angäbe, trotzdem er sie wüßte, er 
ihn töten werde. Sobald der König sein Urteil abgegeben hat, 
womit er natürlich stets das Richtige trifft, verschwindet der 
Dämon resp. der Leichnam und hängt wieder am Baume. Der 
König kehrt immer wieder um, nimmt den Leichnam von neuem 
auf die Schulter, und so wiederholt sich alles vierundzwanzig- 
mal. Die letzte Frage ist die : Ein König und sein Sohn heiraten 
Mutter und Tochter, und zwar der König die Tochter, der Sohn 
die Mutter; aus diesen Ehen gehen ein Knabe und ein Mädchen 
hervor, die sich heiraten. Wie ist nun die gegenseitige Ver- 
wandtschaft? Der König antwortet nicht mehr, worauf der 
Dämon fortfährt: 

,,Nun, König, ich habe dich zu vielen Malen angeführt; des- 
halb hüllst du dich jetzt in Schweigen. Ich iteue mich über 
deinen Mut; sprich einen Wunsch aus!" — König Vikramasena 
gab keine Antwort. Der Dämon sprach: ,,Wenn du mir auch 



— 49 — 

keine Antwort gibst, freue ich mich doch über deinen wirkHchen 
Mut. Gehe jetzt dorthin und handle nach meinen Worten. 
Wenn jener Mönch dem Leichnam mit Wohlgerüchen, Räucher- 
werk usw. seine Verehrung dargebracht hat und dann zu dir 
sagt: , Wohlan, König, vollziehe die Achtgliederverbeugung,' 
dann antworte ihm: ,Ich verstehe die Achtgliederverbeugung 
nicht auszuführen, da sich alle vor mir in dieser Weise verbeugen, 
während ich es niemandem gegenüber tue. So mache sie mir 
erst einmal vor. Trefflichster der Heiligen ; dann will ich sie aus- 
führen.' Wenn dir der Mönch nach diesen Worten die Acht- 
gliederverbeugung vormacht, dann ziehe dein Schwert, schlag 
ihm den Kopf ab und bring mir das Blut seines Schädels als 
Opfer dar; darauf werden dir die acht Zauberkräfte zuteil 
werden. Wenn du aber meine Anweisung nicht beachtest, wirst 
du den Tod finden und die acht Zauberkräfte jenem zufallen." 
Nach diesen Worten entfernte sich der Dämon. 

Darauf brachte König Vikramasena den Leichnam und 
legte ihn in dem Zauberkreise nieder. Als das der Mönch sah, 
rief er: ,, Vortrefflich, großer Held, vortrefflich! Du hast eine 
große Tat vollbracht!" Danach vollzog der Mönch alle Hand- 
lungen, brachte Blumen, Räucherwerk u. a. Spenden, Lampen 
usw. dar und bannte den Dämon mit kräftigen Sprüchen in den 
Zauberkreis. Nachdem er so den Dämon gebannt und alles voll- 
bracht hatte, sprach er: ,, Wohlan, König, führe die Achtglieder- 
verbeugung aus!" Da gedachte der König des Dämons und 
sprach: ,,Ach, Yogin, ich habe noch vor niemandem seit meiner 
Geburt die Achtgliederverbeugung vollbracht und kenne sie des- 
halb nicht. Mach sie mir erst einmal vor; dann will ich sie nach- 
machen." — Da zeigte ihm der vom Schicksal verblendete 
Mönch die Achtgliederverbeugung; aber inzwischen zog der 
König das Schwert und hieb jenem den Kopf ab, worauf er das 
Blut des Schädels dem Dämon opferte. Da bekam der König 
die acht großen Zauberkräfte. 

Im Dasakumäracarita (bei Meyer p. 193) werden die über- 
natürlichen Zauberkunststücke des Brahmanen Vidyesvara da- 
zu benutzt, um zwei Liebende zu vereinigen. Dieser kam ,, zu- 
sammen mit einem großen Gefolge von solcher Art (wie er) zu 
dem Tore des Königshauses, ward, nachdem er dem Türhüter 

Schmidt. Fakire und Fakir tum. 4 



— 50 — 

Kunde von sich hatte wissen lassen, und die Türsteher, eilends 
hingegangen, mit tiefer Vemeigung gemeldet hatten: ,,Ein 
Gaukler ist gekommen!" vom Mälavafürsten, der von neu- 
gierigem Verlangen, ihn zu sehen, erfaßt wurde, und von seinem 
von Sehnsucht (nach dem Anblick der Gauklerkünste) erfüllten 
Harem begleitet war, herbeigerufen, trat ins Innere des Ge- 
bäudes, erteilte mit bescheidener Höflichkeit seinen Segen und 
ließ nach gegebener Erlaubnis, die Augen knospengleich ge- 
schlossen, zusammen mit seinem Gefolge, indem sie selber heftig 
umherwirbelten, eine Weile beständig die Büschel aus Pfauen- 
federn herumwirbeln, während dazu seine Diener lautklingende 
musikalische Instrumente schlugen und die Sängerinnen Töne 
erklingen ließen, so reizend wie der vor Liebestrunkenheit lieb- 
lich singende Kokila, so daß die Seelenstimmung der Teilnehmer 
an der Versammlung von der höchsten Leidenschaft entzückt 
ward. Darauf schlangen Schlangen sich hervor, haubenge- 
schmückt, die v/eiten Räume des Königshauses mit ihren Juwelen- 
reihen erglänzen lassend, scharfes Gift in Menge speiend und 
Furcht erzeugend. Und viele Geier kamen in der Luft zusammen, 
indem sie die Schlangenfürsten in den Schnäbeln mitnahmen. 
Danach führte der Brahmane die Zerreißung des Daityafürsten 
Hiranyakasipu durch Narasirnha (Vishnu) auf und sagte zu 
dem Könige, der über diese großen Dinge von Staunen erfüllt 
war: ,,Zum Schlüsse, o König, ist es schicklich, daß du etwas 
Heil verkündendes siehst. Es soll darum zur Erlangung einer 
unimt erbrochenen Kette von Glück die Vermählung eines jungen 
Mädchens, das wie deine Tochter aussieht, und eines mit allen 
Glückszeichen begabten Königssohnes vollzogen werden." — 
Von dem Erdenhirten, der neugierig war, dies zu schauen, dazu 
ermächtigt, brachte er, indem sein Gesicht in der Voraussetzung, 
daß jetzt die gewünschte Sache gelungen sei, weit aufblühte, 
eine Zaubersalbe, die bei allen Verblendung hervorrief, in beide 
Augen und blickte umher. Während alle in der Meinung, das 
sei nur Gaukelwerk, verwundert zusahen, verband er, das Feuer 
zum Zeugen nehmend, kraft seiner Geschicklichkeit in den bei 
der Hochzeit gebräuchlichen Sprüchen und Beschwörungs- 
formeln, die nach der vorhergegangenen Verabredung herbei- 
gekommene, am Leibe mit vielem Schmuck geschmückte 









/ 







\ f 







_ 51 -- 

Avantisundari mit Räjavähana, dessen Herz vor Entzücken 
junge Sprossen trieb. — Am Ende der Handlung von dem Zwei- 
malgeborenen ( = Brahmanen) laut mit den Worten: , »Zauber- 
männer, geht ihr alle!" angeredet, verschwanden nach und nach 
alle diese Menschen, die nur Truggebilde waren. 

Im Vorspiel des fünften Aufzuges von Bhavabhütis Drama 
Mälatimädhava tritt Kapälakunclalä auf, die Dienerin des 
Zauberers Aghoraghantaka, ,,in einem die Luft durchfahrenden 
Wagen, in einem furchterregenden, leuchtenden Anzug" und 
sagt (Fritzes Übersetzung, p. 55): 

Der Kräfte Herri), umgeben von den Kräften, 
Der in den sechs Hauptteilen und zehn Röhren 
Des Leibes wirksam ist als Lebenshauch, 
Im Herzen aber seine Stätte hat, — 
Er, welcher denen Zauberkräfte gibt, 
Die ihn erkennen, den mit festem Sinn 
Die Seinen suchen, — er soll siegreich sein! — 
Ich komme jetzt vom Berg Sriparvata 
Hierher, die ich in der Vertiefung Kraft 
Den Urgeist schaue, welcher mitten aus 
Dem Herzenslotus aufgeht, sich als ^iva 
Gestaltet und in den sechs Teilen wohnt 
Des Leibes, die ich stets mit frommem Spruch 
Berühre. Weil ich fest den Atem halte. 
Und voll dadurch des Körpers Röhren sind, 
So weichen die Urstoffe aus dem Leib, 
Und ohne Mühe flieg' ich jetzt empor, 
Die Wolke vor mir trennend in der Luft. 
Die Schnelligkeit der Fahrt im Himmelsraum, 
Wobei der Schädelkranz an meinem Hals 
Sich hebt und schwankt und an die Glöckchen stößt 
Und diese scharf und schrill erklingen läßt, — 
Mit tiefem, frohem Staunen füllt sie mich. 
Der Flechten Last, die überall den Kopf 
Mir deckt, sie schwankt und ist doch fest geschnürt; 
Man hört den reinen, langen, starken Ton 
Der hin und her bewegten Keulenglocke; 
Ein heft'ger Wind, der ohne Unterlaß 
Geklingel von den kleinen Glocken schafft 
Und in der bloßen Schädel Höhlen braust, 
Bewegt des Wagens Fahnen mir empor. 
[Umherfahrend und hinabsehend. Geruch wahrnehmend.] 



— 52 — 

Da ist es ja, Karäläs Heiligtum, 
Ganz nah beim großen Leichenplatz, den ich 
Zuerst am Rauch der Scheiterhaufen kenne 
Mit seinem Duft von Lauch und Nimba-Öl. 
Nach diesem Tempel soll ich auf Geheiß 
Aghoraghantas, der mein Lehrer ist. 
Ein Meister in den Zauberkünsten, alles, 
Was zur Verehrung dient, heut recht genau 
Herschaffen; denn er hat zu mir gesagt: 
Der heiligen Karälä muß ich heut 
Das Opfer bringen, das sie längst verlangt, 
Ein schönes Weib; auch fand ich in der Stadt 
Ein solches auf. — Ich schaue mich nun um. 

[Neugierig nach vom blickend.] 
Wer geht denn dort zum Leichenplatze hin? 
Er sieht so reizend aus und willensstark. 
Mit krausem Haar, das aufgerichtet steht; 
Mit einem Schwert bewaffnet ist die Hand. 
Er sieht so blaß jetzt und ursprünglich doch 
So dunkel wie der Wasserhlie Blatt; 
Er ist so schön, so zierlich ist sein Gang, 
Sein Angesicht so glänzend wie der Mond — 
Doch seine Hand, in der er Menschenfleisch 
(Noch zuckt es) trägt, die schmutzig ward von Blut, 
Verkündet seinen frevelhaften Sinn 
Und bringt ihn um das Lob der Sittsamkeit. 

[Prüfend.] 

Was seh' ich? Der dort Menschenfleisch verkauft. 
Das ist ja Mädhava, der Sohn des Freundes 
Kämandakis! Und warum tut er dies? 
Was kümmert's mich? Ich mache mich daran, 
Zu tun, was ich mir vorgenommen habe. 
Die Abenddämmrungszeit ist fast vorbei: 
Die Rankenpflanze Finsternis bedeckt 
Wie Blütensträuße vom Tamälabaum 
Des Himmels Grenzen; mit dem Rande taucht 
Die Erde gleichsam in ein neues Meer; 
Die Nacht, so scheint's, will ihre Schwärze stärken, 
Die Kreisen gleicht von dichtem Rauchgewölk, 
Das heft'ger Wind nach allen Seiten dehnt. 
[Geht umher und tritt ab. Ende des Vorspiels.] 
[Mädhava tritt auf, wie beschrieben.] 
Mädhava (hoffnungsvoll): 

O möchten zahlreich Regungen für mich 
Bei ihr entstehn, der Schönen, — Regungen 
Von angebornem Reiz, voll Zärtlichkeit, 



- 53 — 

Die Zu traun künden, die aus tiefer Liebe 

Entspringen bei vertraulichem Verkehr! 

Ach, führt mir Regungen von solcher Art 

Auch nur die Hoffnung vor, dann lähmt sogleich 

Des Innern Sinnes freudige Verzückung 

Der äußeren Organe Tätigkeit! 

O könnt' ich doch, indem sie an ihr Ohr 

Mein Antlitz lehnt, umschlingen ihren Leib 

Mit seiner Brust, die herrlich macht der Duft 

Von blühndem Kesara, mit Atimukta 

Durchschlungen, den beständig sie verbreitet! 

Indes wie weit entfernt ist dieses Ziel! 

Mein Wunsch beschränkt sich auf das Folgende: 

Ihr Antlitz möcht' ich immer wieder sehn. 

Dies Haus der Segensgaben Madanas, 

Ihr Antlitz, von den allerschönsten Stoffen 

Gebildet, die man in der großen Zahl 

Der schönsten Mondessicheln auserlas. 

Erblickt man es, so breiten sich im Geist 

Vereinigt, also scheint's, die Freuden aus 

In höchster Fülle, und der Augen Fest 

Gestaltet sich zur allerhöchsten Lust, — 

Auch nicht die kleinste Ändrung träte jetzt 

Durch der Geliebten Anblick bei mir ein, 

Sie selber hat auf meinen Geist gewirkt 

Mit solcher Kraft, daß dieser Eindruck stets 

Wach bleibt, und daß Erinnrung, ungestört 

Durch anderes, von ihr Verschiedenes, 

Ihr Bild bei mir hervorruft fort und fort, 

Und, weil mein Inneres ihr ähnlich ist. 

Bewirkt, daß meine Seele jetzt das Wesen 

Der ihrigen gewinnt. Drum wohnt sie nun 

In meiner Seele gleichsam aufgelöst. 

Gemalt, geschnitzt und als ein Spiegelbild; 

Sie ist darein gesteckt, mit ihr verkittet, 

Ist eingegraben und mit Madanas 

Geschossen angeheftet, festgenäht 

Mit steten Denkens großer Fädenzahl: 

So mannigfach ist ihr Verband mit mir! 

[Hinter der Szene Getümmel.] 

Wie ist so gräßlich jetzt der Leichenplatz 
Mit seiner Schar von frechen Rakschasas! 
Die Dunkelheit, durch Fülle fürchterlich. 
Verstärkt ja hier der Scheiterhaufen Glanz 
Und hemmt mit dichter Masse rings den Blick, 
Und grausige Gespenster mancher Art 



- 54 - 

Erheben lustdurchdrungen ihr Geschrei 
Und treiben ihren wilden Scherz vereint. 
Nun wohl, ich rufe sie jetzt an. (Laut.) He, he, 
Ihr Nachtgespenster dieses Leichenorts! 
Vernehmt es, hier wird Menschenfleisch verkauft, 
In Wahrheit Fleisch von eines Mannes Leib; 
Und auch von einer Waffe ist es nicht 
Geheihgti). Kauft es drum, o kauft es drum! 

[Hinter der Szene wieder Getümmel.] 
Was muß ich sehen! Gleich nach meinem Ruf 
Geht's drauf und drunter auf dem Leichenplatz. 
Er wimmelt von Gespenstern, die man sieht; 
Verwormer, unbestimmter Lärm erschallt, 
Der von den scheußlichen Vetalas stammt, 
Die in die Höhe springen. Wunderbar! 
Gespenster, langgestreckten, dürren Leibes, 
Zum Teil zu sehn und unsichtbar zum Teil, 
Erfüllen hier mit ihren Angesichtern 
Den Luftraum, deren weite Rachenkluft 
(Des Maules Winkel reichen bis ans Ohr) 
Von Feuer flammt; sie laufen hier und dort 
Herum; Entsetzen flößt der AnbUck ein 
Der spitzen Hauer; vielen Bützen gleich 
Sind ihre Augen, Brauen, Haar und Bart. 
So manche Leichen gibt's hier auch zu sehen, 
Mit Schenkeln groß wie ein Kharjüra-Baum, 
Mit schwarzer Haut umhüllt, mit dickem Wulst 
Von Därmen überall, und das Gerüst 
Der Knochen ist ein alt Gerippe schon, — 
So manche Leichen, die ringsum mit Resten 
Von Menschenfleisch, das in der gier'gen Hast 
Nur halb verschlungen ward und halb entfiel, 
Die Wölfe mästen, die entsetzhch schrein. 
[Nacli allen Seiten umherblickend und lachend.] 
O, über dieser Nachtunholde Tun! 
Die langen Leiber sehen häßlich aus, 
Und tun sie nun die weiten Mäuler auf 
Und strecken ihre breiten Zungen vor. 
So leuchten sie wie alte Sandelbäume, 
Die halb verbrannten, deren Höhlungen 
Durch Schlangen, die drin spielen, furchtbar sind. 
[Umhergehend.] 



1) Es rührt nicht von Menschen her, die im Kriege fielen und darum 
stracks in den Himmel eingingen. Solches durften die Nachtunholde nicht ge- 
nießen. (Anm. des Übersetzers.) 



— 55 — 

Wie ist so gräßlich, was da vorn geschieht! 

Der ausgehungerte Verstorbene^) 

Durchschneidet erst die Haut und streift sie ab 

Und ißt von Schultern, Hüften, Rücken dann 

Und andern GUedem noch das Fleisch hinweg. 

Das leicht zu fassen ist, doch übel riecht. 

Denn dicht mit breiten Schwären ist's bedeckt. 

Sind Augen, Därme, Eingeweide drauf 

Verzehrt, so nagt er mit entblößtem Zahn 

Gemach das Fleisch vom höckerigen Knochen 

Des Schädels, den er unterm Arme trägt. — 

Hier in der Nähe ziehen Rakschasas 

Von vielen Scheiterhaufen Leichen fort, 

(Die Rauch umhüllt, die Knochen feucht vor Wärme, 

Und von dem Knochen schwand das Fett dahin) 

Und trennen vom Gelenk auf beiden Seiten 

Und machen frei vom übergaren Fleisch, 

Das schon zerfheßt, des Beines Knochen dann 

Und saugen ein das Mark, das nun sich zeigt. 

Und vollends ihrer Weiber Abendlust! 

Als Bänder, wie man sonst zum Schmuck sie trägt. 

Benützen sie Gedärm; der Scheitelkranz 

Besteht aus rotem Lotus sonst, doch hier 

Aus Frauenhänden — deutUch ist's zu sehn; 

In Eile hängten sie Gewinde sich 

Aus Herzen, nicht aus weißem Lotus um; 

Gefallen finden sie am Sandel nicht, 

Sie salben ihren Leib dafür mit Blut: 

So sind sie ausgeschmückt und angetan 

Und trinken mit den Liebenden vereint 

Erfreut aus Schädeln an der Becher Statt 

Als Rauschgetränk der Knochen saft'ges Mark. 

[Er geht umher und ruft noch einmal aus, was er schon gerufen hat.'j 

Doch wie? Auf einmal hört ihr Treiben auf. 

Das fürchterliche, und sie laufen weg, 

Die Nachtgespenster? O, wie feig sie sind! 

[Umhergehend und hinsehend. Betrübt'-).] 

Den ganzen Leichenplatz erforscht' ich nun; 
Denn vor mir, wo er aufhört, hab' ich ja 
Den Fluß mit seinen Ufern, deren Höhen 
Ein Ort des Schreckens sind: erfüllt sie doch 
Geschrei des Schakals und Gekreisch der Eulen, 



1) In den ein Vetala (Leichendämon) gefahren ist. (Anm. d. Übers.) 

2) Weil ihm keins der gespenstigen Wesen Menschenfleisch abkaufen und 
dafür übernatürliche Hilfe leisten will, daß er Mälati gewinne. (Anm, d. Übers.) 



- 56 - 

Die scharenweise hausen im Gebüsch. 
Gewaltig rauscht der Fluß, und seine Flut 
Tritt aus und reißt die Ufer mit sich weg, 
Gehemmt wird ja das Wasser von den Knochen 
Der Schädel, die darin zerbröckelten. 
Hinter der Szene: 

O Vater, der du kein Erbarmen kennst, 
Nun muß ich sterben, die du zum Geschenk 
Bestimmtest, dir des Königs Huld zu sichern! 

Mädhava (gespannt horchend): 

Das ist ein Ton, so seelenvoll und hell. 

Wie eines trau'rnden Adlerweibchens Schrei! 

Er fesselt mich; dem Ohre kommt es vor, 

Als kennt's ihn wieder, den es schon vernahm. 

Unruhig ist mein Herz und wie geteilt, 

Die Glieder alle sind mir wie gelähmt, 

Der Körper zittert, und es schwankt mein Gang. 

Woriiber klagt sie? Was bedeutet dies? 

Aus jenem Tempel der Karälä dringt 

Der Trauerruf hervor. Und sicherUch, 

Die Stätte sieht so aus, daß SchreckUches, 

Dem Ton Entsprechendes zu fürchten ist. 

Wohlan, ich will doch sehen, was geschieht. (Er geht umher.) 

{KapälakundaläundAghoraghanta treten auf, eifrig mit Verehrung der Gott- 
heit beschäftigt, und Mälati, mit dem Abzeichen, daß sie getötet werden äoll.) 

Mälati: 

O Vater, der du kein Erbarmen kennst. 

Nun muß ich sterben, die du zum Geschenk 

Bestimmtest, dir des Königs Huld zu sichern! 

O Mutter, deren Herz nur Liebe ist, 

Durch Schicksals Tücke ist's um dich geschehn! 

O Heil'ge, die für Mälati nur lebt. 

Mein Wohergehn zu fördern, ist allein 

Das Ziel bei allem, was du tust — dich lehrt 

Die Liebe Kummer nun auf lange Zeit! 

Und liebe Freundin du, Lävangikä, 

Hinfort erblickst du mich nur noch im Traum! 
Mädhava: 

Gewiß, sie ist's! Jetzt bleibt kein Zweifel mehr! 

Drum hin zu ihr, solange sie noch lebt! (Er geht rasch umher.) 
Kapäla und Aghoraghanta: 

Verehrung bringen wir, Cämundä^) dir! 

Ich ehre deine Kurzweil, deinen Tanz, 



1) Name für die weiter oben genannte Göttin Karälä. 



— 57 — 

Der sichtlich Sivas Dienerschaft beglückt, 

Den Tanz, bei dem ein Teil der Erde wankt ; 

Denn die Schildkröte, die sie trägt, erbebt, 

Und ihre Schale senkt sich vor der Last 

Der Erdenkugel, die bestürzt nachgibt. 

Weil du so stolz und heftig dich bewegst, 

Und in die Öffnung, wie die Unterwelt 

Geräumig, strömt das siebenfache Meer! 

Dein Tanz, Cämundä, Göttliche, bei dem 

Von vielen Wesen Lob und Preis erschallt. 

Die vor dem lauten, häßlichen Gelächter 

Erzittern, das die Schädelschar erhebt; 

(Denn diese lebt vom Nektar wieder auf, 

Der aus dem Mond in Tropfen niederfällt. 

Wenn du ihn ritzest mit der Nägel Stoß, 

Die an dem Rand der Elefantenhaut, 

Der bebenden, sich auf und ab bewegen) — 

Dein Tanz, bei dem du mit den vielen Armen, 

Die lang und stark sind und ringsum verteilt, 

Die Berge stürzest, wenn dich heftig trifft 

Die gift'ge Glut, die aus den Hauben dringt 

Der Schlangen, welche du als Armband trägst, 

(Du drückst sie ja, die schwarzen, schnaufenden. 

Und ihre Hauben blähen sich dann auf) — 

Dein Tanz, bei dem dein fürchterliches Haupt, 

Bestrahlt vom Feuerauge deiner Stirn, 

Im Kreis sich dreht und Feuerkreise zieht, 

Und so zusammennäht des Himmels Teile, 

Und wenn du, Göttin, deine Fahne schwingst. 

Die an der Spitze weht der Riesenkeule, 

So schleuderst du der Sterne Schar umher, — 

Dein Tanz, der Sivas Herz mit Freude füllt. 

Weil beim Getümmel der Vetälas dann. 

Der schlimmen und der lust'gen Nachtgespenster, 

Ihn GaurI, angstvoll, mit gespitztem Ohr, 

So fest umschlingt — dein Tanz gewähre uns, 

Was Segen bringt und was uns Freude schafft! 

Mädhava: 

O Jammer! Welches Unglück trägt sich zu! 

Mit Kranz und Kleid, so rot wie Lack, geschmückt, 

Geriet, wie in verruchter Wölfe Macht 

Ein scheues Reh, in frevler Ketzer Hand 

Bhürivasus, des Kanzlers Tochter, hier. 

Die eines Gottes Tochter könnte sein, 

Und in des Todes Rachen schwebt sie schon! 



- 58 - 

O, welches Unglück, welches Leid! Warum 

Verfährt das Schicksal so erbarmungslos! 
Kapälakundalä und Aghoraghanta: 

Gedenke, Tochter, dessen, den du liebst; 

Der harte Tod rafft eilig jetzt dich hin. 
Mälati: 

Du darfst mich nicht, geliebter Mädhava, 

Vergessen, wenn ich auch im Jenseits bin. 

An wen man liebend denkt, der starb ja nicht. 
Kapälakundalä: 

Die Ärmste liebt, o Jammer, Mädhava! 
Aghoraghanta: 

Geschehe nun, was muß. Ich töte sie, 

Cämundä, Heil'ge, nimm die Gabe an. 

Die ich bei meines Zauberwerks Beginn 

Versprach, und die dir nun wird dargebracht. (Will sie töten.) 
Mädhava (tritt rasch herzu und nimmt Mälati in den Arm): 

Verruchter fort! Es ist um dich geschehn, 

Du aller ^ivadiener schlechtester! 



Auch hier kommt der große Zauberer um seinen Lohn; 
denn in dem nun folgenden Kampfe wird er von Mädhava getötet. 
Ich habe das ganze Stück wiedergegeben, weil es in seinem Ge- 
spenstergallimathias aufs trefflichste das Milieu der Yogins 
zeichnet. 

Ein erfreulicheres Bild als dieses aber gewährt uns der 
Zauberer in dem Drama Ratnävali, der zugleich mit seinen 
Gaukelkünsten das liebende Paar zusammenbringt. Er ist von 
seiner Macht sehr überzeugt, denn gleich bei seinem Auftritt 
sagt er (Fritzes Übersetzung, p. 88): 

Sprich, o Herr, was soll ich zeigen? 
Willst du, daß die Berge steigen 
In die Luft? Daß dunkle Nacht 
Eintritt, wenn der Mittag lacht? 
Daß der Mond vom Himmelszelt 
Nieder auf die Erde fällt? 
Willst du sehn, daß Feuersglut 
Lodert in der Wasserflut? 
Großer König, gib Bescheid: 
Was du magst, ich bin bereit. 

Nachdem er dann vom König den Befehl erhalten hat, seine 
Kunst zu zeigen, schwingt er seine Pfauenfeder und sagt: 



— 59 — 

Du sollst die großen Götter sehn, 
An deren Spitze diese drei: 
Samkara, Visnu, Brahma stehn; 
Der mächt'ge Indra kommt herbei, 
Vidyädhara- und Siddhascharen, 
Die tanzend durch die Lüfte fahren. 

[Alle sehen erstaunx hin.] 
König (in die Höhe blickend und von seinem Sitze herabsteigend): 

O wunderbar! 
Vidüsaka: Wahrhaftig wunderbar! 

König: 

Sieh, hiei" ist Brahma in dem Lotus, dort 

Gott ^iva, der auf seinem Haupt die Sichel 

Des Mondes trägt, und hier, o Königin, 

Erblicken wir den Daityatöter Visnu, 

Der Bogen, Keule, Schwert und Rad in seinen 

Vier Armen trägt; auf seinem Elefanten 

Sitzt Indra hier; dies sind die andern Götter; 

Dort tanzen — hörst du, wie dabei die Reifen 

Der flinken Füße klingen? — in der Luft 

Die Götterfrauen. 

Die Gaukeleien werden nun unterbrochen und der Zauberer entfernt 
sich mit der Bemerkung, der König müsse noch einen Scherz sehen. Nach 
einer Weile erhebt sich dann hinter der Szene ein Getümmel: 

Im Frauenhaus brach plötzlich Feuer aus! 

In Ängsten sind die Weiber durch den Brand; 

An vielen Stellen bützt es flackernd auf 

Und schmückt die Dächer wie mit goldnen Hörnern; 

Es geben Zeugnis von der schweren Glut 

Die welk gewordnen Gipfel an den Bäumen, 

Die dichtgedrängt im Parke stehn. Die Massen 

Des Rauches stellen einen Lustberg dar 

Von dunkler Farbe, Regenwolken gleich. 

Entstanden ist dies Feuer, glaube ich, 

Die Rede wahrzumachen, daß voreinst 

Die Kön'gin in Lavanaka verbrannte. 
König (erschrocken aufstehend): 

Was höre ich? Im Frauenhause Feuer? 

Verbrannt die Königin? O weh, Geüebte! 
Väsavadattä: 

O Hilfe! Hilfe! Rette, mein Gemahl! 
König: 

Wie übersah ich nur im Überm.aß 

Des Schreckens, daß die Herrin bei mir ist! 

So sei doch rulüg, Liebe, sei doch ruhig! 



6o 



Väsavadattä: 

Ich sprach das Wort nicht meinetwegen aus; 
Ich Unbarmherz'ge schloß Sägarikä 
Dort ein; sie stirbt! O rette, rette sie! 

König: 

Sägarikä kommt um? Dann eile ich. 

Vasubhüti: 

Und warum willst du, Herr, es ohne Grund 
Der Motte gleichtun, die ins Feuer flattert? 

Bäbhravya: 

Sein Rat ist gut. 

VidÜsaka (den König am Kleide festhaltend): 
O sei nicht unbesonnen! 

König (sein Kleid an sich ziehend): 

Hinweg, du Tor! Sägarikä kommt um! 
Was liegt mir jetzt an meinem Leben noch! 

[Drückt pantomimisch die Gewalt des Rauches aus.] 
So höre auf, o Flamme, höre auf, 
Den Rauch in solcher Fülle zu entsenden! 
Weswegen loderst du so hoch empor? 
Bedenke: Mich verbrannte nicht das Feuer 
Der Trennung von der Liebsten; wie vermöchte 
Mir deine Glut zu schaden, die dem Brand 
Beim Weltenuntergange ähnlich ist! 

Väsavadattä: 

Mein Gatte hat's gewagt, weil ich ihn bat, 
Ich Unheilstifterin? Dann will auch ich 
Ihm folgen. 

VidÜsaka (umhergehend; vor ihr befindlich): 
Und ich zeige dir den Weg. 

Vasubhüti: 

Wie? Drang der König in das Feuer schon? 
Dann tu' ich recht daran, mich aufzuopfern, 
Ich, der die Königstochter sterben sah. 

Bäbhravya (weinend): 

Warum gefährdest du, o großer König, 
Das Haus der Bharatiden ohne Grund? 
Allein, was hilft das Reden? Ich will handeln, 
Wie's angemessen meiner Liebe ist. 
[Alle begeben sich auf das Feuer zu.] 
Sägarikä (tritt auf; gefesselt): 

Auf allen Seiten steigt die Glut empor 

Und wird mein Elend heut zu Ende bringen. 

König: 

Ganz in der Nähe, ha! des Feuers ist 

Sägarikä; drum will ich eilig hin. 



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— 6i - 

Sägarikä (den König sehend; für sich): 

Mein Gatte? Wie? Nachdem ich ihn erbhckte, 
Gewinn' ich wieder Lebenshoffnung. (Laut.) Rette, 
Errette mich, o Herr! 
König: Sei ohne Furcht. 

Nur einen AugenbUck ertrage noch 
Den dicken Rauch. O weh, da brennt dein Kleid, 
Das von der Brust herabgefallen ist! 
Was schwankest du beständig? Wie, du bist 
Gefesselt? Schnell entfern' ich dich von hier, 
Gehebteste. O, lehne dich auf mich! 

[Er umarmt sie, wobei er die Augen zudrückt und Freude 
über die Berührung äußert.] 

Verschwunden ist in einem Augenblick 

Die Glut für mich. Nun sei getrost. Gehebte; 

Und wenn es auch sich an dich schmiegt, das Feuer 

Verbrennt dich sicher nicht; denn deines Leibes 

Berührung kühlt die Glut. 

[Er öffnet die Augen, blickt ringsumher und läßt Sägarikä los.] 

Wift vmnderbar! 
Wo blieb das Feuer? Und das Frauenhaus 

Befindet sich in seinem alten Zustand? 

Wie? Schweift mein Sinn im Traume? Oder ist 

Dies Zauberei? 

Vidüsaka: 

Ja, zweifle nicht daran. 

Es sagte dieser Zaubrer, dieser Sohn 

Von einer Sklavin, daß du einen Scherz 

Noch sehen müßtest, Herr. Du sahst ihn jetzt. 

* * 

* 

Für die Neuzeit entnehmen wir dem Werke von Oman 
(p. 54) noch einige Wundererzählungen von Yogins. So wurde 
im Dekkhan ein gewisser Sardär (chief), der offen bekannte, 
nicht an Gespenster zu glauben, von einem Sädhu belehrt, daß 
es solche in Wirklichkeit gäbe. Der Sardär wünschte eine greif- 
bare Evidenz für den Beweis dieser Behauptung, und so erbot 
sich der Sädhu, den Skeptiker durch den Augenschein von der 
Wahrheit jenes Wortes unter der Bedingung zu überzeugen, daß 
er für seine Bemühungen einhundert Rupien bekäme. Das An- 
erbieten wurde angenommen und eine einsame Stelle im Jungle 
für die Vorführung ausgesucht. Hier versammelten sich um 
Mittemacht der Sardär, zwei oder drei seiner Freunde und der 
Sädhu innerhalb eines Platzes, der von einer auf dem Erdboden 



— 62 — 

gezogenen deutlichen Linie umschlossen war. Außerhalb dieser 
Grenze durfte sich niemand bei Todesgefahr oder emstlichster 
Schädigung bewegen. Als sich alle gesetzt hatten und ängstlich 
in die Finsternis hinausspähten, die sie umgab, trug der Sädhu 
seine Beschwörungsformeln vor, bis in einer Entfernung von 
einem Flintenschuß in der Dunkelheit eine Menge phantastischer, 
kahlköpfiger Kobolde erschien, die mit leuchtenden Holz- 
stücken in der Hand umherhüpften. Nach einer kleinen Weile 
verschwanden diese tanzenden Gespenster wieder. 

Selbst nach dieser Vorführung blieb der Sardär aber noch 
skeptisch und forderte den Sädhu auf, seine Geister noch ein- 
mal erscheinen zu lassen. Der weise Mann entschuldigte sich, 
wiederholte aber im Hinblick auf das versprochene wertvolle 
goldene Armband seine Schaustellung in der nächsten Nacht. 
Bei diesem zweiten Male waren die Kinder der Finsternis, die 
da erschienen, Gespenstermädchen, die anstatt der leuchten- 
den Stöcke leuchtende charaghs (Tonlampen) in der Hand 
hielten. Diese schwangen sie in der Finsternis umher, aber keine 
Verlockungen waren imstande, sie den Zuschauern innerhalb 
der Zauberumkreisung näher als einen Flintenschuß weit zu 
bringen. Durch diese zweite Vorführung wurde dann der 
Skeptizismus des Sardärs vollständig behoben. 

Ein weiteres Beispiel davon, was man sich heutzutage von 
den Yogins erzählt, bringt die Civil and Military Gazette, 
Labore, 23. April 1895 (bei Oman, p. 56): Eines Tages wurden 
die orthodoxen Hindus von Trevandrum in große Aufregung ver- 
setzt wegen eines Yogin oder Sarnnyäsin, der als ein auf die Erde 
herabgestiegener Gott angebetet und verehrt worden ist. Nie- 
mand scheint zu wissen, von woher dieser Mann gekommen ist 
oder zu welcher besonderen Rasse oder Kaste er gehört hat; 
man hielt ihn aber für einen Hindu. Bei seinem Erscheinen saß 
er unter einem Banianenbaume am nördlichen Ufer des Pad- 
matirtha-l'ank und blieb dort drei Jahre lang. In der ersten 
Woche, nachdem er seine Baumwohnung bezogen hatte, nahm 
er wöchentlich zwei- oder dreimal etwas Milch oder einen Pisang 
zu sich. Dann verlängerte er allmählich die Zwischenräume, 
bis er nach drei oder vier Monaten überhaupt keine Nahrung 
mehr zu sich nahm. Er sprach zu niemandem und brachte seine 



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- 63 - 

Zeit hin, indem er Tag und Nacht drei lange Jahre hindurch 
vor einem Feuer hockte. Er sah niemandem ins Gesicht; er 
beachtete keinen Laut, keine Frage, nichts. Der Mahäräjä von 
Travancore hielt bei einer Gelegenheit bei dem Sarnnyäsin an 
und sprach ihn an, ohne indessen der geringsten Beachtung teil- 
haftig zu werden. Der Kälte und Hitze, Hunger und Durst aus- 
gesetzt, verbrachte der Sarnnyäsin, ohne einen Bissen Nahrung 
zu sich zu nehmen, seine drei Jahre in der Versenkung in die 
Gottheit, und wiewohl ihm jeden Morgen und Abend Scharen 
nov Menschen ihre Huldigung darbrachten, schien er doch allen 
äußeren Erscheinungen gegenüber blind zu sein. Wenige Tage 
danach starb er. 

Eines Nachts brach im Juni 1899 in einem Basar zu Am- 
ritsar ein gefährliches, ausgedehntes Feuer aus, welches großen 
Verlust an Eigentum und auch den Tod einiger Menschen ver- 
ursachte. Ein Sädhu war in diesem Basar von Laden zu Laden 
gegangen, um Almosen zu erbetteln, wobei ihn die khatri-K3.ui- 
leute, vom Stolz auf ihren Reichtum aufgeblasen, mit harten 
Reden zurückwiesen. Einer von ihnen sagte zu ihm: ,,Du bist 
großartig genug angezogen; was quälst du mich also noch um 
einen Dreier?" — Nun war der Mönch mit einem neuen Laken 
bekleidet, welches ihm eine freigebige Person, höchstwahrschein- 
lich eine Frau, gütig geschenkt hatte. Empört über die Hohn- 
rede des Kaufmanns, nahm er das Tuch von seiner Schulter, 
verschaffte sich ein wenig Feuer, verbrannte das anstößige Laken 
bedächtig auf offener Straße zu Asche und ging dann seiner 
Wege. Kaum war der Bettelmönch von dem Schauplatz seiner 
Taten verschwunden, als Flammen aus dem Laden des Kauf- 
manns schlugen, der ihn beschimpft hatte. Sofort dachte sich 
der ÄJÄ«/n- Kaufmann, daß dies Unglück die Folge des Unwillens 
des Mönches sei, und schickte hurtig Boten nach allen Rich- 
tungen aus, um den beleidigten Mann ausfindig zu machen und 
ihn dann womöglich zu versöhnen. Aber der Heilige war nir- 
gends ausfindig zu machen; und so brannte der Laden des 
knickerigen Kaufmanns und die seiner nächsten Nachbarn bis 
auf den Gnmd nieder. 



- 64 - 

Ein Sädhu trat eines Tages in den Laden eines pansäri 
(Drogisten), um von ihm das Nötige für seine geliebte charas 
(Pfeife) zu bekommen, wie das diese Leute zu tun pflegen. ,,Ich 
brenne/' meinte der Sädhu; ,,sei so gut und gib mir ein wenig 
charas, um meinen gequälten Leib zu kühlen." — Der Laden- 
inhaber versetzte mürrisch: „Geh und brenne weiter!" — 
„Nein," entgegnete der in Wut geratende Sädhu, ,,das Feuer 
soll dich fassen!" und veriieß den Ort im Zorn. Kaum eine 
Minute nach seinem Weggang fand der Drogist seinen Laden 
in Flammen, und da er überzeugt war, daß der Fluch des heiligen 
Mannes dies Unglück verursacht hatte, machte er keinen Ver- 
such, die Flammen zu ersticken, da das doch vergeblich ge- 
wesen wäre, sondern rannte hurtig hinter dem Heiligen drein, 
um seinen Zorn zu beschwichtigen. Er fand den Gegenstand 
seines Suchens an einem belebten Durchgang, fiel lang zu seinen 
Füßen und drang in ihn, die Flammen zu löschen, die er ent- 
zündet hatte. Mit dem Versprechen, niemals wieder einem 
demütigen Sädhu eine Bitte abschlagen zu wollen, bat der un- 
glückliche pansäri den beleidigten Bettelmönch demütig um 
Verzeihung und fügte hinzu: ,,Komm, ich will dir jetzt charas 
geben." Besänftigt durch die Aufmerksamkeiten des Dro- 
gisten, sagte der Sädhu zu ihm: ,, Dein Laden wird niedergebrannt 
sein ; das ist jetzt nicht mehr zu ändern ; aber da du dich vor mir 
gedemütigt hast und wegen deiner unfreundlichen Behandlung 
eines armen Sädhu betrübt bist, so gehe deines Weges mit der 
tröstlichen Versicherung, daß das Feuer zu deinem Vorteil aus- 
schlagen wird." Von aller Angst durch diese gnädigen Worte 
befreit, auf die er unbedingtes Vertrauen setzte, ging der Drogist 
nach seinem Laden zurück und wartete zufriedenen Herzens, 
bis das Feuer sein Zerstörungswerk vollbracht hätte, wiewohl 
er sich nur schwer vorstellen konnte, von woher sein in Aussicht 
gestellter Gewinn kommen sollte, als der Laden mit seinem In- 
halt in den Flammen verschwand. Indessen ward das Rätsel 
bald gelöst. Als er das Wenige nachsah, was von seiner Habe 
übrig gebheben war, entdeckte er zu seiner großen Freude eme 
Masse heißes und vollständig geschmolzenes Silber. Es ist nicht 
schwer zu erklären, wie das dahin kam. Der Drogist hatte wahr- 
scheinlich eine beträchthche Menge von Schlaglot in seinem 



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- 65 - 

Lager. Während der starken Hitze beim Brande war dies mit 
irgend einer Droge oder einer Kombination von Drogen, die 
ebenfalls dort lagerten, eine Verbindung eingegangen, mit dem 
erfreulichen Resultate, daß sich das gemeine Schlaglot in feines 
Silber verwandelte. 

Aber^) so eine Verwünschung seitens eines beleidigten 
Heiligen verursacht nicht nur geringfügige und zeitweiHge, 
sondern auch weitgehende, dauernde Schädigungen. Für die- 
jenigen, welche an dergleichen Dinge glauben, ist es ein Gegen- 
stand allgemeiner Kenntnis, daß der knappe Wasservorrat in 
einer gewissen Stadt in Upper India (Umballah?) die Wirkung 
der Verfluchung seitens eines wandernden Fakirs ist. Er war 
von Haus zu Haus gegangen, um einen Tropfen Wasser zu er- 
bitten, aber niemand hatte seine bescheidene Bitte erhört. Einer 
sagte zu seiner Entschuldigung, er habe nur ein ganz wenig 
Wasser zu seinem eigenen Gebrauche. Der Fakir, welcher er- 
kannte, daß diese Behauptung durchaus unwahr war, wurde 
ärgerlich und stieß unmittelbar die Verwünschung aus, die Leute 
sollten hinfort in den Brunnen ihrer Stadt wenig Wasser haben. 

* 

Aber die wandernden Sädhus wissen auch zu segnen. Als 
im Jahre 1898 die Beulenpest im Distrikt Jullundar im Punjab 
auftrat und die Vorbeugungsmaßregeln der Sanitätsbehörden 
noch mehr als die grimmige Seuche selbst eine große Erregung 
und Angst unter dem Volke erregten, kam ein Mönch von der 
Sekte der Yogins nach Amritsar und schlug seine Lagerstätte 
außerhalb der Stadt neben einem großen Tank auf. Er ließ 
durch seine Begleiter zu wissen tun, daß der Zweck seines Besuchs 
wäre, die schreckliche Pestilenz abzuwenden; und zu diesem 
Ende forderte er die Frommen und Wohltäter auf, ihm die Mittel 
zur Ausführung der verdienstlichsten aller Handlungen, der 
Speisung der Armen, zu gewähren. Die Pest brach dieses Jahr 
in Amritsar nicht aus; nur ein zweifelhafter und in der Folge 
für nichtssagend erklärter Fall wurde der Behörde gemeldet. 



1) Oman, p. 57. 

Schmidt, Fakire und Fakirtum. 



~ 66 — 

Die Verwandlung von Metallen ist einer jener mysteriösen 
Vorgänge, die noch heute den Geist des Orientalen bezaubern. 
Oman gibt (p. 58 ff.) den Bericht eines gelehrten Hindu wieder, 
der ihm — durchaus im guten Glauben — die folgenden Er- 
fahrungen eines seiner vertrauten Freunde, eines Sädhu und 
Alchymisten, schilderte: Dieser Freund war als junger Mann 
sehr dahinter her gewesen, ein Sädhu zu werden, und hatte sich 
an einen Vairägin angeschlossen, der von den Einöden des 
Himälaya jenseits Hurdwar und Rikhikesh gekommen war. 
Der Sädhu schien ein sehr heiliger Mann zu sein, und der Jüng- 
ling wartete ihm unverdrossen auf. Schließlich nahm der Sädhu 
insofern Notiz von ihm, als er ihm ein Stück Silber einhändigte 
und ihm zugleich den Auftrag erteilte, den Barren zu verkaufen 
und dafür alles zu erstehen, was zu ihrer Nahrung nötig war. 
Von Zeit zu Zeit betraute er den Burschen in dieser Weise mit 
Stücken ungemünzten Silbers, indem er ihn aufforderte, ihm 
außer den eingehandelten Nahrungsmitteln einige Kupfermünzen 
zurückzubringen. Es fehlte niemals an dem gewöhnlichen Silber- 
vorrat, und schließlich wuchs des Burschen Neugier so sehr, daß 
er es wagte, den Meister zu fragen, woher der Schatz käme. Der 
Sädhu, also befragt, lächelte und sagte: ,,Es gibt nur einen Mann 
in Hindustan, der mir überlegen ist. Ich bin ein Rajah, aber er 
ist in der Tat ein Maharajah. Ich kann Silber aus Kupfer her- 
stellen; aber er kann Silber in Gold verwandeln." 

Der Bursche war ganz erpicht darauf, diese wertvolle Kunst 
mit ihren gleißenden Aussichten auf künftige Annehmlichkeiten 
zu erlernen, aber sein Eifer wurde von dem Meister gedämpft, 
der ihm sagte, er wäre moralisch noch nicht geeignet, in ein sa 
großes Geheimnis eingeweiht zu werden, welches tatsächlich so 
reich an Mißgeschick sei, wenn es einem unwürdigen Manne an- 
vertraut würde, daß es besser wäre, es ginge ganz verloren, als 
daß es so einem enthüllt würde. 

Des Jünglings demütige und eifrige Aufwartung gegenüber 
dem Sädhu ließ nicht nach; aber da er niemals die Erlaubnis 
bekommen hatte, in der Wohnung des Meisters oder in deren 
Nähe zu schlafen — offenbar weil zur Zeit der Dunkelheit die 
Verwandlungen stattfanden — , so hatte er in der Stadt für sich 
selbst zu sorgen; und in einer unsehgen Nacht beging er, von 



- 6; - 

den Hurenreizen einer liederlichen Frau in Versuchung geführt, 
einen sehr schweren Fehltritt. Als er sich am nächsten Morgen 
vor dem Sädhu zeigte, wurde ihm sofort der strenge Befehl, sich 
zu entfernen. Es war nutzlos, bei dem allwissenden Sädhu 
irgendwie eine Vertuschung zu versuchen, und so bat der Jüng- 
ling inständig um Vergebung. Aber der Sädhu verstieß seinen 
unwürdigen Schüler und legte Feuer an die kleine Hütte, die 
ihm zeitweise Obdach gewährt hatte und alle seine weltliche 
Habe enthielt. Mit der gewaltigen chimpta (Feuerzange) in der 
Hand, die an den Kanten geschärft worden war, so daß sie als 
eine furchtbare Waffe dienen konnte, zog der Alchymist hinweg 
nach der Stätte des ewigen Schnees. Der Schüler versuchte, ihm 
eine Weile zu folgen, aber der Vairägin bedrohte ihn, sich um- 
blickend, mit seiner scharfgeschliffenen Feuerzange, so daß es 
der gefallene Jüngling für geraten hielt, seine Schritte rückwärts 
zu lenken, mehr denn je heimgesucht von dem unbefriedigten 
Sehnen, das große Geheimnis zu erfahren, wie man Silber aus 

minderwertigem Metall herstellen müsse. 

* 

Ein Schriftgelehrter der Sekte der Sikhs erzählte Oman 
(p. 60) eine gleich fruchtlose Erfahrung, die er mit einem Gold- 
macher, einem Nirmäli Sädhu, machte. Dieser schloß mit dem 
Sikh Freundschaft und zog ihn ins Vertrauen. Zuerst verheim- 
lichte er sorgfältig die Tatsache, daß er mit der geheimen Kunst, 
Metalle zu verwandeln, bekannt sei; dann aber verriet er es ihm 
unter dem Siegel der Verschwiegenheit. Ungeachtet seiner Kennt- 
nis der Heiligen Schrift und seines halb priesterlichen Amtes 
wurde der Grantht heftig erregt bei der Entdeckung, daß sein 
neuer Freund ein mächtiger Alchymist sei, und er fühlte die 
Bande zwischen ihnen erstarken. Der Metallzauberer schien 
recht gut zu leben, borgte aber gelegentlich Geld, wobei er sich 
besonders gern an den Granthi zu wenden pflegte; denn er trug 
kein Bedenken, sich zeitweise seinem höchst vertrauensseligen 
Freunde zu verpflichten; und das war natürlich ganz recht: er 
war ein Goldmacher und würde sein einträgliches Geschäft, 
sobald seine Vorbereitungen beendigt waren, wieder aufnehmen, 
ja, noch mehr, dem Granthi die Geheimnisse seiner rätselhaften 
Kunst beibringen. Eines Tages zeigte der Sädhu dem Granthi 



— 68 — 

ein gewöhnliches bronzenes Doppel- Pi^c^-Stück, einen Halb- 
Anna, und tat es in seiner Gegenwart zusammen mit verschie- 
denen Blättern und Wurzeln, die er gesammelt hatte, in einen 
kleinen Schmelzofen. Nach einer Stunde ungefähr holte er aus 
seinem Schmelztiegel ein goldenes Ebenbild des Doppel- Pic^ 
hervor. Der Granthl bat, um von seinem, wenn auch noch so 
teuren Freunde nicht hineingelegt zu werden, um die Erlaubnis, 
es von einem Goldschmiede prüfen zu lassen. Er erhielt die Er- 
laubnis und machte Gebrauch davon mit dem Ergebnis, daß es 
die Kenner im Basar für Gold von reinster Beschaffenheit er- 
klärten. Der Granthl war nun lüstern danach, das wichtige Ge- 
heimnis des Goldmachens zu erfahren, und zahlreich waren die 
Rupien, die er willig dem Sädhu in der Hoffnung lieh, daß er 
ihn als Schüler aufnehmen würde. Aber der heilige Mann der 
Wissenschaft brach plötzlich und unerwartet sein Lager ab. 

,,Ach," sagte der Granthl, nachdem er diese Geschehnisse 
Oman erzählt hatte, ,,ich habe mehr den sechzig Rupien durch 
diesen Betrüger verloren. Ich habe seitdem ersehen, wie er mich 
zum Narren gehabt hat; aber niemals seit jenen Tagen hat ein 
Nirmäll Sädhu auch nur so viel wie einen Wassertropfen groß 
aus meiner Hand bekommen!" 

Vor einigen dreißig Jahren oder da herum, fährt Oman 
(p. 6i) fort, wußte Kalkutta viel von einem gewissen Hassan 
Khan zu erzählen, der in dem Rufe stand, ein großer Wunder- 
täter zu sein, wiewohl nur in einer bestimmten Richtung; und 
seine Geschichte mag hier passenderweise berichtet werden, da 
dieser Muhammedaner die besonderen und sehr bemerkenswerten 
ihm zugeschriebenen Kräfte sich durch die Gunst und den ersten 
Unterricht seitens eines Hindu-5ä^Äw angeeignet hatte. (Oman 
weist ausdrücklich darauf hin, daß mehrere europäische Freunde 
von ihm persönlich mit Hassan Khan bekannt waren und seine 
Vorstellungen in ihrem eigenen Hause bezeugten. Er hat also 
die Einzelheiten, die er berichtet, unmittelbar von diesen 
Männern und nicht erst aus indischen Quellen.) 

Hassan Khan war kein Zauberer von Beruf, ja nicht ein- 
mal ein Künstler, aber er ließ sich gelegentlich überreden, seine 
absonderlichen Kräfte vor einem kleinen Kreise vorzuführen, 



- 69 - 

und zwar ohne jede Entschädigung in Geld. So z. B. pflegte er 
eine beliebige in einer solchen Sitzung anwesende Person auf- 
zufordern, irgend eine Sorte Wein zu verlangen und, sobald die 
bestimmte Sorte genannt war, jene zu bitten, ihre Hand unter 
den Tisch oder auch hinter die Tür zu halten, und siehe, eine 
Flasche von dem gewünschten Weine, mit der Etikette einer 
wohlbekannten Firma in Kalkutta, wurde in die ausgestreckte 
Hand gesteckt. 

In ähnlicher Weise pflegte er Nahrungsmittel, z. B. Biskuits 
oder Kakes, auch Zigarren, ausreichend für die versammelte 
Gesellschaft, hervorzuzaubern. Bei einer gewissen Gelegenheit 
schien der Vorrat an Eßwaren erschöpft zu sein. Einige An- 
wesende, die um den Tisch herumsaßen, erhoben ein Gelächter 
gegen Hassan Khan und forderten ihn spöttisch auf, eine 
Flasche Champagner zu besorgen. Sehr erregt und böse stotternd 
— er hatte immer einen Sprachfehler — , ging Hassan Khan 
nach der Veranda und befahl mit ärgerlicher Stimme einem un- 
sichtbaren Diener, sogleich den Champagner zu bringen. Er 
mußte seinen Befehl zwei- oder dreimal wiederholen, dann kam 
die verlangte Flasche durch die Luft geflogen. Sie traf den 
Zauberer mit Wucht gegen die Brust, fiel auf die Erde und brach 
in tausend Stücke. ,,Da," sagte Hassan Khan sehr erregt, ,,ich 
habe meine Macht gezeigt, aber durch meine Aufdringlichkeit 
meinen Djinn (dienstbaren Geist) beleidigt." 

Einer der europäischen Freunde von Oman reiste ganz 
zufällig mit Hassan Khan zusammen in ein und demselben 
Eisenbahnwagen, und da er mit ihm einigermaßen bekannt 
war, ersuchte er ihn, etwas zu trinken herbeizuzaubern. ,, Stecke 
deine Hand aus dem Fenster," sagte der Muslim, während der 
Zug dahinfuhr. Seine Bitte ward erfüllt und eine Flasche aus- 
gezeichneten Weines, die in die ausgestreckte Hand gesteckt 
wurde, belohnte diese leichte Bemühung. 

Ein anderer seiner Freunde, der ganz besonders darauf aus 
war, zu erfahren, wie Hassan Khan diese merkwürdigen Taten 
ausführte, nahm ein besonderes Interesse an ihm und suchte, 
diesen wichtigen Zweck vor Augen, seine Gesellschaft. Als er 
einstmals mit ihm im Basar hinfuhr, äußerte der Hexenmeister 
den Wunsch, am Laden eines Geldwechslers auszusteigen. Der 



— 70 — 

Wagen hielt, und Hassan Khan, von seinem Gefährten begleitet, 
fragte den Geldwechsler, ob er einige Sovereigns hätte. Als ihm 
eine bejahende Antwort gegeben wurde, bat er, sie möchten 
gebracht werden; und als sie aus dem großen Geldkasten des 
Wechslers herbeigeschafft worden waren, ließ Hassan Khan, 
nachdem er nach dem Preise gefragt hatte, zu dem sie gehandelt 
wurden — denn in jenen Tagen war ihr Wert noch nicht durch 
Gesetz festgelegt — , die Goldmünzen gedankenvoll durch seine 
Finger gleiten, mit dem Bemerken, er wollte morgen wieder an- 
fragen, falls er nicht anderswo ein besseres Geschäft machen 
könnte. Am folgenden Morgen kam er nach dem Laden, wie 
zuvor von dem Freunde Omans begleitet — aber bloß, um zu 
erfahren, daß die Sovereigns, die er tags zuvor gesehen und in 
den Händen gehabt hatte, alle auf geheimnisvolle Weise ver- 
schwunden seien, nachdem sie wieder in den starken Geldkasten 
getan worden waren. Hassan Khan stellte sich, als glaubte er 
die Geschichte nicht; aber bei dieser Gelegenheit warf er schlau 
einen so bezeichnenden Blick auf seinen Begleiter, daß dieser 
sich klugerweise entschloß, sich niemals wieder in so verdäch- 
tiger Gesellschaft sehen zu lassen. 

Und doch war dieser Vorfall nur ein verschärfter Antrieb 
für Herrn ... 's Neugier, und er quälte Hassan Khan unaufhör- 
lich mit Fragen, bis er von ihm die folgende Geschichte zu hören 
bekam (,,for the sake of which," sagt Oman p. 62, ,,more than 
anything eise, I have set forth in this narrative particulars 
which, if correctly reported, are seemingly quite incredible, and 
possibly not explicable by even the cleverest legerdemainists. 
However, not having witnessed the Muslim's stränge Perfor- 
mances myself, and not being a wizard, I leave the matter 
without further comment, to pass on to the story of how Hassan 
Khan acquired the wondrous powers with which he was cre- 
dited"): ,,Als ich noch ein Junge war," sagte dieser merk- 
würdige Mann, ,,kam eines Tages in mein Heimatsdorf ein hagerer 
Sädhu mit geflochtenem Haar und von durchaus abstoßendem 
Anblick. Die Kinder umringten ihn und spotteten über ihn, 
ich aber tadelte ihre Roheit mit den Worten, sie sollten einen 
heiligen Mann achten, und wenn er auch ein Hindu wäre. Der 
Sädhu beobachtete mich genau, und später trafen wir uns häufig, 



— 71 — 

denn er nahm für eine kurze Zeit seinen Aufenthalt in dem Dorfe. 
Ich für meinen Teil schien zu dem sonderbaren Manne hin- 
gezogen zu werden und besuchte ihn so oft ich konnte. Eines 
Tages bot er mir an, mir eine wichtige geheime Kraft zu über- 
tragen, falls ich seine Anweisungen gläubig und unbedingt be- 
folgen würde. Ich versprach alles zu tun, was auch immer ver- 
langt werden sollte, und begann unter der Leitung des Sädhu 
ein System von Selbstzucht mit Fasten, was viele Tage, vielleicht 
vierzig, dauerte. Mein Lehrer unterwies mich, viele mystische 
Formeln und Beschwörungen herzusagen, und nachdem er mir 
ein sehr strenges Fasten auferlegt hatte, befahl er mir, in eine 
dunkle Höhle am Abhang eines Hügels zu gehen und ihm zu 
erzählen, was ich dort gesehen hätte. Mit heftigem Zittern ge- 
horchte ich seinem Geheiß und kehrte mit der Meldung zurück, 
der einzige in dem Düster für mich sichtbare Gegenstand sei 
ein ungeheueres flammendes Auge gewesen. ,Es ist gut,' war 
des Sädhu Bemerkung, ,der Erfolg ist nicht ausgeblieben.' Und 
ich wunderte mich, was für eine Macht ich erlangt hätte. Der 
Sädhu wies auf einige Steine, die da herumlagen, und hieß mich 
auf jeden einzelnen ein bestimmtes mystisches Zeichen machen. 
Ich tat es. ,Nun gehe nach Hause,' sagte mein Mentor, ,schließe 
die Tür deines Zimmers und befiehl deinem Hausgeiste, dir 
diese Steine zu bringen.' Ich entfernte mich in einem Zustande 
nervöser Erregtheit, und indem ich mich in mein Zimmer ein- 
schloß, befahl ich dem unsichtbaren Djinn, mir sogleich jene 
Steine zu bringen. Kaum hatte ich meinen Auf trag ausgesprochen, 
als zu meiner Verwunderung und zu meinem geheimen Schrecken 
die Steine zu meinen Füßen lagen. Ich kehrte zurück und er- 
zählte dem Sädhu von meinem Erfolge. ,Nun', sagte er, ,hast 
du eine Macht, die du über jeden Gegenstand ausüben kannst, 
an dem du das mystische Zeichen, das ich dich gelehrt habe, 
anbringen kannst. Aber gebrauche deine Macht mit Bescheiden- 
heit; denn meine Gabe ist durch die Tatsache ausgezeichnet, 
daß du — du magst tun, was du willst — die durch deinen Haus- 
geist besorgten Dinge, was sie auch immer sein mögen, nicht 
aufsammeln kannst, sondern sie bald aus der Hand geben 
mußt.' Und diese Worte des Sädhu haben sich in meinem Leben 
bewahrheitet; seine Gabe ist kein ungemischter Segen gewesen, 



— 72 — 

denn mein Djinn nimmt meine Macht übel und hat oft versucht, 
mir ein Leid anzutun, aber glückUcherweise ist seine Zeit noch 
nicht gekommen." 

Die Geschichte von Hassan Khan beweist deuthch (Oman, 
p. 64), in wie hohem Ansehen die geheimen Kräfte der Sädhus 
auch bei den Muselmännern stehen, indem ein Anhänger des 
Islam freiwillig anerkennen konnte, daß seine eigene bemerkens- 
werte Geschicklichkeit im Wundertun auf ihn durch einen Hindu- 
Bettelmönch übertragen worden sei. 

Aber für gewöhnlich lieben es die indischen Muhammedaner, 
wie es sich für die Glieder einer einst dominierenden Rasse ge- 
ziemt, selbst auf diesem Gebiete die Oberhoheit zu beanspruchen. 
Ein Muselmann, der mit Oman über diesen Punkt sprach, gab 
zu, daß die Hindu-S ädhus infolge ihrer Kasteiungen und be- 
sonderen Praktiken eine wunderbare Meisterschaft über die 
Naturkräfte erlangen. ,,Aber", sagte er, ,,sie sind niemals im- 
stande, in Gottes Nähe zu treten, es sei denn mit Hilfe eines 
Fakirs." Leute, die mit solchen Dingen wohlvertraut waren, 
hatten ihm gesagt, daß einstmals ein durch die Lüfte fliegender 
Sädhu an dem Dufte, der die Atmosphäre erfüllte, die Nähe eines 
großen Fakirs erkannte. Er hemmte seinen Flug und stieg auf 
die Erde herab, war aber nicht imstande, sich dem Muslim- 
Heiligen zu nähern, um den herum, wiewohl unsichtbar, die 
Glorie des Allmächtigen ausgebreitet war. Der Sädhu wandte 
sich an den Fakir, daß er gern mit ihm zusammen sein möchte, 
daß er aber nicht über die Schwelle des haithak (Salons) hinüber 
könnte, wo die Besucher empfangen würden; denn er merkte, 
daß Gott selbst anwesend war. ,,Komm!" sagte der Fakir zu- 
versichtlich; und unter seinem Schutze war es dem Sädhu mög- 
lich, sich zu nähern. Als die beiden Asketen zusammentrafen, 
erkannte der Muslim in seinem Besucher einen würdigen, ver- 
wandten Geist und ließ ihn aus freien Stücken an der Gnade 
Gottes teilnehmen, die der Sädhu mit allen seinen Bußübungen 
und Zeremonien nicht hatte erlangen können. 

Es darf nicht vergessen werden, daß die Sädhus unserer 
Tage mit ihren Wundertaten recht zurückhaltend geworden 
sind: Wunder wollen eben schon lange nicht mehr zum Zeit- 



— 73 — 

geiste passen! So begnügen sich denn diese Heiligen, etwa als 
geheimnisvolle Ärzte zu wirken, indem sie den Kranken Drogen 
und Kräuter verordnen, deren Heilkraft sie auf ihren Wande- 
rungen oder aus dem Munde ihres Lehrers kennen gelernt haben ; 
und gewiß muß manche gelungene Kur den Sädhus zugeschrieben 
werden. Natürlich umgeben sie ihre Kenntnis mit einem Myste- 
rium und hüten ihre therapeutischen Geheimnisse eifersüchtig 
vor dem profanum vulgus. Bisweilen besteht ihre Tätigkeit 
allerdings auch in der Behebung von Leiden und Schwäche- 
zuständen, die die Anwendung von Liebestränken, sowie die 
Ausführung von Zaubersegen erheischen, von denen man meint, 
daß sie ein kaltes, leidenschaftsloses Herz rühren können. 

Erich von Schönberg erzählt im Patmakhanda I, 
p. 107 ff.: ,, Finden wir noch heute im 19. Jahrhundert in allen 
größeren Städten Europas, selbst in denen, die für Hauptsitze 
der Kultur und geistigen Bildung gelten, Propheten, Karten- 
schlägerinnen, medizinische Scharlatans und Wundermänner 
aller Art, die von der Unwissenheit und Leichtgläubigkeit des 
Publikums leben, so darf es uns nicht befremden, im Oriente 
ähnlichen Erscheinungen zu begegnen, die jedoch dort bei 
weitem nicht so häufig vorkommen wie bei uns. In Indien 
sind es die Fakirs, die sich mit diesen Erwerbszweigen vorzugs- 
weise beschäftigen. So kam in Nahn ein Fakir zu mir, der sich 
für einen Astronomen in Benares ausgab, und mir versicherte, 
sagen zu können, was ich eben jetzt denke und mir vornehme. 
Er wünschte, ich möchte einen Versuch mit der Sache machen, 
um mich von der hohen Kunst der Fakire zu überzeugen. Ich 
schrieb meine Gedanken nieder, der Fakir bezeichnete das Papier 
mit einem Kreuze und mit Buchstaben und gab dann mit 
vielem Geschicke eine Erklärung von Krieg, Heiraten und 
dergleichen. Ich gab darauf meinem Munschi das Papier, um 
dem Fakir den Inhalt desselben vorzulesen, der von seinen 
Worten durchaus verschieden war. Der Fakir suchte sich da- 
mit zu entschuldigen, daß von Pferden, worauf sich meine Ge- 
danken und Wünsche bezogen hatten, im Saster nichts ge- 
schrieben stände. Ebenso mißglückte ihm ein anderes Kunst- 
stück, indem er den Inhalt eines Kästchens angeben wollte, 
ohne hineingesehen zu haben. Ein anderer Fakir, der sich 



— 74 — 

gleichfalls als einen Schüler von Benares mir vorstellte, sich 
aber wahrscheinlich von seinem Kollegen hatte belehren lassen, 
und mit andern Künsten als jener auftrat, übergab mir ein 
Mittel gegen das Fieber nebst einer kleinen Wurzel, die gegen 
Schlangenbiß helfen sollte, und die er, im Falle der Anwendung, 
mit reichlichem Pfeffer einzunehmen riet." 

Das Erstaunlichste, was man den Yogins von jeher nach- 
gerühmt hat, und trotz aller Warnungen, Experimente und Ent- 
larvungen noch heute in mystischen Kreisen geglaubt wird, ist 
ihre angebliche Fähigkeit, sich als Scheintote begraben zu lassen 
und — oft nach recht langer Zeit — in das Leben zurückzu- 
kehren. Es muß dagegen Einspruch erhoben werden, wenn 
Spiritisten und Theosophen so tun, als wäre derlei in Indien 
ein alltägliches Geschehnis. Die Zeugnisse dafür, d. h. die ein- 
wandfrei gut bezeugten, sind recht knapp. Aus Thevenots 
Reisebeschreibung (III, 131 der Ausgabe Frankfurt a. M. 1693) 
wissen wir von Yogins, ,,die in ihrem gantzen Leben viel Monat 
die Arme Creutzweiß hinter den Kopff halten, oder sich biß 
auf eine gewisse Zeit in Gruben verscharren". Das ist 
wohl das älteste Zeugnis, aus der Mitte des 17. Jahrhunderts!! 
Im übrigen konzentrieren sich alle Berichte aus neuerer Zeit 
um den in eminenter Weise beanlagten Haridäs, von dem gleich 
die Rede sein soll. Jedenfalls aber ist es angesichts der Kritik- 
losigkeit der Mystiker usw. ein nicht hoch genug zu bewertendes 
Verdienst von Kuhn und Garbe, die Frage eingehend und ganz 
ohne mit der Stange im spiritistischen Nebel herumzufahren, 
geprüft zu haben. Kuhn tat es in einem überaus wichtigen 
Beitrag, der in Garbes Monographie über Sämkhya und Yoga 
(im Grundriß der indo-arischen Philologie III, 4) p. 47 ab- 
gedruckt ist; Garbe selbst hat dann den Gegenstand in seinem 
Aufsatz: ,,Über den willkürlichen Scheintod indischer Fakirs" 
(Beiträge zur indischen Kulturgeschichte, Berlin 1903, p. 199 ff.) 
im Zusammenhange behandelt und ist dabei ebenso wie Kuhn 
und alle nüchternen Beurteilei' zu dem selbstverständlichen Er- 
gebnis gelangt, daß, wenn sich wirklich das eine oder das andere 
Mal ein Fakir hat scheintot begraben lassen, dabei nichts Über- 
natürliches im Spiele ist. Daß ein besonders gut trainierter 



— 7S — 

Fakir die Lebenstätigkeit aussetzen kann, ist für den schon ge- 
nannten Haridäs durch die Zeugnisse ganz unverdächtiger hoher 
Beamter und Offiziere der indischen Regierung sicher bezeugt. 
Aber wir wissen jetzt auch, daß jenes Kunststück, ,, human 
hibernation", wie Braid den Vorgang genannt hat, daß der 
,, Winterschlaf des Menschen" durch eine bestimmte mechanische 
Einwirkung auf die Herznerven nachgemacht werden kann: 
Kuhn verweist hierzu auf Ziemßens Handbuch der speziellen 
Pathologie und Therapie VI ^, 275 f., wo es heißt: ,,Das Kunst- 
stück der indischen Hexenmeister, die Herzkonzentration wül- 
kürlich zu verlangsamen, ist jetzt gelöst, nachdem Donders ge- 
zeigt hat, daß er durch willkürliche Konzentrationen der vom 
Accessorius versorgten Halsmuskeln das Herz zum Stillstand 
bringen kann, indem mit der Reizung jener Muskeläste des 
Nerven auch gleichzeitig seine Herzäste angeregt werden." 

Die vier von Braid zusammengestellten Fälle, die zwischen 
1828 und 1837 beobachtet worden sind, betreffen aller Wahr- 
scheinlichkeit nach den aus der Gegend von Karnäl stammenden 
Yogin Haridäs, dem es infolge seiner durch mühsames Trainieren 
aufs höchste gesteigerten Veranlagung gelang, seine Lebens- 
tätigkeit bis auf 40 Tage auszusetzen und sich so lange in 
die Erde begraben zu lassen. Niemand kann es diesem 
Sterbekünstler verargen, wenn er sich auf seinen Wanderungen 
durch Räjputänä und Lahor nur gegen Kasse vergraben ließ; 
es ist schließlich — dies Zugeständnis sei den Mystikern 
usw. gemacht — nichts Geringes, 40 Tage den Toten zu 
markieren ! 

Was nachher von indischen Eingeborenen über den Schein- 
tod von Yogins berichtet und von europäischen Autoren über- 
nommen worden ist, muß ganz aus der Diskussion ausscheiden: 
es ,,hat für denjenigen, der die Unglaubwürdigkeit der heutigen 
Inder kennt, keinen Wert" (Garbe, Beiträge p. 211, Anm.)- 
Ich bekenne hier, nach N. C. Pauls Treatise on the Yoga Philo- 
sophy eifrigst gefahndet zu haben und über die Hoffnungslosig- 
keit dieser Bemühungen sehr ärgerlich gewesen zu sein. Nach- 
dem ich aber in Erfahrung gebracht hatte, daß jener N. C. Paul 
ein in maiorem gloriam anglisierter Eingeborner namens 
Navina Candra Päla sei, habe ich die Lücke in meiner Bücherei 



^ 76 - 

verschmerzen lernen^). — Über neuere Berichte von Yogins, 
die sich lebendig begraben Heßen, urteilt Kuhn 1. c. 47 sehr 
hart ab: A. J. Ceyps Aufsatz: ,,Das Experiment des Schein- 
tods bei den Fakiren" (Sphinx XIV, p. 232 ff.) nennt er ein 
,, freches Plagiat", indem er aus Honigberger abgeschrieben hat; 
und Jacolliot, ,, leider eine Hauptautorität unserer Mystiker", 
bezeichnet er als ,, überhaupt nicht ernst zu nehmend" und 
als ,, notorischen Schwindler". 

Inwieweit bei der Katalepsie der Yogins etwa narkotische 
Mittel in Betracht kommen, ist noch nicht entschieden. Jeden- 
falls ist es eine alte Vermutung, die Yogins möchten sich zur 
Erleichterung ihrer Paradeleistung eines Hanfpräparates be- 
dienen-). Der Genuß des Bhang, wofür es im Sanskrit eine ganze 
Reihe hochtrabender, überschwänglicher Ausdrücke gibt, ist in 
der alten indischen Literatur so gut bezeugt wie in neueren und 
neuesten Reise- und anderen Werken. Gleichzeitiger Gebrauch 
von Datura und Bilsenkraut ist gleichfalls gut bezeugt. 

Auf alle Fälle ist es dringend nötig, sich bezüglich des 
Scheintodes der Yogins des Horazischen Sprüchleins vom nil 
admirari zu erinnern und sich mystischen Hokuspokus vom Halse 
zu halten. 

Es mögen jetzt die Berichte folgen, die sich mit Haridäs 
und seinen verschiedenen Begräbnissen beschäftigen. Dabei 
soll Honigberger, wie billig, den Vortritt haben, da seine Er- 
zählung (Früchte aus dem Morgenlande, Wien 1851, p. 137) 
zwar nicht auf Autopsie beruht, sondern dem General Ventura 
nachgeschrieben ist, aber doch wohl die älteste deutsche QueUe 

1) Um Lebens und Sterbens willen möchte ich hier ein persönliches Er- 
gebnis mit indischen Eingeborenen zu ihrer Charakterisierung festnageln. Mit 
der Herausgabe eines Sanskritwerkes beschäftigt, hätte ich gern ein Manuskript 
benutzt, das sich in Indien in Privatbesitz befindet. Mr. F. W. Thomas vom 
India Office war, wie immer, mit seiner liebenswürdigen Unterstützung bei der 
Hand, so daß ich in verhältnismäßig recht kurzer Zeit den offiziellen Bescheid 
auf mein Gesuch zu lesen bekam. Da sah ich denn die echt orientaüsche An- 
maßung! Der Eigentümer — sein Name verdient, verewigt zu werden — Ganesh 
Vasudev Nirantar, Nasik, verlangte für die Erlaubnis, daß sein Manu- 
skript kopiert würde, die Kleinigkeit von Rs. 1000 (= 1400 M.), Ab- 
schreibegebühren und 15 Freiexemplare!! Nur die Lumpe sind bescheiden. 

2) Kuhn verweist auf Voyages de Jean Ovington, faits ä Surate. Trad. 
de l'Anglois. T. II. (Paris 1725), S. 76. 



oa 



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^ 



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00 







— 77 — 

ist; Schönbergs Patmakhanda erschien 1852, Braids Obser- 
vations on trance or human hybemation 1850. 

,,Rendschit-Sing hatte von einem Saat oder Fakir gehört, 
welcher sich im Gebirge aufhielt, und von dem die Sage ging, 
daß er sich im scheintoten Zustande förmlich könne begraben 
lassen, ohne daß er deshalb dem wirklichen Tode verfiele, in- 
dem er die Kunst verstand, nach Verlauf von mehreren Monaten 
wieder zum Leben gebracht zu werden, wenn man ihn ausgrübe. 
Dem Maharadscha schien die Sache eine reine Unmöglichkeit. 
Um sich nun darüber auf die eine oder die andere Art volle Über- 
zeugung zu verschaffen, ließ er den Fakir nach Hofe berufen, 
und veranlaßte ihn unter Androhung, daß man es an keinerlei Art 
von Vorsichtsmaßregeln gegen einen allfälligen Betrug werde er- 
mangeln lassen, sich dem seltsamen Experimente zu unterziehen. 
Infolgedessen führte der Fakir seinen Scheintod herbei. 

Als offenbar jeder Lebensfunke aus ihm entwichen schien, 
wurde er in Gegenwart des Maharadscha und sämmtlicher ihn 
umgebenden Großen in die Leinwand, worauf er gesessen hatte, 
eingewickelt, das Siegel Rendschit-Sings daraufgedrückt und der 
scheinbar Tote in eine Kiste gethan, an welche Rendschit-Sing 
eigenhändig ein starkes Vorlegeschloß gehängt hatte. Hierauf 
wurde die Kiste außerhalb der Stadt in einem Garten des 
Ministers vergraben, über den Ort Gerste gesäet, ringsherum 
eine Mauer aufgeführt und Wachen hingestellt. Am 40sten Tage, 
der zur Ausgrabung bestimmten Zeit, fanden sich nebst dem 
Derbar, wozu auch der General Ventura gehörte, noch einige 
Engländer aus der Nachbarschaft ein, unter andern auch ein 
Doktor der Arzneikunde. Als man die Kiste mit dem Fakir aus- 
grub und dieselbe öffnete, fand man ihn in demselben Zustande, 
in dem man ihn gelassen hatte, kalt und starr. Ein Freund 
sagte mir, wenn ich nur selbst hätte sehen können, mit welcher 
Mühe man ihn durch Anwendung der Hitze auf den Kopf, durch 
Luft einblasen in die Ohren und den Mund, durch Reibungen des 
Körpers usw. zum Leben zurückbrachte, so würde ich gewiß 
nicht den geringsten Zweifel an der Möglichkeit der Sache hegen. 
Der Minister Radscha Dhyan-Sing versicherte mich, daß er 
diesen Fakir, der sich Haridas nenne, in Dschemu im Gebirge 
4 Monate hindurch unter der Erde gehabt habe. Am Tage des 



- 78 - 

Vergrabens habe er ihm den Bart abscheren lassen, und bei der 
Ausgrabung sei ihm das Kinn eben so glatt gewesen, wie am 
Tage des Vergrabens, ein Beweis seines Mittelzustandes zwischen 
Leben und Tod. Auch in Dschesrota im Gebirge, wie auch 
in Amritsir, hatte er sich vergraben lassen, so auch bei den 
Engländern in Hindostan, und es heißt im Kalkutta- Journal der 
Medizin von 1835, wo die ausführliche Beschreibung davon zu 
finden ist, daß der Fakir das Aufhängen der Kiste in die Luft der 
Vergrabung derselben vorgezogen habe, weil er in der Erde die 
Ants oder weißen Ameisen scheuete. Da er aber ein eigensinniger 
Mensch war, der vermuthlich aus Mißtrauen in das wiederholte 
Begehren der Engländer nicht hatte femer eingehen wollen, 
so zweifeln Manche an der Wirklichkeit der hier erzählten That- 
sachen. Wäre diese Vergrabung etwas Leichtes oder wohl gar 
nur ein Betrug gewesen, so würden die Leute, die er mit sich 
hatte, und die ihn durch Behandlung nach seiner Anweisung 
ins Leben zurückriefen, ihn jetzt nachahmen können. Das ist 
nun aber nicht der Fall. Es scheint somit, daß er zu seiner Zeit 
der Einzige gewesen ist, der diese Kunst verstanden hat, die 
wahrscheinlich mit ihm erloschen sein dürfte. Denn ich habe 
mir gewiß alle mögliche Mühe gegeben, sowohl in der Ebene 
Indiens im Pendschab als auch an den Ufern des Ganges, im 
Gebirge und im Thale von Kaschmir einen solchen Künstler zu 
finden, um ihn, w^enn auch nicht nach Europa, doch wenigstens 
bis nach Kalkutta zu führen, mög' es kosten, was es wolle ; habe 
aber weder einen solchen gefunden, noch überhaupt von einem 
jetzt lebenden gehört. Mehrere von den Hindus, bei denen ich 
nachfragte, meinten, deiß derlei Fakire keinen Werth auf das Geld 
legten. Desto mehr Werth legen sie aber auf andere irdische Ge- 
nüsse, war meine Antwort. Sie hörten es aber nicht gerne, wenn 
ich sagte, daß der Saat (Fakir), der in Labore sein Semat (Be- 
gräbnis) zum Besten gegeben habe, ein ausschweifender Mensch 
gewesen sei, und daß mehrere Klagen gegen ihn eingebracht 
worden wären, aus welchem Grunde Rendschit - Sing bereits 
sich vorgenommen hätte, ihn des Landes zu verweisen. Dem 
sei er aber dadurch zuvorgekommen, daß er mit einer Katrani 
(Frau von einer Hindukaste) ins Gebirge entwich, wo er bald 
darauf in allem Ernste starb und nach Landessitte ver- 



— 79 — 

brannt wurde. Dieser Umstand von seiner Flucht mit einer 
jungen Frau möge denen, die daran zweifeln, daß er einen Bart 
gehabt habe, als Beweis dienen, daß er weder ein Hämling 
noch ein Zwitter war. 

Daß es nicht jedem Menschen gegeben ist, dieses Kunst- 
stück nachzuahmen, und daß es nur durch eine anhaltende viel- 
jährige Übung erlernt werden kann, daran ist kein Zweifel. Wie 
ich mir habe sagen lassen, so haben solche Leute das Bändchen 
unter der Zunge zerschnitten und ganz abgelöst, w^obei sie ver- 
mittelst Einreibung mit Butter, welche mit Bertramwurzel ver- 
mischt ist, und mit Ziehen an der Zunge dieselbe so lange hervor- 
ragend bekommen, daß sie bei ihren Experimenten des Schein- 
todes sie sehr weit zurücklegen können, um damit die Öffnung 
der Nasenhöhlen im Rachen zu bedecken, und die Luft im Kopfe 
eingesperrt zu halten. Man vergleiche im Dictionnaire Encyclope- 
dique usuel den Artikel Engastrimythe; wo der Mechanismus der 
Bauchrednerei beschrieben ist, und wo es heißt : Apres avoir in- 
troduit une grande quantite d'air dans la poitrine par voie d'in- 
spiration, il faut contracter fortement le voile du palais, afin de 
l'elever, de maniere ä boucher entierement l'orifice posterieur des 
fosses nasales. On contracte encore la base de la langue, le pha- 
rynx, le larynx, les piliers, les amygdales et toutes les parties 
qui forment le gosier etc. etc. 

Bei den Experimenten der Erstickung für den Scheintod, 
sagt man, halten sich die Anfänger die Augen, wie auch die 
Nasen- und Ohrenlöcher mit den Fingern beider Hände fest 
zugedrückt, weil die natürliche Hitze die im Kopfe eingesperrte 
Luft so gewaltsam herauszutreiben sucht, daß die Theile, welche 
an den Druck der Expansion noch nicht gewöhnt sind, öfters 
zerplatzen, am meisten die Augen und das Trommelfell. Zur 
Übung in dieser Kunst soll gehören: i. ein langes Ansichhalten 
des Atems; 2. das Hinabschlingen eines schmalen Leinwand- 
streifens, womit der Magen ausgeputzt wird, und 3. das Aufziehen 
einer beliebigen Menge Wassers durch den After, womit die Ge- 
därme gereinigt werden. Dieses Aufziehen geschieht mittelst 
eines unten angebrachten Röhrchens, während man sich bis 
unter die Arme ins Wasser setzt, die aufgezogene Flüssigkeit 
aber gleich wieder herauslaufen läßt. 



— 8o — 

Man erzählt, daß der Fakir, von dem die Rede ist, einige 
Tage vor der Vergrabungsszene ein Purgiermittel eingenommen 
und darauf mehrere Tage hindurch eine spärhche Milchdiät ge- 
braucht habe. Am Tage der Vergrabung selbst soll er statt dem 
Essen einen drei Finger breiten und über 30 Ellen langen Streifen 
Leinwand allmählich hinunter geschlungen, ihn aber auch also- 
gleich wieder herausgezogen haben, um den Magen zu reinigen, 
worauf er sich auch die Gedärme auf die oben beschriebene Art 
mit Wasser ausspülte. So wunderbar und vielleicht auch lächer- 
lich so manchem, wie mir selbst, diese Operationen scheinen, so 
müssen doch solche Leute, wenn es sich wirklich also damit ver- 
hält, wie man erzählt, vollkommen Herr über die verschiedenen 
Organe ihres Körpers sein und vorzüglich die Muskelkräfte, so- 
wie auch die Kontraktionen derselben in ihrer Gewalt haben. 
Wir gewöhnliche Menschen könnten wohl kaum ein längeres 
Stück Makaroni hinunterwürgen, wenn es nicht genugsam ge- 
kocht und mit Butter, Käse, Salz, Senf usw. schlingbar zu- 
bereitet ist. Vermuthlich haben derartige Künstler bei ihrer 
langen Zunge das Organ des Geschmackes verloren und die 
Halsmuskelkräfte dergestalt gelähmt, daß der lange Leinwand- 
streifen gar keinen Widerstand im Halse findet, weil denn alles 
nach Willkür geht. Sind die gedachten Zubereitungen ge- 
schehen, so verstopft er sich alle Körperöffnungen, die oberen 
und unteren, die vorderen und hinteren, mit aromatischen 
Wachsstöpseln, legt die Zunge nach oben umgeschlagen tief in 
den Rachen zurück, kreuzt die Hände über die Brust und er- 
stickt sich in Gegenwart eines großen Zuschauerkreises durch 
Atemanhalten. Bei der Wiederbelebung ist es eine der ersten 
Operationen, ihm die Zunge aus dem Hinterteile des Rachens 
vermittelst eines Fingers hervorzuziehen, worauf ein warmer 
gewürzhafter Teig aus Hülsenfrüchtenmehl auf seinen Kopf 
gelegt und ihm in die Lungen und in die von den Wachsstöpseln 
befreiten Ohrgänge Luft eingeblasen wird, worauf die Stöpsel 
aus der Nase mit Geräusch herausgetrieben werden. Dies soll 
das erste Zeichen der Rückkehr zum Leben sein. Hierauf fängt 
er allmählich an zu athmen, öffnet die Augen und kommt zum 
Bewußtsein; was jedoch alles nur nach und nach durch un- 
ausgesetztes Reiben geschehen soll. In wie ferne eine solche Be- 



03 



i- 
^ 



M 




00 
00 








— 8i — 

handlungsart bei anderen asphyktischen Zuständen, z. B. bei 
Erstickten, Ertrunkenen, Erhängten, Erfrorenen usw. nützlich 
sein kann, steht zu versuchen. Man erzählt, daß in Amritsar zur 
Zeit des Guru Ardschen-Sing, beiläufig vor 250 Jahren, ein 
Dschoghi-Fakir sitzend unter der Erde vergraben gefunden 
worden sei, nebst einer Anweisung, wie man ihn wieder ins Leben 
bringen könne. Dieser Fakir soll gegen ein Jahrhundert unter 
der Erde zugebracht und, als er dem Leben wiedergeschenkt 
war, vieles aus der alten Zeit erzählt haben. Ob dieses letztere 
wahr sei, will ich nicht verbürgen, glaube jedoch, daß derjenige, 
der vier Monate unter der Erde zu bleiben vermag, ohne eine 
Beute der Verwesung zu werden, auch wohl ein Jahr in dieser 
Lage aushalten könne, und — dies zugegeben — selbst über diese 
Zeit, ja vielleicht sogar Jahrhunderte. 

So paradox, um nicht zu sagen halb wahnwitzig, alles dieses 
auch klingen mag, und so sehr ich auch überzeugt bin, daß viele, 
die sich sehr weise dünken mögen, das Vorhergehende mit- 
leidig belächeln werden, so kann ich doch nicht umhin, hier offen 
das Geständniß abzulegen, daß ich sämmtliche von mir erzählte 
Thatsachen, die als solche durch fast unzweifelhafte Beweise 
constatirt erscheinen, nicht unbedingt verwerfen kann; denn 
abgesehen von dem, was Haller ebenso schön als wahr sagt: 

Ins Innre der Natur dringt kein erschaff ner Geist. 

Zu glücklich, wenn sie nur die äußre Schale weist, 
finden wir den festgewurzelten Glauben an derlei abnorme Er- 
scheinungen schon in so manchen Sagen des grauesten Alter- 
thums. Wer erinnert sich hier nicht unwillkürlich an den kre- 
tischen Epimenides, der nach 40 jährigem Schlafe aus einer 
Höhle in eine ganz veränderte Welt wieder eintrat? Wem 
fallen hier nicht die allbekannten heiligen sieben Schläfer ein, 
welche nach einer vatikanischen Handschrift zur Zeit des 
Kaisers Decius sich in eine Grotte bei Ephesus verborgen 
haben sollen, um der Christen Verfolgung zu entgehen, imd die 
erst 155 Jahre hernach unter der Regierung des Kaisers Theo- 
dosius IL wieder erwachten? Liefert uns nicht auch das Thier- 
reich ähnliche Beispiele ? Wurden nicht bekanntermaßen in Fels- 
gestein Thiere gefunden, u. a. Kröten, die nach einer mäßigen 
Berechnung vielleicht drei bis vier Jahrtausende oder noch 

Schmidt, Fakire und Fakirtunn. 6 



— 82 — 

länger in diesem Grabe mochten geschlummert haben, und den- 
noch bei ihrer Befreiung aus demselben wieder zum Leben er- 
wachten? Ich glaube kaum, daß es für Kenner der Naturge- 
schichte nöthig sein dürfte, an jene Thier gattungen zu erinnern, 
welche die strenge Winterzeit in einem t ödes ähnlichen Schlafe 
zubringen, ohne doch dem wirklichen Tode zu verfallen." 

ErichvonSchönberg gibt Patmakhanda I, 269 folgenden 
Bericht über den freiwilligen Todesschlaf eines Fakirs (und zwar 
desselben, von dem Honigberger spricht) : Der General Ventura, 
einer derjenigen französischen Herren, welche unter Runjit- 
Singh im Pen j ab Anstellung gefunden, war bei dem so oft im 
Pen j ab erwähnten Todesschlafe eines Fakirs, sowohl was die 
Begrabung des Fakirs als das Wiederzusichkommen desselben 
betrifft, zugegen gewesen, ein Vorfall, der, wenn er auch schon 
einzeln Veröffentlichung gefunden, gleichwohl seiner Merk- 
würdigkeit wegen mir nicht zu oft wiederholt zu sein scheint, 
wenn ich denselben hier nochmals Platz finden lasse, da bei der 
Außergewöhnlichkeit des Ereignisses, gegen dessen Glaub- 
würdigkeit wohl so mancher Zv/eifel sich erhoben haben dürfte, 
eine Wiederholung dieser Erzählung erwünscht sein möchte. Ich 
gebe die Erzählung, ohne für die Data selbst einzustehen, da, 
wie daraus hervorgeht, ich nicht selbst Augenzeuge war, wört- 
lich, wie sie mir aus dem Munde des Generals Ventura zuging, 
auf dessen Aussage hin der erste Erzähler dieses Vorfalls, Dr. 
Honigberger, diesen Fall veröffentlichte, nur wenige, mir hier 
unwesentlich scheinende Einzelheiten übergehend. Die Erzäh- 
lung lautet wie folgt: 

Es war in Amritsar, als ein Hindostaner, ein Fakir, etwa 
40 Jahre alt, bei Runjit-Singh im Derbar sich einfand und er- 
klärte, daß er sich, auf Wunsch, begraben lassen wolle und nach 
40 Tagen bei der Öffnung des Grabes in das Leben zurückkehren 
werde. Runjit-Singh nahm den Vorschlag an und Heß zwischen 
seinem Gartenhause und dem Fort von Amritser, auf einer 
freien Ebene, ein Haus erbauen, mit nur einem Tore als Eingang, 
das vorzüglich fest gebaut war. Der festgesetzte Tag erschien, 
der Fakir stellte sich ein und bat, daß man ihn bei seinem be- 
absichtigten Todesschlafe, sowie bei seinem Erwachen von 



o 

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- 83 - 

seinem Diener behandeln lassen möge, da dieser von ihm in 
der nötigen Behandlungs weise unterrichtet worden sei. Die Ge- 
währung dieser Bitte wurde ihm zugesagt. Der Fakir hatte eine 
Vorbereitung von 2ü Tagen nötig gehabt, um sich zu dem Todes- 
schlafe fähig zu machen, und während dieser Zeit hatte Runjit 
ihn stets beobachten lassen. Er hatte in diesen 20 Tagen nur 
Milch genossen und angeblich so viele Abführungsmittel zu sich 
genommen, daß nichts in seinen Eingeweiden zurückgebheben 
sei. Als er im offenen Derbar erschien, um sein Vorhaben zu 
beginnen, waren alle die ersten Sirdars des Hofes zugegen, welche 
sämthch mit gleichem Interesse das wunderbare Vorkommnis 
zu sehen wünschten. Der Fakir schritt zur Ausführung, indem 
alle Öffnungen des Körpers, an Ohren, Nase u. dgl., mit Wachs 
geschlossen wurden, von dem Munde wußte General Ventura sich 
nichts zu erinnern, und begann darauf seinen Atem nach innen zu 
ziehen. Nachdem er dies mehr als einmal wiederholt, fiel er um 
und lag nun mit geschlossenen Augen wie ein Toter da. Alle Symp- 
tome eines Verstorbenen zeigten sich an ihm, nur auf der Mitte 
des Kopfes war er brennend heiß anzufühlen, und das Blut schien 
so heftig daselbst zu schlagen, daß es der aufgelegten Hand gleich- 
sam widerstand, und gleichwohl war der übrige Körper kalt. 

Man legte den Fakir darauf in den Sarg, befestigte den 
Deckel darauf und brachte den Sarg in ein zu diesem Zwecke 
in der Mitte des erwähnten Hauses bereitetes Grab. Auf den 
Sarg wurden Bretter gelegt, das Grab mit Erde zugeschüttet, 
die Erde gleichgemacht und Weizen und Reis auf das Grab ge- 
sät. Darauf wurde die Tür des Hauses verschlossen mit zwei 
Schlössern, von welchen der eine Schlüssel dem Großschatz- 
meister, der andere dem General Ventura übergeben wurde. 
Von Zeit zu Zeit, d. h. von 8 zu 14 Tagen, wurde der Zustand 
des Grabes in Runjits Gegenwart untersucht, der durchaus keine 
Annäherung an das Grab erlaubte, da er in Dingen, wo er hinter- 
gangen zu werden fürchtete, äußerst scharf und vorsichtig war. 
An dem Gebäude wie an dem Grabe zeigte sich nicht die geringste 
Veränderung, alles war unberührt geblieben. 

Der vierzigste Tag erschien, man öffnete das Grab und den 
Sarg und fand den Fakir ganz so, wie er hineingelegt worden 
war, nur etwas gelber vielleicht. Der Diener desselben begann 

6* 



- 84 - 

nun seine Behandlung; er buk ein zwei Finger dickes Rutibrot 
nach der Landessitte und legte es dem Fakir brennend heiß auf 
den Scheitel des Kopfes, der noch dieselbe Wärme zeigte, wie 
am Tage des Begrabens. Hierauf begann der Diener den Fakir 
zu reiben an allen Gliedern, darauf öffnete er die verstopft ge- 
wesenen Öffnungen des Körpers. Der Fakir schlug die Augen 
auf, jedoch, wie es schien, ohne seiner Besinnung mächtig zu 
sein. Man bereitete nun ein heißes Bad, währenddem war der 
Fakir so weit wieder zur Besinnung gekommen, daß er sich auf- 
richtete. Runjit verließ nun den Schauplatz der wunderbaren 
Begebenheit und am Abend erschien der Fakir im Derbar, voll- 
kommen in demselben Ansehen, wie er zuerst sich hier vorgestellt 
hatte. Der Fakir soll dasselbe Experiment in einer englischen 
Garnison gemacht haben, wo man aber andere Vorsichtsmaß- 
regeln angewendet, um vor Betrug gesichert zu sein. Man soll 
ihn in einen Sarg verschlossen und diesen an vier Seilen inmitten 
der Wachstube, wo zwei wachhabende Offiziere waren, aufge- 
hängt haben. Diese Erzählung rührt angeblich von dem Fakir 
oder dessen Diener selbst her, doch habe ich keine Bestätigung 
derselben von irgend einer Seite weiter gehört. Die Mitteilung 
des Vorfalls in Amritsar dagegen war mir, außer von dem General 
Ventura, schon vorher im Penjab von den verschiedensten und 
anscheinend glaubwürdigsten Personen gemacht worden. Alle 
diese sprachen von dieser Begebenheit als von einer Tatsache, 
und ihre Erzählungen stimmten bis auf wenige unbedeutende 
Abweichungen vollkommen überein. 

Chunnilahl, der mir im Penjab beigegebene Mehmendar, 
ein Brahmane, fand an dergleichen außergewöhnlichen Dingen 
großen Gefallen und handelte sie mit allem Ernst und gehöriger 
Würdigung ab. Seine Erzählung obiger Begebenheit war in- 
sofern von jener des Generals Ventura abweichend, als er an- 
gab, der Fakir sei aus der Gegend von Attok gewesen, doch aus 
Hindostan gekommen. Er sprach nicht von zwanzig, sondern 
nur von drei Tagen der Vorbereitung, doch wäre es möglich, 
daß ihm das Nähere entgangen war und er nur von der Vor- 
bereitung der letzten drei Tage genauere Kenntnis hatte. Nach 
seiner Angabe habe er am dritten Tage vorher Abführungs- 
mittel genommen, den zweiten Tag nur etwas Milch getrunken. 



- 83 - 

und den dritten Tag, sowie den Tag des Experimentes selbst 
gar nichts zu sich genommen ; auch erwähnte er nicht, daß das 
Haus zum Behuf e des Grabes neu erbaut worden, sondern 
sprach von einem Hause, welches schon vorhanden gewesen. 
Die Schließung der Öffnungen des Körpers war, nach Chunni- 
lahls Erzählung, durch den Diener des Fakirs vorgenommen 
worden, nachdem der Fakir bereits umgesunken und anschei- 
nend tot gewesen; es seien auch Mund und Augen möglichst 
verklebt gewesen. Was die Wiederbelebung anbetrifft, so er- 
zählte er, man habe den Fakir nur einen Monat in dem Grabe 
gelassen, und als eines Tages Runjit-Singh den Diener des Fakirs 
zufällig im Derbar gesehen, habe er sich an den Vorfall erinnert 
und geäußert, es sei wohl Zeit, nach dem Grabe zu sehen, wor- 
auf er den Befehl zu dessen Öffnung gegeben habe. Bei der 
Öffnung habe man alles so gefunden wie angegeben; bei dem 
Erwachen des Fakirs haben die Stöpsel mit einem Schlage von 
selbst sich gelöst — und was dergleichen kleine Abweichungen 
mehr waren, die mehr oder weniger unwesentlich sind und um 
so deutlicher zu beweisen scheinen, daß die Hauptsache genau 
dieselbe ist in allen Erzählungen derselben. 

Chunnilahl fügte der Mitteilung dieser Begebenheit noch 
bei, daß in alten Zeiten mehrfach von Zeit zu Zeit Leute vor- 
gekommen seien, die dasselbe auszuführen verstanden hätten. 
Man habe auch Leute gefunden, welche die Kunst verstanden 
hätten, sich in einer beliebigen Höhe vom Erdboden nieder- 
zusetzen, ohne in Verbindung mit der Erde zu bleiben, sondern, 
frei in der Luft sich hinsetzend, gleichsam das Gleichgewicht mit 
der Luft sich zu geben vermocht hätten. Er führte namentlich 
an, wie er mehrfach gehört, daß ein solcher Künstler vor einigen 
Jahren 'in der Nähe von Peschawer sich aufgehalten habe. 

Einen weiteren Bericht gibt Garbe, Beiträge 211 ff., der 
zwar bei Braid noch ausführlicher steht, aber doch der Voll- 
ständigkeit halber hier abgedruckt werden soll: 

Es war im Jahre 1828 in Concon, als der englische Major, 
der das Kommando der militärischen Station hatte, eines Tages 
von einem eingeborenen Justizbeamten, einem Brahmanen, 
aufgesucht wurde, der für ,, einen seiner heiligen Landsleute" 



— S6 — 

um die Erlaubnis bat, sich für neun Tage innerhalb des mili- 
tärischen Kordons lebendig begraben lassen zu dürfen. Nach 
längerem Widerstreben und auf Grund wiederholter Bitten — 
denn der heilige Mann legte großes Gewicht darauf, ,, innerhalb 
des militärischen Gebiets die Probe machen zu dürfen, da er 
dadurch besseren Beweis liefere, daß kein Betrug unterliefe, als 
wenn er sie wo anders ausführe" — gibt der Major seine Zu- 
stimmung dazu, erklärt aber zugleich, daß er die erforderlichen 
Maßregeln treffen werde, um jede Täuschung zu verhüten. 
Darauf wird der ,, heilige Mann" auf offenem Felde in Anwesen- 
heit von etwa tausend Indem ohne Sarg, in eine Decke aus 
Kamelhaar eingewickelt, drei bis vier Fuß tief in einem Grabe, 
das auf gewöhnliche Weise gegraben und von dem üblichen Um- 
fang war, bestattet. Eine Wache von Mohammedanern wurde 
neben dem Grabe aufgestellt mit dem Befehl, jede Annäherung 
an das Grab zu verhindern; und diese Wache, die alle zwei 
Stunden abgelöst wurde, befolgte den Befehl so strikt, daß sie 
keinem der verhaßten Hindus erlaubte, ,, einen Brocken des ge- 
weihten Bodens zu nehmen, der den heiligen Mann bedeckte" 
(eine nach ihrer Meinung unschätzbare Gabe). In einiger Ent- 
fernung aber wachten zahlreiche Hindus ängstlich darüber, daß 
die als Posten aufgestellten Mohammedaner ihrem heiligen 
Bruder keinen Streich spielten. Es diente also die starke reli- 
giöse Antipathie der beiden Parteien als das beste Mittel, um 
jeden Betrug zu verhindern. So vergingen drei Tage. Da kommt 
dem Major, als ihm am Abend gemeldet wird, der Posten sei 
abgelöst und bei dem Grabe alles in Ordnung, der Gedanke, daß 
der zu erwartende Tod des lebendig begrabenen Mannes für ihn 
selbst sehr unangenehme Folgen haben könne. In der Angst, 
seine Stellung zu verlieren und als Mitschuldiger an dem Tode 
eines Menschen gerichtlich belangt zu werden, gibt er den Be- 
fehl zu sofortiger Ausgrabung. Der Brahmane, der seine Er- 
laubnis zur Eingrabung des Heiligen erwirkt hatte, kommt und 
sucht den Major zu beruhigen: der Heilige sei schon oft in der- 
selben Weise beerdigt worden, ohne Schaden zu nehmen; und 
er bittet den Offizier inständigst, die verabredeten neun Tage 
zu warten. Dieser aber lehnt das ab und eilt in beständig 
wachsender Angst zu Pferde auf das Feld hinaus. Unter An- 



- 87 - 

Wesenheit einer ungeheuren Menschenmenge wird der Grab- 
hügel abgetragen und zum Entsetzen des Majors der Begrabene 
kalt und steif herausgeholt. Nachdem der Major sich durch 
Betasten von dem Zustand des Körpers überzeugt hatte, zwei- 
felte er nicht mehr an seinem Unglück. Da traten zwei Schüler 
des Begrabenen hinzu und rieben ihm mit einer Salbe Kopf, 
Augen, Hände und Füße, namentlich aber die Herzgegend ein. 
Eine Viertelstunde lang schien dieses Frottieren erfolglos, dann 
aber wurden Lebenszeichen bemerkbar, und etwa nach einer 
Stunde war der Wiedererwachte im Besitz seiner körperlichen 
und geistigen Fähigkeiten und nahm die Ehrfurchtsbezeugungen 
und Geschenke der Hindus in Empfang, während der Major, 
glückselig darüber, daß seine Befürchtungen grundlos gewesen 

waren, den Platz verließ. 

* 

Es folgen nun die Berichte Braids, Dokumente von akten- 
mäßiger Wichtigkeit und daher hier in extenso wiedergegeben; 
zunächst über den willkürlichen Scheintod eines Europäers. 

Bei Braid, p. 44, erzählt Dr. Cheyne wie folgt vom Obersten 
Townsend: ,,Er konnte nach Belieben sterben, d. h. aufhören 
zu atmen, und durch bloße Willensanstrengung oder sonstwie 
ins Leben zurückkommen. Er drang so sehr in uns, den Versuch 
einmal anzusehen, daß wir schließlich nachgeben mußten. 
Alle drei fühlten wir erst den Puls; er war deutlich fühlbar, ob- 
wohl schwach und fadenförmig, und sein Herz schhig normal. 
Er legte sich auf den Rücken zurecht und verharrte einige Zeit 
regungslos in dieser Lage. Ich hielt seine rechte Hand, Dr. 
Baynard legte seine Hand aufs Herz und Herr Skrine hielt ihm 
einen reinen Spiegel vor den Mund. Ich fand, daß die Spannung 
des Pulses allmählich abnahm, bis ich schließlich auch bei sorg- 
fältigster Prüfung und bei vorsichtigstem Tasten keinen mehr 
fühlte. Dr. Baynard konnte nicht die geringste Herzkontraktion 
fühlen und Herr Skrine sah keine Spur von Atemzügen auf dem 
breiten Spiegel, den er ihm vor den Mund hielt. Dann unter- 
suchte jeder von uns nacheinander Arm, Herz und Atem, 
konnte aber selbst bei der sorgfältigsten Untersuchung auch 
nicht das leiseste Lebenszeichen an ihm finden. Wir disku- 
tierten lange, so gut wir es vermochten, diese überraschende Er- 



— 88 — 

scheinung. Als wir aber fanden, daß er immer noch in dem- 
selben Zustande verharrte, schlössen wir, daß er doch den Ver- 
such zu weit geführt habe, und waren schließlich überzeugt, daß 
er wirklich tot sei, und wollten ihn nun verlassen. 

So verging eine halbe Stunde. Gegen 9 Uhr früh (es war im 
Herbst), als wir weggehen wollten, bemerkten wir einige Be- 
wegungen an der Leiche und fanden bei genauerer Beobachtung, 
daß Puls und Herzbewegung allmählich zurückkehrten. Er 
begann zu atmen und leise zu sprechen. Wir waren alle auf das 
äußerste über diesen unerwarteten Wechsel erstaunt und gingen 
nach einiger Unterhaltung mit ihm und untereinander von dannen, 
von allen Einzelheiten des Vorganges zwar völlig überzeugt, 
aber ganz erstaunt und überrascht und nicht imstande, eine ver- 
nünftige Erklärung dafür geben zu können." 

Im Dabist an, einem gelehrten Werke über die religiösen 
Sekten Indiens, welches vor einigen Jahren aus dem Persischen 
übersetzt wurde, wird von der Fähigkeit einzelner Individuen 
berichtet, ihre Seele, wie sie sagen, vom Körper zu trennen und 
nach Belieben die gewohnten Beziehungen beider zueinander 
wieder eintreten zu lassen. Ein Individuum, welches mit Namen 
bezeichnet ist, hatte die Fähigkeit, drei Stunden lang den Atem 
anzuhalten, ein anderes konnte dies 12 Stunden lang, ein drittes 
2 Tage lang, und Balik Stetha, der über 100 Jahre alt wurde, 
konnte eine Woche lang das Atemholen unterlassen. So haben 
wir bei diesen Indern genau dieselben Erscheinungen, wie sie 
in dem obenerwähnten Falle von Oberst Townsend berichtet 
werden, und die Kenntnis dieser Tatsachen wird den Leser einiger- 
maßen vorbereiten, die Beschreibung der noch erstaunlicheren 
Erscheinungen zu vernehmen, welche im nachfolgenden er- 
zählt werden. 

Braid hatte sich an Sir Claude Wade mit der Bitte um Aus- 
kunft über den Fakir gewendet, der sich 1837 in Labore lebendig 
begraben ließ. Der Bericht lautet in PreyersÜbersetzung, p. 46ff . : 

,,Ich war am Hofe der Runjeet Singh, als der von Herrn 
Kapitän Osborne erwähnte Fakir lebend auf sechs Wochen be- 
graben wurde; obwohl ich erst einige Stunden nach dem eigent- 
lichen Begräbnis ankam, so hatte ich doch Runjeet Singh selbst 
und die zuverlässigsten Hofleute zu Zeugen, daß der Fakir vor 



- 89 - 

ihnen begraben worden sei, und da ich selbst zugegen war, als 
er ausgegraben und vollständig ins Leben zurückgerufen wurde, 
wobei ich so nahe stand, daß eine Täuschung ausgeschlossen 
blieb, so glaube ich fest daran, daß kein Betrug bei den außer- 
ordentlichen Tatsachen, die ich zu erzählen habe, unterlief. 
Kapitän Osbomes Buch liegt mir nicht vor, so daß ich mich 
auf denjenigen Teil seiner Erzählung beziehen könnte, in dem 
er meine Autorität zum Zeugnis anruft. Ich will deshalb kurz 
angeben, was ich selbst gesehen habe, um andere in die Lage zu 
versetzen, über das Gewicht meiner Beweise zu urteilen und sich 
eine Meinung zu bilden, ob wir getäuscht worden sind. Als der 
bestimmte Zeitpunkt herannahte, begleitete ich auf seine Ein- 
ladung den Runjeet Singh zu dem Fleck, wo der Fakir begraben 
worden war. Es war das ein viereckiges Gebäude, eine so- 
genannte Barra durra, in der Mitte eines der Gärten, welche 
den Palast in Labore umgeben, ringsum mit einer Veranda ver- 
sehen und mit einem mittleren geschlossenen Räume. Als wir 
ankamen, stieg Runjeet Singh, der bei dieser Gelegenheit von 
seinem ganzen Hofe begleitet war, vom Elefanten und bat 
mich, mit ihm zusammen das Gebäude zu untersuchen, damit 
er die Überzeugung hätte, daß es genau so verschlossen wäre, 
wie er es verlassen. Wir fanden, daß an jeder der vier Seiten 
eine Tür gewesen war, von denen drei vollständig zugemauert 
worden waren; an der vierten Seite befand sich eine feste Tür, 
die bis auf ein mit dem Privatsiegel Runjeet Singhs in dessen 
Gegenwart versiegeltes Schloß mit Lehm verdeckt worden war, 
als der Fakir begraben wurde. In der Tat bot diese äußere 
Fläche des Gebäudes keine Öffnung, durch welche Luft zu- 
dringen konnte, noch irgend eine Verbindung mit der Außen- 
welt, durch welche der Fakir Nahrung hätte erhalten können. 
Ich kann hinzufügen, daß die Mauern, welche die Türen schlössen, 
keinerlei Zeichen boten, daß sie kürzlich geöffnet oder auch nur 
verändert worden wären. 

Runjeet Singh erkannte den Siegelabdruck als den von ihm 
angelegten, und da er bezüglich des Erfolges ebenso skeptisch 
war, wie es nur irgend ein Europäer sein konnte, so hatte er, um 
soviel als irgend möglich Betrug zu verhüten, zwei Kompagnien 
seiner persönlichen Eskorte nahe an das Gebäude gelegt. Von 



— 90 — 

diesen mußten vier Posten, die zweistündlich abgelöst wurden, 
Tag und Nacht das Gebäude gegen einen Einbruch bewachen. 
Zugleich befahl er einem der höchsten Beamten seines Hofes, 
von Zeit zu Zeit den Platz zu revidieren und darüber an ihn 
direkt zu berichten, während das Petschaft, dessen Abdruck das 
Schlüsselloch schloß, von ihm oder seinem Minister aufbewahrt 
wurde. Letzterer empfing auch jeden Morgen und Abend den 
Rapport des wachhabenden Offiziers. 

Nachdem wir genügend untersucht hatten, setzten wir uns 
in die Veranda, gegenüber der Tür, während einige Leute aus 
dem Gefolge Runjeet Singhs die Lehmwand einrissen und einer 
seiner Beamten das Siegel brach und das Vorlegeschloß öffnete. 
Nach Öffnung der Tür sah man in einen dunklen Raum. Runjeet 
Singh und ich selbst begaben uns in denselben zusammen mit 
dem Diener des Fakirs, und nachdem ein Licht beschafft worden 
war, stiegen wir in eine Art von Nische etwa drei Fuß unter der 
Bodenfläche des Raumes. In dieser stand aufrecht ein hölzerner 
Kasten mit Deckel, etwa vier englische Fuß lang und drei Fuß 
breit, welcher den Fakir enthielt. Der Deckel war gleichfalls durch 
ein Vorlegeschloß und dasselbe Siegel wie die Außen tür geschlossen. 
Als wir ihn öffneten, sahen wir eine menschliche Gestalt in einem 
v>;^eißen Leinensack, der über dem Kopf derselben zugebunden 
war. Hierauf wurden Salutschüsse abgegeben und die Menge 
drängte sich an die Tür, um das seltsame Schauspiel zu sehen. 
Als ihre Neugier befriedigt worden, griff der Diener des Fakirs 
in den Kasten und nahm die Gestalt heraus, schloß den Kasten- 
deckel und lehnte sie in derselben hockenden Stellung, wie sie 
im Kasten (gleich einem indischen Götzenbild) gelegen hatte, mit 
dem Rücken gegen den Deckel. 

Runjeet Singh und ich stiegen dann in die Aushöhlung, 
welche so klein war, daß wir nur auf dem Boden gegenüber dem 
Körper sitzen konnten und denselben mit Hand und Knie be- 
rührten. 

Darauf goß der Diener warmes Wasser auf die Gestalt; da 
ich aber beabsichtigte, etwaige Betrügereien zu entdecken, so 
schlug ich dem Runjeet Singh vor, den Sack zu öffnen und den 
Körper genau anzusehen, bevor etwaige Wiedererkennungs- 
versuche gemacht würden. Ich tat dies und muß hier bemerken. 



— 91 — 

daß der Sack, als wir ihn zuerst gewahr wurden, schimmelig 
aussah, wie einer, der einige Zeit vergraben gewesen ist. Arme 
und Beine der Gestalt waren runzelig und steif, der Kopf ruhte 
auf einer Schulter, wie bei einer Leiche. Ich bat meinen mich 
begleitenden Arzt, auch hinabzusteigen und den Körper zu unter- 
suchen ; er tat es und konnte weder in der Herzgegend, noch an 
den Schläfen, noch am Arm den Puls fühlen. Doch waren die 
dem Gehirn entsprechenden Kopfteile wärmer als der andere 
Teil des Körpers^). 

Darauf begann der Diener ihn aufs neue mit heißem Wasser 
zu baden und streckte allmählich Arm und Beine aus der starren 
Stellung, in welcher sie sich befanden, während Runjeet Singh 
noch das rechte und ich das linke Bein nahmen, um durch Reiben 
sie wieder gebrauchsfähig zu machen. Inzwischen legte der 
Diener einen etwa zollstarken heißen Weizenteig auf den Scheitel, 
ein Vorgang, den er zwei- bis dreimal wiederholte; dann ent- 
fernte er aus den Ohren und den Nasenlöchern die Baumwolle 
und das Wachs, womit dieselben geschlossen waren, und öffnete 
mit großer Anstrengung, indem er eine Messerspitze zwischen die 
Zähne schob, den Mund, und während er mit der linken Hand 
die Kiefer voneinander trennte, zog er mit der rechten die 
Zunge vor, welche mehrfach in ihre aufwärts gekrümmte 
Stellung zurückfuhr, wobei sie den Schlund verschloß. 

Dann rieb er auf die Augenlider ghee, d. h. zerlassene 
Butter, einige Sekunden lang, bis er sie öffnen konnte. Das Auge 
erschien bewegungslos und glanzlos. Als der Teig zum dritten- 
mal auf den Scheitel gelegt worden war, wurde der Körper 
konvulsivisch bewegt, die Nüstern wurden aufgeblasen und die 
Glieder begannen eine natürliche Fülle anzunehmen; der Puls 
war immer noch kaum fühlbar. Der Diener legte etwas zer- 
flossene Butter auf die Zunge und ließ sie ihn verschlucken. 
Wenige Minuten später traten die Augäpfel hervor und erhielten 
eine natürliche Farbe, und der Fakir, der erkannte, daß Runjeet 
Singh dicht neben ihm saß, sagte, kaum verständlich, in leisen 
Grabestönen: ,, Glaubst du mir nun?" Runjeet Singh bejahte 

1) Sollte nicht diese Wärme ,,über dem Gehirn" die Folge der Übergießung 
mit warmem Wasser sein, welches den Teil zumeist erwärmt, mit dem es zuerst 
in Berührung kam? 



— 92 — 

die Frage und bekleidete den Fakir mit einem Perlenhalsband, 
prachtvollen goldenen Armbändern und einem Ehrenkleid aus 
Seide, Musselin und Schalstoff, wie es gewöhnlich von indischen 
Fürsten hervorragenden Personen verliehen wird. 

Vom Augenblicke an, wo der Kasten geöffnet wurde, bis 
der Fakir die Stimme wieder fand, konnte kaum eine halbe 
Stunde verflossen sein, und abermals nach einer halben Stunde 
sprach der Fakir mit mir und seiner Umgebung, wenn auch mit 
schwacher Stimme wie ein Kranker, und dann verließen wir ihn, 
überzeugt, daß kein Betrug noch Täuschung in dem Vorgang 
unterlaufen war, dessen Augenzeugen wir gewesen. 

Ich war gleichfalls zugegen, als einige Monate später Runjeet 
Singh den Fakir von weit her nach Labore kommen ließ, damit 
er sich lebendig begraben lasse vor Kapitän Osbome und den 
Mitgliedern der Gesandtschaft des verstorbenen Sir William 
M'Naphton, 1838. Nach den gewöhnlichen Vorbereitungen erbot 
sich derselbe, es auf einige Tage zu tun, da die Zeit der Anwesen- 
heit der Gesandtschaft von Sir William am Hofe nahezu ab- 
gelaufen war, aber nach Inhalt der ausgesprochenen Zweifel und 
wegen einiger Bemerkungen von Kapitän Osbome, als ob er den 
Schlüssel zu dem Raum, wo er begraben werden sollte, selbst 
behalten woUe, wurde der Fakir mit der den Indem eigentüm- 
lichen abergläubischen Furcht sichtlich unruhig und fürchtete, 
daß, einmal in der Gewalt von Kapitän Osbome, er nicht wieder 
losgelassen würde. Seine Ablehnung bei dieser Gelegenheit muß 
naturgemäß Zweifel erwecken an der Wahrhaftigkeit des von 
mir bezeugten Vorganges; aber für alle mit dem Charakter der 
eingeborenen Inder Vertrauten liegt nichts Überraschendes 
darin, daß bei einer Angelegenheit, wo es sich um Leben und Tod 
handelt, der Fakir Mißtrauen zeigte gegenüber der ihm myste- 
riös erscheinenden Absicht eines ihm vollständig fremden Euro- 
päers, während er bereit gewesen war, volles Vertrauen in Runjeet 
Singh und andere zu setzen, vor denen er seine Leistung gezeigt 
hatte. Ich bin überzeugt, daß er nur aus dem angeführten 
Grunde ablehnte und für mich dasselbe getan hätte, was er dem 
Kapitän Osbome abschlug. 

Sir William M'Naphton und mehrere seiner Umgebung hatten, 
wenn auch im Scherz, so doch ganz richtig vorher darauf aufmerk- 






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— 93 — 

sam gemacht, daß, wenn der Fakir die Probe nicht überstände, 
welcher er unterworfen werden sollte, alle, welche ihn dazu ver- 
anlaß ten, Gefahr Hefen, wegen Totschlags vor Gericht gestellt zu 
werden, ein Umstand, der sie abhielt, weiter in ihn zu dringen. 

Ich erkenne vollständig meinerseits das Unglaubwürdige an, 
daß ein Mann lebendig begraben werden und die Probe so und 
so lange überstehen könne, doch wenn auch die Tatsachen, von 
denen ich berichtet, unvereinbar erscheinen mit unseren physio- 
logischen Kenntnissen, so muß ich erklären, da kein erkenn- 
barer Grund für das Gegenteil vorhegt, daß ich an dieselben 
glaube, wie unmöghch auch deren Vorkommen anderen er- 
scheinen möge." 

Dazu hat Braid (p. 50) die folgende Anmerkung: Einige 
allzu mißtrauische Hyperkritiker mögen vielleicht anführen, da 
das Gegenteil in der Erzählung nicht ausdrücklich bemerkt 
worden ist, daß eine unterirdische Verbindung bestand, durch 
welche Genossen des Fakirs mit demselben während seines Be- 
gräbnisses in der Barradurrain Verkehr treten konnten, ohne 
daß es von den das Gebäude umgebenden Wachen bemerkt worden 
wäre. Wenn wir jedoch überlegen, daß Runjeet Singh nicht die 
Möglichkeit, sondern im Gegenteil das Unmögliche eines solchen 
Unternehmens beweisen wollte, so können wir unmöglich uns 
vorstellen, daß er, der alle obenerwähnten Vorsichtsmaßregeln 
gegen eine Täuschung getroffen hatte, nicht ebenso große Sorg- 
falt und Mühe angewandt haben sollte, um gegen ein Eindringen 
unter der Erde sich sicherzustellen, da ohne diese Vorsicht alle 
anderen Vorsichtsmaßregeln ein großer Unsinn gewesen wären. 
In der Tat hätte auch eine solche Nachlässigkeit bezüglich eines 
Punktes, über den auch der Einfältigste nicht leicht zu täuschen 
war, Runjeet Singh und seinen ganzen Hofstaat dem Verdacht 
ausgesetzt, mit dem Fakir im Einverständnis gewesen zu sein 
bei Ausführung eines groben öffentlichen Betrugs. Es ist jeden- 
falls sehr unwahrscheinlich, daß ein Fürst und sein Hof zu 
solchem Zwecke sich dem aussetzen. 

Mehr noch: daß Runjeet Singh bis zum Augenblick der 
Wiederbelebung des Fakirs zweifelte, geht aus den Worten her- 
vor, die der Fakir an ihn richtete, als er wieder sehen konnte: 
„Glaubst du mir jetzt?" 



— 94 — 

Das verschimmelte Aussehen des Sacks, welches Sir Claude 
M. Wade bemerkte, als der Kasten geöffnet und der Körper 
zuerst aufgestellt wurde, ist sehr beweisend dafür, daß er eine 
Zeitlang unter der Erde gelegen habe. 

Alle jene Einwendungen entkräftet auch vollständig der Fall, 
über den Leutnant Boileau berichtet, denn die Grube oder das Grab 
waren da])ei ausgemauert und mit großen Steinplatten bedeckt, 
so daß es für den Fakir unmöglich war, zu entkommen (S. 53). 

Ja, bei einem späteren Begräbnis eben desselben Fakirs 
wurde außer allen schon erwähnten Vorsichtsmaßregeln, nach- 
dem der Kasten verschlossen und versiegelt in die Aushöhlung 
gebracht worden war, noch Erde in letztere hineingeworfen und 
ringsherum festgestampft, so daß sie vollständig den Kasten 
umgab und ihn überdeckte, dann wurde Gerste darüber gesät, 
und immer blieb eine Wache auf dem Felde. Mehr noch : zwei- 
mal während der Dauer des Begräbnisses ließ Runjeet Singh 
den Körper ausgraben, und man fand ihn stets in derselben 
Haltung vor, wie er begraben worden und, wie es schien, voll- 
ständig leblos. Nach Beendigung dieses so langen Begrabenseins 
wachte der Fakir unter der üblichen Behandlung wieder auf. 

Der nächste Fall, den ich anführen will, fährt Braid p. 52 
fort, wurde mir durch Sir C. C. Trevelyan vom Schatzmeister- 
amte überlassen. Er war nicht Augenzeuge des Vorganges, aber 
die Quelle, aus der er seine Kenntnis schöpft, scheint durchaus 
befriedigend zu sein. Er berichtet: ,,Ich erinnere mich sehr 
genau, daß zu der Zeit, als ich als diplomatischer Agent in 
Kotah im Jahre 1829 — 30 war, ich den Vukeel des Rajah 
Rana kennen lernte. Dieser (ein sehr ehrenwerter und für einen 
Inder recht wahrheitsliebender Mann) erzählte, als wir Ge- 
schäfte miteinander hatten, daß er an demselben Morgen mit 
dem Rajah Rana bei der Ausgrabung eines Fakirs zugegen ge- 
wesen sei, der, wenn ich mich recht erinnere, 10 Tage lang be- 
graben war, nach seiner Auferstehung sich wohl befand und, 
nachdem er sich mit Essen und Trinken erfrischt hatte, sich 
ganz wie zuvor verhielt. Der Vukeel versicherte mir, daß kein 
Betrug hätte unterlaufen können, da der Mann in Gegenwart 
des Rajah begraben wurde und eine Wache zuverlässiger Sol- 
daten dauernd am Platze aufgestellt gewesen sei bis zu seiner 



— 95 — 

Ausgrabung. Ich erinnere mich auch, daß der Befehlshaber 
meiner Begleitmannschaft und der Gesandtschaftsarzt durch- 
aus überzeugt waren, daß die Tatsachen sich so verhielten, wie 
sie der Vukeel berichtet. Sie hatten unabhängig davon Kenntnis 
bekommen durch die Erzählungen mehrerer Soldaten, die bei 
der Ausgrabung zugegen gewesen waren. Ich erfuhr von dort 
noch mehrere Einzelheiten, deren ich mich jetzt nicht mehr er- 
innere, bis auf den Umstand, daß die Sepoys es als Tatsache 
hinstellten, daß manche Fakirs und andere Leute eine Fertig- 
keit besäßen, den Atem anzuhalten, die Zunge nach hinten 
zurückzulegen und die Finger einzuschlagen, eine Fertigkeit, 
welche sie in den Stand setze, lange Zeit ohne Nahrungsaufnahme 
und bei geringer Luftzufuhr am Leben zu bleiben. 

Ich glaube, daß der zu Kotah lebend begrabene Mann die- 
selbe Person war, von der in Boileaus Journal die Rede ist, und 
der von einem der einheimischen Hoflager zum anderen zog, um 
durch seine Kunst Geld zu verdienen. 

Ich selbst glaube daran, daß er wirklich volle lo Tage oder 
ungefähr soviel ohne Nahrung blieb, und zwar bei so wenig Luft, 
als ihn auf dem Boden seines Kastens erreichen konnte." 

,, Unmittelbar vor unserer Ankunft in Jesulmer hatte der 
Ramul ein sehr merkwürdiges Mittel angewandt, um einen Thron- 
erben zu bekommen. Die Einzelheiten sind so außerordentlich, 
daß wir sie kaum geglaubt hätten, wenn sie nicht so unmittelbar 
unter unseren Augen vor sich gegangen wären. Man erzählte 
uns bald nach unserer Ankunft, daß ein Mensch lebendig be- 
graben worden sei an der Rückseite der Zisterne dicht neben 
unseren Zelten, und daß er einen ganzen Monat unter der Erde 
bleiben werde, bis man ihn wieder ausgrabe. Der vorgeschriebene 
Zeitraum lief am i. April 1835 ab und am Vormittag dieses Tages 
wurde er lebend ausgegraben in Gegenwart von Goschur Lal, 
einem der Minister, der ebenfalls das Begräbnis beaufsichtigt 
hatte. Der Platz, auf welchem er eingegraben worden, ist ein 
kleines Steinhaus, 12 Fuß lang und 8 Fuß breit, an der Ecke 
der großen Zisterne, der so oft genannten Gurressie. Auf dem 
Boden des Hauses war eine Grube, etwa 3 Fuß lang, 2V2 Fuß 
breit und ebenso tief, oder etwa i Elle tief, in welche er, in ein 
leinenes Grabtuch eingenäht, gesetzt worden war. Beide Knie 



- 96 - 

waren an das Kinn gedrückt, die Füße dem Magen zugewandt 
und seine Hände nach der Brust zu gedreht. Die Höhlung oder 
das Grab war ausgemauert und mit vielfach gefalteten wol- 
lenen und anderen Tüchern ausgeschlagen, damit die weißen 
Ameisen und ähnliche Insekten ihn weniger belästigen könnten. 

Zwei schwere Steinplatten, 5 — 6 Fuß lang, mehrere Zoll 
stark, und breit genug, um die Grabesöffnung zu decken, wurden 
über ihn gedeckt, so daß er nicht herauskommen konnte, und 
ich glaube, etwas Erde wurde über das Ganze geschüttet, um 
die Bodenfläche oben gleichmäßig zu machen. Die Tür zum 
Hause wurde zugemauert und Leute außen aufgestellt, um den 
ganzen Monat hindurch die Wache zu übernehmen, damit kein 
Streich dabei gespielt oder ein Betrug ausgeführt würde. Leut- 
nant Trevelyan und ich machten uns auf, um zu sehen, was etwa 
noch zu sehen wäre. Die Vermauerung der Tür war nieder- 
gerissen, die Grabdecke entfernt und der Körper in Gegenwart 
von Goschur Lal herausgehoben worden. Der Moouschen kam 
in Zeiten, um die Öffnung des obenerwähnten Leichentuchs zu 
sehen, und konstatierte, daß der Begrabene vollständig be- 
sinnungslos war, mit geschlossenen Augen, mit ,,krampfigen" 
kraftlosen Händen, stark eingesunkenem Bauch und so fest 
aufeinander gedrückten Zähnen, daß die Umstehenden genötigt 
waren, mit einem eisernen Instrument den Mund gewaltsam zu 
öffnen, um ihm etwas Wasser einzuflößen. Bei dieser Behand- 
lung erhielt er allmählich den Gebrauch seiner Sinne wieder und 
konnte auch seine Glieder wieder gebrauchen. Er sprach mit 
uns mit leiser, weicher Stimme, als ob er sich noch sehr schwach 
fühlte, dagegen war er so wenig durch das lange Begräbnis, 
welches er eben durchgemacht, niedergeschlagen, daß er sagte, 
wir könnten ihn, wenn es uns gefiele, gleich wieder auf ein volles 
Jahr begraben. 

Er ist noch ziemlich jung, etwa 30 Jahre alt, und sein Ge- 
burtsdorf liegt etwa 5 Kilometer von Karnaul; aber er bleibt 
nicht zu Hause, sondern reist im Lande umher, nach Ajmer, 
Kotah, Indor usw., und läßt sich auf Wochen und Monate be- 
graben von jedem, der ihn reichlich dafür bezahlt. Man erzählt 
von diesem Menschen, daß er diese Fähigkeit erlangt habe durch 
fortgesetzte Übung, den Atem lange Zeit anzuhalten, etwa bis 



— 97 — 

man 50 zählt und allmählich bis 100, ja 200 und so weiter, wie 
es wahrscheinlich auch die Perltaucher tun. Außerdem soll er 
die Fähigkeit haben, den Mund geschlossen zu halten und zu- 
gleich die innere Nasenöffnung mit der Zunge zu schließen, eine 
Geschicklichkeit, die zuweilen zum Selbstmord von den Neger- 
sklaven benützt wird, wenn sie gezüchtigt werden. 

Während der Vorbereitung zu seinem langen Begräbnis ent- 
hält er sich femer aller fester Nahrung mehrere Tage vor der 
Einschließung und genießt nur Milch, welche nach Annahme 
der Eingeborenen fast vollständig im Harn entleert wird, damit 
er, in sein enges Grab eingeschlossen, nicht durch den Inhalt 
seines Magens oder seiner Gedärme belästigt werde." 

Der nächste Fall, von dem ich berichten kann, ist womög- 
lich noch überzeugender, besonders da der Büßer in einem ge- 
wöhnlichen Grabe auf militärischem Gebiete genau so wie jeder 
Soldat, nur ohne Sarg, begraben worden war, und zwar auf einem 
offenen Felde, wo der ganze Vorgang von 1000 Indern beobachtet 
wurde. Diese wachten besorgt darüber, daß ihrem heiligen 
Bruder kein Streich gespielt werde von den muselmännischen 
Wachen, die als Posten am Grabe aufgestellt waren, um während 
des ganzen Begräbnisses jedes Eindringen und jeden Betrug 
unmöglich zu machen. So hatte der Büßer gar keinen Vorteil; 
es gab viele Zeugen, und die streitenden Interessen und die 
heftige religiöse Antipathie zwischen den beiden beteiligten 
Parteien diente als ein Gegengewicht, welches Betrug und 
falsches Spiel während des \^organges verhinderte. Im folgenden 
gebe ich die Erzählung wieder, die mir Major St. zur Verfügung 
gestellt hat. Während seines Kommandos als Stabsoffizier einer 
britischen militärischen Station in Concon 1828 hatte er von 
diesen seltsamen Leistungen des Fakirs gehört, die sich in der 
Nachbarschaft lebend begraben ließen; doch schenkte er diesen 
Erzählungen keinen Glauben, vvcil er annahm, alle die an- 
geführten Tatsachen seien nur erfunden oder die Bericht- 
erstatter getäuscht worden. Folgende Geschichte gab ihm aber 
den Beweis, daß wirklich einige Individuen solche außerordent- 
liche Kräfte besitzen. 

Eines Tages erhielt der Offizier den Besuch eines Brahminen, 
der das Amt eines Chowdrie inne hatte. Der Chowdrie ist ein 

Schmidt, Fakixe und Fakirtum. 7 



- 98 - 

Beamter der Zivilverwaltung, der die Oberaufsicht über alle 
Gerichtshöfe und alle öffentlichen Verhandlungen oder Vor- 
kommnisse in seinem Gerichtssprengel hat; doch ist er dem 
Stabsoffizier untergeordnet in bezug auf alles, was sich innerhalb 
des militärischen Rayons und in den Kantonnementsplätzen er- 
eignet, so daß er für alles, was innerhalb dieser Grenzen unter- 
nommen werden soll, vor allem die Erlaubnis des kommandieren- 
den englischen Offiziers erhalten muß. Der Chowdrie teilte dem 
Offizier mit, daß er gekommen sei, die Erlaubnis einzuholen 
für einen seiner heiligen Landsleute, der sich auf neun Tage 
innerhalb des militärischen Kordons beerdigen lassen wolle. Er 
fügte hinzu, daß eine unzählige Volksmenge aus der Nachbar- 
schaft zusammengekommen sei, um dem heiligen Mann bei 
dieser Handlung zuzuschauen. Der Offizier antwortete darauf, 
er könne nicht glauben, daß irgend jemand ein solcher Narr 
sein werde, sich auf neun Tage begraben zu lassen, da er ja in 
solchem Falle unbedingt sterben müsse, und entließ den Chow- 
drie nach dieser Erklärung, ohne auf seine Bitte einzugehen. 
Indes bald darauf kam der Chowdrie wieder und drang in 
den Offizier, das Gesuch des Fakirs nicht abzuschlagen, indem er 
versicherte, der heilige Mann bringe es in gutem Glauben vor 
und wünsche sehr, innerhalb des militärischen Gebiets die Probe 
machen zu dürfen, da er dadurch besseren Beweis liefere, daß 
kein Betrug unterliefe, als wenn er sie wo anders ausführe. Er 
fügte hinzu, jener habe schon öfters sich begraben lassen und 
seine Heiligkeit werde ihn jetzt wie früher schützen. Der 
Chowdrie ging so gar soweit, zu behaupten, seine Heiligkeit habe 
ihm einen solchen Einfluß bei Gott gegeben, daß er, so lange er 
auch wünsche, unter der Erde vollständig sicher bleiben könne. 
Endlich erwiderte der Offizier : ,,Gut, wenn der Mann entschlossen 
ist, sich begraben zu lassen, so sollen Sie meine Erlaubnis dazu 
haben, falls es auf militärischem Gebiet geschieht, aber ich sorge 
dafür, daß kein Streich gespielt und er wirklich begraben wird; 
und um es um so mehr sicherzustellen, soll sein Grab die ganze 
Zeit durch eine Wache von Mohammedanern umgeben werden, 
damit kein Hindu während dieser Zeit sich demselben nähert." 
Der Chowdrie zeigte sich mit alledem sehr einverstanden und 
schien in dem Glauben, daß die Heiligkeit des geweihten 



— 99 — 

Mannes durchaus genüge, ihn während dieser außerordentHchen 
Prüfung zu schützen. 

Darauf gab der Offizier sofort den Befehl, einen Korporal 
abzusenden, der acht zu geben hatte, ob der Mann wirklich be- 
graben werde, und eine Wache aufzustellen, die, in gewöhnlicher 
Weise abgelöst, die ganzen neun Tage hindurch strenge Wacht 
am Grabe halten und niemandem gestatten sollte, sich demselben 
zu nähern; und um die pünktliche Ausführung des Befehls zu 
sichern, sollten nur Mohammedaner zur Wachmannschaft be- 
stimmt werden. 

Wenige Stunden, nachdem dieser Befehl gegeben worden, 
kam der Unteroffizier zurück und meldete, daß der Heilige, 
nachdem er gewisse Vorbereitungen getroffen und von der 
Menge reich beschenkt worden, sich hingelegt hätte und in einen 
eigentümlichen Zustand geraten sei, worauf seine Begleitung 
seinen Körper in eine Hülle, die man ,,Kumlee" nennt, gebracht 
und dann in ein Grab gelegt hätte, das auf gewöhnliche Weise 
gegraben und von dem üblichen Umfang gewesen sei, 3 — 4 Fuß 
tief; dann hätte man auf seinen Körper Erde geschüttet. Ein 
Sarg war nicht benutzt worden. Nachdem dies geschehen, hatte 
man eine Wache von Mohammedanern aufgestellt, mit dem Be- 
fehl, das Grab zu umschreiten und auf keinen Fall zu erlauben, 
daß jemand sich demselben nähere. 

Alle zwei Stunden wurde dem Offizier und seinem Ad- 
jutanten gemeldet, daß die neue Wache aufgezogen sei und die 
alte abgelöst habe, und daß alles sich genau in demselben Zu- 
stand befinde wie damals, als man die Erde über den Büßer ge- 
schüttet hatte. So unbezwinglich war die Abneigung der Mo- 
hammedaner-Posten gegen die Inder, daß sie keinem derselben 
erlauben wollten, auch nur dem Grabe sich zu nähern, um einen 
Brocken des geweihten Bodens zu nehmen, der den heiligen 
Mann bedeckte (eine nach ihrer Meinung unschätzbare Gabe). 
Die Hindus glaubten bestimmt, daß er am neunten Tage, wie 
er vorausgesagt, auferstehen werde. 

Am Abend des dritten Tages, als andere dringende und 
wichtige Pflichten schon vollständig den begrabenen Fakir aus 
seinem Gedächtnis gestrichen hatten, wurde die Aufmerksamkeit 
des Offiziers wieder auf diesen Gegenstand gelenkt durch je- 



— lOO — 

manden, der ihm meldete, der Posten sei abgelöst und mit dem 
Toten sei alles in Ordnung, d. h. alles noch in dem Zustande, 
wie es vor drei Tagen, als er begraben worden, gewesen. Auf 
diese Anzeige hin wurde der Offizier, dessen Glaube an den 
Schutz, den der Büßer unter solchen Umständen an seiner 
Heiligkeit hatte, weniger fest war als der der Hindus, unruhig, 
um so mehr, da er in Verlegenheit kommen konnte, weil die 
Sache mit seiner Bewilligung innerhalb des militärischen Ge- 
bietes geschehen war und er eine Wache an das Grab gestellt 
hatte, und daß er, falls der Mann stürbe, was nach seiner Auf- 
fassung bald geschehen mußte, als der Teilnahme an dem Morde 
verdächtig, seine Stellung verlieren würde, außer sonstigen 
Übeln Folgen. 

Deshalb eilte der Offizier nach Hause und schickte sofort 
nach dem Chowdrie, der ihn um seine Zustimmung zur Aus- 
führung des Unternehmens innerhalb der militärischen Grenzen 
angegangen hatte, teilte ihm seine Sorgen und seine Zweifel mit 
und forderte die sofortige Ausgrabung des Büßers. Darauf bat 
ihn der Chowdrie, keine Sorge um die Sicherheit des begrabenen 
Heiligen zu haben, da derselbe schon oft in derselben Weise 
begraben worden, und fügte hinzu, derselbe sei so sehr durch 
seine Heiligkeit geschützt, daß er auch nach zwölfmonatigem 
oder selbst hundertjährigem Aufenthalte im Grabe ganz wohl 
sein und sicherlich wieder zu sich kommen würde. Er drang 
deshalb in den Offizier, doch denselben, wie es ausgemacht, die 
vollen neun Tage im Grabe zu belassen. 

Vertrauen in die Militärbehörde und Zuversicht waren bei 
dem Brahminen stärker, der in seiner enthusiastischen Über- 
zeugung darauf drang, daß die Ausgrabung erst nach völligem 
Ablauf der stipulierten Zeit vor sich gehen sollte. Der Offizier 
konnte hierin nicht nachgeben, sondern bestand auf der so- 
fortigen Ausgrabung des heiligen Mannes; überdies befahl er 
zu seinem eigenen Schutze, daß, wenn seine Befürchtungen sich 
erfüllten und der Büßer tot gefunden würde, der Chowdrie dessen 
Leichnam sofort aus dem militärischen Gebiete entfernen sollte. 

Um sich noch mehr vor jedem Mißgeschick zu schützen, ließ 
mein Freund sofort sein Pferd satteln und ritt auf das betreffende 
Feld, um Augenzeuge der kommenden Dinge zu sein. Als er auf 



— lOI — 

dem Platze eintraf, fand er das Grab von einer ungeheuren Menge 
von Hindus umgeben, die alle gespannt darauf warteten, Zeugen 
dieser Ausgrabung oder der Auferstehung ihres heiligen Bruders 
zu sein. Da der Chowdrie gleichzeitig eingetroffen war, so gab 
man sofort den Befehl, den Erdhügel abzutragen und den Körper 
des Heiligen herauszunehmen. Zum Entsetzen unseres Offiziers 
kam er auch wirklich heraus, eingehüllt in die Decke von Kamel- 
haar; und als man diese entfernte, fand man den Körper kalt 
und steif wie eine Mumie. Als er mit Auge und Hand sich per- 
sönlich davon überzeugt hatte, war er seines Unglücks sicher, 
sah sich schon abgesetzt und als Mitschuldiger am Tode dieses 
Heiligen-Schwärmers vor Gericht gestellt. 

Für ihn gab es nur die eine Hoffnung, nach seiner Meinung 
eine vergebliche, daß der Fakir durch die Mittel, welche zwei 
seiner Jünger bei ihm seinen Vorschriften entsprechend an- 
wandten, wieder hergestellt werden könnte. Sie rieben mit einer 
Salbe Kopf, Augen und Augenbrauen, Handteller und Fußsohlen 
ein, und besonders sorgfältig rieben sie dieselbe Salbe wiederholt 
in der Herzgegend ein. Fast eine Viertelstunde lang hatten sie 
diese Bemühungen fortgesetzt, ohne daß anscheinend irgend ein 
Erfolg an dem dieser Prozedur unterworfenen Körper sichtbar 
wurde, und so schwand die letzte Hoffnung des Europäers. Die 
Eingeborenen dagegen hielten aus. Sie setzten ihre Manipu- 
lationen mit unermüdlichem Eifer fort und waren endlich im- 
stande, die Augenlider zu heben; das Auge sah starr aus wie bei 
einer Leiche. 

Allmählich jedoch konnte man leichte Bewegungen der 
Augen bemerken, die langsam zunahmen, bis auch der Kopf 
bewegt wurde ; und nach fortgesetzten Bemühungen und Kneten 
der Brust hob sich endlich diese, bis er schließlich einige Worte 
sprechen konnte, zur unaussprechlichen Freude des Europäers 
und der zahlreich versammelten Brahminen und anderen Ein- 
geborenen. 

Ungefähr in einer Stunde war der Fakir ziemlich wieder im 
Besitz seiner geistigen und körperlichen Fähigkeiten, und der 
Major verließ den Platz erfreut, von der Sorge befreit, seine 
Stellung zu verlieren und als Mitschuldiger am Tode dieses 
Büßers vor Gericht gestellt zu werden. Letzterer aber blieb auf 



— 102 — 

dem Platze und nahm die Glückwünsche und zahlreichen Ge- 
schenke seiner Anhänger, die ihrer Bewunderung und Verehrung 

lauten Ausdruck gaben, entgegen. 

* 

Endlich noch eine sorgfältige Untersuchung aus neuester Zeit ! 

Im Correspondenz-Blatt der Deutschen Gesellschaft für 
Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte, XXVII. Jahr- 
gang, 1896, gibt Aurel von Török folgenden Bericht über die 
Yogis oder sogen. Fakire in der Milleniums- Ausstellung zu 
Budapest : 

,,Seit der Eröffnung der Milleniums- Ausstellung in Budapest 
werden in einer besonderen Abteilung ,,ös-Budavär" (,, Uralte 
Festung von Ofen") zwei sog. Yogi aus Hindostan, Anhänger 
des Aryasamädsch, der Sekte des Religion-Neuerers Svämi 
Dayänand Sarasvati, abwechselnd je auf 8 oder 14 Tage ver- 
mittelst des Hypnotismus in einen lethargischen Schlaf ver- 
setzt. Sowohl die Einschläferung wie auch die Erweckung ge- 
schieht öffentlich vor dem Publikum, und ebenso wird auch der 
eingeschläferte und in einem eleganten gläsernen Sarge liegende 
Yogi dem Publikum zur Schau ausgestellt. 

Am 23. d. M. wurde der eine Yogi namens Bhimsen Pratäp 
(aus dem Pandschäb gebürtig, 24 Jahre alt) abends um 7 Uhr 
aus seinem achttägigen Schlafe erweckt, hingegen der andere 
Yogi namens Gopäl Krischna (26 Jahre alt) am Pfingstsonntag 
nachmittags um 3 Uhr eingeschläfert. 

Beide sind Äryas und gehören der zweiten Kaste, nämlich 
der der Kschatriyas an. Beide sind intelligente, studierte junge 
Leute, die das Dayänand-College in Labore absolvierten, 
sprechen und schreiben geläufig englisch, und sprechen außer 
ihrer speziellen Muttersprache noch andere indische Sprachen. — 
Beide Yogis weisen die edleren Rassenmerkmale der Äryas auf, 
sind von mittlerer Körpergröße, wohlproportioniertem Körper- 
bau, dunklerer (schwärzlich-brauner) Hautfarbe, ihr Körper 
mäßig behaart, die pechschwarzen Haare lockig (bei dem 
einen, Gopäl Krischna, gekräuselt). Das Unterhaut-Fettgewebe 
sehr mäßig, die Muskulatur gut entwickelt, Knochen mehr 
zart. — Die jungen Leute mäßig kräftig. Sie sind Vegetarianer, 
ihre Hauptnahrung besteht aus Milch, Eiern, Reis, Gemüse, 



— I03 — 

Obst und anderer Pflanzennahrung, angeblich essen sie nie 
Fleischspeisen. 

Beide erzählten mir, daß sie sich der Theologie (oder wie 
sie sagten: der Theosophie) widmen und seit ihrem 17. Lebens- 
jahre Yogi sind. Das Wort Yoga bedeutet die Vereinigung 
Dschivätma und Paramätma, d. h. der individuellen Seele und 
der Allseele. Die asketischen Übungen, durch welche die Ver- 
einigung angeblich herbeigeführt wird, werden mit dem Namen 
Hathayoga bezeichnet. . . . 

Nun will ich darüber berichten, was ich bei der Einschläfe- 
ning und bei der Erweckung gesehen habe. 

Gestern (24. Mai) kam die Reihe der Einschläferung an 
Gopäl Krischna. — Bis zum Beginn der Einschläferung war der- 
selbe sehr munter, aufgeweckten Geistes, sehr gesprächig und 
bekundete ein lebhaftes Interesse für das anthropologische 
Studium, bat mich auch, ihm nach der Erweckung alles zu 
erzählen, was mit ihm während seines Schlafes vorgehen sollte. 
— Er bat mich aber ausdrücklich, seinen Körper erst nach 
20 Minuten nach der Einschläferung zu berühren. (Bei dieser 
Einschläferung war auch Prof. Dr. Benedikt aus Wien zu- 
gegen.) 

Nach einem kurzen (höchstens 3 Minuten dauernden) ein- 
tönigen Hermurmeln eines sanskritischen Gebetes wurde Gopäl 
Krischna in den erwähnten geräumigen (etwa 2 m langen, i m 
hohen und etwas mehr als i m breiten) gläsernen Sarg auf weicher 
Unterlage gelegt und mittelst einer dichten seidenen Decke bis 
zum Kopfe eingehüllt. Sofort schloß er seine Augen zu und 
murmelte einige Minuten hindurch diejenigen Gebete nach, die 
der andere Yogi (Bhimsen Pratäp) eintönig, aber mit von Zeit 
zu Zeit rhythmisch abgeändertem Timbre der Stimme her- 
sagte. Nach etwa 3 Minuten verstummte der Mund Gopäls, 
während Bhimsen seine monotone Rezitation noch fortsetzte. 
Es vergingen abermals 3 — 4 Minuten, dann hörte Bhimsen plötz- 
lich mit seiner suggerierenden monotonen Rezitation auf und 
hob das obere linke Augenlid seines Genossen empor; der Aug- 
apfel war bereits nach innen und oben gerollt und dem Anschein 
nach unempfindlich. Bhimsen überstrich die Stirn und das Ge- 
sicht mit einem Tuche. Der Yogi ward als eingeschlafen erklärt. 



— 104 — 

In der Tat lag Gopäl ganz ruhig in seinem Glassarge, ohne Be- 
wegung, die Atmung war ebenfalls ganz ruhig und durch die 
Decke hindurch nur bei angespannter Aufmerksamkeit wahr- 
nehmbar. Nach Verlauf von 20 Minuten wurde das eine und 
andere obere Augenlid gehoben, der Aue^apfel betastet, der Herz- 
schlag und der Pulsschlag befühlt, sowie die Atmung durch Auf- 
legung der Hand auf die Magengegend (R. epigastrica) unter- 
sucht. Die Körperwärme war normal 37° C, der Puls 80, Re- 
spiration 18, die Muskulatur erschlafft, der Augapfel unemp- 
findlich. Heute, also nach 24 Stunden, fand ich Gopäl ganz ruhig, 
kaum bemerkbar atmend, in seinem Glassarge liegend, die Ge- 
sichtshaut schien mir etwas welk, eingefallen. Körpertemperatur 
36° C, Puls 76, Atmung 16. Der warme Körper ließ sich unter 
der Decke weich anfühlen. 

Bevor ich auf die Besprechung dies Schlafes übergehe, 
wollen wir zuerst sehen, wie die Erweckung aus einem solchen 
lethargischen Zustande vor sich geht. 

Samstag (23. Mai) abends um 7 Uhr wurde der Glassarg 
mit dem darin schlafenden Yogi Bhimsen Pratäp vor dem 
Publikum auf das Podium gestellt. Gopäl stützte sich mit 
seinen zum Gebet gefalteten Händen an den Sarg und rezitierte 
ganz laut, aber mit abwechselnder Stärke seiner Stimme in 
sanskritischer Sprache ein Gebet, was etwa 8 Minuten dauerte, 
dann bestrich er mittelst eines Tuches die Stirn, Augen, Nase, 
Mund des noch immer ganz reglos daliegenden Bhimsen und 
öffnete die Augen, die noch ganz unempfindlich waren; das 
Atmen war noch immer ruhig und sehr oberflächlich. Bhimsen 
fing abermals ganz laut zu rezitieren an, was etwa 5 Minuten 
lang dauerte. Während dieser Zeit bemerkte man, daß die 
Respiration stärker und beschleunigter wurde. Ein Geräusch 
der ein und aus strömenden Luft war jedoch nicht vernehmbar. 
Gopäl, indem er plötzlich sehr laut und immer lauter rezitierte, 
faßte nun den Kopf des schlafenden Bhimsen, schüttelte den- 
selben ziemlich kräftig, wischte mit dem Tuche öfters über das 
Gesicht, öffnete die Augen und öffnete gewaltsam den Mund, 
ohne sein sehr lautes Rezitieren zu unterbrechen. Etwa nach 
5 Minuten hörte man zuerst das Geräusch einer röchelnden 
Atmung und bald darauf einen krampfhaft und plötzlich her- 



— I05 — 

vorgestoßenen, unartikulierten, dumpfen Laut, wie man dies 
bei schlaftrunkenen Menschen gelegentlich zu hören bekommt. 
Gopäl rezitierte ohne Unterbrechung weiter, schüttelte wieder- 
holt den Kopf und hob mit Hilfe eines Dieners den noch immer 
schlaftrunkenen Bhimsen hervor, um den Körper in eine auf- 
recht sitzende Lage zu bringen. Es wurde fortwährend die 
Brust, namentlich die Herzgegend kräftig betastet, gestreichelt, 
der Rücken geklopft, das Gesicht mit dem Tuche abgewischt. 
Infolge dieser stärkeren Reize kam Bhimsen sehr rasch zum Be- 
wußtsein, und nach einigen krampfhaften Körperbewegungen 
rief er mit heiserer Stimme : ,,Milk". Es wurde ihm nacheinander 
schluckweise Milch in den Mund eingeflößt; die Kopf- und Ge- 
sichtshaut bedeckte sich mäßig mit Schweiß, die Augen blieben 
bereits offen, die Gesichtszüge waren schroff verzogen, wie bei 
heftigem Unwohlsein. Nun fing auch der bereits erwachte 
Bhimsen mit schwacher, heiserer Stimme zu rezitieren an. 
Nach einigen Minuten wurde er aus dem Sarge gehoben und auf 
einen Sessel gesetzt. Es wurde ihm noch etwas Milch gereicht, 
sein Körper frottiert, sein leichter, luftiger Anzug in Ordnung 
gebracht, wonach er selbst aufstand und sich dem Publikum 
zeigte. Es dauerte mehr als eine halbe Stunde, bis alles zu Ende 
war. Eine Stunde darauf fuhren wir mit Bhimsen auf der Tram- 
bahn in die Stadt; der auferweckte Yogi war ganz munter und 
plauderte lebhaft, nur beklagte er sich über Müdigkeit. Nach 
dem Erwachen wurde Bhimsen auf einer Fairbankwage gewogen, 
wobei es sich herausstellte, daß er während des achttägigen 
Schlafes 6 Kilo an Körpergewicht verloren hatte. 

Über den Verlauf dieses achttägigen Schlafes Bhimsens 
melden die ärztlichen Bulletins folgendes: 

Tag der Einschläferung: i6. Mai 1896, 7,45 Uhr abends. 

Körpergewicht = 64 Kilo, Körpertemp. = 37.6° C, Puls 
74, Atmung = 18. 
16. Mai II Uhr — Min. abends, Körpert. 37 ^ C, Puls 72, Atm. 16 



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36.9° c, 


„ 62, 


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— io6 — 

21. Mai 9 Uhr 45 Min. abends, Körpert. 36.8^0, Puls 60, Atm. 10 

22. „ 6 ,, 40 ,, „ „ 36.9^C, „ 64, ,, II 

22. „ 12 ,, 10 ,, mittern. ,, 36.7^ C, „ 60, ,, 11 

23. ,, 5 ,, 10 ,, nachm. „ 364^ C, ,, 60, „ 12 
Körpergewicht nach der Erweckung = 58 Kilo. 

Behufs Beurteilung der soeben mitgeteilten Beobachtungen 
muß ich betonen, daß hier von einer streng wissenschaftlichen 
und kontrollierenden Aufsicht nicht die Rede sein kann. Die 
Produktionen geschahen im Interesse der Unternehmung und 
im Interesse des die Ausstellung besuchenden großen Publikums. 
Eine derartige Ausstellung ist weder der geeignete Ort noch der 
geeignete Zeitpunkt behufs streng wissenschaftlicher Unter- 
suchungen. 

Da die Yogis in freier Luft schlafen, kann es sich nur um 
einen verlängerten hypnotischen Zustand handeln. Dieser Zu- 
stand ist zwar ein katalep tischer (lethargischer), aber kein 
asphyk tischer. Die Herztätigkeit sowie die Atmung ist in 
keinem Momente unterbrochen, und, wie wir aus den Bulletins 
ersehen, weist weder die Anzahl der Herzschläge noch die An- 
zahl der Atembewegungen eine große Verschiedenheit von dem 
normalen Zustande während des Wachseins auf. Das Ganze ist 
also nichts anderes, als eine durch lange Übung erworbene 
Fähigkeit (wobei auch eine geeignete Naturanlage mit im Spiel 
sein mag), sich in den hypnotischen Zustand zu versetzen und 
in dieser Hypnose längere Zeit ohne üble Folgen zu verharren. 
Wie mir sowohl Gopäl als auch Bhimsen versicherte, soll die 
Lebensdauer infolge dieser zeitweilig wiederholten Einschläfe- 
rungen sogar sich verlängern, was wohl kaum als eine sichere 
Tatsache anzusehen ist. Merkwürdig ist das rasche Einschlafen 
mit auffallender Anästhesie des Augapfel«, jedoch muß bemerkt 
werden, daß auch im vollkommen wachen Zustande der Be- 
rührung der Conjunctiva bulbi auffallend weniger von diesen 
Menschen empfunden wird, als man erwarten sollte. Daß während 
des Schlafes sowohl Analgesie wie auch Anästhesie vorhanden 
ist, war zu erwarten. Interessant war auch, daß unmittelbar 
vor dem Erwachen eine Flexibilitas cerea (die wächserne Bieg- 
samkeit) sowie ein Krampf in den drei ersten Fingern der etwas 
supinierten Hand auftrat. Unmittelbar vor dem Erwachen trat 



— lo; — 

der abdominale Typus der Atembewegung auf, um erst später 
in den thoracicalen Typus überzugehen. Eine Cheyne-Stokes- 
sche Gruppierung der Atembewegungen war jedoch weder wäh- 
rend des hypnotischen Schlafes noch unmittelbar vor dem 
Erwachen zu beobachten, obgleich sowohl der Typus als auch 
die Energie der Atembewegungen variierte. Nach der Er- 
weckung war ein Pulsus celer vorhanden. Endlich muß es als 
auffallend bezeichnet werden, daß die Erholung nach dem Er- 
wecken aus dem achttägigen Schlafe so rasch vor sich ging. Daß 
der Eingeschläferte während der acht Tage hier und da momen- 
tan die Augen öffnete, sowie seine Hände etwas bewegte, wurde 
beobachtet. Es wäre im Interesse der Wissenschaft zu wünschen, 
daß die hypnotischen Produktionen der Yogis einer streng 
wissenschaftlichen Kontrolle unterzogen würden, was bei anderen 
Gelegenheiten, als die jetzige Milleniums- Ausstellung ist, gewiß 
viel leichter von den Unternehmern erlaubt würde." 

Man kann sich eines Gefühles lebhaften Bedauerns nicht 
erwehren, wenn man sehen muß, daß Török seine Zeit an ein 
Schwindlerpaar verschwendet hat. Diese beiden Fakire nämlich 
wurden schließlich — bald nachdem vorstehender Bericht ver- 
öff enthebt war — als Betrüger entlarvt. ,,Ein paar Herren, 
denen der ganze Vorgang unglaublich erschien, versteckten sich 
eines Abends in dem Raum, in dem der gläserne Sarg stand, und 
sahen nach einigen Stunden in der Nacht, wie sich der Sarg- 
deckel hob und der angebhch scheintote Fakir aufstand, um 
sich an einem Kuchen und an einer Flasche Milch gütlich zu 
tun. Unverzüglich sprangen sie hervor und packten den Fakir, 
und damit hatten die beiden Inder ihre Rolle in Budapest aus- 
gespielt. Aller Wahrscheinlichkeit nach hat der entlarvte Fakir 
regelmäßig in der Nacht Nahrung zu sich genommen; aber wir 
müssen doch annehmen, daß er sich darauf für nahezu 24 Stunden 
durch Autohypnose zu betäuben pflegte; denn daß derjenige 
der beiden Inder, der gerade an der Reihe war, am Tage im Zu- 
stand der Starre im Sarge lag, ist ja durch die untersuchenden 
Arzte in Budapest festgestellt worden." (Garbe, Beiträge 202.) 

Jacolliot, vordem französischer Oberrichter in Chander- 
nagore, hatte angeblich Gelegenheit, mit einem tamulischen 
Yogin, Govindasvämin mit Namen, allerlei Experimente vor- 



— io8 — 

zunehmen, worüber Meyrink (im ,,März" I, p. 171) folgende 
Zusammenstellung gibt: 

,,Ich fragte den Fakir, ob er einen besonderen Platz ein- 
nehmen wolle. Er antwortete, es sei gleichgültig, und ich ging 
hierauf mit ihm auf die Terrasse meines Hauses, die heller war 
als das Zimmer und zu scharfer Beobachtung besser geeignet. 

Auf meine Frage, ob er (der Fakir) etwas Näheres über die 
Kraft wisse, die sich in ihm offenbare und die Phänomene er- 
zeuge, und ob er sich dabei gewisser Veränderungen im Gehirn 
oder Muskeln bewußt sei, antwortete er : ,Es ist keine gewöhn- 
liche Naturkraft, die dann wirkt, — ich bin nur das Instrument, 
ich rufe die . . .an, und dadurch kommt diese Kraft in Tätigkeit.' 
[Hierdurch dokumentiert Govinda-Swami, daß er kein hoch- 
stehender Yogi ist.] 

Ich habe eine Menge Fakire ausgefragt und immer dieselbe 
Antwort erhalten. — Ich forderte nun Govinda-Swami auf, zu 
beginnen. Er streckte seine Hände gegen eine ungeheure Bronze- 
vase aus, die mit Wasser gefüllt und viele Zentner schwer war, 
und innerhalb fünf Minuten begann diese sich zu bewegen und 
sich dem Fakir in langsamem, regelmäßigem Tempo zu nähern. 
— Wie die Entfernung kleiner wurde, gab sie laute metallische 
Klänge von sich, wie wenn jemand mit einem Eisenstab daran 
schlüge, und manchmal w^urde das Geräusch so dicht und stark 
wde das Aufbrassein eines Herdfeuers. 

Ich verlangte das Stillstehen, Weitergehen und abermalige 
Stillstehen der Vase, und es geschah, wie ich befahl. Dann 
forderte ich, daß die Metalltöne nach genau zehn Sekunden 
wieder erklingen sollten, und überzeugte mich nach der 
Taschenuhr von der Präzision des Phänomens, — meinem 
Wunsch, daß die Schläge sich nach dem Takte einer Musikdose, 
die ich zu diesem Zwecke aufzog, richten sollten, wurde eben- 
falls Folge geleistet, kurz, ich unterließ nichts, um die Über- 
zeugung zu gewännen, daß Govinda-Swami vollkommen Herr 
über die Äußerungen der sonderbaren Kraft war. — Dreimal 
erhob sich die enorm schwere Vase einige Zoll über den Boden 
und fiel lautlos wieder zurück, — und das Wasser darin 
schwankte niemals, so sehr das Gefäß auch schaukelte. Alles in 
heUem Tageslicht! 



— I09 — 

Andere Versuche: 

Wir schütteten feinen Sand auf den Fußboden und gaben 
ihm eine möghchst ebene Oberfläche, dann setzte ich mich, mit 
Papier und Bleistift versehen, an meinen Tisch. Der Fakir nahm 
ein Stück Holz und legte es vorsichtig auf den Sand. — 

,Gib acht!' sagte er, ,wenn das Holz sich von selber auf- 
richtet und du beschreibst sodann mit dem Bleistift auf dem 
Papier beliebige Figuren und Arabesken, so wird es unten auf 
dem Sand genau dieselben Bewegungen machen.' — Hierauf 
streckte er wieder seine Hände aus, und nach wenigen Minuten 
schon richtete sich das Holz, so wie er gesagt hatte, auf. Jede 
Figur, mochte sie noch so wirr und verzwickt sein, die ich nun 
auf mein Papier zeichnete, wurde in demselben Augenblick unten 
auf dem Fußboden von dem Holzstab in den Sand gegraben. — 
Hielt ich still, so hielt auch der Stab inne. Der Fakir stand 
währenddessen weit davon entfernt an der Wand, und wenn 
ich auch die Figuren, die ich zeichnete, sorgfältig mit der 
Hand verbarg, so störte das das Phänomen dennoch nicht im 
geringsten. 

Schließlich forderte mich Govinda auf, irgend welche Worte 
in Sanskrit zu denken, und sofort schrieb das Holz: Adicete 
Veikountam Haris (Vischnu schläft auf dem Berge Eikonta)^ 
genau, wie ich es mir gedacht hatte. 

* 

Vor dem Ausgang lag ein Garten, in dessen Mitte ein Hindu- 
wasserträger vermittels eines über eine Rolle laufenden Seiles 
Wasser aus dem Brunnen schöpfte. — Govinda streckte, ohne 
daß ihn der Hindu sehen konnte, seine Hände aus, und die Folge 
war, daß der Wasserträger das Seil xiicht mehr bewegen konnte, 
trotzdem er alle seine Kraft aufbot. Wie die abergläubischen 
Hindu stets in Situationen, die ihnen auffallend scheinen, zu 
tun pflegen, so begann auch dieser sofort die volkstümlichen 
Formeln gegen die bösen Geister herzusagen, kaum aber hatte 
er den Mund geöffnet, als ihm auch schon die Worte in der Kehle 
stecken blieben und er keinen Ton herausbrachte. Erst als 
Govinda die Hände sinken ließ, drehte sich auch die Wasser- 
rolle wieder." 



— HO — 

Femer: Der Fakir stellte den kleinen Kupferherd (solche 
sind oft in Indien in Gebrauch und dienen zum Verbrennen von 
Räucherwerk) in die Mitte der Terrasse und legte das Räucher- 
werk darauf. 

Dann nahm er seine gewöhnliche Stellung ein und begann 
seine Anrufungen. Als er damit zu Ende war, verharrte er in 
seiner Stellung, die linke Hand auf dem Herzen, die rechte auf 
seinen Bambusstock mit den sieben Knoten gestützt. Ich dachte, 
er werde wie früher einmal in kataleptischen Schlaf verfallen, 
aber es war nicht der Fall. Von Zeit zu Zeit drückte er seine 
Hand an die Stime. Plötzlich gab es mir einen Ruck. Eine 
phosphoreszierende Wolke schien sich inmitten des Zimmers ge- 
bildet zu haben, und mit großer Schnelligkeit zuckten menschen- 
ähnliche Hände aus ihr hervor. — In einigen Minuten wurden 
diese Hände weniger dampfähnlich und gewannen an Deutlich- 
keit. Manche waren leuchtend und durchscheinend, so daß 
man durch sie hindurch die Gegenstände sehen konnte, andere 
wieder waren dicht und warfen Schatten, wie gewöhnliche 
materielle Dinge. Ich zählte ihrer sechzehn. Ich woUte den 
Fakir fragen, ob ich die Hände berühren könne, da trennte sich 
eine von ihnen los und drückte meine ausgestreckten Finger; — 
sie war klein und weich, wie die eines jungen Weibes. — Derlei 
Erscheinungen dauerten fast zwei Stunden an; eine Hand brach 
Blumen ab und warf sie mir zu, eine andere fuhr mir übers 
Gesicht, wieder andere schrieben Sätze, die einen Moment auf- 
leuchteten und dann verschwanden, an die Wand. — Einige 
der Worte notierte ich schnell mit Bleistift, zum Beispiel: 
Dioyavapour gatwä (Sanskrit: ,Ich habe mich mit einem flui- 
dischen Körper bekleidet')." 



IV. Kapitel. 

Berichte über die Yogins aus Reisewerken. 

Eine so sonderbare Gesellschaft wie die Yogins und Fakire 
konnte natürlich der Aufmerksamkeit der Reisenden nicht ent- 
gehen; gehören sie doch zum Märchenhaftesten im Märchen- 
lande Indien ! Schon die Griechen, die Alexander den Großen auf 



— III — 

seinem Zuge dahin begleiteten, haben uns Nachrichten über die 
Büßer gegeben; aber auch die Missionare und andere Männer, 
die sich in neuerer Zeit in Indien aufgehalten haben, sind selten 
in ihren Reisebeschreibungen an den ,, Heiligen" mit Still- 
schweigen vorübergegangen. Im folgenden gebe ich nun eine 
Auswahl solcher Berichte; sie enthalten zum Teil recht interes- 
sante Nachrichten und geben zugleich einen guten Maßstab ab 
für die Schärfe des Blickes des einzelnen Reisenden. 

1. Taverniers Bericht (ed. Gen! 1681, p. 21). 

Den folgenden Tag hatte ich eine andere Kurzweil, da mir 
eine Troppen Mahometischer Fakirs und Derwichs begegnet, 
deren zehlte ich 57. Ihr Haubt oder Vorgesetzter, wäre des 
Chagehan-guir Oberstallmeister, dessen Hof derselbe damalen, 
als sein Groß-Sohn Sultan Boulaki auf Befehl seines Oheims 
Chagehan, wie anderswo gemeldet werden solle, stranguhert 
worden, quittiert. Andere vier waren nach dem Vorgesetzten, 
die vornehmsten dieser Truppen, und auch am Hof des Cha-gehan 
gewesen. Die gantze Kleidung dieser fünff Dervichs bestünde 
in 3. oder 4. Ehlen Leinwat Pomerantzenfarb, davon dieselben 
Gürtel gemacht, deren Ende einer Seits hinab zwischen den 
Schenkeln durch, und auf der andern Seiten wiedrum hinauf bis 
under den Gürtel gieng, und also vor und binden, was die Scham 
erfordert, bedeckte. Ein jeder hatte auch ein Tigerhaut auf der 
Achsel, under dem Kinn gebunden: vor ihnen her wurden 8. 
schöne gesattelte und gezäumte Pferde geführet, drey derselben 
hatten güldene Zaum, und die Sättel mit güldenen Spangen 
besetzt, die fünff übrigen aber silberne Zäume, und die Sättel 
mit silbern Spangen, jeder von einer Leoparts-Haut bedeckt. 
Die andern Dervichs hatten für ihre gantze Kleidung allein ein 
Seil, so denselben an statt eines Gürtels diente, daran ein Stück- 
lein Leinwat gebunden war, um ihnen, wie den andern, die 
Schamglieder zu bedecken. Das Haar ihres Haubts wäre in 
Form wie Zöpffe aufgebunden, und giengen um selbiges herum, 
so auf Manier eines Türkischen Bundsschiene. Allesamt waren 
wol bewaffnet, mehrentheils mit Bogen und Pfeüen, etliche mit 
Musqueten, andere mit Springstöcken, und einer Gattung 
Waffen, deren wir in Europa keine haben: das ist ein scharf fes 



— 112 — 

eisen Blatt, in Form eines Schüssel-Randes ohne Boden, der- 
selben legen sie acht oder zehen über den Kopf um den Hals, 
gleich einem Überschlag also tragend. Wann sie sich dieser 
gleichsam flachen Reiff bedienen wollen, nehmen sie solche, 
und werffens wider einen Mann, gleich wie etwan bey uns mit 
einem zinnern Teller beschieht, mit solcher Stärcke, daß wenig 
fehlet, derselbe nicht mitten entzwey geschnitten werde. Ein 
jeder hatte auch noch ein Hörn, gleichsam wie die Jägerhom, 
damit bey dessen Ankunfft und Abreis an einem Ort, er ein 
grosses Gethön macht, und mit einer Scharre oder eisern In- 
strument, ohn gefahr einer Mörtelkellen gleich, wie die Indianer 
gewöhnlich auf der Reise tragen, und damit den Platz, da sie 
lagern wollen, schaben und butzen, da dann etliche pflegen den 
Staub auf einen Hauffen zu machen, und sich dessen, um sanfft 
darauf zu ligen, für Matratzen und Haubtküssen, zu bedienen. 
Drey dieser Dervichs hatten lange Fechtdegen, die sie vermuht- 
lich von den Engländern und Holländern bekommen. Ihre 
Bagage bestünde in vier Reis-Kisten, mit Arabischen und Per- 
sianischen Büchern, und etwas Kuchengeschirr; und hatten lo. 
oder 12. Ochsen, um die Krancken und Unpäßlichen zu tragen. 
Wer diese Dervichs an dem Ort, da ich mit meiner Kutsche ge- 
lagert, und 50. Personen, so wol Landleut, die man, wie vor- 
gemeldt, in der Reise mitnimmt, als meiner eigenen Knechte, 
bey mir hatte, ankommen; und als der Vorgesetzte dieser Ge- 
sellschaft, mein Geleit sähe, fragte er, wer dieser Aga wäre, und 
liesse mich hernach bitte, ihme zu weichen, weilen der Platz 
vor anderen da herum, mit seinen Dervichs zu logiren, bequem 
wäre. Wie mir nun dieser Vorgesetzte, und die andern ihme 
folgende Dervichs, nach ihrem Stand beschrieben worden, wollte 
ich demselben diese Höflichkeit gern beweisen, und in dasjenige, 
darum dieselbigen mich freundlich ersuchen lassen, wilhgen, wie 
beschehen, und ihnen von dem Ort, den ich hatte, wiche; sinte- 
malen ein anderer Platz mir eben so gut gewesen. Alsobald 
wurde der Ort mit viel Wasser begossen, und sauber und eben 
gemacht; und wie es in Winterszeit, also um etwas kalt wäre, 
wurde für die fünft Dervichs zwey Feuer angezündet, welche 
sich in Mitten setzten, und vor und binden wärmeten. Noch 
selbigen Abend, nachdeme dieselbigen zu Nacht gessen, käme 




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— 113 — 

der Gubernator der Stadt, diesen 5. Dervichs Ehr zu beweisen, 
und in der Zeit sie daselbsten verharreten, schickte er ihnen 
Reiß und anders, so sie zu essen pflegen. Wann dieselben an 
einem Ort ankommen, schickte der Vorgesetzte etliche in die 
Städte und Dörffer zu bettlen, und die Nahrung, so selbe mit- 
bringen, und für Allmosen bekommen, wird alsobald in gleiche 
Portion under ihnen außgetheilt, da dann ein jeder sein Reiß zu 
kochen, sorgen mag: was übriget, geben sie alle Abend den 
Armen, und behalten nichts bis den folgenden Tag . . . 

S. 156: MAn erzehlet, daß in dem Orientalischen Indien 
auf achtmal hundert tausend Mahometanische, und zwölff mal 
hundert tausend abgöttische Fakirs seyen, welches eine entsetz- 
liche Menge ist. Es seynd lauter Landstreicher und Faulentzer, 
welche das Werck durch einen falschen Eifer verblenden, und sie 
bereden, daß was auß ihrem Mund gehe, eine Götter- Antwort seye. 

Es gibt underschiedliche dieser Mahometanischen Faquirs. 
Etliche gehen fast gantz blos wie die abgöttischen Faquirs, 
haben keine beständige Wohnung, und ergeben sich allerhand 
Unreinigkeit, ohne Schaam. Sie bereden die Einfaltigen, daß 
sie die Freyheit haben allerhand Böses zu thun, ohne daß es 
ihnen Sünde seye. 

Es gibt andere Faquirs, welche Röcke tragen von so viel 
Stück und underschiedlichen Farben, daß man nicht wol sagen 
kan, was es ist. Diese Röcke gehen ihnen bis auf die halben 
Beine, und bedecken die bösen Kleider so sie darunder haben. 
Die Faquirs gehen gemeiniglich in Gesellschafft, und haben unter 
ihnen ein Oberhaubt oder Vorgesetzten, welcher durch seine 
Kleidung, so armseliger und von mehr Stücken, als der andern 
ihre, ist, underschieden. Was noch mehr ist, so ziehet er eine 
grosse eiserne Ketten, so ihme an einem Bein angebunden, so 
zwey Stab lang und ziemlich dick. Wann er sein Gebät ver- 
richtet, gschiehet es mit grossem Getümmel so er mit seiner 
Ketten macht, und mit lauter Stimme, welche mit einer ge- 
zwungenen Emsthaf ftigkeit , welches ihme die Ehrerweisung 
des Pöbels zu wegen bringt. Underdessen bereitet ihme und den 
seinigen, dieses Volck zu essen, welches ihme an dem Ort wo 
er sich aufhaltet, vorgestellet wird, welches gemeiniglich auf 
der Gassen oder off entheben Platz geschiehet. Er lasset durch 

Schmidt, Fakire und Fakirtum. 8 



— 114 — 

seine Jünger etliche Teppichte außspreiten, und er setzet sich 
darauf um denjenigen, so ihne Rahts fragen, Gehör zu geben. 
Anderseiths diese Jünger gehen die grossen Tugenden ihres 
Meisters, in dem Lande außzubreiten, und die Genaden so er 
von Gott empfange, welcher ihme die grossen Geheimnussen 
offenbare, und ihme die Gewalt gebe, den Betrübten durch seine 
gute Räthe bey zuspringen. Das Volck, welches ihme leichtlich 
glaubt, und welches ihn heilig glaubt, komt ihn mit grosser 
Andacht zu besuchen, und wann man nahe bey ihme ist, ziehet 
man die Schuh von Füssen, und fallet nider ihme die seinigen 
zu küssen. Damalen strecket der Faquir seine Arme auß, um 
demütig zu scheinen, und gibt seine Hand zu küssen, nach 
welchemer er diejenigen so ihne rahts fragen, bey ihme nider- 
sitzen macht, und verhöret einen jeden absonderlich. Sie be- 
rühmen sich einen Prophetischen Geist zu haben, und über alles 
den unfruchtbaren Weibern ein Mittel Kinder zu bekommen, 
zu lernen, und sich bey weme sie wollen, behebt zu machen. 

Es gibt dieser Faquir s so mehr als zwey hundert Jünger 
haben, welche sie gemeinüch mit der Trommel und dem Hom 
versamlen, welches fast wie eines unserer Jäger-Hörnern ist. 
Wann sie weggehen, haben sie ihre Standarten, Spare, und andere 
Waffen, welche sie nahe bey ihrem Meister in den Boden stecken, 
wann er in einem Orte ruhet. 

Die dritte Art dieser Faquirs in den Orientalischen Indien, 
seynd die, so von armen Eltern geboren, und weil sie begehren 
das Gesetze wol zu wissen, damit sie Moullas oder Schrifft- 
gelehrte abgeben könten, begeben sich in die Mosquees, alwo 
sie von dem Allmosen so ihnen gegeben wird, leben. Sie wenden 
die Zeit an, den Alcoran zu lesen, welchen sie auß wendig lernen, 
und wann sie noch zu dem Studieren etHche kleine Wissenschafft 
von den natürlichen Sachen, samt dem Exempel eines guten 
Lebens nach ihrer Art, hinzu thun können, können sie das Haubt 
in den Mosquees werden, und zu der Würde der Moullas und 
Gesatz- Richtern gelangen. Diese Faquirs haben ihre Weiber, 
und etHche auß Andacht und grosser Begierde, es dem Mahomet 
nachzuthun, haben bis auf drey oder vier, glaubende Gott da- 
durch einen grossen Dienst zu erweisen, wann sie vieler Kinder 
Vatter seyen, welche dem Gesatz ihres Propheten nachfolgeten. 



— 115 — 

S. 159: Der Ursprung der Fakirs komt daher, wie ich ge- 
sagt habe, von dem Rhevan, welchen Rani seines Reichs be- 
raubet, und welcher davon einen solchen Mißfallen geschöpffet, 
daß er sich entschlossen, arm und aller Sachen entblösset, auch 
gar nackend in der Welt herum zu irren. Er fände alsobald viel 
Leute, welche ihme in diesem Leben, so ihnen allerhand Frey- 
heiten gibt, nachfolgten; dann weilen sie als Heilige verehret 
werden, haben sie alle Gelegenheit in Händen, das Böse, so sie 
nur wollen, zu begehen. 

Diese Fakirs gehen gemeiniglich Häuf fen- Weiß, deren jedes 
Häuflein sein Ober-Haupt und Vorsteher hat, und weilen sie 
Sommer und Winter blos gehen, und allezeit auf harter Erde 
schlaffen, und es jemalen kalt ist, gehen die jungeFakirs und 
andere Hey den, welche zum andächtigsten seyn, nach Mittags 
Küh- und anderer Thiere Mist suchen, an der Sonne getrocknet, 
von welchem sie ihnen Feuer machen. Sie bedienen sich gar 
selten des Holtzes, aus Forcht, daß nicht darinnen ein lebendiges 
Thierlein gefunden werde, welches man tödtete; und das Holtz, 
welches dienet die Todten zu verbrennen, ist von gewissem Flöß- 
Holtz, worinnen keine Wurme wachsen. Nachdeme diese junge 
Fakirs eine Menge dieses Mists mit dürrer Erden vermenget, 
zusammen gesamlet haben, machen sie unterschiedliche, grosse 
Feur, nachdeme der Hauffen groß ist, und zehen oder zwölf 
dieser Fakirs setzen sich um das Feuer herum; wann sie der 
Schlaf übemimt, fallen sie auf die Erden, auf welche sie Aschen 
streuen, so ihnen an statt Madratzen dienet, und sie haben keine 
andere Decken, als den Himmel. Was die anbelangt, so Busse 
thun, von welchen ich bald reden werde, wann sie in der Nacht 
auf gleiche Weise liegen, wie man sie den gantzen Tag siehet, 
zündet man auf ein und anderer Seiten ein Feuer an, ohne welche 
sie der Kälte nicht widerstehen könten, welches man zu Ende 
dieses Capitels in den Figuren, welche ich von den Büssenden 
gebe, sehen wird. Die reichen Heyden schätzen sich glückselig, 
und glauben, ihre Häuser seyen mit himmlischem Segen an- 
gefüUet, wann sie etliche dieser Fakirs beherbergen, welchen sie 
des tomehr verehren, je mehr sie ein strenge Büß- Weise haben, 
und der Ruhm eines solchen Hauffen ist, wann sie einen bey 
sich haben, der eine merckwürdige Büß thut, als wie diese, von 



— Ii6 — 

welchen ich folgendes reden werde. Diese Truppen Fakirs ver- 
samlen sich ihrer etliche zusammen, um in die fümehmste 
Pagodes un in öffentliche Bäder, welche in gewissen Tagen des 
Jahres geschehen, so wol in dem Fluß Ganges, von welchem sie 
über alles sehr viel halten, als auch in deme, so die Länder der 
Portugesen von Goa von des Königs von Vitapour scheidet, wall- 
fahrten zu gehen. Etliche von den strengsten Fakirs bleiben 
unter schlimmen Hütten, nahe bey ihren Pagodes, wo man ihnen 
in vier und zwanzig Stunden ein mal um Gottes Willen zu 
essen gibt. 

Der Baum, von welchem man die Abbildung zu Ende dieses 
Capitels sehen wird, ist von gleicher Art, wie der zu Gomron, 
und welchen ich in der Persischen Erzehlung beschrieben habe. 
Die Freyen heissen solchen der Banianen Baum, dieweil an denen 
Orten, wo solche Bäume sind, setzen sich die Heyden, und 
kochen darunter. Sie verehren solche vornehmlich, und gemei- 
niglich bauen sie ihre Pagodes darunter, oder nahe bei einem 
dieser grossen Bäumen. Den, welchen der Leser hier unten sehen 
wird, ist zu Surate, und in dem Stammen dieses Baums, welcher 
hol ist siehet man eine Mißgeburt vorges teilet, welches wie eines 
ungestalten Weibs-Kopf, welches wie sie sagen, die Figur des 
ersten Weibs seyn, so sie Mamaniva heissen. Es versamlen sich 
alle Tage eine grosse Menge Heyden, so diese Mißgeburt an hätte, 
bey welchem unaufhörlich ein Bramin, zu dessen Dienst ge- 
widmet sich befindet, um das Allmosen, so man dahin bringet, 
von Ris, Hirs und anderm Geträide einzusamlen. Allen denen 
jenigen, so ihr Gebätt in der Pagode verrichtet haben, so wol 
Mann- als Weibs-Personen, macht der Bramin von einer Gattung 
Zinober oder Minien ein Zeichen in der Mitten der Stirnen, mit 
welchem sie auch ihre Götzen beschmieren; bey diesem Zeichen 
beförchten sie sich nicht, daß der Teuf fei ihnen schade, dieweil, 
wie sie sagen, sie unter dem Schutz ihres Gottes seyn. 

Ich will die Außlegung der Figuren, welche unter der 
Banianen Baum sind, und mit No. i, 2, 3 etc. bezeichnet allhier 
machen : 

No. I. Ist das Ort, wo die Braminen gemeiniglich etwelche 
von ihren Götzen baden, als wie Mamaniva, Sita, Madedina, 
und andere dergleichen, welche in grosser Anzahl seynd. 



— 117 — 

No. 2. Ist die Figur der Mamaniva, welche in einer Pagoden ist. 

No. 3. Ist eine andere Pagoden nahe bey der Vorhergehenden. 
Es ist eine Kuh an der Pforten und über jnnen eine Vorstellung 
des Gottes Ram. 

No. 4. Ist eine andere Pagoden, wo sich etliche büssende 
Fakirs hin begeben. 

No. 5. Ist die einte Pagoden dem Ram zugeeignet. 

No. 6. Ist die Form einer Gruben, wo unterschiedliche 
malen in dem Jahr sich ein Fakir hin begiebet, welcher kein 
andere Heiterkeit, als durch ein kleines Löchlein hinein be- 
kommet. Er verbleibet manches mal von 9. biß 10. Tag ohne 
Essen und Trinken darinnen, nachdeme sein Andacht, eine 
Sache, welche ich nicht leichthin geglaubet, wann ich es nicht 
selbst gesehen hätte. Der Vorwitz hatte mich dahin bewogen, 
diesen Büssenden zu sehen, mit dem Holländischen Commandeur 
von Surate, welcher außspahen liesse, ob man ihnen so Tags so 
Nachts nicht zu essen brächte. Man konte solches nicht ent- 
decken, daß man ihme die geringste Nahrung zubrächte, und 
er bliebe auf seinem Hindern gleich unsern Schneidern sitzen, 
ohne daß er so Tags so Nachts die Stelle änderte. Dieser, welchen 
ich gesehen, konte nicht länger als sieben Tage von zehen, so er 
ihme vorgenommen, verbleiben, die weil die Hitze ihn fast er- 
stickte wegen der Ampeln, so darinnen angezündet waren. Die 
andern Buß-Weisen, von welchen ich reden will, giengen noch 
weit über allen menschlichen Glauben, wann nicht viel tausend 
Menschen dessen Zeuge waren. 

No. 7. Ist die Stellung eines Büssenden, welcher viel Jahre 
verbringt, ohne sich weder Tags noch Nachts niederzulegen. 
Wann er schlaffen will, lehnet er sich an ein Seil, so aufgespannet 
ist, und in dieser fremden und ohngelegenen Weise fallen ihnen 
Feuchtigkeiten auf die Beine, daß sie davon gesch wellen. 

No. 8. Seynd zweyer Büssenden Stellungen, welche biß auf 
den Tod ihre Arme außgestreckt halten, der gestalten, daß in den 
Gleichen so starke Hartigkeiten formieret werden, daß sie die 
Arme nicht mehr unter sich bringen können. Ihre Haare wachsen 
ihnen biß über die Gürtel hinunter, und ihre Nägel gleichen 
ihren Fingern in der Lange. Nachts und Tags, Sommer und 
Winter bleiben sie gantz nackend an dieser Stellung, dem Regen 



— Ii8 — 

und der Hitze und dem Stechen der Fliegen unterworffen, ohne 
daß sie sich ihrer Hände, solche zu vertreiben, bedienen könten. 
Was die andere Nothwendigkeiten des Lebens betrifft, als wie 
Essen und Trinken, haben sie Fakirs von ihrer Gesellschaft, 
welche nahe bey ihnen seyn, ihnen bey zuspringen, und sie im 
Nothfall zu bedienen. 

No. 9. Ist die Stellung eines andern Büssenden, welcher alle 
Tag etliche Stunden auf einem Fuß bleibet, in seinen Händen 
eine Kohl-Pfannen voller Feuer haltende, auf welche er Wey- 
rauch wirfft, so er seinem Gott aufopffert, seine Augen währender 
Zeit auf die Sonnen kehrende. 

No. 10. und II. Seynd die Stellungen zweyer Sitzend- 
Büssenden, und welche die Hände in die Lufft halten. 

No. 12. Ist die Stellung, in welcher der Blässende schlaffet, 
ohne daß er immer mehr die Arme herniederlasse, welches ohne 
Z weif fei eine von den grösten Quaalen ist, so der menschliche 
Leib erleiden kan. 

No. 13. Ist die Stellung eines andern Büssenden, welchem 
die Schwachheit die Hände zurück fallen machte, weil er die 
Arme nicht mehr biegen kan, welche auß Abgang der Nahrung 
gantz außgetrocknet seyn. 

Es findet sich eine unzahlbare Menge anderer Büssender; 
die Einten, welche in einer gantz widerwärtigen Stellung des 
natürlichen Stands sich befinden, haben die Augen allzeit gegen 
der Sonnen gekehret; andere, so die Augen allezeit zur Erden 
nieder geschlagen, ohne jemalen jemanden in das Gesicht zu 
sehen, noch ein einiges Wort zu reden, und ihr Unterscheid ist 
so groß, daß man davon ein langes Gespräche halten könte. 

Um den Vorwitzigen mehr er es Vergnügungen zu geben, 
und ihnen die Sachen klärlicher vor zu stellen, will ich noch 
andere Figuren dieser Büssenden, welche ich an dem Ort gantz 
lebhafft habe entwerf fen lassen, vorstellen. Die Schamhaftig- 
keit hat gewolt, daß ich die Theile, deren sie sich nicht schämen 
zu zeigen, habe verdecken lassen; dann zu aller Zeit, so wol im 
Feld als in der Stadt, gehen sie gantz blos, wie sie aus Mutter 
Leibe kommen; und obwol die Weiber auß Andacht sich denen 
nehern, um mit dem Eussersten des Fingers das, so man sich 
zu nennen schämet, zu nehmen, und demutigst zu küssen. 



— 119 — 

mercket man doch an ihnen kein Zeichen der EmpfindHchkeit, 
sondern im Gegenstand ohne jemand anzuschauen, und die 
Augen auf eine abscheuHche Weise verkehrend, und könte man 
sagen, sie waren verzucket. 

2. Thevenots Bericht (ed. Frankfurt a. M. 1693, p. 130). 

Man siehet solche [ Yogins] öf f ters Häuf fen weise zu H a 1 a b a s , 
wo sie sich auf die Feste, die siecelebriren wollen, versammeln, 
und an welchen sie sich nebenst andern gewissen Ceremonien in 
dem Flusse Ganges waschen müssen. Diejenigen, so kein Laster 
begehen, und einige Frömmigkeit von ihnen scheinen lassen, 
werden von denen Heiden vortrefflich verehret, und die Reichen 
meinen viel Segen über sich zu ziehen, dafern sie denen, die man 
Poenitentz = Brüder nennt, mit Hülfe beispringen. Ihre 
Poenitentzen bestehen in nichts anders, als daß sie viel Tage 
lang fasten, auf einen Beine etliche Wochen über aufgericht 
stehen, oder in ihrem ganzen Leben viel Monat die Arme Kreutz- 
weiß hinter den Kopf halten, oder sich bis auf eine gewisse Zeit in 
Gruben verscharren. Allein wenn unter diesen Faquirs ehrliche 
Leute sind, so giebt es hingegen auch große Bösewichte, und die 
Mogolischen Fürsten werden deßhalben nicht ungehalten, dafeme 
man diejenigen die Gewaltthätigkeiten verüben nieder macht. 

Man trifft ihrer in Felde ganz nackend mit Fahnen und 
Trompeten an, welche den Bogen und Pfeil in der Hand haltende, 
Allmosen fordern, und wenn sie stärker sind als die Reisenden, 
keinesweges in ihr Belieben stellen ob sie ihnen etwas geben wollen 
oder nicht: diese elende Tropfen, haben auch keine Scheu vor 
denen jenigen, die sie verpflegen, und ich habe deren in denen 
Caravanen gesehen, die nur Gelegenheit suchten, denen 
Passagireren einen Possen zu spielen, und Beschwerlichkeit zu 
verursachen, ungeachtet sie allen ihren Unterhalt von ihnen 
hatten. Vor kurzer Zeit befunde ich mich in einer Caravane, 
allwo dergleichen Pequirs waren, die sich unterstunden, alle 
Leute am Schlafe zu verhindern; Sie ließen nicht ab, die ganze 
Nacht zu singen und zu predigen, und anstatt der Prügelsuppen, 
wormit ihnen ein Stillschweigen eingetrieben werden sollte, 
bäte man sie darumb auf das freundlichste, und wurden darob 
so unwillig, daß sie ihr schreien und singen verdoppelten, und 



— 120 — 

diejenigen, die nicht singen kunten, das übrige Theil der Cara- 
vane verlachten und verspotteten. 

Diese Faquirs waren von ihren Superionen, ich weiß 
nicht in was vor eine mit Banianen besetzte Gegend abge- 
schickt worden, um daselbst 2000 Roupies nebst einer ge- 
wissen Quantität Reis und Butter einzufordern, jedoch mit 
dem Befehl, unverichter Sachen nicht wieder zu kommen. Auf 
solche Art pflegen sie es in ganz Indien zu machen, wo ihre 
Mummentänze die Heiden gewöhnt haben ; ihnen alles, was sie ver- 
langen ohne ein tziges Widersprechen zugeben. Unter denen Maho- 
metanern giebt es gleicher Gestalt viel Faquirs, bei denen Götzen- 
dienern, die eben wie sie herum vagiren und noch viel leicht- 
fertiger sind ; Sie werden gemeiniglich auf einerlei Art tractiret. 

S. 132: Die Provinz Ulesser, die wir Bengala und die 
Götzenknechte Jaganat nennen, von wegen deß in der darinne 
befindlichen Pagode, berühmten und sogenannten Götzens, ist 
nicht weniger als Halabas den Glaubens-Punct betreffende, 
mit fantastischen Heiden bewohnet, gestalt dann ein klares 
Exempel hierinne zur Probe dienen kann. Als ein Faquir eine 
sonderliche und noch niemaln gesehene Andacht, die ihme große 
Mühe machte erfinden wollte, entschloß er sich mit seinem Leibe 
den ganzen Bezirk des Mogolischen Reichs zu messen, und zwar 
von Bengala an bis nachCabul, als dessen Extremitäten 
von Südosten gen Nord-Westen. Der Vorwand, der ihn seinem 
Vorgeben nach, darzu vergleitete, war, daß er bei seinem 
Leben dem von mir allbereit beschriebenen Feste H u 1 y einmal 
beiwohnen wolle, und ließ sich zu seiner Bedienung mit aller- 
hand neuen Lehrlingen begleiten. 

Die erste Aktion, die er bei dem Anfang der Reise vor- 
nahm, bestünde darinnen, daß er sich mit seinem Leibe längst 
auf die Erde legte, und befahl, die Länge desselben anzumerken ; 
wie dieses verichtet war, stunde er wieder auf, und gab seinen 
Leuten sein Vorhaben zu erkennen, wie er nemlich mit con- 
tinuirlichen niederlegen und wieder aufstehen eine Reise 
bis nach Cabul thun, und jedesmal nicht weiter, als sein Leib 
lang wäre, gehen wollte, ertheilete auch seinen Neulingen den 
Bescheid zugleich, allemal, wenn er sich niederlegte, zu Ende 
seines Hauptes in die Erde ein Merkmahl zu machen, damit er 



— 121 — 

den Gang, den er zu thun hätte, vollkömmlich dernach einrichten 
könnte. Dieses alles wurde auf beiden Theilen genau verichtet, 
und der Faquir vollführe te täglich anderthalb Cos, das ist, 
ungefähr 3. Viertel Meilen, und die Leute, so die Historie davon 
erzehlet haben ihn ein Jahr nach seiner Abreise allererst am 
Ende der Provinz Halabas angetroffen; Unterdeß erwiese man 
ihme an allen Oertern, wordurch er passierte, alle ersinnliche 
Ehre, und überhäuf fte ihn dergestalt mit x\lmosen, daß er solche 
unter die Armen, die ihm eines Genießes wegen auf dieser 
Reise nachfolgten, aus theilen mußte. 

Fra Paolino's sehr interessanten Bericht sehe man in 
Kapitel I nach. 

3. Sonnerats Bericht (I, 218). 

Endehch haben die Indier auch noch die Mönche, Büßer 
genannt, mit deren Beschreibung ich dieses Kapitel enden will. 
Dieselben sind unter diesem Volk eben das, was bei den Mogolen 
die Fakirs. Aus Schwärmerei verlassen sie Güter, Familie, kurz 
alles, um nur ein recht elendes Leben zu führen. — Sie sind 
meist von der Sekte des Schi wen; und alles was sie haben, be- 
steht in einem Lingam, den sie beständig anbeten, und in einer 
Tigerhaut, auf der sie schlafen. Sie kreutzigen ihren Leib mit 
all der fanatischen Wuth die nur immer erdenklich ist. Einige 
zerfleischen ihren Körper durch unaufhörliche Ruthenstreiche, 
oder lassen sich mit einer Kette an den Stamm eines Baumes 
schmieden, und bleiben bis an ihren Tod daran gebunden. Andre 
thun ein Gelübde, lebenslang in einer äußerst beschwerlichen 
Stellung zu bleiben, wie z. B. ihre Fäuste stets geschlossen zu 
halten, so daß ihre Nägel, die sie sich niemals abschneiden, mit 
der Länge der Zeit endhch die Hände durchwachsen: Noch 
andre halten ihre Arme stets kreuzweise über die Brust, oder 
über den Kopf ausgestreckt, so daß sie dieselben zuletzt gar nicht 
mehr beugen können. Diese unsinnigen Schwärmer können da- 
her weder essen noch trinken, sondern müssen sich alles von 
ihren Schülern in den Mund stecken lassen^). Viele graben sich 

1) Dow, in seiner Abhandlung zur Erläuterung der Geschichte, Religion 
und Staatsverfassung von Hindostan, erzählt von den Fakirn eben solche 
Dinge. Bei Anlaß der deutschen Übersetzung, welche von derselben Ao. 



— 122 — 

mit lebendigem Leibe in die Erde, ziehen nur durch eine kleine 
Öffnung frische Luft an sich, und bleiben doch so lange unter 
dem. Boden, daß man sich höchlich wundem muß, wie sie nicht 
ersticken : Andre etwas närrische sind damit zufrieden, sich nur 
bis an den Hals verscharren zu lassen. So giebt es auch welche, 
die ein Gelübd gethan haben, ihr Lebelang stets aufrecht zu 
stehen: Diese stützen sich zu Nachts nur an eine Mauer oder 
an einen Baum, und damit sie ja niemals schlafen können, 
schliessen sie ihren Hals in gewisse Maschinen ein, die ziemlich 
einen Rost ähnlich sehen, und welche sie nie mehr von sich legen 
können. Einige stehen Stunden lang auf Einem Fuß, die Augen 
gegen die Sonne gekehrt, und betrachten dieselbe mit großer 
Anstrengung des Geistes. Andre, um es noch verdienstlicher zu 
machen, halten den einen Fuß in die Luft ausgestreckt, stehen 
auch mit dem andern nur auf Einer Zehe, und heben über das 
noch beide Arme empor: In dieser Stellung bleiben sie zwischen 
vier mit Feuer gefüllten Gefässen, und schauen mit unbeweg- 
lichem BUck in die Sonne. Einige erscheinen vor allem Volk 
ganz nackt; und dieß, um denselben zu zeigen, daß sie keiner 

1773 erschienen, rückte Herr Wieland in seinen Deutschen Merkur (May, 
1775, S. 152 u. f.) Unterthänige Zweifel gegen das klassische Ansehen des 
Herr Dow in seiner Nachricht von den Fakim, ein. 

Ich wünschte wohl von Jemand (sagt W.), der in der Wissenschaft des 
Möglichen weiter gekommen als ich, unterrichtet zu werden, ob es, natür- 
licher Weise, möglich sei: daß ein Mann seinen Arm in einem fort so lange 
in die Höhe halte, bis er ganz steif wird, und sein ganzes übriges Leben 
hindurch in dieser Stellung bleibt? — Und wie hoch wohl der besagte Mann 
mit seinem steif emporstehenden Arm sein ganzes übriges Leben bringen 
würde? — Ingleichen, ob es möglich sei: daß ein Mensch seine Fäuste so feste 
zusammen drücke bis ihm die Nägel in die flache Hand einwachsen, und 
auf der obern Hand wieder herauskommen? Kurz, Herr Wieland erklärt 
diese Fakirischen Zeichen und Wunder platterdings für unmöglich. Indessen 
hatte auch Herr Dohm in seinen Anmerkungen zu Iwes Reisen (I Th. S. 128, 
129, 130) eben diese Zeichen und Wunder von eben diesen Fakiren mit den 
gleichen Ausdrücken eingerückt: Und nun erzählt Herr Sonnerat dasselbe 
Ding neuerdings, gestehet aber bald unten, daß er es nicht mit eigenen 
Augen gesehen habe . . . Ich überlasse es also dem biederen Leser, ob er 
die Sache der Herren Dow, Dohm und Sonnerat — davon sich doch keiner 
als Augenzeugen angiebt — auf ihr und andrer älterer Reisebeschreiber 
Wort glauben, oder nach der Regel gebührender philosophischer Hart- 
gläubigkeit, mit Herrn Wieland für unmöglich halten will? A. d. üb. 



— 123 — 

Leidenschaft mehr fähig, daß sie wieder in den Stand der ersten 
Unschuld zurückgetreten seien, seitdem sie ihre Körper der Gott- 
heit geopfert haben. Das Volk glaubt auch wirklich an ihre 
vorgebliche Tugend, sieht sie als Heilige an, und denkt daß sie 
alles von Gott erhalten was sie von ihm verlangen. Da jeder- 
mann ein herrliches Werk zu verichten wähnt, wenn er diesen 
Schwärmern Gutes thut, so läuft alles Volk zu; bringt ihnen zu 
essen; steckt denjenigen welche den Gebrauch ihrer Hände ver- 
schworen haben, selbst die Bissen in den Mund, und säubert sie 
von ihren Unflath: Einige Weiber treiben es so weit, da sie die 
Zeugungsglieder derselben küssen und anbeten, während daß 
der Büsser unbeweglich in seiner Betrachtung fortfährt. In- 
dessen ist doch zu bemerken, daß die Zahl aller dieser fana- 
tischen Thoren unter den Indiern um vieles abgenommen hat, 
besonders seitdem das Volk unter auswärtiger Herrschaft und 
Bedrückung steht. Der Einzige, den ich gesejien, hatte sich mit 
einem Eisen die Backen und die Zunge durchstochen, und das- 
selbe mit einem andern Stück Eisen, das ihm unter dem Kinne 
durchging, un ablöslich an den Mund geschlossen. 

Vielleicht hat ihr Eifer darum nachgelassen, weil sie das 
allgemeine Elend der Nation schon für eine hinlängliche Buße 
hielten. — Und in der That ist es eben nicht nöthig, sich durch 
Erfindung neuer Leibeskreutzigungen zu quälen, wenn die 
Natur und unsre Nebenmenschen alles dazu beitragen uns zu 
peinigen. — Man darf sich nur den zerstörenden Landplagen der 
einen und der Tieranney der andern überlassen! Der Karakter 
dieser Indischen Büßer besteht hauptsächlich, in einer Un- 
geheuern Masse von Hochmuth, ungemessenem Stolz auf ihr 
eignes werthes Selbst, und auf dem Wahn, daß sie Heilige sein. 
Daher vermeiden sie sehr sorgfältig, daß sie ja von niemandem 
aus einem niedrigen Stamme oder gar von Europäern berührt 
werden, aus Furcht sie wären dadurch verunreinigt. Selbst ihr 
weniges Geräthe lassen sie niemals betasten, und wenn man sich 
ihnen nähern will, entfernen sie sich hastig. Kurz: Gegen alle 
und jede, die nicht ihres Ordens sind, hegen sie die äusserste 
Verachtung und sehen dieselbe als profane Geschöpfe an. Auch 
muß alles, was sie bei sich haben, irgend ein Geheimniß ent- 
halten, und höchst verehrungs würdig sein. 



— 124 — 

Die Indische Geschichte enthält das Andenken einer ge- 
waltigen Menge solcher Büßer, die in den altem Zeiten sehr be- 
rühmt waren, und welche sich die heutigen rühmen als ihre 
Muster nachahmen. 

4. Bernier. 

Fran^ois Bernier gibt in seinen Voyages, T. II, p. 121 ff. 
(Amsterdam 1709) folgende Darstellung der Yogins und Fakire: 
,,Entre une infinite & diversite tres-grande de Fakires, ou 
comme on voudra dire, de Pauvres, Derviches, Religieux, ou 
Santons Gentils des Indes, il y en a grand nombre qui ont comme 
une espece de Convens, oü il y a des Superieurs, & oü ils fönt une 
Sorte de Voeu de Chastete, Pauvrete & Obeissance, & qui menent 
une vie si etrange, que je ne sai si vous le pourrez croire. Ce sont 
pour l'ordinaire ceux qu'on appelle Jauguis, comme qui diroit 
unis avec Dieu ; on en voit quantite de tout nuds assis ou couchez 
les jours & les nuits sur les cendres, & assez ordinairement 
dessous quelques-uns de ces grands arbres, qui sont sur les bords 
des Talabs ou Reservoirs, ou bien des Galeries qui sont autour 
de leurs Deüras ou Temples d'Idoles; II y en a qui ont des 
cheveux qui leur tombent jusqu'ä mijambe, & qui sont entortillez 
par branches comme ce grand poil de nos barbets, ou plütöt 
comme les cheveux de ceux qui ont cette maladie de Pologne 
qu'on appelle la Plie. De ceux-lä j'en ai veu en plusieurs en- 
droits qui tenoient un bras & quelquefois tous les deux elevez & 
tendus perpetuellement en haut par dessus leurs tetes, & qui 
avoient au bout des doigts des ongles entortillez qui etoient plus 
longs, Selon la mesure que j'en ai prise, que la moitie de mon 
petit doigt; leurs bras etoient petits & maigres comme de ces 
personnes qui meurent Etiques, parce qu'ils ne prenoient pas 
assez de nourriture dans cette posture forcee & contre nature, & 
ils ne les pouvoient abbaisser pour prendre quoi que ce soit, pour 
boire ni pour manger parce que les nerfs s' etoient retirez, & les 
jointures s' etoient remplies & sechees; aussi ont-ils de jeunes 
Novices qui les servent avec des respects tres-grands comme de 
saints Personnages. II n'y a Megere d'Enfer si horrible ä voir 
que ces gens-lä tout nuds avec leur peau noire, ces grands 
cheveaux, ces fuzeaux de bras dans la posture que j'ai dit, & ces 
longs ongles entortillez. 



— 125 — 

J'ai souvent rencontre ä la campagne, & principalement 
sur les terres des Rajas, des bandes de ces Fakires tout nuds qui 
faisoient horreur ä les voir. Les uns tenoient leurs bras elevez 
dans la posture que je viens de dire; les autres avoient leurs 
horribles cheveux epars, ou bien ils les avoient liez & entortillez 
ä l'entour de leur tele, quelques autres avoient des massues 
d'Hercule a la main, & quelques autres des peaux de Tygre 
Seches & roides sur les epaules. Je les considerois passer ainsi 
tous nuds effrontement au milieu d'une grande Bourgade. 
J'admirois comme les hommes, les femmes & les filles les re- 
gardoient indifferement sans s'emouvoir non plus que quand 
on voit passer quelques Hermites par nos rues, & comme les 
femmes leur portoient meme l'aumöne bien devotement, & les 
prenoient sans doute pour de Saints Personnages bien plus sages 
& bien plus honnetes que le reste des hommes. 

J'en ai veu un fameux assez long temps dans Dehli nomme 
Sarmet, qui alloit ainsi tout nud par les rues, & qui aima mieux 
enfin se laisser couper le col que de se vestir, quelques menaces & 
quelques promesses que lui put faire Aureng-Zebe. 

J'en ai veu plusieurs qui par devotion faisoient de longs 
pelerinages non seulement tout nuds, mais chargez de grosses 
chaines de fer, comme Celles qu'on met aux pieds des Elefans; 
d'autres qui par un voeu particulier se tenoient les sept & huit 
jours debout sur leurs jambes, qui devenoient enflees & grosses 
comme leurs cuisses, sans s'asseoir ni sans se coucher, ni sans 
se reposer autrement qu'en se penchant & s'appuyant quelques 
heures de la nuit sur une corde tendue devant eux; d'autres 
qui se tenoient les heures entieres sur leurs mains sans bran- 
1er, la tete en bas & les pieds enhaut, & ainsi de je ne sai 
combien d'autres sortes de postures, tellement contraintes & 
tellement difficiles, que nous n'avons bäteleurs qui les püssent 
imiter; & tout cela, ce semble, par devotion, comme j'ai dit, & 
par motif de Religion, oü on n'en sauroit seulement decouvrir 
l'ombre. 

Tout es ces choses si extraordinaires, ä vous dire le vrai, 
me surprenoient fort dans le commencement, je ne savois qu'en 
dire & qu'en penser; tantot je les considerois comme quelques 
restes, ou comme les auteurs de cette ancienne & infame Secte 



— 126 — 

Cynique, sinon que je ne remarquois en eux que bnitalite & 
ignorance, & qu'ils me sembloient plütot des arbres qui se re- 
muoient un peu d'un lieu ä autre que des animaux raisonnables ; 
tantöt je les considerois comme gens entestez de Religion; mais, 
comme j'ai de ja dit, je ne pouvois remarquer en tout cela aucune 
ombre de vraye Piete; tantöt je pensois en moi-meme que cette 
vie paresseuse, faineante, & independante de gueux, pourroit 
bien avoir quelque chose d'attrayant; tantöt que la vanite, qui 
se fourre par tout, & qui se trouve aussi souvent sous le manteau 
rapetasse d'un Diogene, que sous les bons habits d'un Piaton, 
pourroit etre ce ressort qui faisoit joüer tant de machines ; & puis 
faisant encore reflexion sur la miserable & austere vie qu'ils 
menoient, je ne savois plus quel jugement en porter. 

II est vrai que plusieurs disent qu'ils ne fönt ces austeritez 
si horribles que dans l'esperance qu'ils ont de renaitre Rajas, 
ou dans un etat de vie plus delicieux que la leur; mais comme je 
leur ai dit ä eux-memes plusieurs fois, comment peut-on croire 
qu'un homme se puisse resoudre ä une si malheureuse vie dans 
l'esperance d'une autre qui ne sera pas plus longue, & qui au 
bout du conte n'est toüjours que bien peu heureuse, quand on 
renaitroit un Raja, ou un Jesseingue, ou un Jessomseingue, qui 
sont des plus puissans Rajas des Indes? II faut, leur disois je, 
qu'il y ait quelque chose lä-dedans que vous ne nous veüilliez pas 
decouvrir, ou que vous avoüiez que vous etes des fous achevez. 

Entre tous ceux que je viens de dire, il s'en trouve qu'on 
croit de vrais Saints illuminez & parfaits Jauguis ou parfaite- 
ment unis ä Dieu. Ce sont gens qui ont entierement abandonne 
le monde, & qui se retirent d'ordinaire ä l'ecart dans quelque 
Jardin fort eloigne, comme des Hermites, sans jamais venir ä la 
Ville; si on leur porte a manger, ils le regoivent, sinon, on dit 
qu'ils s'en passent, & on croit qu'ils vivent de la grace de Dieu 
dans les jeünes & dans les austeritez perpetuelles, & sur tout 
abymez dans la meditation; je dis abymez, car ils se poussent 
si avant la dedans qu'ils passent les heures entieres ravis en 
extase, leurs sens externes sans aucune fonction, & (ce qui 
seroit admirable s'il etoit vrai), voyans Dieu meme comme un 
certaine lumiere tres blanche, tres-vive & inexplicable, avec 
une joye & une satisfaction non moins inexprimable, suivie d.'un 



— 12/ — 

mepris & d'un detachement entier du monde, s'il est vrai ce 
qu'un de ceux qui pretendoit pouvoir entrer en cette extase & y 
avoir entre plusieurs fois, m'en disoit; & s'il est vrai ce que 
disent ceux qui les approchent, & qui assurent la chose d'une 
teile fagon qu'il semble qu'ils le croyent tout de bon comme s'il 
n'y avoit point de tromperie; Dieu seul sgait au vrai ce qui en 
est, & si dans cette solitude & dans ces jeünes, rimagination 
affoiblie ne se laisseroit point aller dans ces illusions, ou si ce ne 
seroit point quelque chose de ces especes d'extases naturelles, 
oü Cardan dit qu'il entroit quand il vouloit, d'autant plus que 
je vois qu'il y a de l'artifice en ce qu'ils fönt, veu qu'ils pre- 
scrivent des Regles pour se Her peu ä peu les sens ; car ils disent 
par exemple, qu' apres avoir jeusne plusieurs jours au pain & ä 
l'eau, il faut premierement se tenir seul dans un lieu retire, les 
yeux fichez en haut quelque temps sans branler aucunement, 
puis les ramener doucement en bas, & les fixer tous deux ä 
regarder en meme temps le bout de son nez egalement & autant 
d'un cöte que de l'autre (ce qui est assez difficile) & se tenir lä 
ainsi bandez & attentifs sur le bout du nez jusqu' ä ce que cette 
lumiere vienne. Quoi qu'il en soit, je sgai que ce Ravissement, 
& les moyens d'y entrer, fönt le grand Mystere de la Cabale des 
Jauguis, comme il Test des Soufys; je dis Mystere, parce qu'ils 
tiennent cela cache entr'eux, & n'eüt ete ce Pendet ou Docteur 
Indou, que Danechmend-kan tenoit ä ses gages, & qui n'osoit 
lui rien celer, & que Danechmend-kan sgavoit d'ailleurs les 
Mysteres de la Cabale des Soufys, je n'en aurois pas tant de- 
couvert: je sgai de plus que pour ce qui est de l'extremite de la 
pauvrete, des jeünes & des austeritez, il faut qu'il en soit quelque 
chose: II ne faut pas, ou je suis bien trompe, qu'aucuns de nos 
Religieux ou Hermites Europeens croyent 1' empörter en cela 
sur ces gens-lä, ni meme en general sur tous les Religieux Asiati- 
ques, temoins la vie & les jeünes des Armeniens, des Coftes, des 
Grecs, des Nestoriens, des Jacobites & des Maronites; il faut 
"avoüer que nous ne sommes que des Novices aupres de tous ces 
Religieux; mais aussi faut-il avoüer, selon ce que j'ai experi- 
mente, au regard de ceux des Indes, qu'ils ne doivent pas etre 
cruellement tourmentez de la faim, comme nous sommes nous 
autres dans nos Pais froids." 



— 128 — 

5. Fryer. 

In John Fryer's New Account of East India and Persia, 
London 1698, finden wir pp. 95, 102 ff., 160 und 196 die folgen- 
den, sehr interessanten Schilderungen: With these, by the 
favour of the present Mogul, who lived long in that Order, tili 
he came to the Throne, must he numbred the Fakiers or Holy 
Men, abstracted from the World, and resigned to God, for the 
Word will bear that Interpretation; on this Pretence are com- 
mitted sundry Extravagancies, as putting themselves on volun- 
tary Penances. Here is one that has vowed to hang by the Heels, 
tili he get Money enough to build a Mosch to Mahomet, that he 
may be held a Saint. Another shall travel the Country with an 
Hörn blowed afore him, and an Ox it may be to carry him and 
his Baggage, besides one to wait on him with a Peacock's Tail; 
whilst he rattles a great Iron Chain fettered to his Foot, as big 
as those Elephants are Foot-locked with, some two yards in 
length, every Link thicker than a Man 's Thumb, and a Palm 
in length; his shaking this speaks his Necessity, which the poor 
Gentiles dare not deny to relieve ; for if they do, he accuses them 
to the Cazy, who desires no better opportunity to fleece them: 
For they will not stick to swear they blasphemed Mahomet, for. 
which there is no evasion but to deposit, or be cut, and made 
a Moor. 

Most of these are Vagabonds, and are the Pest of the Nation 
they live in; some of them live in Gardens and retired Places in 
the Fields, in the same manner as the Seers of old, and the 
Children of the Prophets did : Their Habit is the main thing that 
signalizes them more tlian their Virtue; they profess Poverty, 
but make all things their own where they come; all the heat of 
the Day they idle it under some shady Tree, at night they come 
in Troops, armed with a great Pole, a Mirchal or Peacock's Tail, 
and a Wallet; more like Plunderers than Beggers; they go into 
the Market, or to the Shopkeepers, and force an Alms, none of 
them returning without his share : Some of them pass the bounds 
of a modest Request, and bawl out in the open Streets for an 
Hundred Rupees, and nothing less will satisfy these. 

They are cloathed with a ragged Mantle, which serves them 
also for a Matrass, for which purpose some have Lyons, Tygres or 



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— 129 — 

Leopards Skins to lay under them: The Civilest of them wear 
Flesh-coloured Vests, somewhat like our Brick-makers Frocks, 
and almost of that Colour. The Merchants, as their Adventures 
retum, are bountiful towards them, by which means some of 
them thrive upon it. 

These Field Conventiclers at the hours of Devotion beat a 
Drum, from them called the Fakiers Drum; here are of these 
Strolers about this City enough to make an Army, that they are 
almost become formidable to the Citizens ; nor is the Govemour 
powerful enough to correct their Insolencies. 

Here are out acted all the boasted Austerities I ever heard 
of; I saw a Fakier of the Gentus, whose Nails by neglect were 
grown as long as my Fingers, some piercing through the Flesh. 
Another grave Old Man had a Turbat of this own Hair (which 
they all Covet) Sun-burnt towards the ends, Grey nearer the 
roots, Plaited like the Polonian Plica, but not so diseased, above 
Four Yards in Length. 

Others with their Arms Dislocated so, that the didcdnonir, 
of the Joints is Inverted, and the head of the Bone lies in the 
pit or Valley of the Arm; in which Case they are defrauded of 
their Nourishment, and hang as useless Appendices to the Body ; 
that unless relieved by Charity, they are helpless in all Offices 
to themselves. 

Others Fixing their Eyes upon Heaven, their Heads hanging 
over their Shoulders, are uncapable of removing them from the 
Posture they are in, being accustomed to that uninterrupted 
Rest, having contracted and stiffned the Tendons of the Muscles 
and Ligaments of the Neck, that both those belonging to the 
Gullet, or the motion of the Head, are unserviceable ; insomuch 
that no Aliment, not Liquid, can pass, and that too with much 
difficulty. 

Others by continual Abstinence bring themselves into a 
Strange Emaciated habit of Body, that they seem only Walking 
Skelitons. 

All of them go Naked (some plump young lusty Fellows) 
except their Privities, and bedawb themselves over with Ashes, 
who with their pleited Hair about their Heads, look like so many 
Moegara's; these wait on the others. The Ancientest of them 

Schmidt, Fakire und Fakir tum. 9 



— 130 — 

addict themselves to Reading, they live Six or Eight together^ 
as they please, lie upon the Ground or a Matt, some of them in 
all Seasons abide the open Air. 

At another time a Gentu Fakier was enjoined for Forty 
days to endure the Purgatory of five Fires ; there being a great 
resort by reason of a Festivity solemnized all that while; when 
I came early in the Morning (invited by the novelty and in- 
credibility of the thing) he was Seated on a four-square Stage 
or Altar, with three Ascents, some Two Feet high, and as many 
Feet Square, ready to shew: While he was in a musing posture^ 
other Fakiers (whose Duty it is daily to salute the Sun at his 
Height, Rising, and Setting, with their Musick of long hoUow 
Canes) blew them for an hour, or Ghong; after which he feil to 
his Matt ins, which he continued tili the Sun began to be warm; 
then rising he Blessed himself with Holy Water, and threw 
himself along on the lowest square, still muttering to himself on 
his Knees, he at length, with one Leg bowed upright between his 
Thighs, rises on the other, telling his Beads (which both Moormen 
and Gentus wear) which he had in his hands a quarter longer, 
and Stands, like a Goose, unmoved all the time; then casting 
himself down, he exercised himself, as Wrastlers do here, very 
briskly, but guarding the position of his Leg, which he kept so 
fixed as if it had grown in that nature, as well when he rose as 
grovelled on the ground ; acting thus a quarter more, it had the 
same Operation as the Stork's Bill used for a Suppository, for 
it brought him to a Stool; he taking his Purifying-pot in his 
hand, marched on one side, where he tarried not long before he 
retuming took up his Beads he had left; and in this Interim 
four Fires being kindled (any of them able to roast an Ox) at 
each Corner of the upper and least Square, he having finished 
some Fopperies with his Pot, Scoevola-like with his own hands 
he increased the Flames by adding combustible Stuff as Incense 
to it; when removing from his Neck a Collar of great Wooden 
Beads, he made a Coronet of them for his Head; then bowing 
his Head in the middle of the Flames, as it were to worship, 
holding the other Beads in his hands, with his Head encircled 
between his Arms, his Face opposite to the Sun, which is the 
fifth Fire, he mounted his Body with his Feet holt upright, and 



— 131 — 

so continued standing on his Head the space of three hours very 
steddily, that is, from Nine tili Twelve; after which he seats 
himself on his Breech cross-legg'd after their way of sitting, and 
remains so without either eating or drinking all the rest of the 
Day, the Fires still nourished, and he sweating (being one of a 
good Athletick Habit, and of a Middle Age), as if basted in his 
own Grease. 

This is imagined to be an Imposture ; but if it be, it would 
make a Man disbelieve his own Eyes: Others more rationally 
impute the Heat from the Fires to be allayed by that over- 
powering one of the Sun; which I cannot wholly incline to, since 
we daily when abroad roast our Meat by Fires made in a clear 
Day without any shelter: But I rather conceive Custom has 
inured his Body to it; for the very Mountebank Tricks declare 
it a Practice; and the other I think as feasible as to eat Fire, 
tread on Hot Irons (which is here used), or for Cooks to thrust 
their hands into sealding Water without Injury. 

Another Devote had made a Vow not to lye down in Sixteen 
Years, but to keep on his Feet all that while; this came accom- 
panied with two others under the same Oath, the one had passed 
Five, the other Three Years; all Three of them had their Legs 
swoln as big as their Bodies, with filthy running Ulcers, exposed 
to view f or the greater Applause : Standing, they leaned on Pillows 
hung in a String from the Banyan Tree, and had a Pompous 
Attendance of such ragged Fakiers their Admirers, with Musick, 
Flags, and Mirchals : The Eldest having undergone the compleat 
Term, to crown all, was intombed in the same standing Posture 
Nine Days without any sort of Food; and lest any Pretext of 
that kind might lessen his Undertaking, he caused a Bank of 
Earth to be heaped on the Mouth of his Cave, whereon was to 
be sown a certain Grain which ears in Nine Days, which accor- 
dingly being done, eared before his being taken thence. I saw 
him presently after his Resurrection, in great State raised on a 
Throne under a Canopy, before which was a Fire made in the 
Pit he had been, where he put his Hands, being anointed with 
Oyl, untouch'd by the Flames: Which whether this may discover 
the Cheat of both this and the other, that such an Unction may 
be to resist Fire, NaturaHsts have not agreed in; and therefore 



— 132 — 

I judge this rather a Delusion, I having not been present at 
this Experiment: But that this is none I am assured, That the 
Banyans gave him Divine Honours, and saluted him prostrate, 
offering before him Rice, and throwing Incense into the Fire: 
He had a Red Trident in his hand, and is enroUed one of the 
Heroes or Demi-Gods in their Superstitious Kalender. 

Coasting along the Sea-side, we came to the Pomoerium of 
the greatest Pagod, where near the Gate in a Choultry säte more 
than Forty naked Jougies, orMen united toGod, covered withAsh- 
es, and pleited Turbats of their own Hair ; two above the rest re- 
markable, one sitting with his Head hanging over his Shoulders, 
his Eyes shut, moving neither Hands or Feet, but always set 
across, his Nails overgrown like Talons : The other as a check to 
Incontinency, had a Gold Ring fastned into his Viril Member. 

A Fakier is an Holy Man among the Moors; for all who 
Profess that Strictness (for such it should be) they esteem them 
Sacred; and though before apparent Traytors, yet declaring for 
this kind of life, and v/earing a patch'd Coat of a Saffron Colour, 
with a pretended careless neglect of the World, and no certain 
Residence, they have Immunity from all Apprehensions, and 
will dare the Mogul himself to his Face : Of this Order are many 
the most Dissolute, Licentious, and Prophane Persons in the 
World, committing Sodomy, will be Drunk with Bang, and 
Curse God and Mahomet ; depending on the Toleration the Mogul 
indulges them with, having been one himself in the time of the 
Contest among his Brethren; so securing himself tili they had 
destroyed one another, and made an easy passage for him to 
the Throne; these People Beg up and down like our Bedlams 
with an Hörn and Bowl, so that they enter an House, take what 
likes them, even the Woman of the House ; and when they have 
plaid their mad Franks, away they go to repeat them elsewhere. 
Under this Disguise many pass as Spies up and down, and reap 
the best Intelligence for the benefit of the Prince that Employs 
them. 

Die ,,Ceremonies et Coutumes religieuses des peuples ido- 
latres", Amsterdam 1723, geben im zweiten Teile des ersten 
Bandes p. 32 die folgende Schilderung der Fakire: ,,L'on a dit 



— 133 — 

de tout temps, que le Demon a ses martirs: mais il n'y a point 
d'endroit en l'Univers, oü il en ait plus que dans les Indes. On 
y voit des Fakirs, qui proprement sont les Religieux du pais, 
pratiquer des choses, qui passent tout ce que nous lisons de la 
vie mortifiee, & des penitences des anciens Peres du desert. 

Plusieurs Faquirs fönt voeu de rester toute la vie dans une 
meme posture, & y restent en effet. Les uns ne se couchent 
jamais, ou demeurent appuyes par dessous les aisselles sur une 
corde, ou sur un bätton. Les autres tiennent toüjours les bras 
eleves. II y en a qui cherchent ä se mortifier par des pratiques 
beaucoup plus cruelles. Ils se dechirent le corps ä coups de 
fouet, ä coups de couteau. Ils se regardent comme n'etant 
plus de ce monde, & comme ils s'imaginent d'etre au-dessus 
de toutes les passions, & dans un etat d'innocence, plusieurs 
d'entr'eux se promenent ou se montrent publiquement nuds, 
jusqu' ä negliger de cacher ce que la bienseance ne peut souffrir 
decouvert. 

Ces Faquirs ne sont pas les seuls qui aient pretendu etre ä 
l'abri des passions & de tous les mouvemens que peut inspirer 
la nudite. Vous avons eu les Adamites, qui etoJent sortis de la 
secte des Carpocratiens & des Gnostiques. Ils s'assembloient 
nuds, au rapport de saint Augustin, & dans cet etat ils ecoutoient 
les lectures qu'on leur faisoit, prioient, & celebroient les Sacre- 
mens. On a fait parier Saint Epiphane un peu trop fortement, 
au sujet de ces heretiques, & on s'est servi de son authorite 
pour prouver qu'ils commettoient dans leurs assemblees toutes 
sortes d'infamies, qu'ils rejettoient entierement la priere. 
Cependant nous venons de voir que Saint Augustin dit positive- 
ment qu'ils prioient, & Saint Epiphane meme dit dans un 
endroit, qu'ils suivoient les regles des Moines, c'est-ä-dire la 
continence, & qu'ils condamnoient meme le mariage. Ainsi il 
n'y a pas d'apparence qu'ils voulussent d'abord commettre 
publiquement tous les crimes que l'on leur impute; mais quel- 
ques-uns pretendent que dans la suite ils se relacherent, & que 
cette nudite, qu'ils regarderent dans le commencement comme 
un moien sur de rentrer dans l'^tat d'innocence, Sc de se con- 
former ä Adam avant la chüte, les fit tomber quelque tems apres 
dans les derniers desorders, ce qui paroit assez probable. 



— 134 — 

Le commun peuple est extremement persuade de la vertu 
& de l'innocence des Fakirs, mais il faut pour cela qu'ils lui 
paroissent etre entierement detaches de tout ce qui est capable 
de f latter les sens, & ne plus prendre part aux choses de ce 
monde. La plüpart soütiennent ce personnage, & jouent par- 
faitement leur role dans le public, mais on les accuse de com- 
mettre entr'eux dans le particulier des crimes enormes. Peut- 
etre aussi en dit-on trop. 

Nous lisons dans le 3. Li vre des Rois la maniere etrange 
dont les Pretres de Baal honoroient leur Dieu, comment ils 
l'invoquoient, & tachoient d'en obtenir quelque grace en se 
donnant des coups de coüteaux, & de lancettes. L'Ecriture nous 
aprend encore que pour faire descendre le feu du Ciel sur leurs 
Sacrifices, ils se mirent le corps tout en sang. Les austerites des 
Fakirs peuvent leur etre comparees. II y en a meme qui fönt 
pis. Ils fönt voeu de parcourir un certain nombre de lieues en 
se roulant indifferemment sur tout ce qui se presente en leur 
chemin, soit pierres, soit epines: de sorte qu'ils se dechirent 
entierement le corps, & cette maniere de se mortifier est assez 
ordinaire chez eux. 

Les Indiens ont une autre espece de Fakirs, qui moins 
austeres, ou pour mieux dire moins extravagans, s'assemblent 
en troupe, & vont de village en village predire l'abondance, ou 
menacer de la sterilite, selon que Ton les y regoit bien ou mal. 
Ils se melent aussi de dire la bonne avanture, de promettre des 
enfans ä ceux qui n'en ont point, & des maris ä Celles qui se 
lassent de l'etat de fille : mais ce sont de grands fripons, & il est 
dangereux de se trouver avec eux en des endroits ecartes, ä 
moins que l'on ne soit en etat de se defendre : cependant ils sont 
en veneration chez les Indiens Idolatres. Les Maures ont aussi 
des Faquirs, qui ne valent pas mieux que les autres. Ce seroit 
un crime capital d'en battre un. 

Nous pourrions comparer en quelque fagon la maniere 
dont les Fakirs debitent leurs visions fanatiques & leurs pre- 
tendues predictions ä celle des Prophetes des anciens Juifs, que 
la Sainte Ecriture appelle, Filii Prophetarum, grex, vel chorus 
Prophetarum. Tels etoient ceux que Saul trouva, & au milieu 
desquels il prophetisa. L'Ecriture dit, qu'ils avoient des tarn- 



— 135 — 

bours & des trompettes, & que c'etoit au son de ces instrumens, 
qu'ils debitoient leurs Propheties, 

Elle nous rapporte aussi, que quand Josaphat, Joram, & le 
Roi d'Edom füren t assemblez contre Mesa Roi de Moab, le 
manque d'eau ayant reduit leur armee ä la demiere extremite; 
Josaphat fit venir Elisee pour obtenir par ses prieres le secours 
du ciel, & que ce Prophete, avant que de consulter Dieu, de- 
manda un Chantre. 

Ne pourroit on pas dire, pour justifier cette maniere extra- 
ordinaire de consulter Dieu, & lui donner une explication na- 
turelle, que nctre esprit est plus propre ä recevoir les ordres du 
Ciel, & plus attentif ä sa voix quand il a, pour ainsi dire, moins 
de correspondance avec le corps, ou quand le corps est moins en 
etat de lui representer des choses capables de le distraire. Tout 
ce qui pouvoit mettre les sens dans une certaine inaction ge- 
nerale: Tout ce qui les empechoit d'etre touchez des objets qui 
les environnoient rendoit les Prophetes plus propres ä etre 
remplis de l'esprit de Dieu, & rien ne pouvoit mieux produire 
cet effet, que les voix, les instrumens, & generalement toute la 
musique, qui par ses sons tient en quelque maniere les sens en 
exstase. 

C'est ainsi que les Fakirs Indiens, dont nous parlons en 
cet Article, se servent des tambours, des trompettes, & de la 
Musique pour s'animer & pour debiter dans une exstase volon- 
taire ou artificielle leurs pretendues Propheties. On en voit 
toüjours quelqu'un d'entr'eux qui entre en fureur, & repond par 
des mouvemens violens de son corps ä la cadence precipitee Sc 
dereglee de ces instrumens. Lorsqu'ils se sont mis hors d'haleine, 
ils prononcent certaines sentences, que les Gentils prennent pour 
des Oracles & pour des predictions." 



Ives (Reisen nach Indien und Persien, Leipzig 1774, Teil I, 
p. 69) besuchte während seines Aufenthaltes in Bombay eines 
Abends mit seinem Freunde einen Yogin, ,,der beständig in 
einerley Lage auf der Erde in der schattichten Laube von einem 
Kokosbaume saß. Sein Körper war mit Asche bedeckt; seine 
langen schwarzen Haare hiengen in der größten Unordnung 



— 136 — 

herunter. Als wir uns ihm näherten, grüßten wir ihn, und er 
erwiederte es uns sehr ehrerbietig, und dann unterhielten wir 
uns mit ihm, durch Hülfe unsers indianischen Ochsentreibers, 
der Englisch redte, meistens von den wunderbaren Wirkungen 
seiner Gebete, durch welche er Kranke gesund. Schwache und 
Lahme stark. Blinde sehend, und Weiber, die man auf ihre ganze 
Lebenszeit für unfruchtbar gehalten hatte, fruchtbar gemacht 
haben wollte. Als wir bald im Begriff waren unsem Abschied zu 
nehmen, bot ich ihm ein Geschenk von zwey Rupees an, er bat 
mich, sie auf die Erde zu werfen, und befahl hierauf seinem 
Diener, sie aufzunehmen. Dieser that es mit ein Paar eisernen 
Zangen, und warf hierauf die Rupees in eine Essigflasche. Als 
sie hierinn ein w^enig gelegen hatten, nahm sie derselbe Bediente 
wieder heraus, wischte sie sorgfältig, und überlieferte sie endlich 
seinem Herrn, welcher zur Vergeltung uns gleich darauf einige 
Kuchen von seiner geschmacklosen Beckerey schenkte. Ich 
ersuchte ihn hierauf, daß er in seinem nächsten Gebete auch 
mir einen Zuwachs von Glückseligkeit erbitten möchte. Er 
erwiederte mit einer sehr großen Gelassenheit in seiner Miene: 
Ich weiß kaum, was ich für Sie bitten soll; ich habe Sie oft ge- 
sehen, und es hat mir immer geschienen, daß Sie vollkommen 
gesund sind ; Sie können in ihrem Wagen fahren, so oft es Ihnen 
gefällt; Sie sind oft in Gesellschaft einer sehr schönen Dame; 
Sie sind immer gut gekleidet, und auch fett; Sie scheinen mir also 
alles zu besitzen, was zur Glückseligkeit nothwendig seyn kann. 
Wenn ich daher etwas für Sie bitten soll, so müßte es wohl dieses 
seyn, daß Gott Ihnen die Gnade verleihen woUe, die mannich- 
faltigen Glückseligkeiten, womit er Sie begäbet hat, zu verdienen, 
und dafür dankbar zu seyn. Ich antwortete, daß ich mit diesem 
seinem Gebete vollkommen zufrieden wäre, und hierauf nahmen 
wir, nach gegenseitigen Complimenten, von einander Abschied. 



Pallebot de Saint Lubin (bei Fra Paolino p. 296) sagt, 
einige der Yogin's blieben so lange auf der Erde sitzen, bis sie 
sich nicht mehr von der Stelle bewegen können. ,, Andere halten 
den Arm so lange in die Höhe, daß sich zwischen dem Armgelenke 
und dem Schulterblatt eine Anchilosis formirt, und sie nicht mehr 



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— ^37 — 

im Stande sind, den Arm gerade zu biegen. Einige falten immer- 
fort die Hände zusammen, so daß ihnen die Nägel durch das 
Fleisch wachsen und auf der andern Seite wieder zum Vorschein 
kommen. Diese schleppen ungeheure Ketten hinter sich her; 
jene halten schw^ere Balken in die Luft; noch andere wälzen 
sich von hohen Bergen herab, u. s. w." ,,Ich selbst" sagt Fra 
Paolino, ,,sah einen dieser Menschen, an dessen Vorhaut eine 
schwere Kette hing; ein anderer hatte seinen Kopf bis über 
den Hals in einen eisernen Käfig gesteckt; ein dritter hatte 
seinen Arm so lange ans Feuer gehalten, bis er vollständig aus- 
gedorrt war." 

Reginald Heber erzählt in seinem Buche ,, Narrati ve of a 
Journey through the Upper Provinces of India", London 1844, 
Vol. II, p. 16 von einem Fakir, der sich in Khanwah röstete: 
,,As I passed through the principal street in my evening's walk, 
I saw a very young man naked and covered with chalk and 
ashes, his hair wreathed with withered leaves and flowers, 
working with his hands and a small trowel in a hole about big 
enough to hide him if he stooped down. I asked him if he were 
sinking a well, but a by-stander told me that he was a Mussul- 
man fakir from the celebrated shrine near Agmere, that this 
was his dwelling, and that he used to make a fire at the bottom 
and cower over it. They called this a Suttee, but explained 
themselves to mean that he would not actually kill, but only 
roast himself by way of penance. I attempted, as far as I could, 
to reason with him, but obtained no answer except a sort of 
faint smile. His countenance was pretty strongly marked 
by insanity. I gave him a few pice, which he received in 
silence, and laid down on a stone, then touched his forehead 
respectfully, and resumed his work, scraping with his hands like 
a mole." 

Boeck erzählt in seinem Buche ,, Durch Indien ins ver- 
schlossene Land Nepal" p. 285 ff. von den ganz besonders 
wunderlichen nepalesischen Asketen in der Nähe des Pasch- 
pattinathtempels. ,, Einer dieser wunderlichen Heiligen legte 



- 138 - 

sich z. B. flach auf die Erde und krümmte dabei gleichzeitig 
Arme und Beine wie ein Kautschukmann, sprang dann auf, um 
einige Minuten auf einem Beine zu hocken, dann wieder drehte 
er sich, in die Hände klatschend, wie ein Kreisel herum und 
blieb schließlich mit hochgehobenen Händen stehen ..." 

Boeck ,, sträubte sich förmlich das Haar vor Erstaunen über 
die dort verborgenen Gestalten ; ich hatte doch in Asien bereits 
so manchen wunderbaren Schwärmer kennen gelernt, . . . hier 
aber fand ich neben den abenteuerlichsten religiösen Bettlern, 
die sich bei diesem Tempel ein Stelldichein gegeben hatten, in 
allen möglichen Schlupfwinkeln Vertreter jener entsetzlichen, 
durch unglaubliche Mittel sich selber quälenden, fälschlich 
Fakire genannten Büßer, deren Vorhandensein von vielen Indien- 
reisenden bereits geradezu als Märchen bezeichnet wird, weil 
denselben in Britisch-Indien durch Polizeimaßregeln, auch wohl 
durch die wenig respektvollen Blicke, mit denen die Europäer 
die Äußerungen ihres religiösen Wahnsinns in Augenschein zu 
nehmen pflegen, der Aufenthalt verleidet wird. Für brahminische 
Schwärmer dieser Art ist die Bezeichnung Fakir nicht am Platze, 
sondern je nach der Art der Bußübung einer der [p. 283] auf- 
gezählten Namen [Yogis, Dumdis, Sadhus, Kakhis, Nagas, 
Gosains, Bairagis, Sanyassis], während das Wort Fakir einen 
mohammedanischen Fanatiker bezeichnet." 

Boeck hat unter diesen ,, ungeheuerlichen Erscheinungen" 
einige der ,,fürchternchsten" p. 287 f. abgebildet und hat ganz 
Recht, hinzuzufügen, wenn er die photographische Aufnahme 
nicht selbst besorgt hätte, würde er es kaum für möglich halten, 
,,daß es tatsächlich Hindus gibt, die unausgesetzt Tag und Nacht 
mit tief zur Erde herunter gekreuztem Körper dastehen und dabei 
mit den zusammengekrallten Fingern die Erde berühren, bis 
der ganze Mensch in dieser gekrümmten Stellung gewissermaßen 
erstarrt ist, bis seine Arme ausdörren, die Nägel der Finger 
durch das Handfleisch wachsen und bis das Haar wie ein dicker 
Vorhang über das Gesicht herüberwächst ! Die verehrungsvollen 
Besucher des frommen Mannes haben dann große Mühe, das 
Haar zur Seite zu legen, um ihm Reis, Erbsen, Früchte , Gebäck 
oder andere Lebensmittel in den Mund zu stopfen, die auf einem 
Deckchen vor ihm niedergelegt werden . . . 



— 139 — 

In diese Gruppe der Stellungsbüßer, wenn ich sie so respekts- 
widrig nennen darf, gehört auch der hier [p. 288] dargestellte, 
der wirklich ein Künstler genannt werden darf, denn es gehört 
schon immerhin einige Akrobatenkunst dazu, unentwegt auf 
einem einzigen Beine zu hocken, während der Unterschenkel des 
anderen in die Kniekehle dieses Standbeines eingeschlagen ist. 
Der Umstand, daß vor jedem dieser Asketen ein Deckchen aus- 
gebreitet ist, auf das die staunenden Mitbürger Kupfermünzen 
oder Lebensmittel niederlegen, die dann der für den Büßer 
sorgende Guru mit sichtlicher Gier einsammelt oder beiseite 
schafft, legt freilich den Gedanken nahe, daß oft genug weniger 
ein tiefrehgiöser Entsagungs- und Selbstheherrschungsdrang als 
vielmehr der Wunsch nach einem arbeitslosen und doch einträg- 
lichen, noch dazu vom Nimbus des Märtyrertums verklärten 
Leben für verworrene Köpfe den Anlaß zu einem so romanhaften 
Dasein geben mag; hierfür spricht auch die Tatsache, daß der 
mit kleinen Fähnchen gekennzeichnete Platz, an dem sich ein 
solcher Bairagi aufgehalten und gezeigt hat, nach seinem Weg- 
gange oder Tode an denjenigen Büßer, der am meisten dafür 
bietet, verpachtet wird. 

Andere Büßer nehmen die Schmerzen zu Hilfe, die stechende, 
schneidende oder brennende Gegenstände hervorbringen können, 
um ihre Gleichgiltigkeit gegen die Leiden dieser Welt zu be- 
weisen — oder um die mitleidige Freigebigkeit ihrer Landsleute 
anzurufen. Bairagis, die auf den scharfen Spitzen langer eiserner, 
aus einem Brett aufragender Nägel kauern oder liegen, sich an 
scharfen, durch die Rückenmuskien gezogenen Haken an Ge- 
rüsten von mehr als zwölf Meter langen Stangen aufhängen 
und daran hin- und herschwingend bei den Festen hinter den 
Tempelkarren durch die Städte fahren lassen oder die gleich 
den Schinto-Feuerpriestern in Japan und den Wundermännern 
auf den Fidschi-Inseln über glühende Holzkohlen einhergehen, 
dürfen sich zwar neuerdings in Indien nicht mehr öffentlich 
zeigen; solcher aber, die unausgesetzt über ein Feuer gebeugt 
dastehen, habe ich wiederholt gesehen. Der von mir [p. 288] 
photographisch wiedergegebene ist deshalb besonders bemerkens- 
wert, weil er gewissermaßen noch in der Ausbildung begriffen 
ist, das heißt, er stützt das eine Knie und seine Arme auf ein an 



— I40 — 

Seilen hängendes Trapez, bis er gelernt hat, vollkommen frei 
auf dem anderen Beine zu stehen und sich dabei von den vor ihm 
brennenden Holzscheiten schmoren zu lassen; manche dieser 
Büßer, oder genauer deren Wärter, richten sogar heimlich Affen 
ab, neues Brennmaterial nachzulegen, was ihnen in den Augen 
des Volkes vermehrte Heiligkeit verleiht. 

Es steht fest, daß sich in Südindien bei den zu Ehren der 
Bhadra Kali veranstalteten Schwingfesten arme Leute gegen 
gute Bezahlung dazu hergegeben haben, sich zur Wiederherstel- 
lung Kranker oder zur Entsündigung Verstorbener eine halbe 
Stunde und länger in der vorhin geschilderten Weise schwebend 
um den Tempel herumfahren zu lassen; zuvor war es üblich, 
das Opfer durch reichlichen Genuß von Toddy zu berauschen 
und durch Schläge auf den Rücken dessen Fleischteile zum 
leichteren Einführen der Haken möglichst stark anschwellen zu 
lassen, doch wurden gewöhnlich neben den Haken auch noch 
ein paar Gurte zum Erleichtem der Körperlast angebracht. 
Auch bei dem Schwingen eines an den Füßen aufgehangenen 
Asketen über einem Feuer sind allerlei Vorbereitungen üblich, 
um diesen nach Möglichkeit zu schonen . . . Die Schlingen, in 
denen die Füße eines derartigen Büßers stecken, sind gepolstert 
und so weit, daß der Büßer die Unterschenkel hindurchstecken 
und in den Kniekehlen hängen kann, wenn ihm das Feuer gar 
zu nahe kommt, auch wird ihm von seinem Guru ein Tuch glatt 
über den Haarschopf und Schädel gebunden, das dann ebenso 
wie der ganze Körper mit einer dicken Schicht eines Breies aus 
Asche und Wasser übertüncht wird, die nach dem Trocknen als 
dichte, die Wärme schlecht leitende Kruste die Haut vor der 
Hitze der Flamme schützt. 

Für mich ist es gar keine Frage, daß viele dieser Sonder- 
linge aus völlig lauteren Beweggründen handeln und ähnlich 
den Sanyassis denken, die sich freiwillig ihres Reichtums und 
Behagens begeben, um sich als Besitzlose nur noch religiösen 
Betrachtungen zu überlassen und von dürftigen Almosen zu 
leben, und die man auch nicht ohne weiteres zu faulen Bettlern 
und Tagedieben rechnen darf. Die Lehre des Brahminentums, 
daß die Götter durch Opfer und Bußübungen sogar zu gewissen 
Gnadenbeweisen gezwungen werden können, treibt viele von 



— 141 — 

Unglück Bedrohte zu solchen Maßregeln, die nur unserem Gefühl 
als unbegreiflich und abgeschmackt, dem Hindu aber als höchst 
zweckmäßig erscheinen. Amtlich verbürgt ist z. B. die Leidens- 
zeit, der sich Schundra Bela [?], eine junge Indierin, freiwillig 
unterzog, als ihr an einem Tage der Vater und der angelobte 
Gatte durch den Tod entrissen wurde, und die zunächst durch 
eine sieben Jahre dauernde Wallfahrt zu allen heiligen Stätten 
Indiens Erlösung von ihren Sünden zu finden versuchte, die nach 
der Volksanschauung diese Verluste verschuldet hatten; daß in 
solchen Fällen die Pilgerschaft durch die erstaunlichsten Er- 
schwerungen, durch Kriechen, Hüpfen oder Rollen, durch Ver- 
meiden von Hinsetzen oder Hinlegen zu einem qualvollen Buß- 
gange verschärft wird, habe ich auch schon an anderer Steile 
erwähnt. Als die junge Witwe aber auch dadurch ihre Seelen- 
ruhe nicht wieder gewann, strafte sie sich im Gefühl ihrer ver- 
meintlichen Schuld dadurch, daß sie während der Tageshitze 
zwischen fünf Feuern hockte, während sie die kühlen Nächte bis 
an den Hals im Wasser stehend zubrachte. 

Auch die Willensübungen des Gosain Pranpuri, der den Drang 
spürte, zu einem Radsch-Jogi erhoben zu werden, sind behörd- 
lich bezeugt; volle zwölf Jahre seines Lebens brachte dieser 
regungslos auf einem Fleck stehend zu, in den zwölf folgenden 
hielt er auch noch die Arme empor, ließ sich dann 1V4 Pahr oder 
3% Stunden, an den Füßen im Geäst eines heiligen Bo-Baumes 
hängend, über einem Kuhdüngerfeuer hin- und herschwingen 
und schließlich noch ebensolange aufrecht in eine trockene Sand- 
grube einscharren! 

Bei diesem Eingrabenlassen kommen wahrscheinlich seitens 
der Bairagis Kunstgriffe in Anwendung, die auch die asketischen, 
sich mit unablässigen Grübeleien zermarternden Yogis benutzen, 
um möglichst wenig durch physische Lebenstätigkeiten von ihrer 
unausgesetzten Vertiefung in das höchste Wesen und dem un- 
hörbaren Flüstern der mystischen Worte Om Scham Bam Lam 
Ram Yam Ham abgelenkt zu werden." 

Daß das Dasein eines Yogin selbst für Europäer etwas An- 
ziehendes und Nachahmenswertes besitzen kann, ist in unseren 
spiritistisch durchseuchten Zeiten nichts Erstaunliches mehr. 
Die englischen Behörden dachten freilich materieller, als sie den 



— 142 — 

Hauptmann Seymour immer wieder einfingen und ins Irrenhaus 
steckten, der, um die Geheimnisse der Yogins so recht ab ovo 
in sich aufnehmen zu können, zum Brahmanismus sich bekannte, 
die Tracht eines Samnyäsin anlegte und streng nach den Sat- 
zungen eines solchen lebte, um schließlich als Yogin zu sterben. 

* 

Es hat natürlich nie an harten Urteilen über die Yogins und 
Fakire gefehlt. Zu dem, was bereits in den vorstehenden Reise- 
berichten gesagt ist, seien noch ein paar Stellen hinzugefügt; 
als die fulminanteste Kapuzinade das Urteil aus Ehrmann, 
Neueste Beiträge zur Kunde von Indien, Weimar 1806, III, 

215 ff. : 

,,Die Joghi und die Fakire, werden gewöhnlich mit ein- 
ander verwechselt. Jene sind eigentlich bußfertige Sünder und 
Bettelmönche vom Volke der Hinduer, letztere hingegen 
Muhammedaner. In Ansehung der Sitten, der Verstellungskunst, 
und der unverschämtesten Dreistigkeit, haben sie aber freilich 
einander nichts vorzuwerfen. Man sieht diese Menschen in 
Menge auf den Straßen, in den Bazars, auf den Marktplätzen, 
kurz überall. Stellen Sie sich einen Wahnsinnigen vor, der das 
Gesicht und den ganzen Leib (welcher vöUig nackt und bloß ist, 
bis auf einen kleinen Beutel, worin sie die Schaamtheile ver- 
bergen) über und über mit einem weißen Pulver bestreut hat; 
dessen verworrene nie durchgekämmte Haare, wie die Schlangen 
am Haupte Megärens, in hundert dicht verschlungenen 
Büscheln emporstehen ; der von Zeit zu Zeit fürchterlich brüllt ; 
sich wie ein Besessener gebärdet, mit großen festen Schritten 
einhergeht, alle Scheu und Scham gänzlich bei Seite setzt, und 
seine feuerrothen Augen fürchterlich im Kopfe umherrollt: so 
erblicken Sie in der Person dieses ekelhaften schmutzigen Narren 
das leibhafte Bild eines Fakirs. 

Jeder sucht sich durch eine oder die andere abentheuerliche 
That hervorzuthun, und alle wetteifern mit einander, die Blicke 
der gaffenden Menge auf sich zu ziehen, um etwas Geld von ihr 
zu erbetteln. Einige machen sich kleine Wunden an der Stirn, 
an den Armen, an den Schenkeln, zeigen sich alsdann von Blut 
triefend (wiewohl es nicht unwahrscheinlich ist, daß sie sich 
auch mit anderm Blute bestreichen) dem Pöbel, vorzüglich aber 



— 143 — 

jungen Frauenspersonen, und sammeln das Almosen ein, was 
ihnen eben so thörichter als unverdienter Weise gereicht wird. 
Nicht selten sah ich einige dieser Fakirs rücklings, völlig be- 
wegungslos, und mit zugedrückten Augen auf offener Straße 
liegen, wenn gleich die Sonne noch so heiß schien, und der Sand 
unter ihnen völlig durchglüht war. In dieser Lage brummten 
sie einen oder den andern Gesang durch die Zähne, und stellten 
sich, als ob sie, ganz in himmlische Betrachtungen vertieft, die 
Vorübergehenden gar nicht bemerkten; mittlerweile blinzelten 
sie aber sorgfältig umher, ob ihnen nicht vielleicht Jemand etwas 
zuwerfe. So weit erstreckt sich die Gaunerei dieser Elenden, 
welche sie bei aller ihrer Verstellungskunst dennoch nicht ganz 
verheimlichen können. Einige gehen völlig nackt einher. 
Aurengzeb ließ einen derselben zu wiederholten Malen er- 
innern, er solle doch wenigstens ein Stück Leinwand um die 
Lenden binden, und da er sich hierzu durchaus nicht verstehen 
wollte, so ließ er ihm den Kopf abschlagen. 

Dieses verabscheuungswürdige Gesindel, diese handfesten 
und dennoch stinkfaulen Heuchler, ziehen in ganzen Haufen 
umher, deren Anzahl sich, nach Angabe des Herrn Dow, auf 
zehn bis zwölf tausend Mann belaufen soll, und machen es sich 
zum Geschäfte, die Einwohner der Ortschaften, durch welche 
sie der Weg führt, in Contribution zu setzen. Sie stehen in be- 
sonderer Achtung bei den Frauenspersonen, und wenn sie in 
den Häusern umhergehen, so schleichen sich die Männer, ich 
weiß nicht ob aus Andachtseifer, oder weil sie der Übermacht 
weichen müssen, bei Seite, und lassen sie ihre geheimniß vollen 
Unterhandlungen mit ihren Weibern allein vollenden, ungefähr 
auf eben die Art, wie es gewisse Ehemänner in Spanien machen, 
wenn ein Mönch zu ihnen ins Haus kommt. Die Regierung läßt 
diese Schurken, die sogleich mit der Rache des Himmels drohen, 
nicht nur unbestraft, sondern respectirt sie sogar wegen ihrer 
Scheinheiligkeit; und ihre verblendeten Verehrer leiden lieber 
selbst Hunger, als daß sie es ihnen an der nöthigen Verköstigung 
fehlen lassen. Mithin kann jeder, der sich dieser unthätigen 
Lebensart widmet, im voraus versichert sein, daß es ihm wenig- 
stens nicht an dem nothdürftigsten Lebensunterhalte fehlen 
werde, wenn er auch gleich keine Schätze sammelt. Salmon er- 



— 144 — 

zählt, der ehemalige Vicekönig von Decan und nachherige Kaiser 
Aurengzeb, habe einstmals die Fakire dieses Landes, als ihm 
hinterbracht worden sei, daß dieselben in den Falten und Näthen 
ihrer Lumpen viel Gold und Juwelen verborgen hätten, sammt 
und sonders nach der Hauptstadt berufen und sie zu einem 
großen Gastmahle einladen lassen. Nach dessen Beendigung 
ließ er so viele neue Kleider herbeiholen, als Gäste zugegen 
waren, und ihnen dieselben mit den Worten überreichen, da es 
nicht mehr als billig sei, daß Leute, die sich dem Dienste Gottes 
auf eine so vorzügliche Weise gewidmet hätten, wenigstens an- 
ständig gekleidet wären, so sollten sie ihre Lumpen ablegen, und 
von diesen neu verfertigten Kleidungsstücken Gebrauch machen. 
Die äußerst bestürzten Fakire machten zwar tausender Ein- 
wendungen, und beriefen sich auf ihre heiligen Gebräuche, die 
ihnen durchaus nicht gestatteten sich umzukleiden; Aurengzeb 
aber gab schlechterdings nicht nach, und die Heuchelei dieser 
Elenden ward an den Tag gebracht. 

Einige Jabesi, Joghi und Fakire, rühmen sich, zukünftige 
Dinge vorher sagen. Schätze graben, und Alles, was man nur 
will, in Gold verwandeln zu können. Macht man ihnen den Ein- 
wurf, daß der Kontrast zwischen ihrer Bettelei und diesem 
übernatürlichen Wirkungsvermögen etwas stark sei, so sind sie 
gleich mit der Antwort fertig, daß ihnen solches bloß zum Besten 
ihrer Nebenmenschen, nicht aber zu ihrem eigenen, verliehen sei, 
und daß sie befürchten müßten, dasselbe sogleich zu verlieren, 
wenn sie es zu ihrem eigenen Vortheile mißbrauchten. Diese 
Kerls, und ihre verblendeten Anhänger reden von nichts als 
Entzückungen, göttlichen Eingebungen, Erscheinungen, Vi- 
sionen, und anderen dergleichen Dingen, die nur die unver- 
schämteste Betrügerei aushecken kann. 

Oman sagt (p. i86) über die Yogins unserer Tage: Die Tat- 
sache läßt sich nicht leugnen, daß die Yoga-Praxis von vielen 
ernsten Männern von fraglos hoher Gesinnung ausgeübt wird; 
aber unglücklicherweise kann man dies von der Mehrzahl der 
Yogins des zwanzigsten Jahrhunderts nicht behaupten, die 
unter der Maske von Asketen das Land durchziehen und von 
der frommen Gläubigkeit der Masse leben : sie sind nichts weiter 
als unwissende, wertlose Betrüger, ja, selbst gefährhche In- 
dividuen. 



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— 145 — 

Ähnlich urteilt Deußen (Erinnerungen an Indien p. 64 
und 68), wenn er sagt, daß die indischen Pandits von jenen 
,, wohlgenährten Müßiggängern" mit Verachtung sprechen und 
damit wohl Recht haben. ,,Die echten Asketen suchen die Ein- 
samkeit auf und machen sich aus dem Europäer gar nichts. 
Sehr verschieden von ihnen sind diejenigen Asketen, welche die 
Städte aufsuchen und ihre Bußübungen zur Schau stellen. Von 
ihnen traf ich in Calcutta am Ufer des Hugli eine ganze Anzahl. 
Jeder sitzt für sich an seinem Feuer fast ganz nackt, mit Wasser- 
krug, einigen Lumpen und anderen dürftigen Habseligkeiten 
umgeben und von einer Anzahl Neugieriger umstanden, die ihn 
in der Ausübung seiner Spezialität bewundern und ihm einige 
Almosen spenden. Ihre Kunst läuft meistens auf eine höchst 
unbequeme Art zu sitzen hinaus, in der sie möglichst lange aus- 
zuharren suchen. Einen sah ich, der auf einem Beine stand, 
während das andere an einer Stange hochgebunden war; ein 
anderer lag auf einem Brette mit spitzen Holznägeln, noch andere 
abenteuerliche Posituren konnte man an den Modellen in Jaipur 
beobachten. Fast alle haben den nackten Leib mit Asche be- 
schmiert, die langen Haare hängen wüst über das Gesicht 
herunter, und die Nägel sind lang wie Adlersklauen. Der Ge- 
sichtsausdruck ist brutal und vertiert und zeigt schon, wie wenig 
ihre Askese auf geistigen Motiven ruht. Sie sind in der Tat nichts 
anderes als Bettler, welche sich das Ansehen von Asketen geben, 
und stehen mit ihren Künsten auf einer Linie mit den Kerlen 
in unsern Jahrmarktsbuden, welche Feuer essen oder sich 
Schwerter bis in den Magen hinunterschieben. Wie diese, rui- 
nieren sie durch ihr elendes Gewerbe sehr bald ihre Gesundheit." 

Von besonderem Interesse, weil von einem eingeborenen 
Inder stammend, ist das folgende Urteil: ,,. . . In still later times 
the philosophy of the Yoga System has been completely lost 
sight of , and the System has degenerated into cruel and indecent 
Täntrika rites, or into the impostures and superstitions of the 
so-called Yogins of the present day." (Romesh Chunder Dutt, 
History of Civilisation in Ancient India, Revised Edition, 
I, 288.) 



Schmidt, Fakire und Fakirtum. lO 



146 



V. Kapitel. 

Die Philosophie des Yoga. 

Rajendralala Mitra weist in der Vorrede zu seiner Über- 
setzung der Lehrsätze des Patanjali (Yoga Aphorisms of Patan- 
jali with the Commentary of Bhoja Rajä, Calcutta 1883) mit 
Recht darauf hin, daß die pessimistischen Lehren eines Schopen- 
hauer, eines Hartmann, so große Sensation sie auch in Europa 
notwendig hervorrufen mußten, keinerlei Anspruch darauf er- 
heben können, neu oder originell zu sein: die Lehre vom Bösen 
ist ebenso alt als die Menschheit, und es würde weder Religion 
noch Philosophie geben ohne die Furcht vor dem Bösen hier und 
im sogenannten Jenseits, woraus sich mit Leichtigkeit die Ab- 
kehr von den Freuden und Lüsten dieser Welt ergab: Askese 
ist so alt als Zivilisation. Auch die Leugnung der Existenz 
Gottes ist keineswegs neueren Datums, und was in dieser Hin- 
sicht unsere berühmten Philosophen in der ,,Welt als Wille und 
Vorstellung" und in der ,, Philosophie des Unbewußten" geboten 
haben, ist im letzten Grunde weiter nichts als ,,Buddhism vul- 
garised". Anderseits beruht die Lehre des erleuchteten Sakya- 
Asketen, des Buddha, auf der von Kapila begründeten, d. h. in 
ein System gebrachten Sämkhy a-Vhiloso^hio^, deren älteste Dar- 
stellung nach Garbe wahrscheinlich erst dem fünften Jahrhundert 
nach Christi Geburt angehört ; nach der indischen Überlieferung 
ist aber das SämkhyaSysteva schon vor Buddha, also vor dem 
fünften Jahrhundert v. Chr. bekannt gewesen und hat ihm als 
Grundlage seiner Lehre gedient. Es kann hier die Frage un- 
entschieden gelassen werden, resp. es ist wohl unmöglich, zur 
Evidenz klarzulegen, ob Buddha sich bei dem Ausbau seiner 
Lehre auf das Werk eines Mannes oder auf die Anschauungen 
einer ganzen Schule stützte. Garbe hält an dem ,,exceptionellen 
Charakter des Sänkhya" fest (Beiträge zur indischen Kultur- 
geschichte, S. 75), während ,,die anderen Systeme indischer 
Philosophie offenbar allmählich entstanden sind, d. h. ihre 
wichtigsten Ideen schon längere Zeit in Umlauf waren, ehe sie 
von den traditionellen Begründern der Systeme in die uns vor- 



— 147 — 

liegende Form eines abgeschlossenen Ganzen gebracht wurden*'. 
Sicherlich verdienen die Bedenken eines so ausgezeichneten 
Kenners des Buddhismus wie Oldenberg alle Beachtung. Man 
vergleiche seine Ausführungen in seinem ,, Buddha", sowie außer 
Garbes eben genannten Aufsatz denjenigen in den Abh. d. bayer. 
Akad. d. Wissenschaften XIX. Bd., III. Abt., S. 519 ff.; seine 
Sänkhyaphilosophie S. 5ff. ; Jacobi, Der Ursprung des Bud- 
dhismus aus dem Sänkhya-Yoga, NGGW., phil. Kl. 1896, S. 43 ff. ; 
Senart, Melanges de Harlez S. 286 ff., Dahlmann, Nirväna. 
Jedenfalls leugnet das Sämkhya die Existenz eines höchsten 
Wesens (tsvaräsiddheh I, 92), gerade so wie es der Buddhismus 
tut, der ja bekanntlich, seinem Prinzip getreu, auch die Existenz 
der Seele bestreitet. Was aber alle Systeme gleichermaßen an- 
erkennen, ist die Existenz des Leidens in jedem Dasein; und die 
Aufhebung dieses Leidens ist das einzige Ziel aller indischen 
Systeme. Entschieden ein furchtbarer Gedanke ist es gewesen 
und zugleich die unbewiesene Voraussetzung aller Philosophie 
in Indien mit Ausnahme der materialistischen Richtung, daß 
man an die Seelenwanderung glaubte. Ein entsetzlicher Ge- 
danke in der Tat, diese unaufhörliche Wiederkehr des Todes, 
der zum ersten Male im Satapathahrähmana auftaucht und für 
alle Zeiten dem indischen Denken sein für uns so merkwürdiges 
Gepräge verliehen hat! Wir vermögen nicht mehr klar darin 
zu sehen, wie die Vorstellung von der Seelenwanderung in Indien 
aufgekommen und eine pessimistische Lebensanschauung den 
frohen Sinn des vedischen Ariers verdüstert hat. Möglich, daß 
die arischen Eindringlinge von den wilden Autochthonen Vorder- 
indiens den bei Völkern niedrigster Entwicklung weit verbrei- 
teten Glauben an das Eingehen der menschlichen Seele in 
Bäume, Vögel oder Reptilien übernommen haben. Auf alle 
Fälle hat die felsenfeste Überzeugung, daß alles Glück und alles 
Unglück hienieden nur eine naturgemäße Folge des karman, 
der Taten in einem früheren Dasein, sei, dem indischen Volke 
die Kraft verliehen, in bewundernswürdiger Weise des Lebens 
Mühe und Plage zu ertragen, wie es von allen Kennern gleicher- 
maßen bestätigt wird. So gewinnt die Lehre vom karman und 
mit ihr die von der Seelenwanderung die nicht immer richtig 
anerkannte und betonte Bedeutung einer sittlichen Potenz. 

10* 



— 148 — 

Eine merkwürdige Übereinstimmung zwischen den indischen 
Philosophen und den modernen Propheten des Pessimismus ist 
nun die, daß sie alle als einziges Mittel, der Daseinsnot ledig zu 
werden, das Wissen angeben, indem eben das Nichtwissen als 
letzter Grund des Leidens statuiert wird. So werden immer nur 
wenige Auserwählte der Erlösung teilhaftig werden; Wissen ist 
nicht jedermanns Sache: und selbst der kleinen Zahl der Adepten 
wird es noch sauer genug gemacht, das ersehnte Ziel zu erreichen. 
Das Wissen ist nur mühsam zu erfassen; aber nicht genug da- 
mit : es gehört zu den unablässig betriebenen Studien auch noch 
die härteste Askese, die Abtötung des Fleisches, die gänzliche 
Verzichtleistung auf die Freuden dieser Welt. Ein sehr alter Ge- 
danke übrigens, durch Meditation, durch Versenkung in die Er- 
lösungslehre der Befreiung von den Banden des samsära, des 
Kreislaufs der Geburten, teilhaftig werden zu können! Dhyäna, 
Meditation, begegnet uns bereits im Rigveda, ein uraltes Inventar- 
stück religiöser Übung. Es gehört dazu, daß man den Geist 
unter gänzlicher Verzichtleistung auf weltliche Freuden und 
Sorgen auf einen bestimmten Punkt richtet : der Kunstausdruck 
dafür ist dhäranä, Beharrlichkeit. Natürlich erfordert dies 
wiederum eine gewisse Summe von Feierlichkeit und Askese, 
tapas. So sind denn die unentbehrlichen Erfordernisse, die be- 
reits im ältesten Indien den Heiligen ausmachen, die welt- 
entrückte Einsiedelei, die Askese, die Beharrlichkeit des Geistes 
und die Meditation, die Krone des Ganzen. 

In dem uns hier hauptsächlichst beschäftigenden Yoga- 
System ist nun die Kunst jener Versenkung zur höchsten Voll- 
endung gebracht, wie schon der Name andeutet: Yoga besagt 
nämlich ,, Abwendung der Sinne von der Außenwelt und Kon- 
zentrierung des Denkens nach innen". Im übrigen ist dies System 
fast identisch mit dem Sämkhya, was schon der landläufige Ge- 
brauch beweist, von einem Sämkhya-Yoga zu sprechen. Nur 
hat der Yoga, um den ,, geistlich Schwachen" kein Ärgernis zu 
bereiten, den vom Sämkhya abgesetzten Gott wieder auf den 
Thron gesetzt und, wie schon gesagt, das Hauptgewicht auf die 
Ausbildung der Kunst der Versenkung gelegt. ,,In less momen- 
tous matters they differ, not upon points of doctrine, but in the 
degree in which the exterior exercises, or abstruse reasoning and 



— 149 — 

study, are weighed upon, as requisite preparations of absorbed 
contemplation. Patanjalts Yoga-sästra is occupied with de- 
votional exercise and mental abstraction, subduing body and 
mind: Kapila is more engaged with investigation of principles 
and reasoning upon them. One is more mystic and fanatical. 
The other makes a nearer approach to philosophical disquisition, 
however mistaken in its conclusions" (Colebrooke, Essays I, 

265). 

Noch einmal: jene alten indischen Lehren sind der Archetyp 
unserer modernen Pessimisten. Aber wie die heutigen Vegetarier 
versucht haben, Buddha zu ihrem Schutzheiligen zu machen, 
der doch — proh dolor! — infolge des Genusses von Schweine- 
fleisch seinen Tod fand, so ist das Yoga-System der Leitstern 
des Spiritualismus geworden. Ich persönlich stehe ja den Fin- 
dungen resp. Erfindungen unserer Spiritisten so skeptisch wie 
nur möglich gegenüber und habe es stets verstanden, etwaige 
Anhänger der Geistertheorie aus meinem Kolleg über Buddhis- 
mus hinauszugraueln. Immerhin sind die Beziehungen zwischen 
Yoga und Spiritualismus viel direkter und inniger als zwischen 
dem alten und neuen Pessimismus. Beide Richtungen erkennen 
die Ewigkeit der Seele an; beide erkennen einen stufenförmigen 
Fortschritt an, der Vollkommenheit zum Ziele hat ; beide sprechen 
von der Existenz der Seele auf immer höherer Stufe ; beide lehren 
die Möglichkeit, abgeschiedene Seelen zu zitieren, daß sie sicht- 
bar werden und man mit ihnen sprechen kann ; beide behaupten, 
durch Anhalten des Atems und andere Übungen verborgene 
Kräfte transzendentalster Art erlangen zu können. Im Mär- 
chenlande Indien ist so etwas entschuldbar; im nüchternen 
Norden aber sollte man — nüchterner sein ! 

Unsere Hauptquelle nun für die Kenntnis der Yoga-Philo- 
sophie ist Patanjali's Yogasütra, ein in vier Kapitel mit zu- 
sammen 194 knapp stihsierten Aphorismen geteiltes Werk, das 
auch unter dem Namen Yogänusäsana (,, Unterweisung im Yoga") 
oder Yogasästra (,, Lehrbuch des Yoga") bekannt ist. Das erste 
Kapitel behandelt in 51 Aphorismen die Art und Weise der 
Meditation und heißt deshalb Samädhipäda; das zweite heißt 
Sädhanapäda und bespricht in 55 Aphorismen das zur Meditation 
erforderliche Handwerkszeug; das dritte, Vihhütipäda, umfaßt 



— ISO — 

ebenso viele Aphorismen wie das zweite und handelt von den ver- 
schiedenen geheimen Kräften, die der Adept durch seine Prak- 
tiken erlangen kann; das vierte Kapitel endlich heißt Kai- 
valyapäda und spricht in 33 Aphorismen von der Natur der Los- 
lösung der Seele von den weltlichen Banden, was ja den Gegen- 
stand und das Ziel der anempfohlenen Praktiken ausmacht. 

Über Patanjalis äußere Verhältnisse wissen wir — ab- 
gesehen von allerlei Legenden, denen man unmöglich irgend 
welches Gewicht beilegen kann — gar nichts. Die indische Tra- 
dition hält ihn und den Grammatiker gleichen Namens für ein 
und dieselbe Person. Die Richtigkeit dieser Gleichsetzung als 
gesichert angenommen, wäre unser Autor in das zweite Jahr- 
hundert V. Chr. zu setzen. 

Patanjalis Lehren haben auch in dem Gesetzbuche des 
Manu und vor allem in dem großen Sammelwerke indischer 
Geistesarbeit, dem Mahähhärata, ihre Spuren hinterlassen, in 
letzterem besonders im zwölften Buche: wird doch das indische 
Hohelied, die Bhagavadgitä, geradezu als ,,yogasästra''' (Lehr- 
buch des Yoga) bezeichnet! Immerhin muß betont werden, daß 
alles dies nur sekundäre Quellen sind, zu denen man seine Zu- 
flucht nicht nehmen wird, wenn man die Lehren des Yoga er- 
fassen will. Dasselbe gilt von der Behandlung des Stoffes in 
den späteren Upanisad's, den Puränas und den Werken der 
sog. Tantr a-l.itersituT. 

Auch die buddhistischen Texte wissen von ,, Versenkung" 
mancherlei zu berichten. ,,Es kann nicht bezweifelt werden, 
daß ausgedehnte und methodisch betriebene Bemühungen, Zu- 
stände der Versenkung hervorzurufen, tatsächlich ein sehr 
hervortretendes Element im Leben der [buddhistischen] Mönche 
gebildet haben. Die Prosa wie die Poesie der heiligen Texte 
zeugt überall davon . . . Zum Teil handelte es sich offenbar 
um einfache Übungen intensivster, von pathologischen Ele- 
menten freier Konzentration des Vorstellens und Fühlens . . . 
Neben Kontemplationen solcher Art aber standen offenbar 
mannigfache pathologische Zustände visionären und eksta- 
tischen Charakters sowie allem Anschein nach auch eine ent- 
wickelte Praxis der Selbsthypnose. Die Bedingungen für das 
Zustandekommen derartiger Affektionen waren überreichlich 



— 151 — 

vorhanden. Bei Männern und Frauen, welche durch die Macht 
der reUgiösen Idee den geordneten Verhältnissen häuslicher 
Existenz entrissen waren, konnten die körperlichen Folgen des 
Lebens wandernder Bettler im Verein mit einer das Nerven- 
system erschöpfenden geistigen Überreizung leicht genug die 
betreffende Disposition hervorrufen. Wir hören von Hallu- 
zinationen des Gesichts- wie des Gehörsinnes, von ,, himmlischen 
Gestalten" und ,, himmlischen Tönen". Aus den Zeiten, in denen 
Buddha der Erleuchtung nachtrachtete, wird erzählt, daß er 
,, einen Lichtglanz und die Erscheinung von Gestalten" ge- 
sehen habe, oder auch einen Lichtglanz für sich allein und wieder 
Gestalten allein. Auch die Erscheinungen von Gottheiten oder 
des Versuchers, von welchen die Legenden so viel zu berichten 
wissen, lassen das Vorkommen von Halluzinationen annehmen. 
Größere Bedeutung für das geistliche Leben der Buddha- 
jünger als derartigen Erscheinungen wird den zu unzähligen 
Malen in den heiligen Texten beschriebenen ,,vier Stufen der 
Versenkung" (jhäna) beizumessen sein. Wir dürfen in ihnen 
Zustände der Ekstase erkennen, wie sie auch auf dem Boden 
des abendländischen religiösen Lebens nicht selten aufgetreten 
sind, für die aber der Organismus des Inders in ganz anderem 
Maße disponiert ist als der des Okzidentalen: ein lange anhalten- 
des Abwesendsein, in welchem der Körper zur Regungslosigkeit 
erstarrt, die Empfänglichkeit für äußere Eindrücke aufgehoben 
oder auf ein Minimum herabgesetzt ist, während der Geist in 
überirdischer Wonne schwelgt. In stillem Gemach, noch häu- 
figer im Walde, setzte man sich nieder, ,,mit gekreuzten Beinen, 
den Körper gerade aufgerichtet, das Antlitz mit wachsamem 
Denken umgebend". So verharrte man in lange fortgesetzter 
körperlicher Bewegungslosigkeit und befreite sich der Reihe 
nach von den störenden Elementen der ,,Lust und bösen Re- 
gungen", des ,,Überlegens und Erwägens", der Freude und des 
Leides; zuletzt soll auch die Atmung aufgehört haben, d. h. in 
Wirklichkeit offenbar bis zur Unwahmehmbarkeit reduziert 
worden sein . . . Dieser Zustand war es, in welchem das Gefühl 
hellseherischer Erkenntnis des Weltzusammenhangs lebendig 
wurde. Wie christlichen Schwärmern in Augenblicken der Ek- 
stase sich das Geheimnis der Weltschöpfung enthüllte, so meinte 



— 152 — 

man hier die Vergangenheit des eigenen Ich in zahllosen Perioden 
der Seelenwanderung zu überschauen; man meinte durch das 
Weltall die wandernden Wesen, wie sie sterben und wiedergeboren 
werden, zu erkennen; man meinte die Gedanken anderer zu 
durchdringen. Auch der Besitz von Wunderkräften, der Fähig- 
keit des Verschwindens und Wiederauftauchens, der Fähigkeit 
das eigene Ich zu vervielfältigen, wird diesem Zustande der Ver- 
senkung zugeschrieben. 

Mit den Jhäna-Ekstasen finden wir weiter, gewöhnlich als 
eine Vorbereitung auf dieselben, als ein Mittel sich ihrer zu be- 
mächtigen, andere geistliche Übungen in Verbindung gesetzt, 
bei denen die Annahme, daß es sich um Selbsthypnose handelte, 
kaum zu vermeiden sein wird. Man konstruierte an einsamer, 
von Störungen freier Stätte eine kreisrunde Fläche von glatt 
gestrichenem, am besten hellrotem Ton. Statt ihrer konnte auch 
eine Wasserfläche, ein feuriger Kreis — etwa ein angezündeter 
Holzhaufen, betrachtet durch eine kreisrunde Öffnung — und 
dergleichen mehr verwandt werden. Ausnahmsweise begabte 
Individuen bedurften solcher Vorbereitung nicht; statt des 
Tonkreises beispielsweise genügte ihnen ein gewöhnliches Acker- 
feld. Man setzte sich nun vor das betreffende Objekt und be- 
trachtete es bald mit offenen, bald mit geschlossenen Augen, 
bis man das Bild gleich deutlich vor sich sah, gleichviel ob die 
Augen geöffnet oder geschlossen waren..." (Oldenberg, 
Buddha, S. 361 — 366 der dritten Auflage.) 

Als vorläufige Nachricht endlich diene es, daß die Yoga- 
Lehre auch bei den Jainas, den erfolgreichen Rivalen der Bud- 
dhisten, im Schwange ist, ja, eine Weiterentwicklung erfahren 
hat. Es begegnet uns da u. a. die Kunst, die Seele vom Körper 
loszulösen; die Kunst, die Seele in andere Körper eindringen 
zu lassen etc. 

Von den späteren Schriften über den Yoga besitzen wir eine 
Liste mit 39 Werken von Hall, A Contribution towards an 
Index to the BibHography of the Indian Philosophical Systems 
p. 8 — 19, 200, und eine solche mit 150 Nummern von Räjen- 
draläla Mitra, in seinen Yoga Aphorisms p. 218 ff. Von be- 
sonderer Bedeutung für gegenwärtiges Buch sind darunter drei 
Werke gewesen: i) Vijnänahhiksus, Yogasärasamgraha, heraus- 



— 153 — 

gegeben und ins Englische übersetzt von Gangänäth Jhä, Bom- 
bay 1894; 2) die Gherandasamhitä ed. Bombay 1895 mit eng- 
lischer Übersetzung von Sris Chandra Vasu; und 3) Svätmä- 
räma Yoglndra's Hathayogapradlpikä, mit englischer Überset- 
zung herausgegeben von Shrinivas Jyängar, Bombay 1893. 
Eine deutsche Übersetzung davon hat H. Walter, München 
1893 geliefert. 

Eine Darstellung des Systems des Yoga kann billigerweise 
der Berücksichtigung des Sämkhya nicht entraten, da, wie ge- 
sagt, dieses die Grundlage von jenem bildet. Wenn ich mich also 
anschicke, in ganz großen Zügen den Inhalt des Sämkhya an- 
zugeben, möchte ich noch einmal betonen, daß dessen hervor- 
stechendster Zug die pessimistische Lebensauffassung ist: alle 
Existenz ist Leiden; alle Freuden sind eigentlich Schmerzen. 
Das schlimmste Leiden aber ist die Aussicht auf den samsära, 
jenen Kreislauf der Geburten, welche zu beheben keines der 
bestehenden philosophischen Systeme, keine der verschiedenen 
Religionen imstande sind. Einzig und allein die Überzeugung, 
daß eine absolute Verschiedenheit zwischen Geist und Materie 
besteht, vermag die Erlösung zu bringen; und zwar einem jeden 
Menschen ohne Unterschied: auch hier fallen alle Kasten- und 
Standesvorzüge in nichts zusammen — ein Vorzug, den das 
System z. B. auch mit Buddhas Lehre gemein hat und der es 
vorteilhaft gegen den standesbewußten Vedänta abstechen läßt. 
Die Opferhandlungen und sonstigen frommen Werke, die dieser 
wenigstens als Hilfsmittel zur Erreichung der Erkenntnis emp- 
fiehlt, werden im Sämkhya geradezu widerraten: alle solche 
guten Werke sind der Erfassung der 5äw^Äya- Weisheit, der 
Erlösung bringenden Erkenntnis nur hinderlich — sehr un- 
ähnlich dem Buddhismus, der bekanntlich die Betätigung des 
Mitleidens, der Wohltätigkeit im umfangreichsten Maße geübt 
hat. Anderseits teilt das Sämkhya mit der Lehre des Gotamo 
Buddho die Forderung, daß seine Anhänger ohne Leidenschaft 
(viräga) sein, daß sie Gleichgiltigkeit gegenüber allen weltlichen 
Dingen (vairägya) zeigen müssen: ein Inventarstück aus Indiens 
ältester Zeit! Wem wären nicht aus Sakuntalä die Einsiedler 
bekannt, die der Welt gänzlich entsagt haben, um, mit einem 



— 154 — 

Bastgewande bekleidet, der Versenkung obzuliegen? In einem 
alten vedischen Texte aus der Zeit der ersten Anfänge des 
Buddhismus heißt es von ihnen: ,,Sie lassen davon ab, nach 
Söhnen zu begehren und nach Habe zu begehren und nach 
weltlichem Heile zu begehren, und ziehen als Bettler einher. 
Denn was das Begehren nach Söhnen ist, das ist auch das Be- 
gehren nach Habe ; was das Begehren nach Habe ist, das ist auch 
das Begehren nach weltlichem Heile ; Begehren ist das Eine wie 
das Andere." {Satapathahrähmana XIV, 7, 2, 26 bei Oldenberg, 
Buddha, p. 405.) Und die Buddhisten selber gingen ja ,,von der 
Heimat in die Heimatlosigkeit" hinaus, wie es ihr Stifter auch 
getan hatte: ,,Eng beschränkt ist das Leben im Hause, eine 
Stätte der Unreinheit; Freiheit ist im Verlassen des Hauses". 
,,Wie der Vogel, wohin er auch fliegt, nichts mit sich trägt als 
seine Flügel, so ist auch ein Mönch zufrieden mit dem Kleide, 
das er an sich trägt, mit der Speise, die er im Leibe hat. Wohin 
er auch geht, überall trägt er seinen Besitz mit sich." 

Es versteht sich von selbst, daß diese Verzichtleistung eine 
durchaus freiwillige sein muß. Die Begierden, die der Erfassung 
der Heilswahrheit hinderlich im Wege stehen, werden ja nur 
dadurch gestillt, daß man von der gänzlichen Wertlosigkeit 
ihrer Objekte überzeugt ist, eine Erkenntnis, die ohne weiteres 
zur Entsagung führt. Irgend vv elcher Zwang aber würde eine 
Depression verursachen, die den Geist wenig geschickt zur Er- 
fassung der Sämkhya-'Lehxe machen würde. Dazu gehört aber 
noch, daß, nachdem man sie vernommen hat, Reflexion und 
intensive Meditation dazukommt; und das ist der Punkt, wo 
die Yoga-Praxis einsetzt. Trotz aller Bereitschaft, die frohe 
Botschaft von der Erlösung anzuhören und aufzunehmen, 
können doch dem Geiste gewisse angeborene Mängel anhaften, 
z. B. eine ,, fehlerhafte Disposition zur Nichtunterscheidung". 
Sie zu bekämpfen resp. aufzuheben ist nun eben die Aufgabe 
des Yoga, der mit seinen später eingehend zu besprechenden 
Praktiken eine völlige Konzentration des Denkens erreichen hilft. 

Jedenfalls ist es keine leichte Sache, die Erlösungslehre 
aufzunehmen; es bedarf dazu eines tüchtig geschulten Ver- 
standes, wie denn das gleiche auch in den übrigen indischen 
Systemen der Fall ist. Es kommt einem wie Hohn vor, wenn der 



— 155 — 

Buddhismus z. B., der doch eingestandenermaßen nichts für 
Kinder, für ,,geistHch Arme" ist, Angehörigen aller Kasten und 
Stände, also auch dem stumpfsinnigsten Südra, seine Arme 
öffnet! Übrigens befinden sich unsere Missionare in einer ähn- 
lichen Lage, wenn sie den Buschmännern die Lehren Christi 
vortragen. Item, der Hindu, der die Sämkhya- oder sonst 
welche philosophische Wahrheit erfassen wollte, mußte sich 
erst in die harte Schule der Logik begeben ; und was das heißen 
will, kann man jetzt bequem ersehen, nachdem Prof. Hultzsch 
in den Abhandlungen der Göttingischen Gelehrten Gesellschaft 
den Tarkasamgraha, ein Elementarbuch der indischen Logik 
zur Belehrung von ,, Knaben", ins Deutsche übersetzt hat! 

Im Sämkhya gibt es nun drei Erkenntnis- resp. Beweis- 
mittel (pramäna): i) das ,, Augenscheinliche" [pratyaksa) oder 
das ,, Geschaute" {drsta), was wir mit ,,Perzeption" wiedergeben 
können; 2) den ,, Schluß" (anumäna) und 3) das ,,Wort", die 
,, Mitteilung Zuverlässiger" (sabda, äptavacana). 

Die ,,Perzeption" wird definiert als die , Feststellung der 
einzelnen Objekte (durch die Sinnesorgane)'; genauer: als , die- 
jenige Denkfunktion, welche (mit einem Dinge) in Verbindung 
stehend die Form desselben wiedergibt'. Diese Perzeption kann 
aus acht Gründen versagen: wegen zu großer Entfernung, zu 
großer Nähe, eines Fehlers an den Sinnesorganen, Unaufmerk- 
samkeit, zu großer Feinheit, Dazwischenliegens von etwas. 
Unterdrückt Werdens (z. B. sind am Tage die Sterne von der 
Sonne unterdrückt) und wegen Vermengung mit Gleichartigem 
(so nimmt man z. B. die aus einer Wolke in einen Teich ge- 
fallenen Wassertropfen oder die mit Kuhmilch vermischte 
Büffelmilch als solche nicht wahr). Man hat sich zu hüten, aus 
dem Mangel an Sinneswahrnehmung auf die Nichtexistenz eines 
Dinges zu schließen: es würde einem sonst gehen wie dem 
Manne, der, weil er das Haus verlassen hat und dessen Bewohner 
nicht mehr sieht, nun zu der Überzeugung kommt, daß diese 
überhaupt nicht existieren! Die Seele aber sowie die unsicht- 
baren Formen der Materie entziehen sich der Wahrnehmung 
mit den Sinnen infolge ihrer allzu großen Feinheit; und zwar 
belehrt uns Vijnänahhiksu in seinem Kommentare zu I, 109: 
,, ,[Zu große] Feinheit' bedeutet jedoch nicht atomistische 



- 156 - 

Kleinheit, weil [Urmaterie und Seele] alldurchdringend sind, 
auch nicht Unbegreiflichkeit [oder Unbeschreibbarkeit], weil man 
das kaum sagen kann, sondern eine Eigenschaft allgemeiner 
Natur, welche die Erkenntnis durch Sinneswahmehmung ver- 
hindert. [Beim Yogin] hingegen findet eine Erkenntnis der Ur- 
materie, der Seele und [der für uns gewöhnliche Menschen un- 
sichtbaren materiellen Produkte] durch Sinneswahrnehmung 
statt, da das durch die Konzentration erworbene Verdienst 
[die Kräfte der Organe in übernatürlicher Weise] belebt" 
(Garbe, Sämkhyapravacanahhäsya p. 128). 

Den ,, Schluß" finden wir definiert als ,, diejenige Erkennt- 
nis, die bei der Beobachtung eines Merkmals entsteht" oder als 
,,die aus der Beobachtung der Zusammengehörigkeit sich er- 
gebende Konstatierung des Zugehörigen". Man schließt i) von 
der Ursache auf die Wirkung (pürvavat): z. B. wenn Wolken 
aufsteigen, steht Regen bevor; 2) von der Wirkung auf die Ur- 
sache (sesavat): z. B. die Flüsse schwellen an, also hat es ge- 
regnet; 3) vom Einzelnen auf das Allgemeine, Induktionsschluß 
(sämänyato drsta) : z. B. ein Mangobaum blüht, also ist die Blüte- 
zeit der Mangobäume überhaupt. 

Die ,, Mitteilung Zuverlässiger" endlich (oder die ,, zuver- 
lässige Mitteilung") ist zweifellos etwas dem echten, ursprüng- 
lichen Sämkhya Fremdes. Ein System, welches sich gern als 
,, Reflexionslehre" [mananasästra) bezeichnet, weist damit allein 
schon jeden Autoritätsglauben weit von sich, den doch die 
„Mitteilung" notwendig involviert. Wir gehen nicht fehl, wenn 
wir mit Garbe darin ein Zugeständnis sehen, ,,mit dem die 
5äw^Äya-Philosophie die Anerkennung ihrer Orthodoxie er- 
kaufte", mag man nun unter der ,, Mitteilung" den Unterricht 
seitens eines kompetenten Lehrers oder das Zeugnis der heiligen 
Überlieferung verstehen. So viel ist ganz gewiß: der ,, Schluß" 
gilt im Sämkhya als das stärkste Erkenntnismittel. Heißt es 
doch im sütra I, 103 ausdrücklich: ,, Durch die induktive Schluß- 
folgerung stellen sich [jene] beiden (Urmaterie und Seele) 
heraus.*' 



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— 157 — 

Zu dem eisernen Bestände aller orthodoxen Systeme wie 
nicht minder der ,, Ketzerlehre" des Buddhismus und Jinismus 
gehört die Doktrin vom Samsära und das Dogma vom Karman. 
Seelen Wanderung und Vergeltung der jetzt begangenen Taten 
in der nächsten Existenz sind zwei Begriffe, die in Indien keiner 
Begründung bedürfen: es sind allgemein anerkannte Werte. 
,,Wie unter tausend Kühen ein Kalb seine Mutter herausfindet, 
so folgt die früher getane Tat dem Täter nach", sagt ein be- 
kannter Spruch. Kann man nun den Samsära rückwärts ins 
Unendliche verfolgen, so wird er anerkanntermaßen auch nach 
vorwärts betrachtet kein Ende haben. Es bleibt im Leben des 
Individuums immer noch ein unaufgebrauchter Rest von guten 
und bösen Taten übrig, der zu einem neuen Dasein führt, es sei 
denn, daß vermittelst des Wissens diese Kette gesprengt wird. 
,,Die Anschauung ist die", sagt Deußen, System des Vedänta 
p. 381, ,,daß das Leben sowohl seiner Qualität wie seiner Quan- 
tität nach die genau abgemessene und ihren Zweck vollständig 
erfüllende Sühnung der Werke des vorigen Daseins ist. Diese 
Sühnung geschieht durch Bhoktrtvam und Kartrtvam (Genießer- 
schaft und Täterschaft), wobei das letztere wiederum unaus- 
bleiblich in Werke ausschlägt, welche aufs neue in einem fol- 
genden Dasein gesühnt werden müssen, so daß das Uhrwerk der 
Vergeltung, indem es abläuft, sich jedesmal selbst wieder auf- 
zieht ; und dieses ins Unendliche fort, — es sei denn, daß die uni- 
verselle Erkenntnis eintrete, welche . . . nicht auf Verdienst beruht, 
sondern in das Dasein ohne Zusammenhang mit demselben hinein- 
bricht, um es seinem innersten Bestände nach aufzulösen, den 
Samen der Werke zu verbrennen und so eine Fortsetzung der 
Wanderung für alle Zukunft unmöglich zu machen." 

Diese also gekennzeichnete, furchtbare Macht des Karman ^ 
diese nachhaltig wirkende Kraft des ,, Unsichtbaren" {adrsta), 
wie sie auch gern genannt wird, ist aber auch zugleich der letzte 
Grund für das gesamte Universum. Für den Inder fallen alle 
uns geläufigen Begriffe Vorsehung, Zufall, Schicksal, göttliche 
Gnade und Strafe etc. weg. Gleichwohl hat auch das Sämkhya 
die volkstümlichen Anschauungen von Göttern und Halbgöttern 
übernommen, freilich ohne ihnen irgend welche hervortretende 
Rolle einzuräumen : sogar die Götter stehen unter den Menschen, 



- 158 - 

soweit diese die erlösende Erkenntnis gefunden haben, wenn sie 
selber von diesem Ziele noch entfernt sind. In diesem Zusammen- 
hange sei auch gleich der jivanmukti, der Erlösung bei Lebzeiten, 
sowie der jivanmuktas, der bei Lebzeiten Erlösten, gedacht. 
Sie haben den Gegnern des Systems eine willkommene Gelegen- 
heit zur Opposition gegeben: müßte doch das Leben eines 
solchen Mannes eigentlich sofort nach Erlangung der erlösenden 
Erkenntnis erlöschen! Doch nein! Ihr Einwand wird mit einem 
der im Sämkhya so sehr beliebten Gleichnisse zurückgewiesen, 
mit dem von der Töpferscheibe nämlich, die, einmal in Drehung 
begriffen, auch nach Fertigstellung des Topfes noch eine Weile 
sich weiter dreht. ,, Infolge des Entstehens der Erkenntnis der 
Wahrheit ist die Menge der Werkansammlungen, obwohl sie 
anfanglos ist und die Zeit für ihr Heranreifen nicht feststeht, 
nicht mehr geeignet Früchte — d. h. die Leiden einer neuen 
Existenz — zu zeitigen, weil die Keimkraft der Werke verbrannt 
ist" (Väcaspatimisra zu Sämkhyatattvakammidi 67). — 

Etwas Urindisches ist auch die übertriebene Wertschätzung 
der Askese in der 5äwMy ^-Philosophie. Die Überzeugung, 
daß selbst die Götter vor den Bußübungen eines Heiligen in 
Furcht geraten und um den Besitz ihrer himmlischen Güter 
zittern, ist eine uralte und ganz bekannte Tatsache. Von der 
ursprünglichen Form dieser Askese — Enthaltsamkeit, Fasten 
und Kasteiungen — dem tapas, ging man in einer aufgeklärten 
Zeit zur geistigen Askese, dem yoga, über, indem man nun den 
Schwerpunkt nicht mehr in die körperliche Selbstpeinigung, 
sondern in das innerliche Kasteien, die Konzentration des 
Geistes, die Versenkung, verlegte. 

Als einen der Fundamentalsätze haben wir nun im Sämkhya 
den nirlsvaraväda, die Leugnung Gottes, anzusehen, w^odurch — 
wie oben erwähnt — die Existenz der im übrigen auch erst 
gewordenen und daher auch vergänglichen Volksgötter nicht 
berührt wird. Unsere Sämkhya-VhWoso^hen meinen, vom Stand- 
punkte der Gottesgläubigen sei die Existenz des Übels ein un- 
lösbares Problem, und stets werde Gott der Vorwurf treffen, 
grausam und parteiisch zu sein. 

Sonst bildet den Inhalt unserer Philosophie im wesent- 
lichen die Untersuchung über das Verhältnis der beiden von 



— 159 — 

Ewigkeit zu Ewigkeit existierenden, von Grund aus verschie- 
denen Dinge ,, Materie" und ,, Seelen" zueinander. Interessant 
ist dabei eine alte Inhaltsangabe des Systems, der zufolge man 
jene vier Sätze erhält, die aus dem Buddhismus als die vier 
heiligen Wahrheiten bekannt sind: i) das Leiden; 2) die Auf- 
hebung des Leidens, 3) die Ursache des Leidens, 4) der Weg zur 
Aufhebung des Leidens. 

Wenden wir uns nun zu der Lehre des Sämkhya von der 
Materie, so tritt uns zuvörderst die Frage nach dem Sein oder 
Nichtsein dieser Welt der Erscheinungen entgegen, jene Rätsel- 
frage, die von den ältesten Zeiten an die indischen Denker be- 
schäftigt hat. Wer kennt nicht die berühmte Stelle der Chän- 
dogya Upanisad (VI, 2, i, 2): ,, Seiend, o Lieber, war dieses am 
Anfang, nur eines, ohne ein zweites. Einige sagen zwar: ,Nicht- 
seiend war dieses am Anfang, nur eines, ohne ein zweites; aus 
diesem Nichtseienden entstand das Seiende.' Wie könnte es aber 
so sein, o Lieber? . . . Wie könnte aus dem Nichtseienden das 
Seiende entstehen? Seiend vielmehr, o Lieber, war dieses am 
Anfang, nur eines ohne ein zweites." Das S^;;^.My^-System 
lehrt, daß nur solche Dinge unreell sind, denen absolute Nicht- 
realität zukommt: dazu gehören die bis zum Überdruß vor- 
geführten Schulbeispiele Mannshom, Hasenhom, Blume in der 
Luft, Sohn der Unfruchtbaren. Die materielle Welt besitzt also 
Realität; daß man irgend ein Objekt überhaupt mit den Sinnen 
wahrnimmt, gilt dem Sämkhya als vollgültiger Beweis für die 
Realität dieses Objektes, sofern nur die Sinne gesund sind. 
Übrigens galt in alter Zeit die WirkHchkeit der Erscheinungs- 
welt als etwas Selbstverständliches; man kannte damals Sam- 
karas Theorie von der ,, kosmischen Illusion" noch nicht. 

Wie wir wohl von ,,der Erscheinungen Flucht" reden, so 
ist auch den alles scharf beobachtenden Indem der unablässige 
Wandel, die meist im Kreise verlaufende Umbildung der Dinge 
natürlich nicht entgangen; parinäma, unaufhörliches Sich- 
verändern ist das Charakteristikum der Welt der Erscheinungen. 
Es müßte sich also mit Notwendigkeit ein regressus in infinitum 
ergeben, wenn man nicht hinter dem Ganzen ein aus keiner 
Ursache abzuleitendes Prinzip annähme; und das ist im Säm- 
khya die ,, Grundform", die ,, Wurzelgrundform", der ,, Grund- 



— i6o — 

bestand", die ,, Wurzelursache", das ,,Unentfaltete" [prakrti, 
mülaprakrti, pradhäna, mülakärana, avyakta)', mit einem Worte: 
die Urmaterie. Unser System gelangt zu diesem Prinzip auf 
Grund der Erwägung, daß alles Grobe aus etwas Feinerem ge- 
bildet ist. So sind die fünf groben Elemente (Erde, Wasser, 
Feuer, Luft und Äther) aus den sogenannten feinen Elementen 
hervorgegangen, und diese wiederum, als begrenzte Dinge, aus 
etwas anderem. Eingedenk nun der Lehre des Sämkhya, der- 
zufolge die Objekte der Wahrnehmung und Empfindung 
einerseits und die die Objekte wahrnehmenden resp. empfinden- 
den Organe anderseits, d. h. die Sinne, einen gemeinsamen 
Ursprung haben, finden wir diesen im ahamkära, d. h. in der 
feinen Substanz desjenigen inneren Organes, dessen Funktion 
darin besteht, die Dinge in Beziehung zu dem Ich (resp. der 
Seele) zu setzen. Der ahamkära seinerseits, der ohne Bezug- 
nahme auf bestimmte Objekte nicht funktionieren kann, ver- 
langt ein höheres Prinzip, die huddhi, d. h. die Substanz des- 
jenigen inneren Organes, welches die Funktion der Feststellung 
und Unterscheidung besitzt. Aber auch die huddhi ist noch 
begrenzt : der letzte Grund der Dinge muß unbegrenzt, ewig und 
allgegenwärtig sein; und das ist eben die Urmaterie. Während 
alle Produkte, alles ,, Entfaltete" veranlaßt, nicht ewig, nicht 
allgegenwärtig, sich bewegend, in der Vielheit existierend, auf 
etwas beruhend, sich auflösend, in Verbindung tretend und von 
einem anderen abhängig ist, besitzt die Urmaterie nichts von 
diesen Eigenschaften. 

Trotzdem nun die Urmaterie etwas Einheitliches und Un- 
teilbares ist, ist sie doch aus den allbekannten und berühmten 
drei guna's, Konstituenten, zusammengesetzt. Ihre Einheit- 
lichkeit wird durch diese Vielheit so wenig gestört wie die des 
Waldes durch die vielen darin wachsenden Bäume. Die Namen 
dieser drei gunas, die die Entfaltung der Urmaterie und damit 
die Mannigfaltigkeit des Universums erklären, sind sattva, rajas 
und tamas, Kunstausdrücke, die sich nicht übersetzen, sondern 
nur umschreiben lassen. Nach Kapila liegt die wichtigste Eigen- 
schaft aller Dinge darin, daß sie entweder Freude, oder Schmerz 
oder Gleichgültigkeit erwecken; Freude aber steht auf einer 
Stufe mit Licht und Leichtigkeit — Schmerz mit Anregung und 



— i6i — 

Beweglichkeit (Tätigkeit), die Apathie mit Schwere und Hem- 
mung. Alles Materielle besteht nun aus drei Substanzen; die 
Verschiedenheit der Produkte erklärt sich aus der verschiedenen 
Mischung der drei Konstituenten, die überall miteinander im 
Kampfe liegen und ihr Wesen je nachdem mehr oder weniger 
rein zu Geltung bringen. Das sattva äußert sich dann im Objekt 
durch Licht und Leichtigkeit, im Subjekt als Tugend, Wohl- 
wollen, Glück, Heiterkeit etc.; das rajas im Objekt als Kraft 
und Bewegung, im Subjekt als jede Art von Schmerz, Angst, 
Leidenschaft, Bosheit etc., aber auch als Ehrgeiz, Streben und 
Tätigkeit; das tamas im Objekt als Schwere, Starrheit, Dunkel; 
im Subjekt als Kleinmut, Furcht, Stumpfsinn, Trägheit, Be- 
wußtlosigkeit etc. Die unentfaltete Urmaterie ist nun der Zu- 
stand des stabilen Gleichgewichtes der drei Konstituenten; 
wird aber diese Ruhe gestört, so fangen sie an miteinander zu 
ringen, und es entfaltet sich die Welt, so daß zuerst buddhi, aus 
dieser der ahamkära etc. hervorgeht. 

Jene Ruhestörung hat ihren Grund in der ,, Erschütterung'' 
(ksobha), die die Seelen resp. die Werke der beseelten Wesen, 
die noch keine Vergeltung gefunden haben, auf die Urmaterie 
ausüben. Das Dasein der Seelen ist an sich evident und wird von 
niemand bestritten; immerhin gibt das System nicht weniger 
als vier Beweise dafür! 

So viel vom System des Sämkhya. Diese Ausführungen 
waren leider nicht zu umgehen, da der Yoga, der uns hier allein 
näher angeht, wie gesagt durchaus auf dem Sämkhya beruht 
und dessen Kenntnis allenthalben voraussetzt. Ich sage leider, 
denn jene Lehren, die das Welträtsel erklären sollen, sind doch 
nur zu oft geeignet, ein Schütteln des Kopfes hervorzurufen! 

Im Yoga kann man nun zwei Hauptteile unterscheiden, 
wenn wir die Hilfsmittel zur Konzentration des Geistes ins Auge 
fassen: den Räjayoga, der die inneren Übungen umfaßt (,, Haupt- 
Yoga") und den Kriyäyoga, den ,,Yoga der Praxis", der sich 
mit den äußerlichen Hüfsmitteln beschäftigt. Eine dritte Be- 
zeichnung, Hathayoga, gehört der jüngeren Zeit an und umfaßt 
ebenfalls die Hilfsmittel zur Konzentration, allerdings in der 
übertriebenen Form, wie sie sich im Laufe der Jahrhunderte 

Schmidt, Fakire und Fakirtum. 1 1 



— l62 — 

herausgebildet hat. Es ist eine der in Indien leider so beliebten 
törichten Spielereien, wenn man das Wort hatha, was nichts 
weiter als ,, gewaltsame Anstrengung" bedeutet, in mystischem 
Sinne als „Ein- und Ausatmen" interpretiert, indem man das 
Wort in ha und tha zerlegt und darin Bezeichnungen von ,, Sonne" 
und ,,Mond" sieht, die ihrerseits wieder das Ein- und Ausatmen 
bezeichnen sollen! Tatsächlich lehrt die Benennung Hathayoga 
natürlich nur, daß es sich in der darin abgehandelten Praxis 
besonders um das Anhalten des Atems zum Zwecke der Kon- 
zentration handelt. 

Über die Yoga-Praxis und über die dadurch zu erlangenden 
Wunder kräfte wird weiter unten die Rede sein. Es muß hier 
nur noch des großen Mißgriffes gedacht werden, den die Yoga- 
Philosophie getan hat, indem sie den Gottesbegriff einfügte und 
so ihre atheistische Vorlage in den Augen der großen Menge zu 
heben suchte. Aber die Gottesidee in dem Zusammenhange ist 
ebenso überflüssig wie störend. Gott hat mit der Entfaltung der 
Urmaterie so wenig zu tun wie mit der Erlösung der Menschen; 
alle Seelen sind genau so wie die ,, besondere Seele", wie ,,Gott", 
anfanglos und ewig! 



VI. Kapitel. 

Yoga-Praxis. 

Für die wunderliche Praxis des Yoga, der es übrigens 
durchaus nicht etwa an Parallelen fehlt, müssen wir mit Fug und 
Recht ihren Begründern die Verantwortung überlassen. Ich 
will also an die Spitze dieses Abschnittes die Einleitungsstrophen 
aus der Gherandasamhitä stellen, um dann die einzelnen ,, Teile 
des Yoga" an der Hand der Texte durchzugehen. 

1 . Einst kam Candakäpäli zu Gheranda's Einsiedlerhütte, ver- 
neigte sich demütig und voll Liebe vorGheranda und fragte ihn: 

2. ,,Herr des Yoga, ich wünschte jetzt den Ghatastha-Yoga, 
die Ursache der Erkenntnis der Wahrheit, zu vernehmen. Ge- 
bieter des Yoga, sage an, Herr!" 



— i63 — 

3. ,,Gut, gut, Großarmiger, daß du mich danach fragst. 
So will ich dir denn erzählen, mein Lieber; höre aufmerksam zu. 

4. Es gibt keine Fessel gleich der Mäyä ; es gibt keine andere 
Kraft als den Yoga; es gibt keinen anderen Verwandten als das 
Wissen; es gibt keinen Feind weiter als den Dünkel. 

5. Wie man auf Grund des Alphabetes die Wissenschaft 
erfaßt, so wird auch die Erkenntnis der Wahrheit erlangt, nach- 
dem man sich den Yoga angeeignet hat, 

6. Aus den wohl vollbrachten und den schlecht vollbrachten 
Taten entsteht der ,,Topf" der Beseelten; aus dem Topfe ersteht 
das Karman, und so dreht sich (das Dasein) wie ein Schöpfrad. 

7. Wie das Schöpfrad, von Ochsen getrieben, sich nach 
oben und unten dreht, so dreht sich die Seele infolge des Karman 
zwischen Geburt und Tod. 

8. Wie ein ungebrannter Krug, der im Wasser steht, sich 
alsbald auflöst, so auch der menschliche Körper. Man brenne 
ihn also im Feuer des Yoga und sorge für seine Läuterung. 

Vertrauen wir uns nun wieder der Führung Oman's an, 
der p. 174 ff. etwa das Folgende ausführt : 

Die Beobachtung der Tätigkeit der Lunge in Form des Ein- 
und Ausatmens ist in Indien selbstverständlich uralt, auch wenn 
sie nicht bezeugt wäre. Jedem Kenner der altindischen Speku- 
lation, wie sie in den Upanisad's niedergelegt ist, sind die zahl- 
losen Stellen geläufig, in denen mit dem ,, Aushauch" {präna) 
operiert wird. Der Odem ist der Träger des Lebens, das Leben 
selbst ; er wird mit dem Winde, dem kosmischen Lebenshauche 
auf eine Stufe gestellt und als Symbol Brahman's angesehen, 
worüber man sich am besten bei De ußen. Sechzig Upanishads 
-des Veda, unterrichten kann. Die eingeatmete Luft ist Leben 
oder enthält doch wenigstens das Lebenselement in feiner Ge- 
stalt : denn Luftentziehung bedeutet den Tod, und mit der letzten 
Ausatmung wird der lebende Körper zum Leichnam. Diese Luft 
dringt nun in das Gehäuse des Körpers ein, durchdringt es und 
ist in der Brust, dem Magen, der Beckenhöhle etc. zu finden. 
Aber dieser Lebensodem ist offensichtlich nicht stagnierend. 
Er besitzt eine Art von Bewegung, wenn er durch die Nasen- 
löcher ein- und durch dieselben Öffnungen ausgeatmet wird. 



II 



— 164 — 

Einige der größeren und leichter sichtbaren Einzelheiten im 
Bau der Lunge mit ihren verzweigten Röhren mögen bekannt 
gewesen sein, vielleicht auch die Herzkammern mit den großen 
verbundenen Gefäßen, welche den Gedanken an Kanäle für die 
Bewegungen des präna, des Lebenshauches und an Zentren für 
seine Auf Sammlung nahelegten. Indem nun die indischen Philo- 
sophen in der ihnen eigenen absonderlichen Weise über den 
geheimnisvollen Vorgang der Atmung, vorgeblich einem Gesetz 
des gesamten Universum; über das unbezweifelte Vorhanden- 
sein von Luft in vielen Teilen des Körpers und über den kargen 
Vorrat an ihnen geläufigen anatomischen Tatsachen nach- 
dachten, schlössen und lehrten sie, daß zusammen mit der Luft 
die als feiner Äther vorgestellten ursprünglichen Naturkräfte im 
menschlichen Körper in einer Menge von röhrenartigen Gefäßen 
(nädi) kreisten, die vom Nabel ausgingen. 

Die Funktionen dieser imaginären Kanäle, die den feinen 
Äther durch das materielle System leiten, werden, wie man sich 
denken kann, mit Zuversicht, wenn auch etwas unbestimmt, 
beschrieben. Wenn wir diesen rein spekulativen Anatomen 
glauben dürfen, teilen sich diese nädVs wieder und wieder, bis 
ihre Gesamtsumme gerade 72 000 ausmacht. Nach anderen, 
ebenso kompetenten Autoritäten erreicht die Summe aller dieser 
Kanäle die Zahl 727 210 201 ; sie haben ihren Ursprung nicht 
im Nabel, sondern im Herzen. [So z. B. in der Prasna-Upanisad, 
bei Deußen p. 565: ,,Im Herzen aber wohnt der Ätman; daselbst 
sind jene hundert und eine Adern i) ; zu jeder einzelnen von ihnen 
gehören je hundert [Zweigadern]; und der Nebenzweigadem 
sind jedesmal zweiundsiebzig tausend". 2)] Indem sich diese ver- 
zweigten Gefäße an verschiedenen Punkten durchschneiden, bilden 
sie Gewebe, die als padma oder kamala (,, Lotus") bekannt sind 
und als Kraftzentralen für die Betätigung der physiologischen 
Funktionen dienen. Innerhalb dieses Systems gibt es dann auch 
noch Zentren für die moralischen und intellektuellen Kräfte. 

Auf dieser Grundlage, die reine Einbildung ist, wird nun 
eine Wissenschaft der willkürlichen Regelung und Leitung des 
Laufes des Lebenshauches die vielfältigen Kanäle des mensch- 

1) Chändogya-Upanisad VIII, 6, 6. 

2) Brhadäranyaka-Upanisad II, i, 19. 



- 165 - 

liehen Organismus entlang aufgebaut, zu dem Zwecke, daß der 
Atem auf den Geist einen möglichst wenig peinvollen Einfluß 
ausübt ; das Böse zu verringern, — welches durch die Tatsache 
begangen wird, daß die Seele und der subtile Leib Gäste in einem 
fleischlichen Hause sind — und so die Seele zu einer Selbst- 
Realisation zu bringen resp. ihre Identität mit dem höchsten 
Selbst zu erkennen. 

Die Praktiken, die im Zusammenhang mit dieser Lehre 
anempfohlen und geübt werden, um der samädhi'^) teilhaftig zu 
werden, haben die Tendenz, den Geist vollständig von den 
Gegenständen und Ereignissen der Umgebung abzulenken, wo- 
bei ein Zustand von Selbst-Hypnose oder Trance herbeigeführt 
werden kann. 

Jene so einsichtsvoll ersonnenen Übungen, die von den 
Yoga-Lehrern vorgeschrieben werden, bestehen in lange fort- 
gesetzter Unterdrückung des Atmens und in der Ausführung der 
Funktion der Atmung durch besondere, bis ins einzelnste vor- 
geschriebene Arten der Ein- und Ausatmung je nachdem durch 
das rechte oder linke Nasenloch. Dazu kommen nicht weniger 
als vierundachtzig Arten, sich zu setzen und die Körperhaltung 
zu variieren; die häufige, ja selbst millionenfache Wiederholung 
der mystischen Silbe om im stillen, die lange andauernde Kon- 
zentration des Gesichtssinnes auf nahe Gegenstände, z. B. den 
Nabel oder die Nasenspitze, verbunden mit einem ebenso 
strengen Zwange über die Gehörsnerven in lange ausgedehnten 
Anstrengungen, auf Laute in den Ohren selbst zu achten. 

Ferner gehört zu der Yoga-Praxis die Meditation, die bei 
Swami Vivekananda wie folgt beschrieben wird: ,, Stelle 
dir auf dem Handrücken einen Lotus von einigen Zoll vor und 
Tugend als sein Zentrum, den Stengel als Wissen. Die acht 
Blumenblätter des Lotus sind die acht Kräfte des Yogin. Die 
Staubfäden und Pistille im Innern sind das Verzichten. Wenn der 
Yogin die äußeren Kräfte verwirft, wird er zum Heile gelangen. 
So sind die acht Blumenblätter des Lotus die acht Kräfte, aber 
die im Innern befindlichen Staubfäden und Pistille sind die 
äußere Verzichtleistung auf alle diese. Drinnen im Lotus denke 

^) Max Müller übersetzt samädhi mit ,, meditative absorption", Svami 
Vivekananda mit ,,super-consciousness", Monier-Williams mit „trance". 



— i66 — 

dir den Goldenen, Allmächtigen, Unberührbaren, Ihn, dessen 
Name ist Om, den Unaussprechlichen, umgeben von strahlendem 
Licht. Meditiere darüber!" (p. 91.) 

Aus allen diesen Übungen zusammengenommen ergibt sich 
dann unschwer jener Zustand der Selbst-Hypnotisierung und 
Ekstase, d. h. der Aufhebung des Bewußtseins, die zur Ver- 
wischung der Sinnesbeziehungen zur materiellen Welt führt und 
von beseligenden Visionen begleitet ist, wie das z. B. auch von 
christlichen Heiligen zur Genüge bekannt ist. 

Es ist wohl ganz sicher i), daß viele der unter dem allge- 
meinen Begriff Hypnotismus zusammengefaßten Phänomene 
seit altersgrauen Zeiten den Indem bekannt waren und daß die 
Frommen unter ihnen, von mächtigen neurotischen Impulsen 
angetrieben, die unbeschreiblichen Freuden des ekstatischen 
Zustandes versuchten — vielleicht häufiger als in anderen 
Ländern — und sich in der wundersamen Welt verloren, 
die sie in ihren Trance- Visionen herzauberten. Ein recht in- 
disches Beginnen, ganz kongenial dem Charakter der Hindu- 
Träumer ! 

Soweit geht denn auch die Verständlichkeit und Berech- 
tigung des Yoga; aber was darüber hinausgeht, der Anspruch 
auf die bekannten acht Zauberkräfte etc., gehört einfach in 
das Gebiet des Schwindels. Es ist sehr interessant, in dieser 
Hinsicht das Urteil eines Hindu-Hypnotiseurs unserer Tage zu 
hören. Bei Vairagyananda, Hindu-Hypnotismus, lesen wir 
in der Übersetzung von Harry Bondegger p. 22 ff.: ,,Alle die 
Wunder der Fakire sind darauf zurückzuführen, daß der betr. 
Operator seinen Willen auf die hier angedeutete Weise erzogen 
hatte und so imstande war, die angestaunten Phänomene seinem 
atemlos lauschenden Publikum nur vorzugaukeln. Die Menschen 
nehmen eine gewaltige Willenskraft sofort instinktiv wahr und 
verhalten sich zu dem Besitzer einer solchen einer langen Ge- 
wohnheit zufolge nachgiebig, so daß es einem willensstarken 
Yogin nicht schwer fällt, die Imagination seiner Zuhörer und 
Zuschauer zur intensives ten Tätigkeit zu reizen. Deren astralen 
Sinne öffnen sich momentan, und sie nehmen die suggerierten 

1) Oman drückt sich hier etwas vorsichtiger aus: ,,I should be in- 
clined to conclude" (p. 179). 



— i6y — 

Bilder ihrer Phantasie oder Aura wahr, die sie in ihrer Unkennt- 
nis mit den Dingen der physischen Welt verwechseln. 

Der Yogin hypnotisiert sein Publikum ohne dessen Ein- 
willigung und Wissen. Voll neugieriger und abergläubischer 
Scheu sehen die Zuschauer auf ihn. Sie versetzen sich durch ihre 
gespannte Aufmerksamkeit, die auf ihn gerichtet ist, in seelischen 
Rapport mit ihm. Unwillkürlich machen sie sich im Zustand 
der Spannung gedankenleer, und es fällt dann dem Yogin leicht, 
in ihnen Illusionen hervorzurufen. Der Umstand, daß das Publi- 
kum aus vielen Personen besteht, die alle dasselbe denken und 
erwarten, erzeugt einen kraftvollen psychischen Strom, der dem 
Fakir die Arbeit wesentlich erleichtert. 

Der Verfasser behauptet nicht, daß alle physiologischen 
Kunststücke der indischen Gaukler auf Sinnestäuschungen be- 
ruhen. Er weiß selbst, bis zu welchem wunderbaren Grade der 
Mensch durch Hatha Yoga den Leib und dessen Funktionen 
beherrschen kann. Aber fast alle Phänomene, die den mecha- 
nischen Gesetzen der Natur widersprechen, existieren nur als 
Trugbilder in der Aura des visionierenden Publikums, dessen 
Kraft der Phantasie oder Imagination effektvoll arbeitet. 

Die phänomenale Echtheit der Fakir- Vorführungen wird 
dem Leser durch zahlreiche Protokolle bewiesen, welche die 
notariell beglaubigten Unterschriften zahlreicher Mitglieder der 
britischen Aristokratie, vieler Offiziere der Armee und anderer 
angesehenen Personen tragen. 

So lesen wir in einem Bericht, wie ein Fakir ein Garnknäuel 
in die Luft warf. Es flog so hoch, bis es vor den Augen des be- 
stürzten Publikums verschwand. Während seines Fluges wickelte 
es sich auf. Ein Ende des Knäuels blieb am Erdboden, während 
das andere Ende anscheinend bis in die Wolken hineinreichte. 
Nun gebot der Fakir einem Jungen hinaufzuklettern. Der Knabe 
gehorchte und kletterte anscheinend so schnell, daß man ihn 
bald nicht mehr sehen konnte. Sofort befahl ihm der Fakir, 
wieder umzukehren, ohne trotz mehrfacher Wiederholung des 
Befehles Gehorsam zu finden. Da ergriff er wütend ein Messer 
und kletterte dem Knaben nach. Nach einer kurzen Pause er- 
wartungsvollsten Stillschweigens hörte man in der Luft einen 
entsetzlichen Schrei, und die blutigen Glieder, Kopf und Rumpf 



— i68 — 

des Jungen kamen einzeln heruntergeflogen. Das Publikum 
nahm eine drohende und entrüstete Haltung an, so daß sich der 
zurückkehrende Fakir, anscheinend um sein Leben besorgt, 
bewogen fühlte, sein Verbrechen wieder gutzumachen. Er 
setzte die Glieder des Jungen zusammen, murmelte einige 
Mantrams und beschrieb mit dem Finger geometrische Figuren 
in der Luft. Sogleich fügte sich der zerstückelte Leichnam zu- 
sammen, und der Knabe sprang fröhlich lachend wieder auf. 

Diese Vorführung, welche von verschiedenen Yogins viele- 
mal veranstaltet wurde, wurde in einem Protokoll bis in jede 
Einzelheit beschrieben und von den Zuschauern nach genauer 
Durchsicht unterzeichnet. Wie überrascht waren alle, als ihnen 
ein amerikanischer Journalist mehrere photographische Auf- 
nahmen derselben Vorstellung zeigte. Auf jedem Bilde konnte 
man den Fakir und Jungen behäbig schmunzelnd auf einer 
Matte sitzen sehen. Von anderen Dingen war nichts zu ent- 
decken. 

Der Fakir war während der ganzen Sitzung nicht von 
seiner Matte aufgestanden, hatte in Wirklichkeit die Vorgänge 
unter Konzentration seiner Aufmerksamkeit nur erzählt und 
das faszinierte Publikum hatte alle Wunder nur in der eigenen 
Phantasie leibhaftig geschaut. 

Auf die tote photographische Platte konnte sich der Ein- 
fluß des Magiers nicht erstrecken. Es gibt dafür nur eine Er- 
klärung: der Hindu psychologisiert oder hypnotisiert seine Zu- 
hörer. Er bringt deren Geist in einen derartigen Zustand, daß 
Vorstellung weiter nichts als Einbildung repräsentiert. 

Über die Methode der Praxis des Hathayoga ein paar Worte 
zur Übersicht; alles weitere findet man in den einzelnen Ab- 
schnitten. 

Wie jedes ernste indische System, so hat auch die Yoga- 
Philosophie, um es noch einmal zu sagen, als Ziel die Erlösung 
des Individuums von der Seelenwanderung. Die erlösende Er- 
kenntnis — kein gläubiges Hinnehmen, sondern mühselig er- 
worbenes Wissen — wird durch allerlei äußere Hilfsmittel ge- 
fördert, unter denen das regungslose Verweilen an ein und dem- 
selben Orte und in einer ganz bestimmten Stellung eine besondere 






(7^ 




00 







— 169 — 

Rolle spielt. Frühzeitig haben wir also die stille Zelle, die nur 
das Allernotwendigste enthält, um die Gedanken des Insassen 
nicht abzulenken, und ihn vor dem Wechsel der Witterung, vor 
feindlichen Tieren und Menschen zu schützen vermag. Dazu 
ein Vorbereitungsdienst in Form von Diätvorschriften, die dem 
Novizen, ganz in Übereinstimmung mit den Lehren der Ärzte, 
nur die einfachsten Speisen als zuträglich erlauben, und Läute- 
rungsregeln z. T. absonderlicher Art. Der Novize, der mit den 
großen Geboten und Observanzen vertraut ist und überhaupt 
die unumgänglichen Vorbedingungen zum Mönchstume erfüllt 
hat, kann nun im Frühling oder Herbst — natürlich immer unter 
der Aufsicht eines Lehrers — zur Übung der Posituren {äsana) 
verschreiten. Es steht einem jeden frei, sich für eine derselben 
zu entscheiden : von den 8 400 000 Stück, die Gott Siva erfunden 
hatte, sind in unseren Quellen zweiunddreißig, fünfzehn, vier 
resp. zwei beschrieben und empfohlen, während das Prinzip bei 
allen dasselbe ist: man soll in den Stand versetzt werden, ohne 
Beschwerden zu empfinden längere Zeit in ein und derselben 
Stellung zu verharren. Wird bei diesen Posituren kaum die Blut- 
zirkulation beeinflußt, so ist anderseits auf den therapeutischen 
Wert hinzuweisen, den sie (und die meisten anderen Yoga- 
Praktiken) in den Augen der Meister haben: auf die Definition 
folgt in der Regel eine Lobpreisung der Heilkraft der betreffen- 
den Übung. Vor allem heißt es, daß durch die Posituren das 
Verdauungsfeuer angefacht und mancherlei Krankheiten des 
Unterleibes etc. geheilt werden. Wohl ganz mit Recht vermutet 
Walter, daß die Texte sich nicht immer damit begnügen, dem 
Yogin das eine große Ziel vor Augen zu halten, die Vereinigung 
mit Brahma, sondern daß sie gleichzeitig an das Verlangen nach 
körperlichem Wohlbehagen, ja an die Eitelkeit appeUieren! 
Jedenfalls haben die äußeren Erfolge, die dem eifrigen Adepten 
so zuversichtlich in Aussicht gestellt werden, nicht zuletzt die 
berühmten acht Zauberkräfte, mit der Erlösung herzlich wenig 
zu tun. 

Wie dem nun sein möge — nehmen wir an, der Yogin habe 
sich mit der einen oder anderen Positur genügend vertraut ge- 
macht, auch seinen Leib von einem etwaigen Überfluß an 
Phlegma oder Fett durch die sechs Reinigungsmittel Dhauti, 



— I/o — 

Basti, Neti, Trätaka, Laukiki (Nauli) und Kapälabhäti befreit; 
so kann er nun darangehen, Atemgymnastik zu betreiben, 
pränäyäma, wie der Kunstausdruck lautet. Der Atem soll kon- 
zentriert werden, und zwar am Brahmarandhra, als Vorberei- 
tung zur Konzentrierung des Geistes. Inwieweit hierbei Unsinn 
mit Methode vorgetragen wird, wollen wir nicht weiter unter- 
suchen; die Wahrscheinlichkeit, daß die Meister und ihre Jünger 
keine klare Vorstellung von den Einzelheiten des Atmungs- 
prozesses gehabt haben, ist groß. Der Atem gelangt durch drei 
Kanäle in den Körper, durch Idä, Pingalä und Susumnä, d. h. 
durch das rechte und linke Nasenloch und die Luftröhre. Der 
Atem gelangt durch Idä und Pingalä in die Nabelgegend, von 
wo aus ihn 72 000 Kanäle durch den ganzen Körper verteilen. 
In das obere Ende der Susumnä gelangt der Atem ohne weiteres ; 
im unteren Ende jedoch stehen dem Hindemisse in Gestalt von 
Unreinigkeiten wie Galle, Phlegma etc. sowie vor allem die 
Kundali entgegen, die da unten schläft und erst geweckt werden 
muß, bevor die eingeatmete Luft an ihr vorbei und in die Su- 
sumnä gelangen kann. Das zu erreichen, dient eben Pränäyäma. 
Der durch Druck aufwärts gebrachte Apäna vereinigt sich dann 
mit dem durch Druck abwärts gebrachten Präna, und beide ge- 
langen nun zum Brahmarandhra, worauf Stillstand in der Tätig- 
keit des Atems eintritt. 

Herr, dunkel ist der Rede Sinn!! 

Um die böse Kundali zu wecken, übt man auf den Kanda 
einen Druck mit der dafür eigens vorgeschriebenen Binde aus, 
facht durch bestimmte Atemübungen das Verdauungsfeuer an 
oder übt die mudrä's resp. eine davon. Die behebteste ist wohl 
die khecan genannte Art, bei der die durch besondere Behand- 
lung verlängerte (sagen wir lieber: dehnbar gemachte) Zunge 
in den Nasenrachenraum hineingesteckt und die Stelle zwischen 
den Augenbrauen starr fixiert wird. Es kommt also dabei 
darauf an, den an das untere Ende der Susumnä gelangenden 
Atem durch deren Eingang zu drücken, statt ihn sich wieder 
durch Idä oder Pingalä entfernen zu lassen : das geschieht durch 
Druck auf den Anus, das Perinaeum etc. Walter (p. XXVII) 
versäumt nicht, bei dieser Gelegenheit zu betonen, daß er ,,im 
Gegensatz zur phantastischen Interpretation modemer Theo- 



— I/I — 

sophen" den rein physisch materiellen Charakter des Präna im 
Hathayoga außer Zweifel setzen möchte. Als Kuriosum sei noch 
erwähnt, daß auch den mudrä's noch alle möglichen Kräfte 
zugesprochen werden: sie sollen gut sein gegen Auszehrung, 
Unterleibsleiden, Aussatz, Runzeln und graues Haar [!!], was 
doch wirklich ganz überflüssig ist, wenn man sich erinnert, daß 
ja schon die vorbereitenden Übungen den Adepten zu einem 
wahren Ausbund von Gesundheit, Schönheit und Jugendfrische 
gemacht haben müssen! 

Es ist aber nicht genug damit, durch fortgesetzte Übung die 
Fertigkeit erlangt zu haben, den Atem in die Susumnä zu bringen : 
man muß ihn nun auch ,, vernichten" (Laya). Das Vorstellungs- 
vermögen und das Atmen sind die Ursachen des Bewußtseins; 
man vernichte eins davon, so sind auch die beiden anderen ver- 
nichtet. Um das zu erreichen, kann man entweder die Khecari 
ausführen, bis man in den Yoga-Schlaf versinkt, oder man ver- 
senkt sich in den Näda, den mystischen Laut, was nach H IV, 66 
das Beste ist: ,,Die von dem erhabenen Ädinätha ( = Siva) er- 
wähnten 12 500 000 zählenden Vemichtungsmethoden führen 
zwar auch zum Erfolg ; aber unter allen Methoden halten wir die 
des Nädänusamdhäna (Versenkung in den Näda) für die vor- 
treffhchste". In irgend einer Positur befindlich soll der Adept 
sich Nase, Mund, Augen und Ohren zuhalten und auf den im 
Innern der Susumnä erklingenden Laut achten. Nach Lösung 
des Brahmagranthi erklingt im ,, Äther des Herzens", ein nicht 
durch Anschlagen hervorgebrachter Laut; nach Lösung des 
Visnugranthi im Äther des Halses ein trommelartiger Laut, des- 
gleichen im Äther zwischen den Augenbrauen; und endlich 
nach Lösung des Rudragranthi ein flötenartiger Laut am 
Brahmarandhra. Außerdem sind noch eine ganze Reihe anderer 
Laute bekannt: von Muscheln, Glocken, Bienen etc. Die Ver- 
senkung in einen dieser Laute ist die letzte Station vor der Er- 
lösung; aber erst wenn völlige Stille eingetreten, das Bewußt- 
sein mit dem Näda eins geworden resp. ,, vernichtet" ist, erst 
dann ist das ,,ahani brahma" erreicht, die DuaUtät aufgehoben. 
,,Dann kennt der Yogin weder Geruch, noch Geschmack, noch 
Farbe, noch Tastgefühl, noch Laut, noch sich selbst, noch einen 
Andern. Sein Geist schläft nicht, auch wacht er nicht, ist von 



Erinnerung und Vergessen befreit; er geht nicht zu Grunde, 
auch entsteht er nicht; wer Samädhi erreicht hat, der ist erlöst" 
(H IV, 109/110). 

Überflüssig, zu bemerken, daß man diese Töne und diese 
Art Erlösung viel müheloser erleben kann, ohne sich jahrelang 
mit Posituren und Atemgymnastik zu quälen: in der Hypnose 
kann man alle Arten des Näda, genau in der Reihenfolge, wie der 
Hathayoga sie angibt, in jedem beliebigen Teile des Körpers 
vernehmen ! Hüten wir uns also, die Künste der Yogins irgend- 
wie zu hoch zu bewerten; wenn irgendwo, so ist das nil admirari 
hier am Platze! 

Wie man aus dem vorstehenden ersieht, haben sich die 
Lehrer der Yoga-Philosophie eine ganz absonderliche Anatomie 
des Menschen zurechtgelegt. Da in den Vorschriften, die den 
Inhalt des gegenwärtigen Kapitels ausmachen, öfters darauf 
Bezug genommen wird, ist es vielleicht manchem Leser ganz 
erwünscht, wenigstens die wichtigsten der hier in Betracht 
kommenden Kunstausdrücke kennen zu lernen; ich gebe sie 
also in alphabetischer Reihenfolge. Viel mehr findet man bei 
Walter, p. XXX ff. 

Brahmarandhra, die Öffnung, durch welche Brahman resp. 
der Ätman, in den Körper gelangt; eine der Schädelnähte. 
Die Stelle wird meist ganz deutlich bezeichnet : zwischen den 
Brauen inmitten der Stirn ,, weilt das Unerkennbare" oder 
,,wird das Bewußtsein vernichtet" (H IV, 48). Das wäre 
also die Stirnnaht, Sutura frontalis; Walter p. VI bringt 
aber Stellen, denen zufolge das Brahmarandhra anderwärts, 
etwa an der Vorderhauptfontanelle, zu suchen wäre. Wie 
dem nun sei — es spielt in den Übungen der Yogin's deshalb 
eine so große Rolle, weil es die Endstation für den Atem 
auf seinem Wege durch die Susumnä ist. 
Cakra ,, Kreis" bezeichnet die sechs oder sieben angeblich 
lotusartig geformten mystischen Kreise, in die der Yogin 
den Körper behufs methodischer Konzentration des Geistes 
vom Kopf bis zum Anus einteilt. Sechs muß als die ka- 
nonische Zahl angesehen werden. Dvivedi, Yoga Sütra 
P- 53, behauptet, sie seien ,,supposed to be plexuses formed 
by nerves and ganglia at different places in the body". 



— 173 — 

Wahrscheinlich aber handelt es sich hierbei wieder um 
ganz willkürliche, phantastische Annahmen, worauf schon 
die Tatsache hinzuweisen scheint, daß für die verschiedenen 
Cakra's bestimmte Farben (gelb, grün, blau, rot, weiß) an- 
gegeben werden. 

Candra ist nicht nurSynonymon von Idä, sondern bezeichnet 
auch eine gewisse Stelle am Ende des Susumnä-Kanales, 
und zwar zwischen den Augenbrauen links. Hier wird eine 
Flüssigkeit abgesondert, die Soma oder Götterschnaps 
(Amaraväruni) genannt wird; erzeugt wird diese durch 
die Wärme, die beim Eindringen der Zungenspitze in den 
Nasenrachenraum bei der Ausführung der Khecari-Praktik 
hervorgebracht wird. Jene Soma-Flüssigkeit wird geradezu 
als Nektar des Candra bezeichnet, der aus der Höhlung 
oberhalb der uvula herabträufelt. Von diesem kostbaren 
Safte, der trotz seiner Unappetitlichkeit in überschwäng- 
lichen Ausdrücken gefeiert wird, darf kein Tropfen verloren 
gehen, denn er ist der Lebenssaft: sein Verlust bedeutet den 
Tod, und sobald er über ein gewisses Gebiet hinausgeht, 
wird er von dem Verdauungsfeuer absorbiert. Dies zu ver- 
hüten gebraucht der Yogin den Jälandharabandha oder die 
Viparitakarani, wobei der Kopf tiefer zu liegen kommt als 
der Nabel. Es handelt sich hier offenbar um weiter nichts 
als um eine Schleimhautentzündung und die damit ver- 
bundene reichlichere Absonderung von Flüssigkeit im 
oberen Teile des Nasenrachenraumes, hervorgerufen durch 
das Einführen der Zunge dorthin. Mit der Zeit verschwindet 
der Reiz, so daß das Sekret weniger reichlich ist : der Candra 
ist dann ,,fest" geworden. Die Speicheldrüsen helfen gewiß 
noch mit; wenigstens ist nicht einzusehen, woher der Yogin 
genügend Stoff bekommen sollte, um sich den Leib von der 
Fußsohle bis zum Kopfe mit Soma salben zu können, wie 
es H IV, 53 vorgeschrieben wird. 

Granthi (,, Verschlingung") gibt es in der Susumnä drei; sie 
sind nach den Göttern der indischen Trinität genannt und 
heißen dementsprechend Brahmagran thi, Visnugranthi und 
Rudragranthi. Sie hindern zwar den Atem bei seinem 
Durchgang durch die Susumnä nicht, wohl aber dient ihr 



— 1/4 — 

Lösen dazu, die Entstehung der Töne in den betreffenden 
Cakra's zu fördern. 

Idä, mit den Synonymen Candra und Soma, erscheint als hnks- 
seitiger Kanal, nicht, wie Wilson in seinem Sanskrit- 
wörterbuche wollte, als rechtsseitiger. Sie entspringt wie 
alle anderen Kanäle in der Nabelgegend, am Kanda, und 
führt zum Kopfe, indem sie und Pingalä in die Susumnä 
münden, die ihrerseits Nabel und Kopf in gerader Linie 
verbindet. So kommt es denn auch, daß der Atem in die 
Idä gelangt, wenn man mit dem linken Nasenloche atmet; 
in die Pingalä, wenn es mit dem rechten geschieht. Diese 
beiden Kanäle nun, deren Schilderung bei den Yogins der 
Wirklichkeit so wenig wie nur möglich entspricht, sind die 
Carotis laeva und dextra unserer Anatomen. 

Kanda. Eine bestimmte Stelle im Unterleibe, eine Spanne 
oberhalb des Pudendum (zwischen Nabel und Penis), vier 
Fingerbreiten (drei Zoll) im Durchmesser, weich, glänzend 
und durch ein gürtelartiges Kleidungsstück bezeichnet 
(H III, 113). Der Kommentar zu dieser Stelle zitiert das 
Goraksasatakam, wo es heißt (15 nach Walter): ,,Über 
dem Penis und unter dem Nabel ist die Kandayoni, gleich 
einem Vogelei. Dort entspringen die 72 000 Kanäle". Wal- 
ter vermutet wohl mit Recht, daß es sich bei diesem für 
die Yoga-Praxis allerdings sehr wichtigen^) Organe nur um 
ein Phantasieprodukt der Yogins handele, da an der an- 
gegebenen Stelle nichts existiert, worauf die Beschreibung 
paßte. 

Kund all (mit den Synonymen Kuiilängl, Kundalinl, Bhujangl, 
Sakti, Isvan, Arundhaü, Phanävaü, Mahäsakti und Para- 
mesvarl) wird als schlangenähnlich, gekrümmt und achfach 
(oder bloß dreieinhalbfach) geringelt beschrieben. Da sie 
mit ihrem Gesicht den Eingang zur Susumnä verdeckt und 

1) Hier soll die Kundali verweilen, deren , .Erweckung" für den Yogin 
ja so sehr wichtig ist. Auch die indischen Ärzte kennen Gefäße, die in 
der Nähe des Nabels entspringen und wenigstens zum Teil der Luftzirku- 
lation dienen; auch ist ihnen die Vorstellung geläufig, daß sich in diesen 
Kanälen Unreinigkeiten ansammeln und die Zirkulation hemmen können. 
Die drei Hauptkanäle — soweit die Praxis des Hathayoga in Betracht 
kommt — sind Idä, Pingalä und Susumnä. Vergl. s. v. 



— 175 — 

morgens und abends i V2 Stunden lang aus Pingalä Nahrung 
zu sich nimmt, sonst aber schläft, versperrt sie dem Atem, 
der aus Idä und Pingalä durch die Susumnä nach dem 
Brahmarandhra gelangen will resp. soll, den Weg und muß 
deshalb geweckt werden, wozu der Yogin gewisse Posituren, 
Atemübungen oder das über dem Kanda getragene Klei- 
dungsstück benutzt. Es wird damit ein Druck auf die- 
jenige Stelle des Unterleibes ausgeübt, in der die Kundali 
sich aufhält, worauf diese sich ausstreckt, in die Susumnä 
hineingeht und so dem Atem den Weg freigibt. Wie wichtig 
die Kundali den Yoga-Lehrern erscheint, kann man daraus 
ermessen, daß es Hill, i heißt: ,,Wie der Schlangenfürst 
die Welten mit ihren Gebirgen und Wäldern umschließt, 
so umfaßt (die Lehre von der) Kundali alle Yogalehren"; 
und Gh III, 50: ,, Solange sie im Leibe schläft, ist man wie 
ein Vieh; Wissen ergibt sich so lange nicht, und wenn man 
zehn Millionen Yoga-Übungen vollbringt". Räm Prasäd , 
Nature's Finer Forces p. 189, sagt darüber: ,,This power 
sleeps in the developed organism. It is that power which 
draws in gross matter from the mother organism through 
the umbilical cord and distributes it to the different places, 
where the seminal präna gives it from. When the child 
separates from the mother the power goes to sleep". Es 
ist uns vorläufig versagt, das Geheimnis zu ergründen; 
nach Walter p. XIV ist die Kundali in Zusammenhang mit 
der Sakti des Purusa zu bringen und enthält in ihrem Namen 
eine Anspielung auf Siva, den obersten der Yogins, dessen 
Frau u. a. auch Kundalini heißt. 
Nädi bedeutet im Hathayoga immer nur Röhre, Kanal, während 
man sonst in Indien damit Arterien, Venen, Nerven und 
Lymphgefäße versteht; und zwar seit alten Zeiten: in der 
Chändogya Upanisad heißt es VIII, 6, die Adern, die vom 
Herzen ausgingen, seien braun, weiß, blau, gelb und rot. 
Ihr Ursprung ist bald ins Herz, bald in den Nabel resp. den 
Kanda verlegt worden. Walter weist darauf hin, daß diese 
letztere Vorstellung vielleicht ihre Entstehung der Beobach- 
tung der Adern des Mesenterium oder der bei korpulenten 
Personen ganz deutlich durch die Haut schimmernden 



— 176 — 

Venen des Unterleibs zu verdanken habe. — Die in Frage 
kommenden Kanäle dienen hier zum Durchgang des Atems. 
Es darf nicht vergessen werden, daß Susruta, einer der 
ältesten indischen Ärzte, von diesen drei Kanälen nichts 
weiß. Er war aber mit der Anschauung vertraut, daß die 
Arterien dazu dienen, die Luft im Körper zirkulieren zu 
lassen. Das Pulsfühlen hatte in Indien den Zweck, fest- 
zustellen, ob die Luft sich normal durch den Körper be- 
wegte, wozu man auch die beiden Halsschlagadern befühlte. 
Selbst ein Laie blieb also der Vorstellung nicht lange fern, 
daß sich rechts und links vom Halse eine starke Luftader 
befände, die man dann leicht mit den Nasenlöchern resp. 
der Nasen-Rachenhöhle in Verbindung bringen konnte. 
Wenn dem Yogin der weitere Verlauf der drei Kanäle hinter 
den Rippen, also vom Schlüsselbein abwärts, mangels an 
genaueren anatomischen Kenntnissen verborgen bleiben 
mußte, so lag es für ihn doch nahe, anzunehmen, daß auch 
im Brustkasten das Verhältnis von Idä und Pingalä zu 
Susumnä dasselbe blieb wie vorher. ,,Was den Unterleib 
betrifft", sagt Walter p. X, ,,so ist es zum Mindesten 
merkwürdig, daß der Yogin den Kanda, in dessen Um- 
gegend sämtliche Nädi, also auch Idä, Pingalä und Susumnä 
entspringen, halbwegs zwischen Nabel und pudendum ver- 
legte, also auf eine Fläche ungefähr horizontal mit dem 
fünften Lendenwirbel, und daß in Wirklichkeit auf der 
Höhe zwischen dem vierten und fünften Lendenwirbel die 
aorta abdominalis sich in die beiden arteriae iliacae ver- 
zweigt. Ich glaube, es liegt durchaus nicht außerhalb des 
Bereichs der Möglichkeit, daß diese anatomische Tatsache 
schon in ziemlich früher Zeit zur Kenntnis des einen oder 
des andern Yogin gelangte, der natürlich nichts Eiligeres 
zu tun hatte, als dieselbe auf seine Weise zu deuten und 
seiner Theorie zu Nutze zu machen. Er hielt eben die aorta 
abdominalis für die Fortsetzung der trachea". 

Pingalä (mit dem Synonymon Sürya) ist der rechtsseitige Kanal, 
der in das untere Ende der Susumnä mündet. Vgl. unter Idä. 

Präna, der aufwärtsgehende Atem, im Gegensatz zu Apäna, 
dem abwärtsgehenden. Von der aus den Upanisads be- 



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— 177 — 

kannten Fünfteilung weiß die Yoga-Lehre nichts mehr; 
auch die alte Sage von Prajäpati, der sich in Luft ver- 
wandelte, um seine eben erschaffenen Geschöpfe zu beleben, 
dies aber erst dann ermöglichte, als er sich in fünf Teile 
teilte, den präna,apäna, samäna, udäna und vy äna — auch diese 
alte Sage ist im Yoga unbekannt, so gut wie die Gleich- 
setzung des präna mit der Allseele. Hier handelt es sich 
einfach um den physiologischen Vorgang des Atmens, 
welches zu regeln und zu unterbrechen die Aufgabe des 
Yogin ist; püraka, recaka und kumhhaka sind die dabei in 
Betracht kommenden termini technici. Püraka ist das Ein- 
ziehen der Außenluft, gleichgültig, ob es mit dem rechten 
oder linken Nasenloch oder mit beiden oder mit dem Munde 
geschieht ; Recaka ist das Ausatmen in eben derselben Weise, 
Kumhhaka endlich das Hemmen des Atems. 
Susumnä (mit den Synonymen Pascima, Brahmanädl, Sünya- 
padam, Brahmarandhra, Mahäpatha, Smasäna, Sämbhavi, 
Madhyamärga, Agni und Pascimapathin), eine sehr alte 
Bezeichnung für den mittleren Kanal, der vom Herzen aus- 
geht und zum Kopfe führt. Später wird sein Ursprung, 
entsprechend der veränderten Anschauung, in die Nabel- 
gegend verlegt; sein Kopfende ist die obere Rachenhöhle, 
seine Fortsetzung nach unten ist die Trachea und weiterhin 
— nach Ansicht der Yogins — die Aorta abdominalis. 
Irrtümlich gibt das Petersburger Sanskritwörterbuch Su- 
sumnä mit Carotis wieder; es gibt aber eine rechte und 
linke Carotis, während Susumnä als einheitliches Ganzes 
anerkannt ist. Man hat auch an das Rückgrat gedacht; 
Anquetil du Perron sagt (Indische Studien II, 48): 
,, Spina media dorsi in cuius medio vena sushumnä est", 
und Räm Prasäd hat diese ,, Rückgrattheorie" in seinem 
Buche Nature's Finer Forces neuerdings (1890) verfochten. 

* 

I. Yama. 

Von den acht Bestandteilen der Yoga-Praxis steht yama 
an der Spitze. Es gehören dazu die fünf großen Gebote, die aller- 
dings negativ ausgedrückt erscheinen: nicht töten resp. schä- 

Schmidt, Fakire und Fakirtum. 12 



- 1/8 - 

digen, nicht lügen, nicht stehlen, nicht unkeusch leben und keine 
Geschenke annehmen ; ein Moralkodex, der in Indien bei anderen 
Sekten häufig genug wiederkehrt . Die Vorstellung vomGeschlechts - 
leben muß jeder, der ein vollkommener Yogin werden will, 
schon deshalb aufgeben, weil die Seele kein Geschlecht hat; und 
Geschenke annehmen ist so schlimm wie Stehlen. Es vernichtet 
die Unabhängigkeit der Seele und macht den Empfänger zu 
einem bloßen Sklaven. Diese großen Gebote sind ganz all- 
gemein zu halten, von Männern, Weibern und Kindern, ohne 
Rücksicht auf Ort, Zeit und Stellung; man verletzt sie nicht 
nur dadurch, daß man sich Verfehlungen dagegen zuschulden 
kommen läßt, sondern auch dadurch, daß man solche veranlaßt 
oder gutheißt. Wer das erste Gebot, nicht zu töten noch lebende 
Wesen zu schädigen, befolgt, in dessen Nähe schwindet alle 
Feindseligkeit, so daß selbst Tiere, die von Natur wild sind, vor 
seinen Augen friedlich werden und z. B. Tiger und Lamm vor 
einem solchen Yogin miteinander spielen. Wer nicht lügt, tut 
es auch im Traume nicht mehr, weder mit Worten, noch in Ge- 
danken; und wenn er zu jemand sagt: ,,Sei gesegnet", so ist er 
gesegnet; oder wenn ein Mann krank ist und jener spricht: ,,Sei 
gesund", so ist er es auf der Stelle. — Aus der Enthaltsamkeit 
folgt Energie. Ein keusches Gehirn besitzt furchterregende 
Stärke und gigantische Willenskraft; ohne sie gibt es keine 
Geistesstärke. Alle Männer von gigantischer Gehimfunktion 
sind sehr enthaltsam, da Keuschheit eine wunderbare Kontrolle 
über den Menschen abgibt. Führende Geister sind immer sehr 
enthaltsam gewesen. 

Die Zahl dieser ,, großen Gebote" finden wir später von fünf 
auf zehn erhöht; wenigstens heißt es Hathayogapradipikä I, 17 
(bei Walter p. 3): ,,Ahinisä (nicht töten), Wahrheitsliebe, Ehr- 
lichkeit, Keuschheit, Geduld, Festigkeit, Mitleid, Aufrichtigkeit, 
Mäßigkeit im Essen, Reinheit; dies sind die zehn großen Ge- 
lübde (yama).'' 

2. Niyama (,, Observanz"). 

Als Observanzen oder kleine Gelübde finden wir für den 
Y^ogin genannt innere und äußere Läuterung, Genügsamkeit, 
Askese, Studium und Verehrung der Gottheit (Yogasütrall, 32), 



— 179 — 

wozu H I, 17 (bei Walter p. 3) noch Inbrunst, Gläubigkeit, 
Freigebigkeit, Bescheidenheit und Opfer kommen. 

Die äußerhche Läuterung hält den Körper rein ; ein schmut- 
ziger Mensch wird niemals ein Yogin sein. Natürlich ist die 
innere Läuterung viel wertvoller als die äußerliche; aber es sind 
beide notwendig, und eine ohne die andere ist nutzlos. Es ergibt 
sich dann Abneigung gegenüber dem eigenen Körper, und es 
unterbleibt die Vermischung mit anderen Körpern. Was andere 
Leute ein schönes Antlitz nennen, wird dem Yogin als ein Tier- 
kopf erscheinen, wenn keine Intelligenz dahinter steckt; und 
was die Welt ein ganz gewöhnliches Gesicht nennt, wird er 
himmlisch nennen, wenn Geist daraus spricht. Die Läuterung 
bewirkt, daß die Sattva-Qualität vorwiegt ; das Herz wird fröh- 
lich, der Geist wird konzentriert, die Organe besiegt, und die 
Realisation des Ätman in die Wege geleitet. — Genügsamkeit 
bringt hervorragendes Glück, und das Ergebnis der Askese, der 
Abtötung des Fleisches, ist die Aneignung von besonderen 
Kräften in den Körperorganen in Gestalt von gesteigerter Seh- 
schärfe, Hören auf weite Entfernungen etc., was bisweilen ganz 
unvermittelt eintritt. 

Handlungen, die zur Läuterung dienen, finden wir ein- 
gehend genug in unseren Texten beschrieben. Es sind z. T. 
recht törichte und unappetitliche Dinge, z. T. aber auch solche, 
die noch heute und für uns alle Beachtung heischen. Hören wir 
die Originale! 

Die sieben Hilfsmittel (sädhana) sind nach Gh. I, 9: i. Läute- 
rung, 2. Kräftigung, 3. Festigung, 4. Härtung, 5. Leichtmachung, 
6. Perzeption und 7. Isolation des Körper-Topfes. 

Die Läuterung (kodhana) geschieht durch die sechs Hand- 
lungen [s. u.]; gekräftigt wird der Körper durch die Posituren 
(äsana)', durch die mudrä's erfolgt seine Festigung, durch 
pratyähära seine Härtung; durch pränäyäma Leichtmachung, 
durch Meditation Perzeption des Selbst und durch die Versen- 
kung Isolation; und das istzweifellos dieErlösung (Gh. I, 10 — 11). 

Zur Läuterung (sodhana) gehören die folgenden sechs, oben 
schon angedeuteten Handlungen, die Gh. I, 12 aufgezählt 
werden: i. dhauti, 2. hasti, 3. neti, 4. laukikt, 5. trätakam und 
6. kapälahhäti. 

12* 



— i8o — 

I. dhauti (Gh. I, 13 — 44). 

13. Indem man eine vierfache dhauti vornimmt, nämlich 
a) antardhauti, b) dantadhauti, c) hrddhauti und d) mülasodhanam, 
macht man damit den Körper-Topf rein von Schmutz. 

a) 14. Die antardhauti (,, innere Reinigung"), die der Reini- 
gung des Körper-Topfes von Schmutz dient, ist wieder in vier 
Unterarten geteilt, und zwar a) vätasära, ß) värisära, y) vahnisära 
und ()) bahiskrtam. Ihre Besprechung steht Gh. I, 15 — 24 
wie folgt: 

a) 15. vätasära (Fig. 39) : Man ziehe ganz langsam mit dem 
Munde, wie mit einem Krähenschnabel, Luft ein, lasse sie in 
den Bauch dringen und stoße sie langsam auf dem hinteren Pfade 
wieder aus. 

16. vätasära ist höchst geheim zu halten ; es macht den Leib 
rein von Schmutz, läßt alle Krankheiten schwinden und bringt 
das (Verdauungs-)Feuer im Körper zum Wachsen. 

ß) 17. värisära (Fig. 40): Man fülle den Mund bis an den 
Hals mit Wasser, trinke es langsam, lasse es auf halbem Wege 
sich bewegen und stoße es nach unten aus dem Leibe aus. 

18. värisära ist höchst geheim zu halten ; es macht den Leib 
rein von Schmutz; und wenn man es eifrig vornimmt, bringt 
man einen Götterleib zustande. 

19. värisära ist die höchste Läuterung; wer sie eifrig vor- 
nimmt, reinigt den Schmutzleib und bringt einen Götterleib 
zustande. 

y) 20. vahnisära oder agnisära (Fig. 44): Man bringe den 
Nabelknoten hundertmal an das Schienbein; das ist die Läuterung 
agnisära, die den Yogins Erfolg im Yoga verleiht, die Krank- 
heiten des Leibes vertreibt und das Feuer im Magen mehrt. 

21. Diese Läuterung ist höchst geheim zu halten und bleibt 
selbst für Götter schwer zu erlangen. Durch diese bloße Läute- 
rung allein bekommt man sicherlich einen Götterleib. 

6) 22. bahiskrtam (Fig. 37): Indem man die käki mudrä'^) 
vollbringt, fülle man Wind in den Bauch, halte ihn dort eine 
halbe Nachtwache lang und lasse ihn dann auf halbem Wege 
hinausgehen. Diese Läuterung ist höchst geheim zu halten und 
darf niemals ausposaunt werden. 

1) S. unter mudrä. 



— i8i — 

23. Indem man bis an den Nabel im Wasser steht, ziehe 
man die Sakti-nädt heraus, reinige sie mit beiden Händen, bis 
der Schmutz abgegangen ist, und führe sie dann wieder in den 
Leib ein, nachdem sie abgewaschen worden ist. 

24. Dieses Abwaschen ist geheim zu halten und selbst für 
Götter schwer zu erreichen; durch diese bloße Läuterung allein 
bekommt man sicherlich einen Götterleib. 

25. Solange der Mensch nicht die Fähigkeit hat, den (Atem) 
eine halbe Nachtwache anzuhalten, so lange kommt auch die 
große Läuterung hahiskrtam nicht zustande. 

b) dantadhauti (Gh. I, 26 — 35, Fig. 36, 46, 47, 50, 52): 
Hierzu rechnen die Yoga-Gelehrten nicht nur, wie man aus dem 
Namen schließen könnte, die Reinigung der Zähne, sondern 
auch die der Zunge, der beiden Ohröffnungen und der Stirn- 
vertiefungen. Also: 

27. Man reibe die Zahnwurzeln mit Katechu-Harz^) und 
(oder) reiner Erde, bis man die Unsauberkeit entfernt hat. 

28. Diese Zahnreinigung ist eine wichtige Läuterung für 
die Yogin's bei der Yoga-Praxis. Der Yoga-Kenner vollbringe 
sie beständig, und zwar morgens, zur Erhaltung der Zähne. Sie 
gilt bei den Yogin s viel unter den Handlungen der Säube- 
rung etc. 

29. Nun will ich danach die Vornahme der Reinigung der 
Zunge vortragen. Altern, Sterben, Krankheiten etc. dürfte 
ihre Verlängerung beseitigen. 

30. Man führe drei Finger, Zeige-, Mittel- und Ringfinger 
vereint in den Hals hinein, reibe die Zunge tüchtig und entferne 
nach und nach durch das Reiben die Schleimunsauberkeit. 

31. Man reibe sie immer wieder mit frischer Butter und 
melke sie, nachdem man ihre Spitze mit einem eisernen Instru- 
mente nach und nach immer weiter herausgezogen hat. 

32. Das tue man beständig mit Sorgfalt beim Aufgang und 
Untergang der Sonne ; und wenn das beständig so gemacht wird, 
dürfte die Zunge lang werden. 

33. Die beiden Ohröffnungen reinige man unter Verwendung 
des Zeige- und Ringfingers. Durch beständige, sorgfältige Aus- 



1) Von der Acacia Catechu. 



— l82 — 

fühning bringt man das Erklingen der besonderen (mystischen) 
Töne (im Ohr) hervor. 

34. Mit dem Daumen der rechten Hand reinige man die 
Stirn Vertiefung ; damit beseitigt man bei eifriger Ausführung 
Schädigungen durch den Schleim. Die Gefäße werden dadurch 
rein, und der göttliche Blick entsteht. 

c) hrddhauti (,, Läuterung des Herzens"; Fig. 34, 41, 48). 

35. Tag für Tag, nach dem Schlafen, nach dem Essen und 
am Ende des Tages nehme man die hrddhauti vor, 

36. die dreifach ist, je nachdem es sich um Läuterung mit 
einem Stengel, durch Vomieren oder mit einem Tuche handelt. 

37. Man führe den Stengel einer Musa, der Gelb würz oder 
auch eines Rohres in die Brust ein und ziehe ihn dann langsam 
wieder heraus. 

38. Schleim und Galle, ebenso (andere) ünreinigkeit stößt 
man so auf dem oberen Pfade aus und beseitigt sicher durch die 
Vornahme der Stengelläuterung Herzkrankheiten. 

39. Nach Beendigung des Essens trinke der Verständige 
Wasser, so daß der Mund bis an den Schlund gefüllt ist, richte 
den Blick ein Weilchen nach oben und speie dann das Wasser 
wieder aus. Durch die beständige, sorgfältige Ausführung be- 
seitigt man Schleim und Galle. 

40. Man verschlucke langsam ein vier Daumen breites, 
dünnes Stück Zeug und hole es dann wieder heraus: das wird 
unter den Läuterungsarten genannt. 

41. Gulma, Fieber, Milzsucht, Aussatz, Schleim und Galle 
verlieren sich, Gesundheit, Kraft und Fülle treten ein, wenn man 
das Tag für Tag macht. 

d) Mülasodhana (,, Reinigung des Anus"), Gh. 42 — 44: 

42. Der Abwind ist so lange in Unordnung, als man den 
Anus nicht reinigt ; deshalb nehme man mit aller Sorgfalt die 
Reinigung des Anus vor. 

43. Mit dem Stengel der Milzwurz^) oder mit dem Mittel- 
finger reinige man sorgfältig immer wieder das Pudendum, auch 
mit Wasser. 

44. Man verhütet damit Härte der Eingeweide und ver- 
meidet Indigestion und Dyspepsie; es ist die Veranlassung von 

1) Gelb würz, Curcuma longa. 



- i83 - 

gutem Aussehen und guter Konstitution und entflammt die 
Sphäre des (Verdauungs)feuers. 

Die Lehre von der dhauti ist im Hathayoga viel kürzer 
gefaßt: ,,Man verschlucke langsam ein vier Daumen breites und 
fünfzehn Hand langes angefeuchtetes Stück Zeug auf die vom 
Lehrer vorgeschriebene Weise [d. h. am ersten Tag eine Hand 
lang, am zweiten Tag zwei usw.]. Dann ziehe man dasselbe 
wieder heraus; dies wird die Dhauti-Übung genannt. Husten, 
Asthma, Milzkrankheit, Aussatz und zwanzig Phlegmakrank- 
heiten weichen durch die Macht der Dhauti-Übung. Daran ist 
kein Zweifel." (H. H, 24, 25; bei Walter p. 14.) 

2. Basti (Gh. I, 45 — 49; Fig. 38 und 70). 

45. hasti gilt als zweifach: jalahasti (wässerige hasti) und 
suskahasti (trockene hasti). Die wässerige hasti nehme man im 
Wasser vor, die trockene hasti immer auf dem Trockenen. 

46. Die jalahasti führe man aus, indem man in der utkata- 
Positur den Anus zusammenzieht und ausdehnt, während man 
bis an den Nabel im Wasser steht. 

47. Man verhütet damit Harnkrankheiten, Konstipationen 
und Störungen des Windes; der Leib wird frei, und der Betref- 
fende wird (an Schönheit) dem Liebesgotte gleich. 

48. In der pascimatäna-V osHmt bewege man langsam den 
Unterleib abwärts und ziehe den Anus vermittelst der asvint- 
mudrä zusammen und dehne ihn aus. (Das ist suskahasti.) 

49. Wenn man das sorgfältig ausführt, gibt es keine Störung 
im Unterleibe, man mehrt das Bauchfeuer und behebt Flatulenz. 

H. n, 26 — 28 (bei Walter p. 14 f.) heißt es darüber: ,, Nach- 
dem man ein Rohr in das Rectum eingeführt hat, und während 
man bis zum Nabel im Wasser in der Stellung des Utkutäsana 
verweilt, ziehe man die Anusgegend zusammen ; dieses Waschen 
heißt die Basti-Übung. Gulma, Milzkrankheit, Wassersucht, so- 
wie alle Krankheiten von Luft, Galle und Phlegma werden durch 
die Macht der Basti-Übung vernichtet. Die im Wasser aus- 
geführte Basti-Übung gewährt Ruhe der Körperelemente ^), der 
Sinnesorgane und der Geistesfähigkeiten, Schönheit, helles Auf- 
flackern des Verdauungsfeuers und verhindert die Anhäufung 
sämmtlicher humores." 

1) Chylus, Blut, Fleisch, Fett, Knochen, Mark, Same. 



— 184 — 

3. Neti (Gh. I, 50—51; Fig. 35). 

50. Man führe eine spannlange dünne Schnur in die Nasen- 
löcher und lasse sie dann aus dem Munde herauskommen. Das 
nennt man die neti-Vraktik. 

51. Durch die Ausführung der neti-üandhing erlangt man 
die Zauberkraft khecarl, es schwinden die Störungen des Schlei- 
mes, und man bekommt den göttlichen Bhck (Clairvoyance). 

H. II, 29 — 30 (bei Walter p. 15): ,,Eine recht glatte 
Schnur, eine Spanne lang, stecke man zu einem Nasenloch 
hinein und bringe sie zum Munde wieder heraus. Dies wird von 
den Vollendeten Neti genannt. Neti reinigt den Kopf, verleiht 
einen scharfen Blick und bewältigt die Menge von Krankheiten, 
die oberhalb des Schlüsselbeines entstehen." 

4. Laukiki (Gh. I, 52; Fig. i). 

52. Man lasse mit nicht geringer Geschwindigkeit den Unter- 
leib nach beiden Seiten sich bewegen; dabei behebt man sämt- 
liche Krankheiten und mehrt das Körperfeuer. 

In der Hathayogapradipikä heißt die Praktik Nauli oder 
Naulika und wird II, 33 — 34 (bei Walter p. 16) wie folgt be- 
schrieben: ,,Mit der Schnelligkeit eines raschen Strudels bewege 
man mit gebeugten Schultern den Unterleib nach links und 
rechts. Dies wird von den Vollendeten Nauli genannt. Nauli, 
diese Krone der Übungen des Hatha, bringt in Ordnung das 
Aufflammen eines langsamen Verdauungsfeuers und die weitere 
Verdauung, schafft Wonne und beseitigt (eig. trocknet aus) 
sämtliche Krankheiten der drei humores." 

5. Trätakam (Gh. I, 53—54) Fig. 45). 

53. Man blicke auf ein kleines Ziel, ohne die Augen zu 
schließen oder zu öffnen, bis Tränen kommen : das wird von den 
Weisen trätakam genannt. 

54. Wenn man das sorgfältig ausführt, ergibt sich sicherlich 
die (Zauberkraft) sämbhavl; es schwinden die Augenkrankheiten, 
und es entsteht der göttliche Blick. 

In H. (II, 31 — 32; bei Walter p. 15) ist die Beschreibung 
fast gleichlautend; über den in Aussicht gestellten Lohn heißt 
es: ,,Es verleiht Befreiung von Augenkrankheiten und ist die 



- 185 - 

Türe für (das Fortgehen von) Trägheit usw. Sorgfältig muß 
das Trätaka verheimhcht werden gleich einem Korb, der Gold 
enthält." 

6. Kapälabhäti (Gh. I, 55— 60; Fig. 51). 
55. Mit den Unterarten a) vätakrama, b) vyutkrama und 
c) sttkära führe man die bhälabhäW^) dreifach aus, womit man 
Störungen des Schleimes abwendet. 

a) 56. Man fülle den Mund durch die idä {-Rohre) [das hnke 
Nasenloch] ein und atme ihn durch die pingalä{-RÖhTe) [das 
rechte Nasenloch] aus; dann wieder fülle man ihn durch die 
pingalä ein und durch candra [ = das linke Nasenloch] aus. 

57. Indem man das Einfüllen und Ausatmen vornimmt, 
ohne jedoch durch Hastigkeit (die Luft) zu erschüttern, behebt 
man bei sorgfältiger Ausführung die Störungen des Schleimes. 

b) 58. Man ziehe mit den Nasenlöchern Wasser ein und stoße 
es dann wieder mit dem Munde aus. Indem man dies Trinken 
immer wieder vornimmt, ergibt sich vyutkrama, womit man 
die Störungen des Schleimes beseitigt. 

c) 59. Unter sit-Machen trinke man mit dem Munde 
(Wasser) und stoße es aus den Nasenlöchern wieder aus. So 
wird man bei eifriger Ausführung dem Liebesgotte gleich. (Fig. 7. ) 

60. Der Leib wird frei; man verhütet Störungen des Schlei- 
mes ; es kommt kein Greisenalter, und Fieber entsteht gar nicht. 

H. II, 35 (bei Walter p. 16) heißt es darüber: ,, Gleich dem 
Blasbalg eines Schmiedes atme man hastig aus und ein. Dies 
wird Kapälabhäti genannt und beseitigt die Phlegmakrank- 
heiten." 

3. Die Posituren (äsana). 
Kein Geringerer als Gott Siva selbst soll die Posituren ge- 
lehrt haben, und zwar nicht weniger denn 8 400 000 Stück, wie 
wir aus Gh. II, i und dem Goraksasatakam 9 (bei^^Walter p. 6) 
erfahren. Ihre Zahl entspricht derjenigen der Lebewesen auf 
Erden. Von diesen 8 400 000 gelten nur 84 als die besten, und 
nur 32 davon werden Gh. II, 2 als der Menschheit heilbringend 
bezeichnet und ebendort 3 — 6 kurz namhaft gemacht, während 
die eingehende Beschreibung von 7 — 45 reicht. 

1) Des Metrums wegen synonymisch für kapälabhäti gebraucht. 



— i86 — 

I. Siddhäsana (die vollkommene Positur; Fig. 2). 

Indem man unbeweglich, die Sinnestätigkeit konzentrierend 
und mit starrem Blick den Raum zwischen den Augenbrauen 
fixierend (dasitzt), presse man das eine Fußende fest an die 
Stelle des Perinaeum, den andern Fuß lege man auf den Penis 
und setze das Kinn auf die Herzgegend. Dies heißt die siddha- 
Positur, die die Torflügel zur Erlösung sich öffnen macht. 
(Gh. II, 7, fast wörtlich mit H I, 35 übereinstimmend.) 

H. I, 36 — 41 (bei Walter p. 6/7) fährt fort: ,, Dasselbe nach 
anderer Meinung: Man lege den linken Fußknöchel über den 
Penis und über diesen den anderen Fußknöchel; dies ist Sid- 
dhäsana. 

37. Dies nennen einige Siddhäsana, andere Vajräsana, 
Muktäsana und Guptäsana. 

38. Gleichwie die Vollendeten unter den Yama zuerst die 
Mäßigkeit im Essen nennen, unter den Niyama die Ahimsä (die 
Schonung lebender Wesen), so kennen sie unter allen Äsana als 
erstes einzig das Siddhäsana. 

39. Von den 84 Äsana soll man stets das Siddhäsana üben, 
welches die 72 000 Nädi's von Unreinigkeiten säubert. 

40. Wenn ein Yogin zwölf Jahre lang über die Allseele 
(ätman) nachdenkt und Mäßigkeit im Essen übt, so erlangt er 
durch fortwährendes Üben des Siddhäsana die Vollendung. 

41. Was sollen die vielen andern Äsana, wenn einmal das 
Siddhäsana geglückt ist, wenn bei sorgfältigem Kevalakum- 
bhaka der Atem gehemmt wird? 

2. Padmäsana (die Lotus-Positur; Fig. 2). 
Man lege den rechten Fuß auf den linken Schenkel und 
ebenso den linken Fuß auf den rechten Schenkel mit der Rück- 
seite i), ergreife mit beiden Händen in bekannter Weise fest die 
beiden großen Zehen, lege das Kinn auf die Herzgegend und 
betrachte die Nasenspitze: das nennt man das Padmäsana, 
welches Krankheiten und Untergang behebt. (Gh. II, 8; fast 
identisch mit H. I, 44.) 



1) So nach dem Kommentare des Brahmänanda zur Hathayogapra- 
dipikä, der pascimena bhägena prsthabhägeneti hat und das folgende vi- 
dhinä zum Nächsten zieht; Walter übersetzt pascimena vidhinä mit „nach 
der letzten Regel", was wohl nicht richtig ist. 



- i87 - 

H. I, 45/46 (bei Walter p. jß) gibt auch noch eine ab- 
weichende Beschreibung nach Matsyendranätha, die folgender- 
maßen lautet: ,,Man strecke die Füße aus, so daß die Schenkel 
mit Gewalt zusammengedrückt werden, lege die Hände aus- 
gestreckt auf die Mitte der Schenkel (und zwar so, daß die flache 
rechte Hand auf die flache linke zu liegen kommt, Kom.); dann 
richte man die Augen auf die Nasenspitze, lege die Zunge an 
die Wurzel der beiden oberen (vordersten) Schneidezähne, 
drücke das Kinn auf die Brust und lasse den Atem langsam 
heraus. 

47. Diese ist das Padmäsana, das alle Krankheiten ver- 
nichtet. Es ist nicht für jeden leicht ausführbar, wird aber von 
den Weisen auf Erden schon erlangt." 

3. Bhadräsana (die edle Positur; Fig. 4). 

Man (lege) die Fersen aufmerksam kreuzweise unter die 
Testikeln, halte die großen Zehen mit beiden Händen auf dem 
Rücken fest uad blicke, nachdem man (vorher) die jälamdhara- 
mudrä eingenommen hat, auf die Nasenspitze. Das ist die 
bhadra-Positur, die alle Krankheiten vernichtet. (Gh. II, 10.) 

H. I, 53 — 55 (bei Walter p. 9): ,,Man lege die Fußknöchel 
unter das scrotum an die beiden Seiten des fraenum praeputii, 
den linken Fußknöchel an die linke Seite, den rechten an die 
rechte ; 

54. und die Füße, die an den Seiten ruhen, fasse man fest 
und unbeweglich mit den Händen; dies ist das Bhadräsana, das 
alle Krankheiten vernichtet. 

55. Vollendete Yogin's nennen dies auch Goraksäsana." 

4. Muktäsana (die freie Positur; Fig. 5). 

Man lege den linken Knöchel an die Aftergegend und den 
linken darüber, während Körper, Kopf und Hals eine gerade 
Linie bilden. Das ist die Zauberkräfte verleihende mukta- 
Positur. (Gh. II, 11.) 

In H. fehlt diese Positur. 

5. Vajräsana (Zement-Positur; Fig. 6). 

Indem man die beiden Beine (fest) wie Zement mit den 
beiden Unterschenkeln neben den Anus setzt, ist dies die vajra- 
Positur, die den Yogin's Zauberkräfte verleiht. (Gh. II, 12; 
fehlt in H.) 



— i88 — 

6. Svastikäsana (die glückverheißende Positur ; Fig. 8). 
Der Yogin lege beide Fußsohlen zwischen Knie und Schen- 
kel, wobei er mit geradem Körper dasitzt, das nennt man 
svastikam. (Gh. II, 13; fast identisch mit H. I, 19.) 

7. Sirnhäsana (die Löwen-Positur; Fig. 9.) 

Man lege die beiden Knöchel, indem sie nach oben ge- 
richtet werden, kreuzweise unter das scrotum, die Hände, 
auf der Erde befindlich, tue man auf die Kniee, halte den Mund 
geöffnet und blicke unter der Ausführung der jälamdhara-mudrä 
auf die Nasenspitze. Das ist die Löwen-Positur, die alle Krank- 
heiten vernichtet. (Gh. II, 14 — 15.) 

Bei H. I, 50 — 52 (Walter p. 8) lautet die Beschreibung: 
,,Man lege die Fußknöchel unter das scrotum an die beiden 
vSeiten des fraenum praeputii, und zwar den linken Knöchel an 
die rechte Seite, den rechten an die linke. 

51. Die Hände lege man auf die Knie und strecke die Finger 
aus; mit geöffnetem Munde (und heraushängender Zunge, 
Kom.) vertiefe man sich in den Anblick der Nasenspitze. 

52. Dies ist das Sirnhäsana, gerühmt von den hervorragend- 
sten Yogin; und dieses vorzüglichste Äsana verhilft zur Aus- 
führung der drei Bandha." 

8. Gomukhäsana (Kuhgesicht-Positur; Fig. 10). 

Nachdem man die beiden Füße auf die Erde gesetzt hat, 
bringe man sie bei fester Körperhaltung nach der Rückseite. 
Dies ist gomukha (Kuhgesicht), weil es das Aussehen eines Kuh- 
gesichtes hat. (Gh. II, 16.) 

In H. I, 20 (bei Walter p. 3) heißt es: ,,Man lege den 
rechten Fußknöchel auf die linke Seite des Rückens und den 
linken auf die rechte ..." 

9. Viräsana (Helden-Positur; Fig. 11). 

Man lege den einen Fuß so, daß er auf dem einen Schenkel 
ruht; ebenso danach auf den andern i); das gilt als die Helden- 
Positur. (Gh. II, 17.) 

H. I, 21 liest fast genau so wie Gh., hat aber statt des 
fascäd der letzteren corum, so daß die Übersetzung nun lautet 

1) Chandra Vasu übersetzt das itarasmims tathä pascäd des Textes 
mit ,,the other foot to be turned backwards", was unmöglich ist. 



— i89 — 

(bei Walter p. 3): ,,Man lege einen Fuß auf den einen Schenkel, 
und den andern Schenkel auf den andern Fuß ..." 

10. Dhanuräsana (Bogen-Positur ; Fig. 12). 

Man strecke die beiden Beine auf dem Fußboden in Form 
eines Stockes aus, erfasse das Fußpaar hinten mit den Händen 
und strecke den Leib ähnlich wie einen Bogen, so wird dies die 
Bogen-Positur genannt i). 

H. I, 25 dem Sinne nach damit identisch: ,,Mit den Händen 
erfasse man die großen Zehen und spanne den Bogen bis zum 
Ohr . . . d. h. die eine Hand strecke man aus, und die andere ziehe 
man bis zum Ohr hinauf" (Walter p. 4). 

II. Saväsana (Toten-Positur; Fig. 13). 

Das Ruhen auf dem Erdboden mit nach oben gerichtetem 
Antlitz wie ein Leichnam ist die Toten-Positur. Sie benimmt die 
Ermüdung und bewirkt Ausruhen des Geistes (Gh. II, 19; fast 
genau übereinstimmend mit H. I, 32 = Walter 32). 

12. Guptäsana (die versteckte Positur; Fig. 14.) 

Man bringe die beiden Füße zwischen Knie und Schenkel, 
verberge (auf diese Weise) die Füße und setze den Anus auf die 
Füße, so kennt man dies als die versteckte Positur. (Gh. II, 20; 
fehlt in H.) 

13 Matsyäsana (die Fisch-Positur). 

Man nehme die Lotuspositur ein mit Weglassung (der 
Armkreuzung), lagere sich mit dem Gesicht nach oben und stütze 
den Kopf mit den Ellbogen: das ist die Krankheiten tötende 
Fisch-Positur. (Gh. II, 21; fehlt in H.) 

14. Matsyendräsana (die Positur nach Matsyendra; 

Fig. 17). 
Man steht da, indem man den Bauch wie die Rückseite zu 
behandeln sich bemüht (?), lege den linken Fuß unter Krüm- 
mung des Körpers auf das rechte Knie und dahin den rechten 
Ellbogen, sowie das Gesicht auf die rechte Hand, während der 



1) Das Sanskrit dieser Strophe ist schrecklich, resp. der Herausgeber 
hat flüchtig gearbeitet. Statt des sinnlosen nigadya yogi muß die in die 
Noten versetzte Lesart nigadyate vai genommen werden. 



— 190 — 

Blick zwischen die Augenbrauen gerichtet ist. Diese Sitzweise 
heißt die des Matsyendra. (Gh. II, 22/23.) 

In H. I, 26/27 (bei Walter p. 4) haben wir eine ,, Positur 
nach Matsyanätha", die offenbar derjenigen nach Matsyendra 
entsprechen soll: ,,Man ergreife den rechten an die Wurzel des 
linken Schenkels gebrachten Fuß (mit der linken Hand, Kom.) 
und den linken an die Außenseite des rechten Knies gelegten 
Fuß (mit der rechten Hand, Kom.) und drehe den Körper (die 
linke Seite nach vornen, Kom.); dies ist das von Srimatsyanätha 
gelehrte Äsana. 

27. Das Matsyendräsana facht das Verdauungs teuer an, 
verleiht den Menschen eine Waffe zur Bekämpfung der Schar 
heftiger Krankheiten ..." 

15. Goraksäsana (die Positur nach Goraksa^) ; Fig. 16). 

Man lege die Füße nach oben gerichtet und sichtbar ge- 
stellt (?)^) zwischen Knie und Schenkel, bedecke die Knöchel 
sorgsam mit den Händen, deren Rücken nach oben gerichtet ist, 
ziehe den Hals zusammen und blicke auf die Nasenspitze: das 
nennt man die Goraksa-Positur, die den Yogin's Zauberkräfte 
verleiht. (Gh. II, 24 — 25; fehlt in H.) 
16. Pascimottänäsana (die Positur ,, Rücken nach oben"; 

Fig- 15). 
Man strecke die beiden Füße stockgleich auf dem Boden aus, 

wobei die Stirn mitten auf das Kniepaar gelegt wird, und halte 
die Füße sorgsam mit den Händen. Diese Sitzweise der Yogin- 
Fürsten nennt man Pa^cimottäna. (Gh. II, 26.) 

In H. I, 28/29 (bei Walter p. 5) heißt diese Positur Pasci- 
matäna: ,,Wenn man die Füße gleich Stöcken auf dem Boden 
ausstreckt, mit den Händen die beiden Fußspitzen ergreift und 
die Stirn auf die Kniee legend (in dieser Stellung) verweilt, so 
nennt man dies Pa^cimatäna. 

29. Dieses unter den Äsana hervorragende Pascimatäna 
macht, daß der Atem durch Pa^cima geht, befördert die Ver- 
dauung und bringt bei den Menschen Magerkeit des Bauches und 
Gesundheit hervor." 

1) Goraksa erscheint H I, 4 und 5 als berühmter Lehrer im Hathayoga. 

2) vyaktasamsthitau. Der englische Übersetzer hat ,,placed in a hid- 
den way". 



— 191 — 

17- Utkatäsana (die hohe Positur; Fig. i8)i). 

Mit den beiden großen Zehen stütze man sich auf die Erde; 
die Knöchel sind in der Luft, während man den Anus darauf- 
legt. Das muß man als utkatäsana erkennen. (Gh. II, 27.) 

Dieselbe Beschreibung, aber in Prosa und kürzer, gibt 
Brahmänanda in seinem Kommentare zu H. II, 26. 

18. Sarnkatäsana (die gefährliche Positur; Fig. 19). 
Man setze den hnken Fuß und das Kniestück auf den Erd- 
boden, umschlinge den linken Fuß mit dem rechten Fußstock 
und (lege) das Handpaar auf das Kniepaar. Das ist die gefähr- 
liche Positur. (Gh. II, 28. Fehlt in H.) 

19. Mayüräsana (die Pfauen-Positur; Fig. 20). 

Man stütze beide Hände 2) auf die Erde, wobei man die 
Nabelgegend auf die Ellbogen setzt, und sitze aufrecht, gerade 
wie ein Stock. Diese Sitzweise nennt man die Pfauen-Positur. 
Hat man eine Menge schlechte Nahrung genossen, so verwandelt 
sie die hehre Pfauen-Positur restlos in Asche; sie erzeugt das 
Verdauungsfeuer, hilft (selbst) das kälaküta(-Gift) verdauen, be- 
seitigt schnell alle Krankheiten wie Gulma, Fieber etc. und läßt 
die Störungen in den humores weichen. (Gh. II, 29/30; fast 
identisch mit H. I, 30/31, bei Walter p. 5. Letzterer liest statt 
Fieber Wassersucht). 

20. Kukkutäsana (die Hahnen-Positur; Fig. 21). 

Wenn man in der Lotussitzung begriffen die beiden Hände 
zwischen Knie und Schenkel (bringt) und auf den Ellbogen 
ruhend hoch dasitzt, so ist dies die Hahnen-Positur. (Gh. II, 31.) 

Etwas abweichend H. (I, 23, bei Walter p. 4): , »Während 
man in der Stellung des Padmäsana verweilt, bringe man die 
Hände zwischen Knie und Schenkel und stütze sie dann auf den 
Boden ..." 

21. Kürmäsana (die Schildkröten-Positur; Fig. 22). 

Wenn man die beiden Knöchel energisch in beliebiger Reihen- 
folge unter das scrotum (drückt), wobei Körper, Haupt und 
Hals gerade sind, so nennt man das die Schildkröten-Positur. 
(Gh. II, 32. ) 

1) H II, 26 soll nach Walter p. XXX utkutäsana stehen und , »hockend, 
kauernd" bedeuten. Meine Ausgabe (Bombay 1893) liest aber utkata. 

2) Die gute Lesart karadvayena, die auch H. hat, steht natürlich 
wieder in den Noten, während der Text metrisch falsch karataläbhyäm liest? 



— 192 — • 

H. I, 22 (bei Walter p. 4) heißt es: ,, Energisch versperre 
man mit den beiden Fußknöcheln in behebiger Reihenfolge den 
anus ..." 

22. Uttänakürmäsana (Positur der ausgestreckten Schild- 
kröte; Fig. 23). 

Man nehme die Hahnen-Positur ein, halte den Nacken mit 
beiden Händen fest und liege ausgestreckt wie eine Schildkröte. 
Das ist die Uttänakürma-Positur. (Gh. II, 33 ^ H. I, 24; bei 
Walter p. 4.) 

23. Mandükäsana (die Frosch-Positur; Fig. 24). 

Man bringe die Fußsohlen nach dem Rücken und berühre 
beide große Zehen, wobei man das Kniepaar nach vorn bringt: 
damit führt man die Frosch-Positur aus. (Gh. II, 34.) 

Fehlt in H. wie alle folgenden Posituren. 
24. Uttänamandükäsana (die Positur des ausgestreckten 

Frosches; Fig. 25). 

Man nehme die Froschstellung ein, halte den Kopf mit 
den Ellbogen und liege ausgestreckt wie ein Frosch: das ist die 
Positur Uttänamandüka. (Gh. II, 35.) 

25. Vrksäsana (die Baum-Positur; Fig. 26). 

Man setze den rechten Fuß auf die Wurzel des linken 
Schenkels und stehe auf der Erde wie ein Baum : das kennt man 
als die Baum-Positur. (Gh. II, 36). 

26. Garudäsana (die Positur des Garuda^); Fig. 27). 

Man presse den Erdboden mit den Ober- und Unterschenkeln, 
stütze den Kopf fest mit den beiden Knien und lege das Hände- 
paar auf die Kniee: das heißt Garuda-Positur. (Gh. II, 37.) 
27. Vrsäsana (die Stier-Positur; Fig. 28). 

Man setze das perinaeum auf den rechten Knöchel, auf die 
linke Seite den andern Fuß und berühre den Boden umgekehrt, 
so ist das die Stier-Positur. (Gh. II, 38.) 

28. Salabhäsana (die Eidechsen-Positur; Fig. 29). 

Wenn man mit dem Gesicht nach unten daliegt, das Hände- 
paar auf der Brust, während man sich mit den Handtellern auf 
die Erde stützt und die Füße in der Luft und zwar eine Elle 
hoch sind, so nennen die Fürsten unter den Heiligen diese Sitz- 
weise ,, Eidechse". (Gh. II, 39.) 

1) Garuda ist der Vogel, auf dem Visnu reitet. 



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— 193 — 

29- Makaräsana (die Delphin-Positur; Fig. 30). 

Wenn man mit dem Gesicht nach unten dahegt, die Herz- 
gegend auf die Erde legt, die Füße ausgestreckt werden und man 
den Kopf im Armpaar hält, so ist das die Delphin-Positur, die 
das Körperfeuer anfacht. (Gh. II, 40.) 

30. Usträsana (die Kamel-Positur; Fig. 31). 

Wenn man mit dem Gesicht nach unten daliegt, das Fuß- 
paar hochrichtet, auf den Rücken legt und mit beiden Händen 
festhält und die Haut des Unterleibes tief einzieht, so nennen 
die Yogin's diese Sitzweise die des Kameles. (Gh. II, 41.) 

31. Bhujamgäsana (die Schlangen-Positur; Fig. 32). 
Man lege die Füße etc. bis zum Nabel nieder auf die Erde 

und halte sich mit den Handflächen an dem Fußboden an, 
während man den Kopf wie eine Schlange aufrichtet. Es wächst 
dadurch beständig das Körperfeuer, es schwinden alle Krank- 
heiten, und es wacht infolge der Ausführung der Schlangen- 
Positur die Göttin Schlange^). (Gh. II, 42 — 43.) 

32. Yogäsana (die Versenkungs-Positur; Fig. 33). 
Man richtet die Beine nach oben, setzt sie auf die Knie, 

setzt das Händepaar mit dem Handrücken nach oben auf den 
Sitz, zieht den Atem vermittelst des püraka ein und blickt die 
Nasenspitze an. Das ist die Versenkungs-Positur der Yogin's 
bei der Ausführung der Versenkung. (Gh. II, 44 — 45.) 

Nach H. I, 17 (bei Walter p. 3) machen die Posituren den 
ersten Teil des Hathayoga aus und bewirken Ruhe, Gesundheit 
und Leichtigkeit der Glieder. 

Die Lehre von den mudrä's. 

Die mudrä genannten Übungen unterscheiden sich bei aller 
äußerlichen Ähnlichkeit mit den ,, Posituren" von diesen doch 
dadurch, daß sie ein wichtiges Hilfsmittel bei der Atemgym- 
nastik bilden, während diese nur vorbereitend, als Training 
wirken. Eine Übersetzung des Kunst ausdrucks zu finden dürfte 
schwer halten; Walter hat dafür p. XXXII ,,eine Art von 
Atemübungen im Yoga", ohne damit den Begriff zu erschöpfen. 
Wir müssen jedenfalls bei der Lektüre der verschiedenen De- 
finitionen — zehn bei H., fünfundzwanzig bei Gh. — immer im 

1) Die kundall genannte Präna-^akti. 
Schmidt, Fakire und Fakirtum. I3 



— 194 — 

Auge behalten, daß es sich hier um Praktiken handelt, die aus- 
schließlich der Atemtechnik zugute kommen sollen. Selbst- 
verständlich gehören auch sie zu den Dingen, die wunderbare 
Kräfte verleihen und nicht ausposaunt werden dürfen, was 
H. III, 8/9 so ausgedrückt wird: ,, Diese von Siva verkündigten 
wunderbaren Übungen, welche die acht übernatürlichen Kräfte 
verleihen, bei aUen Vollendeten besonders beliebt und selbst 
von den Marut's schwer zu erreichen sind, müssen sorgfältig 
geheim gehalten werden gleich einem Juwelenkorbe; wie über 
den Liebesgenuß mit einem Weib aus guter Familie soU man 
gegen andere darüber nicht sprechen." 

I. Mahämudrä (Gh. III, 6—8; H. III, lo— 18). 

Man presse die Anus-Gegend fest und sorgfältig an den linken 
Knöchel, strecke den rechten Fuß aus, halte die große Zehe in 
der Hand, ziehe die Kehle zusammen, blicke zwischen die Augen- 
brauen und fülle die Luft vermittelst der Einatmungen ein. 
Das heißt mahämudrä. 

Sie beseitigt bei der Ausführung Schwindsuchtshusten, 
Konstipation, Milzsucht, Indigestion, ebenso Fieber und (über- 
haupt) alle Krankheiten. 

In H. III, 15 wird anempfohlen, diese Übung erst mit der 
linken Seite des Körpers und dann auch mit der rechten aus- 
zuführen, bis die Anzahl der Übungen auf beiden Seiten gleich 
ist; unter den vielen Wirkungen wird auch erwähnt, daß selbst 
schreckliches Gift eingenommen wie Ambrosia verdaut wird. 

2. Nabhomudrä (Gh. III, 9; fehlt in H.; Fig. 42). 
Wo auch immer der Yogin weilen mag, immer, bei aUen 
Handlungen soll er die Zunge nach oben strecken und den Atem 
anhalten. Das ist die nabhomudrä, die den Yogin's die Krank- 
heiten vernichtet. 

3. Uddiyänamudrä oder °bandha (Gh. III, lo/ii; H. III, 

55—60; Fig. 43). 
Man führe am Bauche oberhalb des Nabels^) den pasci- 
matäna^) aus. Weil infolgedessen der große VogeP) unermüd- 



1) Auch unterhalb: s. die entsprechende Stelle in H! 

2) S. unter den Posituren Nr. 16. 

3) Bezeichnung für Atem. 



— T95 — 

lieh auffliegt,^) ist dies der uddiyäna-bandha, der Löwe für den 
Elefanten Tod. Vor jedem anderen bandhana [ = mudrä] ist 
das uddiyäna ausgezeichnet; wenn man uddiyäna gehörig aus- 
führt, ergibt sich die Erlösung ganz von selbst. 

In H. (bei Walter p. 29) heißt es darüber: Weil durch 
diesen Bandha der in der Susumnä gebundene Atem auffliegt, 
wird derselbe von den Yogin Uddiyäna genannt. 

56. Wodurch der große Vogel (d. h. der Atem) unermüdlich 
auffliegt, das ist Uddiyäna; hier wird es Bandha genannt. 

57. Am Bauch führe man sowohl oberhalb des Nabels (als 
auch unterhalb, Kom.) den Pascimatäna aus (d. h. man ziehe 
an diesen Stellen den Bauch ein). Dies ist der Uddiyänabandha, 
der den Todeselephanten abhält. 2) 

58. Wer dieses dem Lehrer speziell gehörende und immer 
von ihm gelehrte Uddiyäna fortwährend übt, wird, selbst wenn 
er alt ist, wieder jung. 

59. Oberhalb wie unterhalb des Nabels übe man fleißig den 
Täna sechs Monate lang, so wird man sicher den Tod besiegen ..." 

4. Jälandhara (Gh. III, 12 — 13; H. III, 70 — 73; Fig. 49). 

Man drücke den Hals zusammen, indem man das Kinn auf 
die Herzgegend legt. Ist der Jälandhara-bandha ausgeführt, so 
findet eine Verbindung der sechzehn ädhära's statt ^); auch ist 
die Jälandhara-mudrä die Vemichterin des Todes. Der voll- 
endete Jälandhara verleiht den Yogin 's Vollendung; wer ihn 
sechs Monate ausführt, ist ohne Zweifel ein Vollendeter. 

H. (bei Walter p. 31): ,,.... Er versperrt die Menge der 
Nädi's und hält den abwärtsgehenden Soma^) auf. Daher heilt 
der Jälandhara-bandha auch die Menge der Halsübel. 

72. Wenn der Jälandhara mit seinem charakteristischen 
Zusammendrücken des Halses vollbracht ist, so fällt kein Soma 
ins Feuer, und der Atem wird nicht unruhig. 

1) uddänam kurute. 

2) Hier irrt Walter; meine Ausgabe wenigstens liest wie Gh. mrtyu- 
mätangakesari, was echt indisch gesagt ist: der Tod wird dabei mit einem 
Elefanten, der bandha mit einem Löwen verghchen, der als der grimmigste 
Feind des Elefanten gilt. 

3) S. die Definition von H! 

*) Die aus dem Nasenrachenraum sich absondernde Feuchtigkeit. 

13* 



— 196 — 

73- Durch das Zusammendrücken des Halses schließt man 
bei dem Jälandhara^) fest die beiden Nädi's (Idä und Pingalä). 
Das Cakra, in welchem dies geschieht, heißt Madhyacakra und 
ist die Verbindung der sechzehn Ädhära^)." 
5. Mülabandha (Gh. III, 14 — 17; H. III, 61 — 69; Fig. 53). 

Man (drücke) die Ferse des linken Fußes gegen das peri- 
naeum und ziehe es zusammen; dann presse man verständig 
den Nabelknoten sorgfältig gegen das Schienbein^) und stelle 
eine feste Verbindung des Penis mit dem rechten Fußknöchel 
her. Diese das Alter vernichtende mudrä wird als mülabandha 
bezeichnet. Der Mann, welcher über das Meer der Wiederge- 
burten zu fahren verlangt, soll diese mudrä, in der Einsamkeit 
wohl verborgen, ausüben. Infolge der Ausführung dieses bandha 
ergibt sich sicherlich Vollkommenheit des Atemwindes: daher 
möge man das mit Eifer, schweigend und unter Vermeidung von 
Lässigkeit ausüben. 

H. (bei Walter p. 30): ,,Mit der Ferse das perinaeum 
drückend, ziehe man den anus zusammen und bringe den 
Apäna aufwärts . . . 

62. Den abwärtsgehenden Apäna bringt man mit Gewalt 
zum Aufwärtsgehen durch Zusammendrücken . . . 

63. Den anus mit der Ferse drückend presse man mit Ge- 
walt verschiedene Male den Atem zusammen, so daß die Luft 
wieder und wieder aufwärts geht ..." 

6. Mahäbandha (Gh. III, 18—20; H. III, 19—25; 

Fig- 54)- 
Man verschließe die Öffnung des anus mit dem Knöchel 

des linken Fußes, drücke mit Sorgfalt verständig diesen Knöchel 
mit dem rechten Fuße, bewege ganz langsam die Ferse, ziehe 
langsam das perinaeum zusammen und halte den Atem ver- 
mittelst Jälandhara an. Das wird als Mahäbandha bezeichnet. 
Er ist der höchste bandha; er vernichtet Alter und Sterben; 
kraft dieses bandha bringt man alles Erwünschte zustande. 



1) So die genaue Übersetzung nach dem Kommentare. 

2) Große Zehe, Fußknöchel, Knie, Schenkel, fraenulum praeputii, puden- 
dum, Nabel, Herz, Nacken, Hals, uvula, Nase, die Stelle zwischen den 
Augenbrauen, Stirne, Scheitel, Brahmarandhra. 

3) So nach der englischen Übersetzung; merudande im Urtexte. 



— 197 — 

H. (bei Walter p. 24): ,,Die Ferse des linken Fußes drücke 
man an das perinaeum, zugleich lege man den rechten Fuß auf 
den linken Schenkel. 

20. Man atme ein, drücke das Kinn fest auf die Herz- 
gegend, drücke den Atem zusammen und konzentriere den Geist 
auf die Mitte ( = susumnä, Kom.). 

21. Nachdem man den Atem so lange als möglich an- 
gehalten hat, atme man langsam wieder aus. Wenn man dies 
auf der linken Seite geübt hat, übe man es auch auf der rechten ." 
7. Mahävedha (Gh. III, 21 — 24; H. III, 25 — 31; Fig. 55). 

Wie die Schönheit, Jugend und Anmut der Frauen ohne 
Mann (nutzlos) sind, so auch Mülabandha und Mahäbandha 
ohne Mahävedha. Im Mahäbandha befindlich vollbringe man 
den Uddänakumbhaka. Dies nennt man den Mahävedha, der 
den Yogin's Vollendung verleiht. Der Yogin, der Tag für Tag 
Mahäbandha und Mülabandha in Verbindung mit Mahävedha aus- 
führt, versteht sich am besten auf den Yoga. Er hat keine Furcht 
vor dem Tode ; das Alter kommt nicht zu ihm. Gar sorgfältig ist 
dieser Bandha von den trefflichsten Yogin's geheim zu halten. 

H. (bei Walter p. 25): ,,Wie ein mit lieblicher Gestalt aus- 
gestattetes Weib ohne Mann, so sind auch Mahämudrä und 
Mahäbandha fruchtlos ohne Vedha. 

27. Die beiden Hände flach auf den Boden stützend, 
schlage man (mit der Ferse, Kom.) langsam die beiden Hinter- 
backen; ist nun der Atem über die beiden Gefäße (Candra und 
Sürya) hinausgekommen, so wird er sich in der Mitte (Susumnä) 
weiterbewegen. 

29. Dieser Mahävedha verleiht, wenn man ihn übt, großen 
Erfolg; als Mittel gegen Runzeln, graue Haare und Zittern wird 
er von den ausgezeichnetsten Yogin verehrt. 

30. Diese drei sollen sehr geheim gehalten werden; sie ver- 
nichten Alter und Tod, vermehren das Verdauungsfeuer und ver- 
leihen übernatürliche Kräfte wie Animä usw. 

31. Diese Übungen sollen täglich ausgeführt werden, acht- 
mal alle drei Stunden; sie verleihen (dem Übenden) großes Ver- 
dienst, und wenn sie anfangs mit Maß ausgeführt werden, ver- 
nichten sie immer eine Menge von Sünden bei denen, welche die 
richtige Methode besitzen." 



— 198 — 

8. Khecari (Gh. III, 25—32; H. III, 32 ff; Fig. 56). 

Man schneide das Gefäß unterhalb der Zunge ein, bewege 
sie beständig, melke sie mit frischer Butter und ziehe sie mit 
einem eisernen Instrumente (lang). 

26. Indem man das beständig so ausführt, wird die Zunge 
verlängert, bis sie zwischen die Augenbrauen reicht: dann ist 
die Khecari fertig. 

27. Dann lasse man die Zunge ganz allmählich an den 
Gaumen sich anlegen, bis die Zunge, verkehrt gerichtet, in die 
Schädelhöhle eindringt, wobei der Blick zwischen die Augen- 
brauen gerichtet ist. Das ist die mudrä Khecari. 

28. (Dann) gibt es keine Ohnmacht, keinen Hunger, keinen 
Durst, keine Lässigkeit, keine Krankheit, nicht Alter noch Tod ; 
man bekommt einen Götterleib; 

29. Der Körper wird nicht vom Feuer verbrannt, der Wind 
trocknet ihn nicht aus, die Wasser feuchten ihn nicht, keine 
Schlange beißt ihn. 

30. Anmut stellt sich am Körper ein, Samädhi ergibt sich 
sicherlich; die Zunge kostet Nektar an der Vereinigung (sst eile) 
von Mund und Schädel; 

31. dann Tag für Tag die Wonne, die sich aus den ver- 
schiedenen Geschmacksarten ergibt : zuerst salzigen und scharfen, 
danach bittern und zusammenziehenden; 

32. frische Butter, Thee, Milch, saure Milch, Buttermilch, 
Honig, den Geschmack von Weinbeeren; und schließlich ent- 
steht Nektar-Geschmack auf der Zunge. 

H. (bei Walter p. 26): ,,Die umgebogene Zunge wird in 
die Rachenhöhle gebracht, der Blick auf die Stelle zwischen den 
Augenbrauen gerichtet, so entsteht die Khecari. 

33. Durch Schneiden, Hinundherbe wegen und Melken ver- 
längere man nach und nach die Zunge. Wenn man dann im- 
stande ist, damit die Stelle zwischen den Augenbrauen zu be- 
rühren, so ist die Khecari (resp. die Vorbereitung dazu) voll- 
bracht. 

34. Man nehme ein sehr scharfes, glattes, reines Messer, 
gleich einem Euphorbia-Blatt imd mache damit einen haar- 
breiten Einschnitt. 



— 199 — 

30. Dann reibe man die Stelle mit Pulver aus Steinsalz und 
Terminalia ein, und nach sieben Tagen mache man wieder einen 
haarbreiten Einschnitt. 

36. Auf diese Weise verfahre man beständig darauf be- 
dacht sechs Monate lang; nach sechs Monaten ist das sehnen- 
artige Band der Zungen wurzel (das Zungenband) verschwunden. 

37. Nachdem man die Zunge rückwärts gebogen hat, bringe 
man sie mit dem Dreipfad (tripatha)^) in Berührung . . . 

38. Mit der Zunge aufwärts gerichtet (d. h. in der Höhlung 
oberhalb des Gaumens, Kom.) verweile man einen halben 
Kshana ( = 2 Min.) lang. Der Yogin wird auf diese Weise von 
Gift, Krankheit, Tod, Alter usw. befreit. 

39. Derjenige, welcher mit der Khecari Mudrä vertraut ist, 
kennt nicht Krankheit, Tod, Erschöpfung, Schlaf, Hunger, 
Durst, Ohnmacht. 

40. Wer die Khecari kennt, wird von Krankheit nicht ge- 
plagt, vom Karma nicht befleckt, vom Tode nicht getötet . . . 

42. Wer durch die Khecari die Höhlung oberhalb der uvula 
versiegelt hat, von dem geht kein Tropfen verloren, wie von 
einem Mann, der von seiner Geliebten umfangen ist ..." 

9. Viparitakarani (Gh. HI, 33 — 36, H. HI, 79 — 82; 

Fig. 57)- 

Die Sonne wohnt in der Nabelgegend, der Mond an der 
Gaumenwurzel. Die Sonne verschlingt den Nektar, und daher 
kommt der Mensch in die Gewalt des Todes. 

34. Man bringe die Sonne nach oben und führe den Mond 
nach unten : das ist die mudrä Viparitakarani, die in allen Tantra- 
Schriften geheim gehalten wird. 

35. Man stelle den Kopf auf die Erde und ebenso das Hände- 
paar, und verweile aufmerksam mit hochgerichteten Beinen, 
standhaft. Das gilt für Viparitakarani. 

36. Man vollbringe diese mudrä beständig ; dann vernichtet 
man Alter und Tod, wird vollendet unter allen Menschen und 
kommt selbst beim Weltuntergange nicht in Not. 

H. (bei Walter p. 32): ,,Der oberhalb des Nabels befind- 
liche Bhänu [die Sonne] sei oben, der unterhalb des Gaumens 



1) Die Stelle, wo die drei großen Hauptröhren zusammentreffen. 



— 200 



befindliche Sasin [Mond] sei unten. Diese Viparita genannte 
Übung ist durch die Anweisung des Lehrers zu erlernen. 

80. Dem, der beständig auf die Übung bedacht ist, vermehrt 
sie das Verdauungsfeuer. Der Übende soll reichliche Nahrung 
bekommen. 

81. Hat er nur geringe Nahrung (zu sich genommen), so 
brennt das Feuer bloß kurze Zeit. Mit dem Kopfe nach unten 
und den Füßen nach oben bleibe er am ersten Tag einen Kshana 
(= 4 Min.) lang. 

82. Jeden Tag übe er dies einen Kshana länger, so wird 
man nach sechs Monaten an seinem Körper weder Runzeln 
noch graue Haare sehen; wer es einen Yäma (= 3 Stunden) lang 
übt, der besiegt den Tod." 

10. Yonimudrä (Gh. HI, 37 — 44; fehlt in H.; Fig. 58). 
Nachdem man die Siddhäsana-'Positnv eingenommen hat, 
schließe man die Ohren, Augen, Nase(nlöcher) und Mund mit den 
Daumen, Zeigefingern, Mittelfingern, Ringfingern i) etc. 

38. Man ziehe die Luft vermittelst der käkl-mudrä ein und 
vereinige sie mit dem Abhauch (apäna), meditiere verständig 
über die sechs Kreise und bringe, indem man (die mystischen 
Silben) hum und hamsa (wiederholt), damit 

39. die Göttin zum Bewußtsein, die eingeschlafen ist, die 
Bhujamgini . . .^) 

42. Die yoni-mudrä ist höchst geheim zu halten und ist 
selbst für die Götter schwer zu erreichen. Wem aber ihre Er- 
reichung einmal geglückt ist, der befindet sich ja dann in Samädhi. 

43. Mit den Sünden, deren sich der Brahmanenmörder, 
Leibesfruchtabtreiber, Schnapstrinker und Schänder des Bettes 
seines Lehrers schuldig macht, befleckt man sich nicht, wenn 
man die yoni-mudrä ausführt. 

44. Alle die furchtbaren Sünden und kleinen Sünden 
schwinden infolge der Ausführung der yoni-mudrä. Darum ver- 
wende man Eifer auf sie, wenn man nach der Erlösung verlangt. 
II. Vajroli-mudrä (Gh. III, 45—48; H. III, 83—92; Fig. 59). 



1) Die englische Übersetzung hat: ,, . . . the upper lip with the fore 
fingers, and the lower hp with the httle fingers." 

2) Die Kundali. 



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— 20I — 

Man stütze sich mit den beiden Handflächen auf die Erde, 
strecke das Fußpaar hoch und den Kopf in die Luft, um die 
Sakti zu erwecken und ein langes Leben zu erreichen. Das 
nennen die Heiligen vajroll-mudrä. 

46. Diese Praktik ist die vorzüglichste, die Ursache der 
Erlösung für die Yogin's ; diese Praktik bringt den Yogin's Heil 
und verleiht ihnen Vollendung. 

47. Dank dieser Praktik tritt sicherlich Vollendung in be- 
zug auf die Tropfen i) ein ; und wem diese sehr mühevolle Tropfen- 
Vollendung geglückt ist, was glückt dem nicht alles auf dem 
Erdenrunde ! 

48. Wenn man diese mudrä ausübt, erlangt man trotzdem 
bestimmt jegliche Vollendung, wenn man auch zahlreichen Ge- 
nüssen hingegeben ist. 

H. (bei Walter p. 33): ,,Duas res, quas quilibet adipisci 
non potest, hoc loco commemorabo; quarum una est lac, altera 
femina obsequiosa. 

85. Inter coitum yogi contractione semen lente ascendere 
cogat, quomodo et vir et femina vajrolim adipisci possunt. 

86. Calamo idoneo yogi intente paulatimque in penis 
foramen . . . spiret, spiritui viae faciendae causa. 

Sy. Guttam in pudenda feminae casuram exercitatione 
reverti cogat; si autem ceciderit propria gutta, eam reverti 
cogat servetque. 

d>d>. Yogi ita guttam servans mortem vincet; nam ut gutta 
lapsa mortem, eodem modo retenta vitam indicat. 

8g. Gutta servata odor iucundus exoritur in corpore; unde 
timor mortis, dum gutta servatur in corpore? 

90. In animo semen virile, in semine vita nititur; diligenter 
igitur animus semenque servanda sunt ..." 

Als Unterarten der Vajroli wenden H. HI, 92 die Sahajoli 
und Amaroll bezeichnet, ,,weil sie zum nämlichen Resultat 
führen". Ihre Beschreibung lautet bei Walter p. 33 f.: 

Sahajoli (H. III, 93 — 95). 
Nachdem sie gute aus verbranntem Kuhdünger bestehende 
Asche mit Wasser gemischt haben, sollen sich der Mann und das 



1) „Retention of seed". 



202 — 



Weib nach dem Vajroli-coitus einreiben, und dann in beliebiger 
Stellung kurze Zeit müßig dasitzen. 

94. Diese immer zuverlässige Übung wird von den Yogin 
Sahajoli genannt; sie verleiht Schönheit und führt, obgleich sie 
mit Genuß verbunden ist, zur Erlösung. 

95. Möge dieser Yoga gelingen den Verdienstvollen, den 
Ausharrenden, denen, die die Wahrheit sagen, den nicht Nei- 
dischen, nicht aber den Mißgünstigen. 

Amaroli (H. III, 96 — 103). 
Den ersten Somastrom läßt man vorüber, weil er zu viel Galle 
enthält; den letzten, weil er zu saftlos ist, dagegen gibt man 
sich ab mit dem kühlen mittleren Strom. Das ist die Amaroli 
nach der von Käpälika herrührenden Meinung Khanda's. 

97. Wenn man beständig Aman (Soma) trinkt, täglich das 
Nasya^) übt und Vajroli richtig ausführt, so heißt das Amaroli. 

98. Die durch die Übung herausgetretene Cändri (Soma) 
vermische man mit Kuhdüngerasche und lege die Mischung auf 
den oberen Teil des Körpers; so wird man helläugig. 

99. Viri semine peritia usu comparata hausto femina, si 
menstrua quoque eodem modo (Vajroli) servare potest, Yogini 
appellatur. 

100. Menstruorum sine dubio ea nihil perdet ; in eins corpore 
näda cum anusvära jungitur. 2) 

loi. Gutta menstruisque in corpore coniunctis femina 
exercitatio ne, quae vajroli appellatur, omnem siddhim^) ad- 
ipiscitur. 

102. Quae, quum menstrua ascendere coegerit, ea supra 
servare potest, Yogini est; et praeterita et futura noscit; certe 
Khecari fit (i. e. facultatem in aere incedendi adipiscitur). 

103. Durch den Yoga der Vajroli erlangt man auch körper- 
liche Vollendung. Dieser heilbringende Yoga führt zur Er- 
lösung, während er zugleich mit Genuß verbunden ist. 



1) Nach dem Kommentare wird dadurch vermittelst des Atems Aman 
(Soma) in die Nase gebracht. 

*) Näda ist der innere Laut, den man bei einer bestimmten Yoga- 
Übung vernimmt; er soll mit Om identisch sein, dessen m dann der anu- 
svära wäre. 

3) Vollendmig. 



— 203 — 

12. Sakticälani-mudrä (Gh. III, 49 — 60; H. III, 104 ff; 

Fig. 60). 

49. Die höchste Göttin, Kundali, ruht schlafend im Rectum, 
die Ätma-Sakti; sie hat die Gestalt einer Schlange und besitzt 
drei und ein halbe Windung. 

50. So lange sie im Leibe schläft, ist Jiva wie ein Vieh; so 
lange kommt kein Wissen, ob man schon zehn Millionen Yoga- 
Übungen vollbringt. 

51. Wie man ein Torweg mit dem Schlüssel gewaltsam 
öffnet, so bringt man durch das Aufwecken der Kundalini die 
Tür Brahman's zum Klaffen. 

52. Den Nabel mit einem Tuche umwunden und nicht 
nackt draußen befindlich, sondern in einem geheimen Gemach 
verweilend übe man das Sakticälana. 

53. Eine Elle in der Länge messend, in der Breite vier Zoll, 
weich, weiß und zart: das sind die Merkmale des Tuches zum 
Umgürten. Im Besitz eines solchen Tuches verbinde man es 
mit der Hüftschnur. 

54. Man bestreiche den Körper mit Asche, nehme die 
5*W^Ä(^-Positur ein, ziehe die Luft durch die Nasenlöcher ein 
und vereinige sie kräftig mit dem Abwinde. 

55. So lange ziehe man langsam vermittelst der Asvini- 
mudrä die Schamgegend zusammen, bis die Luft in der Su- 
sumnä entlang geht und sich kräftig kundgibt . . . 

57. Ohne das Sakticälana gelingt die Yonimudrä nicht ; darum 
übe man zuerst das Cälana und studiere dann die Yonimudrä. 

H. (bei Walter p. 35 f.) gibt in 104 — 112 zunächst eine 
mystische Schilderung der Kundali, die in 105 fast ganz mit 
Gh. (51) übereinstimmt, und fährt dann fort: ,,Kanda ist eine 
Spanne oberhalb [des Rectum], 4 angula ( = 3 Zoll) im Durch- 
messer, weich, glänzend und durch ein gürtelartiges Kleidungs- 
stück bezeichnet. 

114. Man nehme die Stellung des Vajräsana ein, halte mit 
den Händen beide Füße in der Nähe der Fußknöchel fest und 
drücke den Kanda stark. 

115. In dem Vajräsana verweilend, ,, bewege" der Yogin 
die Kundali, darauf führe er den Bhasträkumbhaka aus und 
wecke die Kundali auf. 



— 204 — 

ii6. Man drücke den Sürya^) zusammen und ,, bewege" 
die Kundali ; wie sollte sich dann selbst einer, der sich im Rachen 
des Todes befindet, noch vor dem Tode fürchten? 

117. Durch das Hinundherbe wegen gelangt jene auf die 
Dauer von zwei muhürta ( = 1V2 St.) ohne Gefahr in die Susumnä 
und wird etwas aufwärts gezogen. 

118. Dadurch verläßt die Kundali sicher die Mündung der 
Susumnä, und der Atem geht von selbst in die Susumnä. 

119. Darum ,, bewege" man immer die ruhig schlummernde 
ArundhatP), denn durch das Bewegen derselben wird der Yogin 
von Krankheiten befreit. 

120. Der Yogin, durch den die Sakti bewegt wird, wird der 
acht Zauberkräfte teilhaft werden. Wozu sollte ich noch mehr 
sagen? Den Tod besiegt er spielend ..." 

13. Tadägi-mudrä (Gh. III, 61; fehlt inH.; Fig. 61 und 62). 

Wenn man die Pascimottäna-Positur vornimmt und den 
Bauch in die Form eines Wasserloches bringt, so ist das die 
hohe mudrä Tadägi, die Alter und Tod vernichtet. 

14. Mändüki -mudrä (Gh. III, 62 — 63; fehlt in H.; Fig. 63). 

Man mache den Mund verschlossen, bewege die Zungen- 
spitze (gegen den Gaumen) und koste langsam den Nektar. Das 
kennt man als die Mändüki-mudrä. 

63. Wer beständig die Mändüki ausführt, bei dem entstehen 
keine Runzeln und keine grauen Haare; er hat ewige Jugend, 
und das Haar wird nicht reif. 

15. Sämbhavi-mudrä (Gh. III, 64—67 ; H. IV, 36— 37; Fig. 64). 

Indem man den Raum zwischen den Augen ansieht, be- 
trachte man Ätmäräma. Das ist die Sämbhavi-mudrä, die in 
allen Tantra-Schriften geheim gehalten wird. 

65. Die Veden, profanen Schriften und Puräna's sind wie 
gemeinschaftliche Hetären; diese Sämbhavi-mudrä aber bleibt 
verborgen wie eine ehrbare Frau.^) 

66. Der wahrhch ist der Anfangsherr, der Näräyana selbst, 
der der schöpferische Brahman, der die Sämbhavi-mudrä kennt. 



1) Das in der Nabelgegend befindliche Feuer. 

2) = Kundali. 

3) == H IV. 35. 



— 205 — 

67. Wahr, wahr, und nochmals wahr hat man gesprochen, 
wenn man sagt, o großer Herr : Wer die Sämbhavi kennt, der ist 
Brahman; nicht anders. 

H. (bei Walter p. 42): ,,Man richte das Auge, dasselbe 
weder auf- noch zumachend, auf eme Stelle an der Oberfläche 
des Körpers, die dem entspricht, was im Innern wahrzunehmen 
ist (d. h. man fixiere einen der mystischen Kreise). Dies ist die 
Sämbhavi Mudrä, die in den heiligen Schriften bewahrt wird . . . 

37. Wenn der Yogin Bewußtsein und Atem auf das inner- 
lich Wahrnehmbare konzentriert hat und mit gesenktem Kopf . . . 
und unbeweglichem Augapfel die Stelle außerhalb des Körpers 
betrachtet und doch nicht betrachtet (denn in Wirklichkeit ist 
ja seine ganze Aufmerksamkeit auf das innerlich Wahnehmbare 
gerichtet), so entsteht diese Mudrä Sämbhavi, die bloß durch die 
Gunst des Lehrers zu erlangen ist, und es entspringt jene höchste, 
seligmachende Wirklichkeit, deren Kennzeichen die Erlösung ist. 

16. Pärthividhäranä-mudrä (Gh. III, 68 — 71; fehlt in H.; 

Fig. 65). 
Die Sämbhavi ist besprochen worden; höre nun von den 
fünf Dhäranä's. Wenn man die Dhäranä erreicht hat, was 
glückt einem dann nicht auf dem Erdenrunde! 

69. Dadurch kann man mit dem Menschenleibe die Himmel 
besuchen und verlassen; man kann mit Gedankenschnelle hin- 
gehen, wohin man will, und wandelt in der Luft; nicht anders. 

70. The Prithivi-Tattva has the color of orpiment (yellow), 
the letter la is its secret symbol or seed, its form is four-sided, 
and Brahma is its presiding deity. Place this Tattva in the heart, 
and fix by Kumbhaka the Präna-Väyus and the Chitta there 
for the period of five ghatikas (2V2 hours). This is called 
Adhodhävana. By this, one conquers the Earth and no earthy- 
elements can injure him; and it causes steadiness.^) 

71. Wer die Pärthividhäranä-mudrä beständig ausführt, 
der wird selbst zum Todbesieger und wandelt als Vollendeter 
auf Erden. 



1) Ich gebe hier die englische Übersetzung, da ich bei der Beschaffen- 
heit der Stelle im Original ohne einheimischen Kommentar nicht in der 
Lage bin, einen befriedigenden Sinn herauszubekommen. 



— 2o6 

17. Ämbhasi Dhäranämudrä (Gh. III, 72 — 74; fehlt in H. ; 

Fig. 66). 
Einer Muschel oder dem Monde ähnlich, weiß wie Jasmin, 
hinreichend glänzend, mit dem Buchstaben v als dem Symbole 
ihres Nekters versehen, immer in Verbindung mit Vsniu — so 
ist das Wesen (der ämbhasi). Wenn man dabei fünf ghatikäs 
den Atem samt dem Denken verborgen festhält, so ist das die 
ämbhasi dhäranä, die unerträgliche Qualen und Sünden fort- 
nimmt. 

73. Der Yoga-Kenner, der diese höchste ämbhasi dhäranä 
versteht, findet selbst in tiefem, grausigem Wasser keineswegs 
den Tod. 

74. Diese höchste mudrä aber ist sorgfältig geheim zu halten ; 
wird sie ausposaunt, so schwindet die Vollendung; wirklich, ich 
sage die Wahrheit. 

18. Ägneyi Dhäranämudrä (Gh. III, 75 — 76; fehlt in H. ; 

Fig. 67). 

Was sich am Nabel befindet, einem Indragopa^) (an Farbe) 
gleicht, als Symbol r hat, Dreiecksgestalt besitzt, aus Glut 
besteht, leuchtend, rot, mit Rudra verbunden ist und Vollendung 
verleiht — in diesem Tattva halte man den Atem samt dem 
Denken fünf ghatikäs verborgen an : das ist die Feuer-Dhäranä, 
die die tiefe Furcht vor dem Todesgotte beseitigt. 

76. Wenn der Adept in brennendes, flammendes Feuer 
fällt, bleibt er dank dieser mudrä am Leben und wird nicht des 
Todes teilhaftig. 

19. Väyavi Dhäranämudrä (Gh. III, "]"] — 79; fehlt in H. ; 

Fig. 68). 

Was (an Farbe) einer Menge schwarzer Augensalbe gleicht, 
von rauchfarbigem Aussehen ist, aus Sattva besteht, den Buch- 
staben y (als Symbol) besitzt und als (Schutz-)Gottheit Isvara 
hat, in diesem Tattva halte man den Atem samt dem Denken 
fünf ghatikäs verborgen an. Das ist die väyavi dhäranä, die 
(den Adepten) in der Luft wandeln macht. 

78. Diese höchste mudrä aber vernichtet Alter und Tod; 
man stirbt nicht vom Winde ; sie ist die Spenderin des Wandeins 
in der Luft. 



1) Coccinella oder Leuchtkäfer. 



— 207 — 

79- Sie ist nicht jedem beliebigen Hinterlistigen und Glau- 
benslosen anzuvertrauen. Geschieht es aber doch, so schwindet 
die Vollkommenheit . . . 

20. Äkäsi Dhäranämudrä (Gh. III, 80 — 81; fehlt in H. ; 

Fig. 69). 

Was dem trefflichen, reinen Wasser im Meere gleicht, den 
hohen Glanz des Himmels hat, als Gottheit den Sadäsiva und 
als Symbol den Laut h besitzt, in diesem Tattva halte man den 
Atem samt dem Denken fünf ghatikäs verborgen an. Damit 
vollbringt man die Äther-Dhäranä, die die Torflügel zur Er- 
lösung sich öffnen macht. 

81. Wer die mudrä Äkäsi Dhäranä kennt, der ist ein Yoga- 
Kenner; zu ihm kommt der Tod nicht, und (selbst) beim Welt- 
untergang gerät er nicht in Verlegenheit. 

21. Asvini -mudrä (Gh. III, 82 — 83; fehlt in H.). 

Wenn man die Öffnung des Anus immer wieder zusammen- 
zieht und ausdehnt, so ist das die asvini mudrä, die das Er- 
wachen der Sakti bewirkt. 

83. Die asvini mudrä ist sehr wichtig; sie beseitigt die 
Krankheiten des Rectum, bewirkt Stärkung der Kraft und ver- 
hindert einen vorzeitigen Tod. 
22. Päsini -mudrä (Gh. III, 84—85; fehlt in H.; Fig. 71). 

Man tue die Füße in fester Umschhngung wie eine Schlinge 
hinter den Hals. Das ist eben die päsini mudrä, die das Er- 
wachen der Sakti bewirkt. 

85. Die päsini ist eine große mudrä, die Stärkung der Kraft 
bereitet. Sie muß von den Adepten, die nach Vollendung ver- 
langen, eifrig ausgeführt werden. 
23. Käki -mudrä (Gh. III, 86—87; fehlt in H.; Fig. 72.) 

Wenn man ganz langsam mit dem Munde wie mit einem 
Krähenschnabel die Luft trinkt, so ist das die käkl-mudrä, die 
alle Krankheiten beseitigt. 

87. Die käki-mudrä ist eine hohe mudrä, die in allen Tantra- 
Texten geheim gehalten wird. Bloß ihr ist es zu danken, daß 
(der betr. Adept) wie eine Krähe nicht krank wird. 
24. Mätangini -mudrä (Gh. III, 88 — 91; fehlt in H. ; Fig. 73). 

Indem man im Wasser steht, welches bis zum Halse reicht, 
ziehe man durch die Nasenlöcher Wasser ein und lasse es aus 



— 2o8 — 

dem Munde wieder heraus. Dann wiederum ziehe man es mit 
dem Munde ein 

89. und gebe es dann durch die Nasenlöcher wieder von 
sich. So tue man immer und immer wieder; das ist die hohe 
mätangini mudrä, die Alter und Tod vernichtet. 

90. An einem einsamen, menschenleeren Orte befindlich 
vollbringe man mit konzentrierten Gedanken die mätangini 
mudrä; dann wird man wie ein Elefant. 

91. Wo auch immer ein solcher Yogin weilt, er erlangt un- 
endliches Glück. Darum soll man mit allem Eifer jene hohe 
mudrä vollziehen. 

25. Bhujamgini- mudrä (Gh. III, 92 — 93; fehlt in H.; Fig. 74). 

Wenn man den Mund etwas vorstreckt und die Luft mit 
der Kehle einzieht, so ist das die Bhujagi-mudrä, die Alter und 
Tod vernichtet. 

93. So viele Krankheiten im Leibe sind, besonders Indi- 
gestion etc., das alles beseitigt schnell die bhujamgini-mudrä, 
wo (sie ausgeführt wird). 

Es folgt dann in Gh. III, 94 — 100 noch eine zusammen- 
fassende, allgemeine Lobpreisung der mudrä's, von ihren heil- 
kräftigen Wirkungen etc., die auch bei H. etwas Entsprechen- 
des hat. 

4. Pratyähära. 

Die ,, Zurückziehung der Sinne von den Sinnesobjekten", 
wie die sinngemäße Übersetzung von pratyähära lautet, oder 
kürzer ,, Konzentration", bildet eine weitere Stufe in der Ent- 
wicklung des Yoga- Adepten ; durch ihre bloße Kenntnis gehen 
alle Feinde der Erlösung, wie z. B. Lust, zugrunde, heißt es 
Gh. IV, i; und sie fährt dann fort: 

2. Wohin auch immer der bewegliche, unbeständige Geist 
abschweift, man lenke ihn von dort ab und bringe ihn unter 
seine eigene Botmäßigkeit. 

3. Wohin auch immer der Blick sich richtet, dorthin eilt 
der Geist. Daher ziehe man ihn zurück und bringe ihn unter 
seine eigene Botmäßigkeit. 

4. Hervorheben oder Verdunkeln, HebUch Anzuhörendes 
oder Furcht Bereitendes — man lenke den Geist davon ab imd 
bringe ihn unter seine eigene Botmäßigkeit. 



00 






5 

CT 

CT 





— 209 — 

5- Was kalt oder auch warm ist, wenn man in Berührung 
damit tritt — man ziehe den Geist davon zurück und bringe ihn 
unter seine eigene Botmäßigkeit. 

6. An welchen Düften der Geist hängt, an Wohlriechendem 
oder Übelriechendem — man ziehe ihn davon zurück und bringe 
ihn unter seine eigene Botmäßigkeit. 

7. Wenn der Geist sich irgend einem Schmecken, von 
Süßem, Sauerem, Bitterem etc. zuwendet, so ziehe man ihn 
davon zurück und bringe ihn unter seine eigene Botmäßigkeit. 

* 

5. Pränäyäma (Anhalten des Atems). 

Durch die Praktiken, die das Anhalten des Atems aus- 
machen, wird man nach Gh. V, i gottgleich, und vier Erforder- 
nisse gehören dazu, um einen ganzen Erfolg davon zu haben: 
ein günstiger Platz, eine angemessene Zeit, mäßige Nahrung und 
viertens die Reinigung der Kanäle. Allerdings sind das alles 
Bedingungen, die der Yogin überhaupt erfüllen muß, so daß 
wir sie auch in anderem Zusammenhange in den einschlägigen 
Texten finden. Immerhin mögen sie hier einen Platz bekommen. 
Der Platz für den Yogin (Gh. V, 3 — 7; H. I, 12 — 14). 

Man mache mit dem Yoga keinen Anfang in einem (von 
der Heimat) weit entfernten Lande, im Walde, in der Residenz 
des Königs, mitten unter den Leuten; geschieht es aber doch, 
so vernichtet er den Erfolg. 

4. In einem fernen Lande fehlt das Vertrauen ; im Walde 
mangelt es an Beschützern, und inmitten der Leute ist 
Öffentlichkeit. Darum soll man diese drei meiden. 

5. In einer schönen Gegend, einem gerecht regierten Lande, 
wo es Almosen genug und keine Störungen gibt, baue man sich 
eine Hütte, die mit Einfriedigungen umgeben ist. 

6. Innerhalb der Einfriedigung sei ein Brunnen und ein 
Teich ; die Hütte sei nicht zu hoch und nicht zu niedrig und frei 
von Insekten. 

7. So baue man sie, gehörig mit Kuhmist bestrichen und 
der (Fenster- )öffnungen entbehrend, und so übe man an ver- 
steckter Stelle pränäyäma. 

In H (bei Walter p. 2) heißt es: „In einem wohlregierten, 
rechtschaffenen Lande, an einem ruhigen, mit Lebensmitteln 

Schmidt, Fakire und Fakirtum. I4 



— 2IO 



wohl versehenen Ort, in einer einsamen Zelle, die auf eine Ent- 
fernung von einer Bogenlänge von Felsen, Feuer und Wasser 
abliegt, soll der Hathayogin wohnen. 

13. Die Zelle sei mit einer kleinen Türe versehen, aber ohne 
Fenster, Vertiefung und sonstige Öffnungen; sie sei weder zu 
hoch, noch zu tief, noch zu lang; sie sei vorschriftsmäßig mit 
Kuhmist dick bestrichen und frei von jeglichem Ungeziefer. 
Außen sei sie durch Laube, Altar und Brunnen verschönt und 
von einer Mauer umgeben ; so wird von den Vollendeten, welche 
den Hathayoga üben, das Aussehen einer Yogazelle geschildert. 

Die Zeit für die Ausübung des Yoga 
wird in Gh. V, 8 — 15 dahin bestimmt, daß der angehende Yogin 
Winter, kühle Jahreszeit, Sommer und Regenzeit meiden soll; 
vielmehr soll er im Frühling oder Herbst (März — April resp. 
September — Oktober) mit seinen Übungen beginnen. Dann hat 
er Erfolg und bleibt von Krankheiten verschont. 

Mäßigkeit im Essen (Gh. V, 16 — 22). 

Wer ohne Mäßigkeit im Essen mit dem Yoga beginnt, den 
suchen mannigfache Krankheiten heim, und er hat in keiner 
Weise mit dem Yoga Glück. 

17. Der Yogin esse Reisspeise oder Gerstenmehl, ferner 
Weizenmehl, Mungo-Bohnen, mäsa-Bohnen^), Kichererbsen etc., 
gesäubert und ohne Spelzen . . .^) 

21. Wenn er reine, recht süße, geschmeidige und wohl- 
schmeckende Speise mit Vergnügen genießt, wobei die eine 
Hälfte des Magens leer bleibt, so kennt man das als Mäßigkeit 
im Essen. 

22. Mit Speise fülle man die eine Hälfte des Magens an, 
mit Wasser das dritte Viertel, den vierten Teil spare man für 
das Regulieren des Atems. 

Bei H (Walter p. 9, 10) lauten die entsprechenden Vor- 
schriften I, 58, 62, 63: ,, Unter mäßiger Nahrung versteht man 
milde und süße Speise, von der aber bloß drei Viertel, und zwar 
nur um das Leben zu fristen, genossen werden. 



1) Phaseolus radiatus. 

2) Es folgen in Str. 18 — 20 eine ganze Reihe Pflanzen, von denen gut 
zu essen ist. 






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211 — 

62. Passende Nahrung: Gute Speisen aus Weizen, Reis, 
Gerste, sästika^); ferner Milch, zerlassene Butter, Sandzucker, 
frische Butter, Zucker, Honig, getrockneter Ingwer, die fünf 
Gemüse, deren erstes die Patola-Frucht^) ist, Mudga [ -- Mungo- 
bohne] u. a. und reines Wasser ; das paßt für einen großen Weisen. 

63. Nährende, süße, fette, aus Milch bestehende, die drei 
humores des Körpers unterhaltende, angenehme, passende 
Speise soll der Yogin zu sich nehmen. 

Unter den verbotenen Speisen erscheinen in Gh. V, 23 ff. 
eine ganze Reihe von Pflanzen und ihren Produkten, die einzeln 
namhaft zu machen deshalb keinen Zweck hat, weil viele davon 
sich kaum werden identifizieren lassen; ganz abgesehen davon, 
daß die Lesarten des Textes gewiß verbesserungsfähig sind. 
Daß sich die verschiedenen Regeln auch widersprechen können, 
zeigt z. B. Gh. V, 26, wo frische Butter, zerlassene Butter, 
Zucker etc. verboten werden, die in H. I, 62 ausdrücklich er- 
laubt werden! 

H, (bei Walter p. 9) kennt als unpassende Speisen : ,, Beißen- 
des (wie die Kürbisart Momordica Charantia, Kom.), Saures (wie 
die Tamarindenfrucht), Scharfes (wie der Pfeffer), Salziges, 
Heißes (wieSyrup, Kom.), Haritasäka (eine Gemüseart), sauem 
Reisschleim, Sesamöl, Sesam, Senf, berauschende Getränke, 
Fische, Fleischsorten wie Ziegenfleisch, geronnene Milch, Butter- 
milch, Kulattha (eine Hülsenfrucht), Judendorn, Ölkuchen, Asa 
foetida, Knoblauch usw. 

60. Unpassende Nahrung soll der Yogin kennen ; es sind von 
ihm ferner zu meiden: Warmes, Rauhes, Versalzenes, Saures, 
verdorbene Speisen, Säkotkata [brennender Pfeffer]." 

Reinigung der Kanäle (Gh. V, 32 ff.; H. I, 4 ff.)- 
32. Der Yogin sitze auf einem Kusa-Gras-Sitz, oder auf 

einem Antilopenfelle, oder auf einem Tigerfelle, oder auf einer 

wollenen Decke, oder auf der Erde, mit dem Gesicht nach Osten 

oder Norden. 

35. Wenn die Kanäle von Unreinigkeiten angefüllt sind, 

kann der Wind in ihnen nicht entlang gehen. Wie kann also das 



1) In sechzig Tagen reifendes Getreide. 

2) Trichosanthes dioeca. 



14* 



— 212 — 

Anhalten des Atems glücklich ausgeführt, wie kann die Kennt- 
nis der Wahrheit erlangt werden? 

36. Darum bemühe man sich zunächst um die Reinigung 
der Kanäle und dann um das Anhalten des Atems. Die Reinigung 
der Kanäle wird als zweifach bezeichnet: als samanu imd 
nirmanu. 

37. Erstere wird vermittelst [Rezitation des] Bija aus- 
geführt, diese durch die Läutenmgshandlungen [s. diese, oben 
p. 179 ff] . . . 

38. 39. Der Yogin setze sich auf seinen Sitz und führe die 
Lotus-Positur aus, nehme die Verehrung des Meisters vor, ganz 
wie es ihm von diesem gesagt worden ist, und vollziehe die 
Reinigung der Kanäle, um den Pränäyäma richtig vornehmen 
zu können. 

40. Indem er dann über das Wind-Symbol [den Buchstaben y ] 
meditiert, der von Farbe rauchig ist und Tejas enthält, soll der 
Verständige mit dem Candra-Kanale [dem linken Nasenloche] 
die Luft einziehen, indem er das Symbol sechzehnmal wiederholt. 

41. Vermittelst Kumbhaka halte er ihn so lange an, als 
man braucht, vierundsechzigmal jenes Symbol zu wiederholen, 
und stoße dann die Luft aus dem Sürya-Kanale [dem rechten 
Nasenloche] in der Zeit von zweiunddreißig solchen Wieder- 
holungen wieder aus. 

42. Nachdem man von der Nabelgegend das Feuer sich 
hat erheben lassen, meditiere man über das mit der Erde ver- 
bundene Tejas und ziehe mit dem Sürya-Kanale [dem rechten 
Nasenloche] während einer sechszehnmaligen Wiederholung des 
Feuersymbols [r] die Luft ein; 

43. vermittelst Kumbhaka halte man ihn so lange an, als man 
braucht, um vierundsechzigmal jenes Symbol zu wiederholen, 
und stoße dann die Luft aus dem Sasin-Kanale [dem linken 
Nasenloche] in der Zeit von zweiunddreißig solchen Wieder- 
holungen wieder aus. 

44. Man meditiere über das Mondrund an der Nasenspitze, 
welches von Glanz erfüllt ist, ziehe die Luft mit sechzehn- 
maliger Wiederholung des Symbols tha vermittelst der idä [des 
linken Nasenloches] ein, 



— 213 — 

45- und halte sie so lange an, als man br£iucht, um vier- 
undsechzigmal das Symbol va zu wiederholen. Dann meditiere 
man über den Nektar, der zum Fließen gebracht wird ; stelle sich 
vor, daß er durch die Gefäße geläutert wird,i) und stoße die 
Luft unter zweiunddreißigmaliger Wiederholung des Lautes 
la . . . wieder aus. 

46. Nachdem man diese also beschaffene Reinigung der 
Gefäße vorgenommen hat, setze man sich in irgend einer Positur 
fest hin und beginne mit dem eigentlichen pränäyäma." 
Die verschiedenen Arten des Kumbhaka. 

Gh. V, 47 zählt acht Arten des Kumbhaka auf; nämlich 
sahita, süryabheda, ujjäyl, sltali, hhastrikä, hhräman, mürchä 
und kevali. 

1) sahita (Gh. V, 48 — 60): 

48. sahita wird als zweifach bezeichnet : als a) sagarbha und 
b) nirgarhha. Der erst er e wird ausgeführt unter Aussprechung 
des Symbols; der andere ist ohne dieses. 

a) 49. Nun will ich dir zuerst die sagarbha- Anhdltmig des 
Atems schildern. Man setze sich mit dem Gesicht nach Osten 
oder Norden auf einen bequemen Sitz, 

50. gedenke an (Gott) Brahman mit der Qualität Rajas, 
von roter Farbe, in Gestalt des Lautes a, und ziehe die Luft mit 
dem linken Nasenloch ein unter sechzehnmaliger Wiederholung 
(von am). 

51. Am Ende des Einatmens und zu Beginn des Anhaltens 
ist aber der uddlyänabandha auszuführen. Man meditiere über 
den aus (der Qualität) Sattva bestehenden (Gott) Hari, den 
schwarzfarbigen, in Gestalt des Lautes u, 

52. und halte (den Atem) vermittelst Kumbhaka unter 
vierundsechzigmaliger Wiederholung (des Lautes u) an. Indem 
man dann an den aus (der Qualität) Tamas bestehenden, weiß- 
farbigen (Gott) Siva in Gestalt des Lautes ma denkt, 

53. atme man während zweiunddreißigmaliger Wieder- 
holung (des Lautes ma) wieder nach Vorschrift aus. Immer 



1) ,,In the meanwhile imagine (or contemplate) that the nectar flowing 
from the moon at the tip of the nose runs through all the vessels of the 
body, and purifies them. Thus contemplating, let him expel the air by 
repeating thirty-two times the Prithivi-Bija [-Erdsymbol] {lam)." 



— 214 — 

wieder ziehe man die Luft dem mit rechten Nasenloche ein, halte 
sie vermittelst Kumhhaka an 

54. und stoße sie aus dem linken Nasenloche dann wieder 
aus, mit Wiederholung des betreffenden Symbols. Immer wieder 
aber führe man das vorwärts und rückwärts der Reihe nach aus. 

55. Am Ende des Einatmens folgt das Anhalten, wobei 
man die beiden Nasenflügel mit dem Daumen, dem Ring- und 
dem kleinen Finger schließt, ohne Zeige- und Mittelfinger (zu 
benutzen). 

b) 56. Die nirgarhha-AnhdMMng des Atems aber geschieht 
ohne Symbol, wobei man die Fläche der linken Hand auf das 
linke Knie legt. 

57. Das Einatmen, Anhalten und Ausstoßen der Luft 
dauert von ein bis hundert (Wiederholungen des betr. Symbols). 
Die beste Zahl ist zwanzig, die mittlere sechzehn, 

58. die geringste zwanzig Wiederholungen i): so sind die 
pränäyamä's als dreifach bekannt. Bei der geringsten entsteht 
Hitze, bei der mittleren Schwanken des Körpers; 

59. bei der besten verläßt man den Fußboden: so ist das 
Merkmal der (mit pränäyäma verbundenen) Vollendung ein drei- 
faches. Infolge von Atemhaltung schwebt man in der Luft, die 
Krankheiten verschwinden, 

60. man erweckt die Energie (Sakti), es ergibt sich manon- 
mani, im Herzen entsteht Wonne, und glücklich wird, wer den 
Atem anhält. 

[H. II, 71 sagt nur, daß der Kumbhaka aus zwei Klassen 
bestehen solle: aus sahita und kevala.] 
2. Süryabheda -Kumbhaka (Gh. V, 61 — 71 = H. II, 48 — 50). 

61 Man ziehe die äußere Luft mit aller Kraft durch 

den Sonnenkanal (das rechte Nasenloch) ein 

62. und halte sie mit vielem Eifer vermittelst Kumbhaka 
und der jälandhara-Praktiken; und zwar soll man Kumbhaka 
so lange ausführen, bis der Schweiß aus Zehen und Haaren 
kommt .... 



1) Nach der englischen Übersetzung verhalten sich dann Einatmen, 
Anhalten und Ausatmen wie 20 : 80 : 40 resp. 16: 64 : 32 resp. 12 : 48 : 24 
Sekunden. 



— 215 — 

69. Mit dem linken Nasenloch atme man danach fest und 
mit ungehemmtem Ungestüm aus. 

70. Dann ziehe man die Luft wieder mit dem rechten Nasen- 
loch ein, halte sie nach Vorschrift an, atme sie aus und vollziehe 
(diesen süryabheda) in dieser Reihenfolge immer wieder. 

71. Er vernichtet Alter und Tod, erweckt die Kraft der 
Kundali und mehrt das Körperfeuer. 

H. (bei Walter p. 18): 48. ,,Auf einem angenehmen Sitz 
verweile der Yogin in einem Äsana [einer Positur] und ziehe 
langsam die äußere Luft durch die rechte Nädi [Nasenloch] ein. 

49. Man verrichte den Kumbhaka, bis der Atem gehemmt 
ist von den Haaren bis zu den Zehenspitzen, dann atme man 
langsam durch die linke Nädi die Luft wieder aus. 

50. Dieses vortreffliche, immer und immer wieder zu übende 
Süryabhedana reinigt den Kopf, vernichtet Atemkrankheiten 
und beseitigt die durch Würmer hervorgebrachten Störungen." 

3. Ujjäyi-Kumbhaka (Gh. V, 72 — 75; H. II, 51 — 53). 

72. Man ziehe die Luft mit beiden Nasenlöchern ein und 
halte sie im Munde an, ziehe die Luft aus Lunge und Kehle 
ebenfalls ein und halte sie im Munde an. 

73. Nachdem man den Mund gereinigt i) und wieder ge- 
schlossen (?) hat, vollziehe man danach den jälandhara, übe nach 
Kräften den Kumbhaka und halte ohne Hemmnis den Atem an. 

74. Wenn man den ujjäyi-Kumhhaka ausführt, erreicht 
man alle Ziele ; es gibt keine Schleimkrankheiten, keine harten 
Winde, keine Indigestion, 

75. keine Dysenterie, keine Schwindsucht, keinen Husten, 
kein Fieber, keine Milzsucht. Zur Vernichtung von Alter und 
Tod vollziehe man den ujjäyt- Kumbhaka. 

H. (bei Walter p. 18): ,,51. Den Mund schließend ziehe 
man langsam den Atem durch die beiden Nädi [Nasenlöcher] 
ein, so daß er hörbar zwischen Hals und Herzen stecken bleibe. 

52. Wie zuvor halte man den Atem an und atme durch die 
Idä [das linke Nasenloch] wieder aus; dies heilt Phlegmakrank- 
heiten im Hals und facht das Körperfeuer (d. h. das Verdauungs- 
feuer) an. 



1) i. e. expelled air through mouth. 



— 2l6 — 

53. Dieser Ujjäyl genannte Kumbhaka soll gehend oder 
stehend ausgeführt werden; er vernichtet die Wassersucht der 
Nädl und die bis zu den Dhätu [Grundstoffen] vordringenden 
Schäden." 

4. Sitali-Kumbhaka (Gh. V, 76 — yy; H. II, 57 — 58). 

76. Mit der Zunge ziehe man die Luft an und fülle sie lang- 
sam in den Bauch; führe einen Augenblick den Kumbhaka aus 
und stoße sie aus beiden Nasenlöchern wieder aus. 

77. Der Yogin vollbringe immerdar den glückverheißenden 
SUali-Kumbhaka; dann zeigt sich bei ihm weder Indigestion 
noch Phlegma noch Galle. 

H. (bei Walter p. 19): ,,57. Mit (herausgestreckter, Kom.) 
Zunge ziehe der Weise den Atem ein, führe den Kumbhaka wie 
oben beschrieben aus (Süryabhedana, Kom.) und lasse den 
Atem langsam durch die Nasenlöcher wieder heraus. 

Dem Kom. zufolge soll die Zunge dem unteren Teil eines Vogelschnabels 
gleich gemacht werden. 

58. Krankheiten wie Gulma, Milzkrankheit, femer Fieber, 
Gallsucht, Hunger, Durst, Gift überwindet der Sitali genannte 
Kumbhaka." 

5. Bhastrikä-Kumbhaka (Gh.V, yS — 80; H. II, 59 — 67. 

78. Wie der Blabalg der Schmiede sich der Reihe nach 
hebt und senkt, so ziehe man den Wind durch beide Nasenlöcher 
langsam ein. 

79. Nachdem man das zwanzigmal gemacht hat, führe man 
den Kumbhaka aus ; bei dessen Beendigung stoße man den Wind 
wie oben gesagt nach Vorschrift aus. 

80. Dreimal vollziehe der Weise diesen Bhastrikä-Kum- 
bhaka; dann gibt es keine Krankheit und keine Mühsal, sondern 
Gesundheit alle Tage. 

H (bei Walter p. 19 f.)' ,,59- Die beiden gewaschenen 
Fußsohlen lege man auf die beiden Schenkel, so wird daraus das 
Padmäsana, das alle Sünden vernichtet. 

60. Nachdem der Weise das Padmäsana richtig eingenom- 
men hat, so aber, daß Nacken und Bauch eine gerade Linie 
bilden, schließe er sorgfältig den Mund und lasse den Atem 
durch die Nase heraus. 



— 21/ — 

6i. So daß der Atem zwischen Herz und Hals (und zwar) 
bis zum Kopf hin hörbar stecken bleibe, ziehe man schnell die 
Luft bis zum Herzlotus ein. 

62. Immer wieder soll man auf diese Weise ausatmen und 
einatmen, wie der Blasbalg, der durch einen Schmied kräftig 
gehandhabt wird. 

63. So möge er mit Einsicht den in seinem Körper befind- 
lichen Atem in Bewegung bringen. Zeigt sich Müdigkeit im 
Körper, so atme er durch Sürya [das rechte Nasenloch] ein. 

64. Während der Bauch mit Luft angefüllt ist, halte man 
schnell mit allen Fingern außer Mittelfinger und Zeigfinger die 
Nase fest zu. 

65. Nachdem man den Kumbhaka vorschriftsgemäß aus- 
geführt hat, atme man durch die Idä [das linke Nasenloch] die 
Luft aus. Dies befreit von überflüssiger Luft, Galle und Phlegma 
und belebt das Körperfeuer. 

66. Dieser Kumbhaka weckt schnell die Kundali, reinigt, 
macht glücklich, ist heilsam und beseitigt alle Hindemisse wie 
Phlegma usw., die sich am Eingang der Brahmanädi (Susumnä) 
ansammeln. 

67. Er löst die drei im Körper (i. e. in der Susumnä, Kom.) 
befindlichen Granthi^). Daher sollte dieser Bhasträ genannte 
Kumbhaka ganz besonders geübt werden." 

6. Bhrämari -Kumbhaka (Gh. V, 81—85; H. II, 68). 

81. Wenn Mittemacht vorüber ist, nehme der Yogin an 
einem Orte, wo es keinen Laut von lebenden Wesen gibt, das 
Einatmen und Anhalten des Atems vor, indem er beide Ohren 
mit den Händen bedeckt. 

82. Dann hört er im rechten Ohr einen inneren, glück- 
verheißenden Ton: zuerst den Ton der Grille; dann weiter den 
Ton der Laute; 

83. weiterhin den Ton der Wolke [= Donner], der Trommel, 
der Biene, der Glocke, des Gongs, des Weberschiffs, der Pauke, 
der Kriegstrommel etc. So entsteht bei beständiger Übung ein 
verschiedenartiger Ton ; 



1) Es gibt deren drei; der Yogin muß sie durch seine Atemgymnastik 
lösen. Vgl. Walter XVII f. 



— 2l8 — 

84. schließlich gibt es ein Tönen ohne .Anschlag (anähata 
sabda); in dessen Erklingen weilt Licht, in dem Lichte weilt 
der Geist. 

85. Dann geht der Geist in die Auflösung ein, und das ist 
dann die höchste Stätte Visnu's. So erlangt der Mann, dem die 
hhräman geglückt ist, glücklich die Versenkung. 

H (bei Walter p. 20): ,,So schnell, daß es hörbar wird, 
atme man mit dem Summen einer männlichen Biene ein, und 
langsam mit dem Summen einer weiblichen Biene atme man 
aus. Durch diese fleißige Übung entsteht in der Seele der großen 
Yogin eine gewisse selige Wonne." 

7. Mürchä-Kumbhaka (Gh V, 86—87; H II, 69). 

86. Nachdem man mit Leichtigkeit Kumbhaka ausgeführt, 
den Sinn auf die Stelle zwischen den Augenbrauen gerichtet 
und alle Sinnesgegenstände aufgegeben hat, ergibt sich die 
glückverleihende Geistesbetäubung. 

Sy. Infolge der Verbindung des Geistes mit dem Ätman 
entsteht sicherlich Wonne. So entsteht durch beständige Übung 
mannigfache Wonne, und so gelangt man auf Grund der Übung 
zur Vollkommenheit der Versenkung. 

H (bei Walter p. 20): ,, Nachdem man eingeatmet hat, 
nehme man allmählich die Jälandhara-Stellung ein, und atme 
langsam aus; dies wird Mürcchanä genannt, betäubt den Geist 
und macht glücklich." 

8. Kevaii-Kumbhaka (Gh V, 88—101). 
S^. Ergibt sich nicht infolge des Atmens der ajapäS^i^Mchl'^) 
Mit dem Laute ham geht der Atem aus, mit dem Laute sah geht 
er wieder ein. 

89. Einundzwanzigtausend und sechshundert ist die Zahl 
des Gebetes namens ajapä, die der Lebende Tag und Nacht 
immerdar murmelt.^) 

90. Wie der Hamsa am Perinaeum weilt, so auch im Lotus 
Herz, so auch in dem Nasenlöcherpaar: mit drei (Stätten) trifft 
der Hamsa zusammen. 



1) := hamsa-Spruch. Die nächsten Worte geben die Erklärung, wie 
man hamsa (= Gans, Schwan) erhält. 

2) Also in der Minute fünfzehn Atemzüge. 



— 219 — 

91. Sechsundneunzig Zoll (in der Länge) mißt der Leib (des 
Atems) in Hinsicht auf seine Betätigung; der aus dem Körper 
herausgehende in der Regel zwölf Zoll. 

92. Beim Singen ist er sechszehn Zoll lang, beim Essen 
zwanzig, beim Gehen vierundzwanzig, im Schlafe dreißig; 

93. bei der Begattung gilt er für sechsunddreißig Zoll lang, 
und bei körperlicher Anstrengung für noch länger. Wenn die 
Anzahl seiner Bewegungen geringer wird, wächst das Leben. 

94. Schwinden des Lebens, sagt man, tritt ein, wenn (diese 
Anzahl) übermäßig groß wird und der Atem wind aus dem 
Innern herausgegangen ist. Deshalb tritt der Tod auf keinen 
Fall ein, so lange sich der Atem im Körper befindet. 

95. In der Verbindung des Topfes [ -- Leibes] mit der 
Atemluft besteht das Kevala-Kumhhaka . . .^) 

98. Am ersten Tage halte man den Atem ein- bis vier- 
undsechzigmal an und führe die Kevali achtmal. Wache für 
Wache, Tag für Tag aus; oder aber fünfmal; und wie das ge- 
macht wird, will ich dir sagen: 

99. Frühmorgens, mittags, zur Abendzeit, um Mitternacht 
und im vierten Teile der Nacht. Oder man führe es dreimal des 
Tages aus (früh, mittags und abends) . . . 

In H (II, 71 ff., bei Walter p. 21) heißt es, daß der Kum- 
bhaka aus zwei Klassen bestehe, nämlich aus Sahita und Kevala. 
,,72. Man übe Sahita, bis Kevala geglückt ist, welcher darin 
besteht, daß man leicht den Atem hemmen kann, ohne Berück- 
sichtigung von Recaka und Püraka. 

73. Dieser Kevalakumbhaka wird Pränäyäma genannt, 
wenn Kumbhaka allein, d. h. ohne Berücksichtigung des be- 
sonderen Recaka oder Püraka, ausgeführt wird. 



1) Die englische Übersetzung lautet danach: „All Jivas [Lebewesen] 
are constantly and unconsciously reciting this Ajapä Mantra, only for a 
fixed number of times every day. But a Yogi should recite this consciously 
and counting the numbers. By doubHng the number of Ajapä (i. e. by 30 
respirations per minute) the state of Manonmani (fixedness of mind) is 
attained. There are no regulär Rechaka and Püraka [Aus- und Einatmen] 
in this process." Der gedruckte Sanskrittext verträgt sich nicht mit dieser 
Übersetzung; anderseits muß ich gestehen, das mir daß Verständnis der 
Strophen 95 — 97 versagt geblieben ist. 



— 220 — 

Wenn man nach dem öfinen der Susumnä die Atemgeräusche in der 
Susumnä hört, so ist das ein Zeichen, daß der Kevalakumbhaka geglückt 
ist. Xom. 

74. Ist Einer durch den Kevalakumbhaka fähig geworden, 
nach Beheben den Atem anzuhalten, so gibt es für ihn nichts 
schwer Erreichbares in den drei Welten. 

75. Er gelangt sicher zum Ziel des Räjayoga. Durch den 
Kumbhaka wird die Kundali geweckt, und in Folge des Erwachens 
der Kundali wird die Susumnä von Hindernissen befreit und 
Hathayoga mit Erfolg gekrönt. 

76. Ohne Hathayoga gelingt der Räjayoga nicht, ohne 
Räjayoga gelingt der Hathayoga nicht, daher soll man bis zum 
Ende beide üben. 

77. Hat man das Atemhemmen vermittelst des Kumbhaka 
vollbracht, so mache man den Geist (von der Sinnen weit) un- 
abhängig. Durch eine solche Übungsmethode erreicht man das 
Ziel des Räjayoga. 

78. Schlankheit des Leibes, ruhiger Gesichtsausdruck, 
Offenbarung des Näda^), klare Augen, Gesundheit, Beherr- 
schung der Elemente, Verdauungsfeuer, Reinheit der Nädi; dies 
sind die Kennzeichen des Hathayoga." 

Unter der Zahl der Kumbhakas hat H (II, 54 — 56 und 70; 
bei Walter p. 19 und 21) noch zwei weitere, Sltkärl und Plävinl, 
deren Beschreibung folgendermaßen lautet: ,,Mit dem Munde 
mache man den Laut ,,sit" (d. h. man lege die Zunge zwischen 
die Lippen und ziehe die Luft ein. Komm.) und durch die Nase 
atme man aus. Durch das Ausführen dieser Übung wird man 
ein zweiter Kämadeva [Liebesgott]. Er wird gleich (an Zauber- 
macht) dem Kreise der Yogini und ist imstande die sichtbare 
Welt zu vernichten. In ihm entstehen weder Hunger, noch 
Durst, noch Schlaf, noch Trägheit. Durch diese Vorschrift wird 
der Körper stark und der vorzügliche Yogin sicher vor allen 
Angriffen auf diesem Erdenrund bewahrt." 

Plävini: 

,,Wenn der Yogin seinen Bauch mit eingeatmeter, vor- 
züglicher Luft füllt, so schwimmt er gleich einem Lotusblatt 
leicht auf tiefem Wasser." 



1) Des ErkUngens gewisser Töne bei den Atemübungen. 



— 221 — 

6. Dhyäna (Kontemplation). 

Unter den acht Bestandteilen, die zur Yoga-Praxis gehören, 
bilden die drei letzten — dhäranä, ,, Festlegung des Denk- 
organs", d. h. das Fixieren des infolge des Zurückziehens der 
Sinne von den Sinnesgegenständen nicht mehr irritierten 
Denkens auf den Nabel, die Nasenspitze etc.; dhyäna, ,, Kontem- 
plation" und samädhi, ,, Versenkung" — den eigenthchen Kern 
des Yoga, seine Inneres: diese inneren ,, Teile" {antaranga) 
machen den Räjayoga aus. Hatten wir in den Posituren und 
ähnlichen Praktiken nur Hilfsmittel zum Training, so handelt 
es sich jetzt um rein innerliche Übungen des Denkens, um seine 
Konzentration. 

Die Gherandasamhitä zerlegt VI, i die Kontemplation in 
drei Unterarten: eine grobe, lichte und subtile (sthüla, jyotis 
und süksma), von denen die erste sich auf Gestalten, z. B. die 
Person des Lehrers, bezieht; die zweite bezieht sich auf Licht- 
komplexe, die dritte auf Punkte. 

I. Sthüladhyäna (Gh. V, 2 — 14). 

2. Man stelle sich im Herzen seines eigenen Leibes das 
trefflichste Nektarmeer vor, in dessen Mitte aber eine Insel aus 
Perlen, deren Sand aus schönen Edelsteinen besteht; 

3. in allen vier Himmelsgegenden einen mit vielen Blüten 
bedeckten nipa-Baum^), und daß sie von einer Menge von nipa- 
Hainen wie mit einem Walle umgeben ist; 

4. ferner von mälati-, mallikä-, jäti-, kesara-, campaka-, 
pärijäta- und sthalapadma-Bäumen^), die mit ihrem Dufte die 
Himmelsgegenden ergötzen. 

5. Mitten darunter stelle sich der Yogin einen herzerfreuen- 
den Wunschbaum vor mit vier Zweigen, die den vier Veden 
entsprechen; beständig von Blüten und Früchten bedeckt. 

6. Bienen summen dort, und Kokilas singen. Dort steUe 
er sich beharrlich einen Pavillon aus kostbaren Edelsteinen vor. 

7. Darinnen aber sei nach der Vorstellung des Yogins ein 
überaus reizendes Ruhebett, und dort stelle er sich seine Schutz- 



1) Nauclea Kadamba. 

2) Jasminum grandiflorum, Jasminum Sambac, Muskatbaum, Rottleria 
tinctoria, Michelia Champaka, Erythrina indica und Hibiscus mutabilis. 



— 222 — 

gottheit vor, eine Kontemplation, wie sie ihm von seinem Lehrer 
gesagt worden ist. 

8. Wie die Gestalt dieses Gottes ist, wie sein Schmuck und 
sein Vehikel, darüber denkt er beständig nach: das kennt man 
als sthüla-dhyäna. 

Eine andere Art: 

9. An dem Pericarpium in einem tausendblättrigen Lotus 
denke man sich einen mit zwöf Deckblättern versehenen Lotus. . . 

10. von weißer Farbe, großer Leuchtkraft und mit den 
zwölf Symbolen ha, sa, ksa, ma, la, va, ra, yu, ha, sa, kha und 
phre der Reihe nach beschrieben. 

11. Darinnen aber, am Pericarpium, sei ein Linienhaus 
(Dreieck) a, ka, kha mit den drei Ecken ha, la, ksa, und dadrin 
steht Om. 

12. Dort stelle man sich eine reizende, aus Näda und Bindu 
bestehende Bank vor; darauf befindet sich ein Schwanenpaar 
und ein Schuh. 

13. Dort stelle man sich den Lehrer als Gott vor, mit zwei 
Armen und drei Augen, als weißgekleideten Gott, mit weißen 
Parfüms und Salben, 

14. einem Kranze aus weißen Bäumen, begleitet von der 
roten 5akti. Auf Grund der Vorstellung eines solchen Lehrers 
ergibt sich das sthüla-dhyäna. 

2. Jyotirdhyäna (Gh. VI, 15 — 18). 

15. ... Durch das Jyotir- (oder Tejo-)dhyänam erlangt man 
Vollkommenheit im Yoga und sieht den Ätman leibhaftig. 

16. Am Perinaeum ist die Kundalini, an Aussehen und Ge- 
stalt wie eine Schlange ; dort befindet sich der Jivätman von der 
Form der Flamme einer Lampe. Man stelle sich diesen als das 
aus Licht bestehende Brahma vor, so ist dies Tejodhyäna. 

17. Im Nabelrund befindet sich die mit Feuer verbundene 
Sonnenscheibe: man betrachte dies große, alles durchdringende 
Licht, so ist das eben Tejodhyäna. 

Eine andere Art: 

18. Das seinem Wesen nach in Om bestehende Licht 
zwischen den Brauen, oberhalb des Manas, betrachte man als 
mit Flammenreihen verbunden: das ist eben Tejodhyäna. 



— 223 — 

3- Süksma-dhyäna (Gh. VI, 19 — 23). 

19. Wenn jemandes Kundali auf Grund eines großen Glück- 
falls erwacht ist 

20. und nach Verbindung mit dem Ätman aus den Augen- 
höhlen hinausgegangen ist, wandelt sie auf der Hauptstraße^) 
und wird infolge ihrer großen Beweglichkeit nicht gesehen. 

21. Vermittelst der sämbhavl mudrä hat der Yogin Erfolg 
bei dem Kontemplations-Yoga. Dieses Süksma-dhyäna ist ge- 
heim zu halten; selbst für die Götter ist es schwer erreichbar. 

22. Hundertmal besser als das Sthüla-dhyäna nennt man 
das Tejodhyäna; hunderttausendmal besser als das Tejodhyäna 
ist das allervorzüglichste Süksma-dhyäna. 

23. So habe ich dir, o Canda, den sehr schwer zu erreichen- 
den Kontemplations-Yoga vorgetragen. Weil dabei der Ätman 
leibhaftig erscheint, darum ist die Kontemplation etwas ganz 
Besonderes. 

7. Samädhi („Versenkung"; Gh VIT, i— 16; H IV, i ff.). 
Im System des Yoga ist die Versenkung derjenige Ab- 
schluß, in dem das Denken und das Objekt des Denkens völlig 
in eins zusammenfließen. Natürlich wissen die Inder auch hier 
noch verschiedene Grade zu eruieren und kommen von der Ver- 
senkung, in der noch Bewußtsein vorhanden {samprajnäta), das 
noch mit Keimen behaftet ist (sabija), zu derjenigen höheren 
Form, die als bewußtlos (asamprajnäta) oder keimlos (nirbija) 
bezeichnet wird. 

Die Gherandasarnhitä läßt sich darüber folgendermaßen aus : 

1. Samädhi ist der Höhepunkt des Yoga und wird (nur) 
durch einen großen Glücksfall erreicht. Man gewinnt sie dank 
dem Mitleiden des Lehrers und infolge der innigen Verehrung 
desselben. 

2. Der Yogin, welcher Vertrauen zum Wissen, Vertrauen zu 
seinem Lehrer, Vertrauen zu sich selbst und einen mit jedem 
Tage mehr erleuchteten Geist besitzt, der gelangt sogleich zu 
der sehr schönen Praktik (der Samädhi). 

3. Nachdem er den Geist von seinem Gefäße abgesondert 



1) „Astral Light" erklärt der englische Übersetzer. 



— 224 — 

hat, soll er Einssein mit dem Parätman herstellen : das erkenne 
er als Samädhi, als Befreitsein von allen Zuständen etc. 

4. ,,Ich bin Brahma und kein anderer; Brahma ist ich; ich 
empfinde keinen Kummer ; ich bin der Gestalt nach Sein, Denken 
und Wonne; für immer erlöst, durch mich selbst existierend." 

5. (Je nachdem Samädhi) durch sämbhavi-, khecarl-, bhrä- 
man- oder yoni-mudrä (erreicht wird,) ist sie vierfach: i. dhyäna, 
2. näda, 3. rasänanda und 4. layasiddhi. 

6. Fünfteilig wird sie durch den Bhakti-Yoga, sechsteilig 
durch Manomürchä. So ist dieser Räjayoga sechsfach; nach 
seinen einzelnen Teilen möge man ihn kennen lernen. 

1. Dhyänayoga-Samädhi. 

7. Nachdem man die sämbhavl-mudrä vorgenommen hat, 
bringe man den Ätman zur Perzeption; und nachdem man 
Brahma als in einem Punkte bestehend erblickt hat, richte man 
den Geist darauf. 

8. Bring den Ätman in den Äther hinein und bringe den 
Äther in den Ätman hinein; wenn man den Ätman als Äther 
erblickt, bemerkt man sonst nichts weiter. Ganz aus beständiger 
Wonne bestehend befindet sich der Mensch dann in Samädhi. 

2. Nädayoga-Samädhi. 

9. Man führe den bhrämari-Kumbhaka aus, wobei man den 
Wind mit mäßiger Geschwindigkeit einatmet, und stoße die 
Luft ganz langsam wieder aus; dann erkhngt der Laut der 
Biene. 

10. Wenn man den innerlichen Bienenlaut vernommen hat, 
richte man den Geist darauf. Dabei ergibt sich Samädhi und 
daher die Überzeugung: ,,Ich bin Wonne!" 

11. Wenn infolge der Ausführung der khecari-mudrä die 
Zunge nach oben gerichtet ist, erreicht man glücklich Samädhi 
und kann auf die gewöhnlichen Praktiken verzichten. 

3. Rasänandayoga-Samädhi. 

12. Nachdem man die yoni-mudrä fertiggebracht hat, ist 
man selbst aus Sakti zusammengesetzt und wandelt im schönen 
Affekt der Liebe im Paramätman. 

4. Layasiddhiyoga-Samädhi. 

13. Nachdem man ganz Wonne geworden ist, stelle man 
sich Einssein mit Brahma vor und Zweitlosigkeit in dem 



— 225 — 

Gedanken: ,,Ich bin Brahma." Dadurch ergibt sich Sa- 
mädhi. 

5. Bhaktiyoga-Samädhi. 

14. In seinem Herzen meditiere man über die Wesenheit 
seiner Schutzgottheit und stelle sich vermittelst liebevoller Ver- 
senkung vor, daß sie im höchsten Grade erquickend wirkt. 

15. Unter Wonne tränen und -schauem ergibt sich dann 
Nichtexistenz der Zustände; daraus folgt Samädhi, und es folgt 
Manonmani. 

6. Räjayoga-Samädhi. 

16. Nachdem man zur Betäubung des Geistes gelangt ist, 
verbinde man den Geist mit dem Ätman. Infolge der Vereinigung 
mit dem Paramätman erreicht man Samädhi. 



Die Hathayogapradipikä kennt diese Unterscheidung nicht, 
sondern gibt in IV, 82 ff. (bei Walter p. 49 ff.) folgende mehr 
allgemein gehaltene Darstellung: 

82. ,,Der Yogin halte die Ohren mit den Händen zu, und 
wenn er einen Laut hört, so konzentriere er seinen Geist darauf, 
bis er selbst unbeweglich wird. 

83. Dieser Näda [Laut], in den man sich versenkt, schließt 
jeden äußeren Laut aus. Wenn ein Yogin nach 14 Tagen alle 
Unruhe überwunden hat, so wird er glückselig. 

84. Zu Anfang der Übung wird ein lauter verschiedenartiger 
Näda vernommen, dann bei fortgesetzter Übung ein feinerer 
und feinerer. 

85. Zuerst (d. h. wenn der Atem zum Brahmarandhra ge- 
langt, Komm.) klingt es wie vom Meere, von einer Wolke 
(d. h. Donner), einer großen Trommel und einem Jharjhara, in 
der Mitte wie von einem Mardala, einer Muschel, einer Glocke, 
einem Kähala. 

86. Endlich wie der Ton eines Glöckchens, eines Rohres, 
einer Laute, einer Biene. Diese mannigfachen Laute hört man 
in der Mitte des Körpers. 

^y. Nachdem man die großen Laute, wie die von Wolke 
und großer Trommel, gehört hat, empfindet man immer feinere 
Laute. 

Schmidt, Fakire und Fakirtum. IC 



— 226 — 

88. Hat der Geist den lauten Ton aufgegeben, so ergötze 
er sich an dem leisen und umgekehrt ; aber man soll den leicht- 
zerstreuten Geist nicht auf etwas Anderes richten. 

89. Auf welchen Laut auch immer sich der Geist zuerst 
richte, in den soll er sich ganz versenken, mit dem soll er ver- 
nichtet werden. 

90. Wie die Blütensaft trinkende Biene sich nicht um den 
Duft kümmert, so verlangt auch der in den Näda versenkte Geist 
nicht nach den Sinnesgegenständen. 

91. Jener spitze Näda-Stachel ist wohl imstande den im 
Sinnengarten umherwandernden brünstigen Elephanten, den 
Geist, zu zähmen. 

92. Durch die Banden des Näda gefesselt legt der Geist 
seine Unruhe ab und gelangt zu vollkommener Unbeweglichkeit, 
gleich dem Vogel, dessen Flügel gebrochen sind. 

93. Der nur auf Eines gerichtete Geist, der die Yoga- 
herrschaft zu erlangen wünscht, soll, nachdem er allem Denken 
entsagt hat, sich ganz in den Näda versenken. 

94. Der Näda ist die Schlinge zum Einfangen der Geistes- 
antilope und der Jäger zum Erlegen derselben. 

95. Er ist dem Pferd, d. h. dem Geist des Yogin, der Quer- 
balken. Daher sollte der Yogin beständig auf die Versenkung 
in den Näda bedacht sein. 

96. Gerade wie das ,, gebundene" von seiner Beweglichkeit 
befreite Quecksilber durch die Absorption von Schwefel dazu 
gelangt, in den unabhängigen Äther zu kommen, so gelangt auch 
der gefesselte Geist durch die Absorption des Näda zu Brahma. 

97. Gerade wie die Schlange durch das Hören eines Lautes 
schnell Alles vergißt, mit gespannter Aufmerksamkeit horcht 
und nirgends mehr hinläuft, so auch der Geist. 

98. Im Holz ist das Feuer thätig, mit dem Holz hört es auf; 
auf den Näda ist das Bewußtsein gerichtet, mit dem Näda wird 
es vernichtet. 

99. Wenn einer sich auf das Auflegen des Pfeiles, d. h. das 
Hemmen des Athems, versteht, so wird es ihm leicht, die Anti- 
lope zu erlegen, d. h. das durch Versenkung in die verschiedenen 
Näda, wie ghanta (Glocke) usw. starrgewordene Bewußtsein zu 
vernichten. 



— 22/ — 

100. Wird der Anähatadhvani vernommen, so muß das 
innerste Wesen dieses Lautes erfaßt werden, worein sich dann 
der Geist versenke. So wird das Bewußtsein vernichtet. Dies 
ist des Vishnu höchster Ort. 

loi. So lange der Laut gehört wird, dauert auch das Bilden 
des Äthers. Die lautlose Stelle heißt Parabrahma und Para- 
mätma. 

102. Was in der Form des Näda gehört wird, das ist die 
Sakti; der den Tattva ein Ende bereitende Formlose aber ist 
Brahma. 

103. Alle Mittel von Hatha und Laya führen zum Erfolg 
im Räjayoga; wer den Räjayoga erklommen hat, der wird den 
Tod überwinden. 

104. Der Geist ist der Same, Hatha das Feld, höchste Ent- 
sagung das Wasser. Durch diese drei entsteht sofort die Zauber- 
liane Unmani. 

105. Immer wird durch Versenken in den Näda die Menge 
der Sünden vernichtet ; und im Brahma werden sicher Bewußtsein 
und Athem vernichtet. 

106. Den Näda der Muschel und der Dundubhi-Trommel 
hört der Yogin nimmer, (denn) durch die Unmani wird der 
Körper sicher wie ein Stück Holz (d. h. er wird sehr bald kata- 
leptisch). 

107. Von allen Zuständen befreit, von allen Gedanken ver- 
lassen ist nun der Yogin gleich einem Todten, aber erlöst. 

108. Der Yogin, der Samädhi erreicht hat, wird vom Tode 
nicht verzehrt, vom Karaia nicht gequält und von keinem 
Andern erreicht. 

109. Der Yogin, der Samädhi erreicht hat, kennt weder 
Geruch, noch Geschmack, noch Farbe, noch Tastgefühl, noch 
Laut, noch sich selbst, noch einen Andern. 

iio. Sein Geist schläft nicht, auch wacht er nicht, ist von 
Erinnerung und Vergessen befreit; er geht nicht zu Grunde, 
auch entsteht er nicht; wer das (i. e. Samädhi) erreicht hat, der 
ist erlöst. 

III. Der Yogin, der Samädhi erreicht hat, kennt weder 
Kälte noch Wärme, weder Glück noch Unglück, weder Ehre noch 
Verachtung. 

15- 



— 228 — 

112. Wer gesund und im wachen Zustand gleich einem 
Schlafenden verweilt und weder ein- noch ausathmet, der ist 
sicher erlöst. 

113. Der Yogin, der Samädhi erreicht hat, ist unverletzlich 
für alle Waffen, von Sterblichen nicht zu überwältigen, un- 
angreifbar für Zauberei. 

114. So lange der umherziehende Athem sich nicht in der 
Sushumnä bewegt, so lange nicht durch das feste Hemmen des 
Athems der Näda ertönt, so lange nicht bei der Meditation die 
der eigenen Natur gleiche Wesenheit entsteht, so lange spricht 
man (blos) von Wissen, und Alles ist trügerisches eitles Ge- 
schwätz." 



Nachtrag. 

Übersetzung von S. 201/2. 

84. Zwei Dinge, die nicht jeder beliebige bekommen kann, 
will ich hier erwähnen : das eine davon ist Milch, das andere eine 
willfährige Frau. 

85. Der Yogin zwinge beim Koitus den Samen durch Zu- 
sammenziehung, daß er langsam ansteigt, auf welche Weise 
Mann und Frau die Vajroli en-eichen können. 

86. Mit einem geeigneten Rohre blase der Yogin sorgsam 
und langsam in die Öffnung des Penis, um demx Winde einen 
Weg zu bahnen. 

87. Er zwinge durch Übung den Tropfen, der in den Schoß 
der Frau fallen will, umzukehren ; wenn aber der eigene Tropfen 
schon gefallen ist, zwinge er ihn umzukehren und behalte ihn. 

8S. Der Yogin, der so den Tropfen bewahrt, wird den Tod 
besiegen; denn wie der gefallene Tropfen den Tod bedeutet, 
ebenso bedeutet der zurückgehaltene das Leben. 

89. Wenn der Tropfen bewahrt wird, entsteht am Körper 
ein angenehmer Duft; woher Furcht vor dem. Tode, so lange 
der Tropfen im Körper behalten \\drd? 

90. Auf den Geist stützt sich der männliche Same, auf den 
Samen das Leben; daher sind Geist und Samen sorgfältig zu 
bewahren . . . 






4* 




— 229 

99- Wenn die Frau, nachdem sie vermittelst ihrer durch 
Übung erlangten Erfahrenheit den Samen des Mannes aufge- 
nommen hat, auf dieselbe Weise [durch Vajroli] auch das 
Menstrualblut behalten kann, heißt sie Yogini. 

100. Sie wird ohne Zweifel vom Menstrualblut nichts ver- 
lieren; in ihrem Körper vereinigt sich näda mit anusvära. 

loi. Wenn Tropfen und Menstrualblut im Körper ver- 
einigt werden, erlangt die Frau durch die Vajroli genannte 
Übung jegliche Vollendung. 

102. Diejenige, welche das Menstrualblut oben behalten 
kann, nachdem sie es zum Steigen gezwungen hat, ist eine 
Yogini; sie kennt Vergangenheit und Zukunft, und wird sicher- 
lich eine Khecari (d. h., erlangt die Fähigkeit, in der Luft zu 
wandeln). 



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I. M. 7. — , geb. M. 9. — ; IL M. 10. — , geb. M. 12. — 

Dieses Buch schließt sich in mehr als einer Beziehung an 
Sterns großes kulturgeschichtliches Werk: „Medizin, Aber- 
glaube und Geschlechtsleben in der Türkei" (2 Bände, 
854 Seiten, Verlag von Herm. Barsdorf) an, da es dem Leser 
gleichfalls in gewaltigen Zügen die Leidenschaften, 
Sitten, Gebräuche, sowie das so scharf einschneidende 
Sexualleben mit seinen Auswüchsen und Ungeheuer- 
lichkeiten, die erotische Literatur usw. eines mächtigen 
östHchen Reiches vor Augen führt. 

Aber dies neue Werk umfaßt noch weitere Gebiete und 
ist dank dem fast verwirrenden Reichtum seines Inhalts eine 
wahrhaft grundlegende Geschichte der Zivilisation in 
Rußland, ein Werk, das bisher noch von niemandem ge- 
schrieben wurde, ja das noch keiner zu schreiben in irgend- 
einer Sprache unternommen hat. Von der Fülle seines 
Inhalts geben die nachfolgenden Andeutungen sowie das am 
Ende befindliche Inhaltsverzeichnis Kenntnis. Stern schil- 
dert auf historischer Basis die Entwickelung der Kultur, 
Bildung und Sittlichkeit, führt uns zurück in die heid- 
nischen Zeiten und Sitten und geleitet uns dann stufen- 
weise durch die Fortschritte des Zarenreiches bis zu den 
Epochen, da Rußland christlich, da es endlich europäisch 
wurde. Dann aber entwickelt er vor unseren Augen das krasse 
Bild der Macht der Finsternis, die noch heute Rußland gefangen 



hält. Dies zeigt sich nicht nur im Volksaberg-lauben, sondern 
auch in den noch überaus zahlreich erhaltenen, unleugbar un- 
erschütterten heidnischen Gebräuchen und Vorstellung-en. Die 
weite Verbreitung solcher Heiden-Sitten durch das ganze russische 
Völkergemisch lernen wir kennen, da der Verfasser, wie in 
seinem Buche über die Türkei, immerfort historische und ethno- 
graphische Parallelen und Vergleiche heranzieht. 

Eingehend werden in einigen Kapiteln die Kirche und 
das Mönchtum und ihr Einfluß auf die Kultur und Sittlichkeit 
in Rußland behandelt, daran schließt sich eine Schilderung des 
Sekten Wesens, namentlich jener Sekten, welche unter religiösem 
Deckmantel erotische Ziele verfolgen; z. B. die Sekte der 
„Lichtauslöscher", der ,, Heilenden", der „Erzeuger 
von Gottesmüttern und Erlösern"; auch die Sekte der 
,,Skopzen" wird von neuen Gesichtspunkten betrachtet. Andere 
Kapitel behandeln die geradezu furchtbare russische 
Grausamkeit, das Weib, das intime Geschlechtsleben, 
sexuelle Entartungen, die Sittlichkeit des Hofes, des 
Adels und des Volkes, Hochzeitsbräuche, Ehebruch, 
Prostitution, Syphilis, die erotische Literatur usw. Mit 
alledem ist der Inhalt dieses groß angelegten und in ernster 
Arbeit durchgeführten Werkes nicht erschöpft. Der Ver- 
fasser konnte aus dem Vollen schöpfen, denn er begab sich 
bei dieser Arbeit wieder einmal zurück auf seinen heimat- 
lichen Boden und war daher in der Lage, das Werk vor- 
wiegendauf russischem, wenig oder gar nicht beachtetem, 
den Nichtrussen überhaupt schon aus Unkenntnis der russi- 
schen Sprache ganz unzugänglichem Quellenmaterial aufzubauen. 
Doch hat er auch alles verwendbare Material anderer, nicht- 
russischer Autoren gewissenhaft zu Rate gezogen und dies 
durch Fußnoten Seite um Seite kenntlich gemacht. Ein um- 
fangreiches Namen- und Sachregister wird dies hoch- 
interessante und bedeutende Werk, das für den P'orscher auf 
dem Gebiete der Kultur- und Sittengeschichte eine unerschöpf- 
liche Fundgrube bildet und für jeden gebildeten Laien eine 
ebenso fesselnde wie belehrende Lektüre sein wird, abschließen. 

Der Reichtum dieses epochemachenden Werkes, das eine 
einzige, furchtbare Anklage gegen Rußland bildet, kann 
durch die nachfolgenden Kapitelüberschriften nur an- 
gedeutet, nicht erschöpft werden! 

Vielfachen Wünschen entsprechend wurde auch bei diesem 
Werke die Bandzahl nur durch einen [^) resp. zwei (**) Sterne 
bezeichnet, es ist daher jeder Band ohne weiteres einzeln 
käuflich und trägt den Charakter eines in sich abgeschlossenen 
Buches. 



Der erste Band * umfaßt: 

I. Kultur und Aberglaube, i. Die russische Kultur. 2. Der 
Barbier als Erzieher. 3. Dekorative Bildung. 4. Aberglaube 
und Verbrechen. 5. Geister, Zauberer und Hexen. 6. Heiden- 
tum und Orthodoxie. II. Kirche, Klerus und Sekten. 
7. Religion und Popentum. 8. Unsitten im Mönch tum. 9. Hei- 
ligenkult und Mystizismus. 10. Sektenwesen. 11. Erotische 
Sekten und Flagellanten. 12. Selbstverstümmler und Skopzen. 
III. Russische Laster. 13. Ehrbegriff, Duell und Verbrechen. 
14. Lügensucht. 15. Diebstahl. 16. Korruption. 17. Trunk- 
sucht. 18. Bettelwesen. IV. Russische Vergnügungen. 
19. Jagd und Hazardspiele. 20. Kirchenfeste und Volksfeste. 
21. Hofnarren und Maskeraden. 22. Tanz und Bälle. 23. Musik 
und Theater. 24. Rauchen und Tabakbuden. 25. Bäder. 
V. Russische Leiden. 26. Schicksalsglaube und Selbstmord. 
27. Feuer, Hunger und Pestilenz. 28. Medizin und Aberglaube. 
29. Räuberwesen und Revolutionen. 



Der zweite Band ** umfaßt: 

VI. Russische Grausamkeit, 30. Grausamkeit der Herr- 
schenden. 31. Grausamkeit in der Verwaltung. 32. Todes- 
strafen und Gliederstrafen. 33. Prügelstrafe und Züchtigungs- 
instrumente. 34. Gefängnisse, Verbannung, Folter. 35. Sklaven- 
sinn und Leibeigenschaft. 36. Grausamkeit des Volkes. 
37. Grausamkeit im Familienleben. VII. Das Weib und die 
Ehe. 38. Geschichte der russischen Frau. 39. Stellung der 
Frau bei den nichtrussischen Völkern Rußlands. 40. Frauen- 
raub und Frauenmarkt. 41. Schönheitsideal, Schminke und 
Liebe. 42. Hochzeitsbräuche und -lieder der Russen, 43. der 
nichtrussischen Völker Rußlands. 44. Ehescheidung. 45. Ehe- 
bruch. 46. Uneheliche Kinder, krimineller Abortus und Kindes- 
mord. VIII. Geschlechtliche Moral. 47. Erziehung der 
Jugend. 48. Schamgefühl und Keuschheit. 49. Probenächte. 
50. Koitus und Religion. 51. Snochatschestwo. IX. Prosti- 
tution, Gleichgeschlechtliche Liebe, Syphilis. 52. Un- 
sittlichkeit des Hofes. 53. Öffentliche Prostitution. 54. Onanie, 
Päderastie, Sodomie. 55. Syphilis. X. Folkloristische Do- 
kumente. 56. Sittlichkeitsgesetze. 57. Das erotische und 
obszöne Element in Literatur und Illustration. 58. Lexikalisches 
Intermezzo. 59. Erotische und skatologische Lieder, Sprüche, 
Rätsel. 60. Erotische und obszöne Anekdoten und Erzählungen. 

Register. 



Im Verlage von Hermann Barsdorf in Berlin W. 30 erschien: 

GESCHICHTE der ÖFFENTLICHEN 

SITTLICHKEIT IN RUSSLAND. 

Von BERNHARD STERN. 

Verfasser von „MEDIZIN, ABERGLAUBE UND GESCHLECHTSLEBEN IN DER TÜRKEL 

2 Bände. Lexikon-Format. Über 1000 Seiten. Mit 50 
teils farbigen Illustrationen und dem Porträt des Autors, 

Elegant brosch. M. 15. — . In 2 Originalbänden M. 18. — . 
Dasselbe; Liebhaber- Ausgabe in Quart (2 Bände) 
broschiert M. 25. — . In Pergament -Bänden M. 40. — . 

Jeder Band der einfachen Ausgabe ist abgeschlossen und einzeln käuflich! 

INHALT UND EINZELPREISE: 

♦ KULTUR UND ABERGLAUBE — DIE RUSSISCHE KIRCHE, 

DER KLERUS UND DIE SEKTEN — RUSSISCHE LASTER — 

RUSSISCHE VERGNÜGUNGEN — RUSS. LEIDEN. 502 Seiten mit 

29 teils farbigen lUustr. Eleg. brosch. M. 7.—. Originalband M. 9. — . 

** RUSSISCHE GRAUSAMKEIT — WEIB UND EHE — GE- 
SCHLECHTLICHE MORAL — UNSITTLICHKEIT (Prostitution, 
Bordelle, Badewesen, Onanie, Päderastie, Sodomie, Syphilis usw.) — 
DIE DOKUMENTE DER UNSITTLICHK^ElT (Sittlichkeitsgesetze, 
Unsittlichkeit in Kunst und Literatur, Lexikalisches, geheime obszöne 
Lieder, erotische Erzählungen, Sprichwörter, Rätsel usw.). Register 
über beide Bände. Über 500 Seiten mit 22 in teressanten Illustrationen 
u. d. Porträt d. Autors. Eleg. brosch. M. 10.—. Originalband M. 12.—. 

Sterns Werk Ober die Geschichte drr Öffentlichen Sittlichkeit resp. Unsittlichkeit in Rufeland 
ist das erste, das irgrendeine Literatur auf diesem Gebiete aufzuweisen hat. Stern, der selbst 
Russe von Geburt ist, konnte eine Reihe wichtiger russischer Quellen benutzen, die bisher 
unbekannt waren. Er schildert in lebendi|ren Farben und mit dem schonungslosen Eifer des 
Wahrheitssuchers. Sein Buch ist in hohem Grade aktuell! Man verlange ausführlichen Prospekt ! 

DER MARQUIS DE SADE UND SEINE ZEIT, 

Ein Beitrag zur Kultur- und Sittengeschichte des 18. Jahrhunderts mit 
besonderer Beziehung auf die Lehre von der Psychopathia sexualis. 

Von Dr. EUGEN DÜHREN. 

4. Aufl. 544 Seiten. 1906. Eleg. brosch. M. 10.—, geb. M. 11.50 

Dasselbe: Liebhaber-Ausgabe in Quart (1901) M. 20. — . 

Dühfens Werk über den berüchtigten Verfasser der Justine und Juliette ist das gnmdlegende und umfas- 
sendste Werk, das in irgend einer Sprache existiert. Indem der Verfasser stets die Zeit und die Menschen, 
die Sitten und Gebräuche des 18. Jahrhunderts zur Erklärung des Lebens und der Werke des Marquis de 
Sade schildert, wird sein Buch ein kultur- und sittengeschichtliches Dolniment allerersten Ranges, an dem 
kein Gebildeter achtlos vorübergehen kann, der sich für die Lehre der Psychopathia sexualis interessiert. 



Im Verlage von Hermann Barsdorf in Berlin W. 30 erschien: 

MEDIZIN, ABERGLAUBE UND GE- 
SCHLECHTSLEBEN IN DER TÜRKEI. 

Mit Berücksichtigung der moslemischen Nach- 
barländer und ehemaligen Vasallenstaaten, nnn 

Von BERNHARD STERN. 

2 Bände. Lexikonformat. 854 Seiten, ä Band Mk. 10. — . 
In Leinw. geb. ä Mk. 12. — . In 1 eleg. Halbf ranzbd. Mk. 24.—. 

Jeder Band ist abgeschlossen und einzeln käuflich! 

Dasselbe: Liebhaberausgabe in Quart, nur in 20 numerierten 
Exemplaren gedruckt^ M. 30. — . — Nur komplet lieferbar 1 

INHALT: 

Kapitell— 24: MEDIZIN UND ABERGLAUBE (Orientalische Kurpfuscher, Spezialisten für 
Augenleiden, Wahnsinn, Chirurgen, Barbiere, Heilmittel, Totenbräuche, Krankheitszauber, 
Amulette, Knoblauch, Mandragora, Beschwörungen, Poltergeister, Vampyre, Mystische Krank- 
heitsursachen, Das Jahr und seine Tage, Vorbedeutung, Zahlenaberglaube, Die Tierwelt in der 
Krankheitsmystik usw.). — Kapitel 25 — 57: GESCHLECHTSLEBEN (Liebe und Liebeszauber, 
Ehe im Islam, Frauen Mohammeds, Pflichten und Rechte der moslem. Eheleute, Ehescheidung, 
Ehebruch, Hochzeitsgebräuche, Beschaffenheit der Braut und des Bräutigams, Sexuelles Lexikon, 
Menstruation, Schamgefühl und Keuschheit, Lasterhaftigkeit, Prostitution, Das Vorgehen beider 
Geschlechtsfunktion, deren Arten, Päderastie und Sodomie, Eunuchen und Perversitäten, Onanie 
und künstliche Instrumente, Geschlechtskrankheiten, Impotenz, Fruchtbarkeit u. Unfruchtbarkeit, 
Abortus, Hebeammen, Gebräuche i. d. Schwangerschaft, Die Niederkunft, Die Wöchnerin, Mutter- 
milch u. Ammen, Das Kind, Knaben u. Mädchen, Mißgeburten und Namensgebung, Beschneidung). 

Sterns Werk über den Orient ist von der gesamten Presse als das grundlegende, 
erschöpfendste anerkannt. Es birgt für den Kultur- und Sittenforscher, wie 
für den gebildeten Laien eine unerschöpfliche Fundgrube! oooooo 

GESCHICHTE der ÖFFENTLICHEN 
SITTLICHKEIT IN DEUTSCHLAND.. 

Von Dr. WILHELM RUDECK. 

2. vermehrte und verbesserte Auflage. 

514 Seiten mit 58 hochinteressanten Illustrationen. Broschiert M. 10.—. 
Leinwandband M. 11.50. Halbfranzband M. 12. — . 

INHALT: DIE öffentliche Sittlichkeit im gewöhnlichen verkehr (Bade- 
wesen, Prostitution, Kleidung, Vergnügungen und Spiele, Stammbücher, Erziehung der Jugend, 
Sprichwörter. Volkslieder). DIE ÖFFENTLICHE SITTLICHKEIT BEI FESTEN (die grüßen 
Feste des Jahres, die Hochzeit). DIE ÖFFENTLICHE SITTLICHKEIT IM RECHT, IN DER 
KIRCHE, IN KUNST UND LITERATUR (Theater, Flugschriften, Literatur usw.). O o O O 

Rudecks interessantes Werk, das erste, welches eine zusammenhängende Darstellung der 
Geschichte der öffentlichen Sittlichkeit in Deutschland brachte, fand gleich in der ersten Auflage 
großen Beifa ll und hat sich jetzt in seiner erweiterten Gestalt in der Gunst all derer befestigt, die 
sich für Kultur- und Sittengeschichte interessieren. Es ist ein aufklärendes Werk, doppelt nützlich 
in einer Zeit, die denunzierende Sittlichkeitsvereine und Sittlichkeitskonferenzen züchtetu. zeitigt. 

SPAMERSCHE BUCHDRUCKEREI IN LEIPZIG 



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